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REVIEW STREAMING: "Tokyo Vice" von Michael Mann

Am Sonntag startet bei Starzplay ein echtes Highlight: die Miniserie "Tokyo Vice" mit Ansel Elgort, Pilotfilm von Michael Mann. Warum es sich um Must-See-TV handelt, erfahren Sie in unserer Besprechung.

13.05.2022 14:36 • von Thomas Schultze
In "Tokyo Vice" erlebt man Japan durch die Augen von Ansel Elgort (Bild: HBO Max)

Am Sonntag startet bei Starzplay ein echtes Highlight: die Miniserie "Tokyo Vice" mit Ansel Elgort, Pilotfilm von Michael Mann. Warum es sich um Must-See-TV handelt, erfahren Sie in unserer Besprechung.

Die allererste Szene hat gerade erst begonnen, und man weiß sofort, was man mit viele Jahre vermisst hat: das kluge, nüchterne, immersive Auge von Michael Mann, einstmals, in seiner besten Phase, als er Meisterwerke von "Der letzte Mohikaner" über "Heat", "Insider", Ali" und Collateral" bin hin zu der Filmfassung seiner legendären Serie Miami Vice" scheinbar mühelos aus dem Ärmel schüttelte und in seiner Bildsprache immer knapper und seiner Erzählung immer ökonomischer wurde. Hier ist es wieder, dieses unverkennbare Michael-Mann-Feeling. Man weiß nichts, man wird über nichts informiert. Nur zwei Männer, ein Amerikaner und ein Japaner, Ansel Elgort und Ken Watanabe, die zu einem Treff in ein Restaurant gehen, beide sichtbar angespannt. Man sieht gleich, warum das so ist. In einem Hinterzimmer treffen sie hochrangige Yakuza. Elgort führt das Gespräch, Watanabe bleibt im Hintergrund. Der Anführer hebt den Arm, man sieht seine teure Rolex am dünnen Handgelenk, registriert, wie sie nach unten rutscht, wie das Armband am Tisch schabt, wie er sein Dupont-Feuerzeug aufschnappen lässt. Nichts entgeht dem Blick von Michael Mann, Riten unter Männern, nichts passiert und trotzdem Spannung pur.

Die ganze Pilotfolge von "Tokyo Vice" ist eine Masterclass, zeigt einen Meister bei der Arbeit, ganz lässig, ganz entspannt und doch immer auf den Punkt, wenn er nach dem Intro zu einer großen Rückblende ausholt, ein paar Jahre zurückdreht, dem jungen Amerikaner Jake Adelstein aus Missouri dabei zusieht, wie er sich seinen großen Traum erfüllen will, dem er alles andere zuordnet: Er will der erste nicht-japanische festangestellte Redakteur bei der Yomiuri Shimbun werden, der größten Tageszeitung in Tokio, die Zeitung, mit der höchsten Auflage der Welt: zwölf Millionen Exemplare. Dass es ihm gelungen, weiß man schon deshalb, weil die Serie lose auf Adelsteins gleichnamigen Memoiren aus dem Jahr 2009 basiert, in denen er den täglichen Rassismus, dem er sich als "Gaijin" täglich ausgesetzt sieht in der größten Metropole Japans, ebenso thematisiert wie die eine große Story, mit der er sich schließlich einen Namen machen konnte: ein unerbittlicher Gangkrieg rivalisierender Yakuza-Banden, die um Einfluss in Tokio ringen. Das sind auch die Themen der Miniserie, die für HBO Max entstand und in Deutschland bei Sky zu sehen sein wird. Sie ist elektrisierend, aufregend, explosiv.

Die lange Laufzeit mit etwa acht Stunden schafft die Gelegenheit zu einem Deep-Dive, eher wie The Wire" als die naheliegende Referenz Black Rain", eine umfassende Studie, die tief unter die Oberfläche geht und Mechaniken und Dynamiken beleuchtet bei organisiertem Verbrechen, Polizei und Journalismus, immer auf der Suche nach dem Geist in der Maschine, aber auch ein faszinierendes Programm zweier Fremder in einem fremden Land: Adelstein auf der einen, die amerikanische Animierdame Samantha auf der anderen Seite, gespielt von der wunderbaren Entdeckung Rachel Keller, beide Seelen auf der Flucht, beide glücklich über das Leben in einem Land, in dem die Menschen immer Masken tragen, ihr Ich immer hinter sorgsam aufrecht gehaltenen Fassade verbergen. Und spannend eben auch, weil den roten Faden ein Kriminalfall bildet, dessen gesamtes Ausmaß sich erst langsam entfaltet in dieser für Ausländer so eigenartigen, aber in sich absolut schlüssigen Welt, die man sich mit jeder Episode ein Stückweit mehr erobert. Das Kronjuwel ist der Pilotfilm, aber auch der Rest, inszeniert dann in erster Linie von Josef Kubota Wladyka, hält das hohe Niveau, was wohl Showrunner J.T. Rogers zu verdanken, dessen letztjähriges Movie "Oslo" niemals hätte erahnen lassen, dass eine derart epische Miniserie in ihm stecken würde: Endlich ist Must-See-TV im Jahr 2022 angekommen.

Thomas Schultze