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Kristin Derfler und Annette Hess zum Gender Gap bei Serien: "Es geht uns nicht um Männer-Bashing"

Der Anteil von Schöpferinnen, Creatorinnen, Head Autorinnen und Showrunnerinnen im deutschen Seriengeschäft beläuft sich auf unter 20 Prozent. Dies förderte eine von Kristin Derfler und Annette Hess privat in Auftrag gegebene Studie zutage. Blickpunkt:Film sprach mit den beiden Mitbegründerinnen von "Kontrakt 18" über ihre Initiative, ihre Forderungen, die aktuelle Situation am Markt, und etwaige Lösungen.

16.05.2022 12:32 • von Frank Heine
Kristin Derfler und Annette Hess sind die Köpfe der "Pussiwritas" (Bild: Tiana Lenz)

Der Anteil von Creatorinnen, Head Autorinnen und Showrunnerinnen im deutschen Seriengeschäft beläuft sich auf unter 20 Prozent. Dies förderte eine von Kristin Derfler und Annette Hess bei privat in Auftrag gegebene Studie zutage. Blickpunkt:Film sprach mit den beiden Mitbegründerinnen von "Kontrakt 18" über ihre Initiative, ihre Forderungen, die aktuelle Situation am Markt und etwaige Lösungen.

Wenn man über die Film- und Fernsehbranche berichtet, hat man seit geraumer Zeit den Eindruck, dass Sender, Streamer und Produktionsfirmen sich Diversität in allen Bereichen, vor und hinter der Kamera, auf die Fahnen geschrieben haben und dies auch Gendergerechtigkeit beinhaltet. Aus Autorinnensicht scheint sich dies nicht zu bewahrheiten?

ANNETTE HESS: Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem hundert Jahre anhaltenden Kampf der Frauen um Gleichberechtigung und der Genderdebatte, denn die betrifft in Wahrheit nicht die Frauen. Es wird inzwischen dankenswerter Weise darauf geachtet, dass bei den Casts diverse Nationalitäten und Menschen mit Handicap vertreten sind, aber der entscheidende erste Schritt, die Gleichberechtigung von Frau und Mann, kommt kaum noch vor. Weil die Diversitätsdebatte so dominant geworden ist, ist Emanzipation kein Thema mehr. Am allerwenigsten in der Autorenschaft.

KRISTIN DERFLER: Nur um nicht missverstanden zu werden: Wir sind klare Verfechterinnen eines diversen Casts, es ist höchste Zeit und längst überfällig, dass sich hier etwas Entscheidendes ändert, grundsätzlich benötigt die Branche mehr Diversität vor und hinter der Kamera, erst recht bei den Head of Departments. Insofern ist es doch mehr als verwunderlich, dass unsere bunte Welt weiterhin von männlichen Kollegen erzählt wird und der Serienboom in den letzten Jahren gerade mal 17 Prozent Creatorinnen hervorgebracht hat, wie es Belinde Ruth Stieve in ihrer Studie eindrucksvoll dokumentiert.

Ist das nicht besonders verwunderlich unter dem Aspekt, dass gerade bei den Sendern auf Redaktions- und Redaktionleitungs-Ebene das Geschlechterverhältnis viel ausgewogener ist, also auch viele Frauen offenbar eher Männer als Frauen beauftragen?

ANNETTE HESS: Wir haben das Patriarchat, und Frauen halten das genauso am Laufen wie Männer. Das ist die einfache Antwort. Dass bei den Creator:innen der Anteil der Frauen dermaßen gering ausfällt, hat auch damit zu tun, dass die Frauen nicht durchdringen. Vermutlich kommt auch zu wenig von Frauen, weil sie von dieser Wand an Anzügen, wie wir es bei Serienpremieren immer wieder erlebt haben, abgeschreckt werden. Solche Erfahrungen waren ja der Auslöser dafür, dass wir die Studie in Auftrag gegeben haben. 40 Leute auf der Bühne, davon zwei Frauen, natürlich vom Cast. Wie so ein Sahnehäubchen. Das spiegelt ganz oft auch das Verhältnis in Erzählungen wieder, das sind Männerstories, in denen man dann noch eine "starke Frauenfigur" braucht. Wenn ich das schon höre.

Stimmt, "starke Männerfigur" hört man eigentlich nie.

ANNETTE HESS: Eben. Das impliziert ja, dass eine Frau ohne dieses Attribut nicht stark ist.

KRISTIN DERFLER: "Eine starke Frau" als Figurenbeschreibung ist auch so ein Klischee aus der Mottenkiste. Was soll das eigentlich heißen? Dass sie durchsetzungsstark und unabhängig sein soll und diese soft skills eine extra Erwähnung finden müssen? Zum Thema "Durchdringen": 2018 habe ich für Warner Brothers Köln ein Konzept für eine sechsteilige Drama/Thriller Serie entwickelt, das haben wir dann u.a. auch einem öffentlich-rechtlichen Sender angeboten. Dort lag es neun Monate, ungelesen. Wir haben es dann wieder zurückgezogen, weil es einfach keinen Sinn mehr machte. Die Serie haben drei Jahre später RTL+ und Warner Media mit Auswertung bei HBO MAX in Kooperation gemacht. Und nun meldete sich kürzlich der gleiche öffentlich-rechtliche Sender und meinte, es wäre doch schön gewesen, wenn wir die Serie auch ihnen angeboten hätten. Da fragt man sich schon, wie da die Entscheidungswege gelaufen sind und wer, was, wann eigentlich auf den Tisch bekommt. Aus heutiger Sicht bin ich heilfroh, als Creatorin von "Two Sides of the Abyss" bei solch wunderbaren Team Partner:innen wie Bernd von Fehrn, Verena Monssen, Anke Greifeneder, Hauke Bartel und Nico Grein gelandet zu sein, die ihren Kreativen tatsächlich vertrauen, wenn sie sich mal zu einem Projekt committen und alles dafür tun, dass ich mich selbst zu Höchstleistungen antreibe. Zumindest hab ich das so empfunden und das war eine wegweisende, extrem positive Erfahrung, die ich nicht mehr missen möchte. Die alten patriarchalischen Netzwerke haben einerseits ausgedient - keiner will die mehr -, wirken aber fatalerweise weiter. Nur so lässt sich die aktuelle Situation erklären, dass Frauen bei der Auftragsvergabe so wenig zum Zuge kommen.

Es kann nur daran liegen. Der Menschenverstand sagt einem, dass es ja wohl niemanden in den Redaktionen geben wird, der nicht nach Qualität, sondern nach Geschlecht entscheidet.

KRISTIN DERFLER: Ich will gar nicht unterstellen, dass das alles bewusste Entscheidungen sind und die meisten werden jegliche Art von Geschlechter-Unwucht weit von sich weisen. Aber unsere Zahlen und Fakten belegen ja, dass es zu einer ungleichen Verteilung kommt und machtvolle Alpha-Frauen stehen ihren machtvollen Alpha-Männern bei der Beurteilung von Stoffvorschlägen in nichts nach. Als ich vor ein paar Jahren der damals verantwortlichen "Polizeiruf 110"-Redakteurin einen Stoffvorschlag gemacht habe, bekam ich als Antwort: Sie arbeite grundsätzlich nicht mit Autorinnen, denn Frauen hätten nicht die Mörderin in sich. Das Vorurteil, Frauen seien nicht in der Lage, radikal zu schreiben, gibt es leider.

Lassen Sie uns noch etwas detaillierter auf die Studie blicken: Gibt es Unterschiede zwischen Sendern und Streamern, zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Auftraggebern?

ANNETTE HESS: Überhaupt nicht. Bei Sky habe ich in den vergangenen fünf Jahren kein einziges Projekt durchbekommen, weil dort argumentiert wird, dass die Abos von Männern bezahlt werden, die Fußball sehen wollen. Wenn das die Klientel ist, kann ich das ein Stückweit sogar verstehen. Die Öffentlich-Rechtlichen sind im Bewusstsein etwas weiter, aber dort sind die Verantwortlichen jetzt so sehr mit der bereits erwähnten Diversität beschäftigt, dass die Geschlechterparität aus dem Blick gerückt ist. Es gibt aber auch positive Beispiele: ZDF-Fiction-Redaktionsleiterin Heike Hempel und ihre Redaktionsmitarbeiter:innen Beate Bramstedt und Bastian Wagner, mit denen ich bei meiner "Ku'damm"-Reihe zusammenarbeite. Hier ist altmodische Gleichberechtigung ebenso wichtig wie heutige Diversität.

Ist es, je größer und teurer die Serie ist, um so wahrscheinlicher, dass Männer zum Zug kommen?

KRISTIN DERFLER: Das kann ich bestätigen. Egal in welchem Bereich, das geht bis zum Szenenbild. Je höher das Budget, umso schwieriger wird es für die Frauen. Dabei ist es so wichtig, dass die weibliche Erzählperspektive eben auch von Creatorinnen und Autorinnen abgebildet wird, egal in welchem Genre. Es geht dabei nicht darum, dass Frauen die besseren Frauenrollen schreiben und Männer die besseren Männerrollen. Erstmal geht es darum, wie wird überhaupt erzählt. Und erst, wenn wir hier annähernd einen Art Ausgewogenheit erreicht haben, wenn tatsächlich 30 oder gar 40 Prozent aller zukünftigen Serienbeauftragungen auch an Creatorinnen gegangen sind, können wir in ein paar Jahren eine Evaluierung machen und dann natürlich auch die inhaltliche Debatte führen.

ANNETTE HESS: Über Inhaltliches wird man sich trefflich streiten können. Aber über den Gender Gap kann man nicht streiten. Dass zum Beispiel nur sehr wenige Autorinnen beim "Tatort" zum Zug kommen, bedeutet, dass sie vom am höchsten dotierten Format im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgeschlossen sind. Doch die ungleiche Bezahlung ist auch bei gleichem Format Usus, wie inoffizielle Abfragen bei Kollegen ergeben. Bei gleicher Expertise bekommen Männer durchschnittlich ein Drittel mehr Honorar. Das ist ja auch bei den Schauspieler:innen so und dankenswerterweise wagen es einige Schauspielerinnen, offen darüber zu sprechen. Männer - mit gleicher Prominenz - bekommen grundsätzlich mehr Geld für dieselbe Leistung. Die Arbeit von Frauen wird nach wie vor als weniger wert erachtet, das sieht man bei den Paychecks, das sieht man an den Budgets und das ist skandalös.

Das ist in der Tat ein Skandal. Ich hätte nach all den Debatten der Vergangenheit nicht für möglich gehalten, dass es im Mai 2022 in Film und Fernsehen noch unterschiedliche Bezahlungen für Mann und Frau gibt.

ANNETTE HESS: Aber so ist es. Erschreckend ist, dass alle an dieser Maschinerie beteiligt sind. Gerade auch Agent:innen. Das sind ja oft Frauen, und die machen stillschweigend einen Haken an die Verträge.

Welche Erklärungen haben Sie für diesen Misstand, wie konnte es überhaupt zu diesem Gender Gap im Autor:innen-Bereich kommen?

KRISTIN DERFLER: Das muss sich die Branche selbst fragen. Es geht uns hier auch nicht um allgemeines Männer-Bashing, viele unserer Kollegen sind hervorragende Autoren, die wir ausgesprochen wertschätzen. Aber wenn wir von Diversität reden, muss jedem Menschen klar sein, dass die Welt nun mal zu 50 Prozent aus Frauen besteht. Dieses Verhältnis bildet sich in der Auftragsvergabe bei weitem nicht ab. ProQuote Regie ist vor ein paar Jahren auf den Plan getreten, um hier ein radikales Umdenken einzufordern. Das hat einiges bewirkt, am geringen Anteil der Autorinnen, die Drehbücher für die Krimireihe entwickeln und schreiben, hat sich aufgrund der steigenden Anzahl an Regisseurinnen aber nichts geändert, im Gegenteil: Fast wirkt es so, als würde die weibliche Regiequote als Feigenblatt benutzt, um die Buchaufträge für den "Tatort" nach wie vor an die männlichen Kollegen vergeben zu können. Belinde Ruth Stieve hat für das renommierte Reihenformat ebenfalls eine Studie erstellt und die Zahlen fallen ähnlich ernüchternd aus wie bei der Serie.

Inwieweit sind auch Produktionsfirmen in der Pflicht, damit sich die Situation verbessert?

KRISTIN DERFLER: Die sind auch in der Pflicht. Aber mein persönlicher Eindruck ist, dass es gar nicht so sehr an den Produzent:innen liegt. Im Gegenteil, da gibt es eine große Selbstverständlichkeit, auch mit Creatorinnen und Autorinnen zusammenzuarbeiten. Die Schwierigkeit besteht darin, die entwickelten Konzepte dann auch zu verkaufen, an den Markt zu bringen. Da stehen wir dann vor einer doppelten Tür, und es ist wahnsinnig schwierig, da durch zu kommen.

ANNETTE HESS: Aber auch in den Produktionsfirmen sind die Entscheider meistens Männer. Ich bin mit meiner aktuellen Serie Deutsches Haus" ganz bewusst zu Sabine de Mardt von Gaumont gegangen, natürlich weil sie eine tolle Produzentin ist, aber auch weil sie eine Frau ist. Inzwischen gehe ich mit meiner neuen Vision zu einer Frau, vor fünf Jahren habe ich das auch noch nicht bewusst so gemacht. Aber ich muss dieses System mit meinen Entscheidungen auch von innen aufbrechen.

Wo muss man ansetzen, um aus diesem Dilemma herauszukommen? Was erwarten, was verlangen Sie?

KRISTIN DERFLER: Es muss zu klaren Vereinbarungen kommen und alle sind aufgefordert, sich zu beteiligen und Schlüsse aus der vorliegenden Studie zu ziehen, so kann es einfach nicht weitergehen. Kirsten Niehuus hat kürzlich stolz verkündet, dass beim Medienboard die Förderungen für Kinostoffe zu 50 Prozent an Frauen gegangen seien. Was längst normal sein sollte, war da die große Meldung wert. Doch für die Entscheider:innen muss es selbstverständlich werden, dass 50 Prozent der Fördermittel an Frauen vergeben werden. Das muss in die Köpfe rein. Deshalb haben wir privat diese Studie finanziert, wir wollten nicht weiter über irgendwelche Mutmaßungen sprechen, sondern Fakten und Zahlen auf den Tisch legen.

ANNETTE HESS: Erst einmal ist die Studie ein Augenöffner, die Abbildung der Misere schwarz auf weiß oder in diesem Fall rosa auf blau. Aber wir sind ja keine Informationsanstalt, sondern müssen Konzepte entwickeln, wie wir eine Veränderung herbeiführen können. Bei Kontrakt 18 haben wir den Strukturwandel in der Branche auch nicht damit erreicht, dass wir zum tausendsten Mal bekannte Sachverhalte wiederholt haben, sondern mit einer klaren Ansage: wir akzeptieren keine Verträge mehr, in denen die wesentlichen Punkte der Wertschätzung von Autor:innen nicht enthalten sind. Wir müssen aus den Zahlen Konsequenzen ziehen.

Wie sähen die aus?

ANNETTE HESS: Zum einen fordern wir eine durchgehende 50:50 Quote für alle Bereiche der Autorenschaft. Vom Creator bis zum Staffwriter. Zuallererst von den Fördereinrichtungen. Alles was staatlich ist, ist da in der Verantwortung, wenn nicht sogar in der Pflicht. Wir lassen das auch unter juristischen Gesichtspunkten prüfen. Zum zweiten werden wir eine Einrichtung gründen, ein Institut, das aus einem losen Zusammenschluss von Autorinnen, den Pussiwritas, hervorgehen wird. Diese Gruppe von ungefähr 100 Kolleginnen hat sich vor knapp drei Jahren gebildet - inspiriert von der feministischen Punk-Band Pussy Riot.

KRISTIN DERFLER: Im Institut wollen wir informieren, debattieren, netzwerken, Stipendien vergeben. Das Institut ist offen für jede und jeden. Wir sind keine Drehbuchschule, das machen schon andere. Wir wollen vor allem jüngere Frauen darin unterstützen, mehr Selbstbewusstsein für ihre Visionen und Durchhaltevermögen für deren Umsetzung zu entwickeln.

ANNETTE HESS: Man muss zum einen das Bewusstsein der Auftraggeber:innen schärfen. Zum anderen, und das ist der wichtigere Punkt: man muss Vorbild sein für junge Autorinnen und muss ihnen Tools an die Hand geben, um sich auf dem Markt durchzusetzen. Es ist ganz wichtig, ihnen mit auf den Weg zu geben, dass sie auch Macherinnen sind, Visionärinnen. Ich erlebe oft großartige Autorinnen, die ihrer eigenen Erzählkraft nicht vertrauen.

KRISTIN DERFLER: Frauen fehlt oft das Selbstverständnis, sich auch mal auf dem schnellen, kurzen Dienstweg mit den jeweiligen Auftraggeber:innen auszutauschen, also freundlich anzufragen, ob kurzfristig ein Update-Gespräch möglich wäre. Wenn man als Frau eine klare Haltung hat und diese engagiert vertritt, wirkt das auf viele immer noch abschreckend. Die alte Geschichte: Frauen mit Visionen gelten als "schwierig", Männer mit denselben Attributen als "genial".

Sie haben die Studie selbst finanziert. Hätte man das nicht auch vom Verband erwarten dürfen?

KRISTIN DERFLER: Vom Verband oder noch eher von der Förderung. Denn dort werden ja öffentliche Gelder ausgegeben, daher wären die Förderungen in der Pflicht. Jetzt haben wir es eben selbst in die Hand genommen.

Das Interview führte Frank Heine

Die von Beline Ruth Stieve erstellte Studie finden Sie unter diesem Link.