Produktion

Sharon von Wietersheim: "Mainstream-Unterhaltung wird unterschätzt"

Regisseurin, Autorin und Produzentin Sharon von Wietersheim sprach mit uns zum Start von "Immenhof - Das große Versprechen" am 26. Mai u.a. über Grünes Drehen und Filme mit Botschaft.

25.05.2022 14:42 • von Heike Angermaier
Sharon von Wietersheim legt ihren zweiten "Immenhof"-Film vor (Bild: Leonine)

Regisseurin, Autorin und Produzentin Sharon von Wietersheim sprach mit uns über Grünes Drehen bei Immenhof - Das große Versprechen" und Filme mit Botschaft. Die Fortsetzung von Immenhof - Das Abenteuer eines Sommers" startet am 26. Mai in den Kinos.

Wie grün ist "Immenhof" gedreht? Was ist anders beim Green Shooting und wie hat sich das in der Praxis am Set ausgewirkt?

SHARON VON WIETERSHEIM: Vor den Dreharbeiten zum zweiten "Immenhof"-Film haben wir uns sehr intensiv mit der Thematik beschäftigt. Wenn man gut plant, dann merkt man den Unterschied zwischen herkömmlichem Drehen und Green Shooting kaum. Es werden die LED-Scheinwerfer anstatt der HMI Leuchten geladen. Der Strom wird so viel wie möglich vor Ort entnommen anstatt über den Diesel Generator. Man achtet mehr auf Kleinigkeiten, Licht aus, keine Plastikbecher etc. Und man verwendet Dinge wie Kleider und Ausstattungsgegenstände vom ersten Teil und ändert sie liebevoll um. Eine Bordüre da, eine Quaste dort und schon sieht das Outfit anders aus. Das macht nicht nur großen Spaß, sondern generiert bei den Zuschauern auch einen Wiedererkennungswert. Es ist eigentlich mehr ein Umdenken, um nicht in den gewohnten Trott zu verfallen.

Haben Sie Zahlen, inwieweit wurde der CO2 Ausstoß reduziert?

SHARON VON WIETERSHEIM: Stolz bin ich vor allem auf unser vegan/vegetarisches Catering. Das gesamte Team war begeistert von der leckeren, gesunden und ressourcenschonenden Verpflegung. Somit konnten wir über eine Tonne Fleisch einsparen, was mehr als 16 Millionen Liter Wasser und 14.000 Kilo CO2 bedeutet. Das Team war durch die Ernährung auch fitter, es gab kaum Ermüdungserscheinungen.

Was gilt es beim Grünen Drehen mit Tieren bzw. hier vor allem Pferden besonders zu beachten?

SHARON VON WIETERSHEIM: Die Arbeit mit Tieren führt einem den Green Shooting Gedanken tagtäglich vor Augen. Wir müssen wegkommen von den falschen Zielen höher, weiter, schneller. Uns hinwenden zu den inneren Werten. Vieles um uns herum brauchen wir gar nicht. Es ist nur Maskerade. Tiere erden uns dabei genauso wie die Natur. Einen Pferdefilm kann man eigentlich nur mit Umwelt- und Tierschutzgedanken drehen. Da Pferde Fluchttiere sind, muss es am Set ruhig und entspannt zugehen. Dies sorgt für eine besondere Aura. Ein gewisser Zauber, eine einzigartige Spiritualität, die sich wiederum auf die Menschen überträgt. Es ist eine Win-Win-Situation.

Vor vier Jahren drehten Sie "Immenhof - Das Abenteuer eines Sommers". Stand da auch schon der Umweltgedanke dahinter?

SHARON VON WIETERSHEIM: Ja, auch beim ersten "Immenhof"-Film war bereits der Green Shooting Gedanke implementiert. Da wir damals aber noch nicht wussten, was und wie wir das am besten umsetzten können, haben wir uns intensiv mit dem Thema befasst und konnten dieses Wissen nun beim zweiten Teil nutzen.

Auch zur Fortsetzung haben Sie das Drehbuch geschrieben. Macht es schon beim Schreiben einen Unterschied, grün zu denken und zu planen?

SHARON VON WIETERSHEIM: In der letzten Zeit begleitet mich dieser Gedanke immer mehr. Ich schreibe mehr "grüne" Szenen, um auf die Schönheit der Natur hinzuweisen. Die Natur und die Tiere sind ein Geschenk. Etwas, was wir zum Leben brauchen. Daher sollten wir verantwortungsvoll und liebevoll mit ihnen und der Natur umgehen. Wir sind Teil von ihr. Gibt es die Natur nicht mehr, gibt es uns nicht mehr. Ich überlege also ganz genau, mache ich eine neue Location auf oder kann ich die Szene eventuell an einem bereits vorhandenen Motiv erzählen und spare somit einen Motivumzug und den damit verbundenen logistischen Aufwand. Richtig kommt Green Shooting jedoch erst im Rahmen der Produktion eines Filmes zum Tragen und macht einen noch eine Spur kreativer. Green Shooting beinhaltet die wundervolle Aufgabe, einen ressourcenschonenden Umgang mit Mensch, Tier und Natur zu fördern.

Gedreht wurde, außer in Deutschland, auch in Belgien, und es gab außerdem ein Set in Spanien?

SHARON VON WIETERSHEIM: Der belgische Tax Shelter und Screen Flandern sind schon seit dem ersten Immenhof-Film wichtige Bestandteile unserer Finanzierung. Neben Crew Mitgliedern aus Belgien haben wir auch zwei Tage am Strand in Belgien gedreht. Die Belgier bringen zudem einen wunderbaren Spirit ein. Ich liebe die Belgier, es macht so einen Spaß, mit ihnen zu arbeiten. Sie feiern hart, arbeiten aber auch hart. Nach Spanien mussten wir ausweichen, da wir in Deutschland keine Drehgenehmigung auf einer Klippe am Meer erhalten haben, die die Geschichte zwingend erfordert. Vor allem aus Gründen des Vogelschutzes, da Vögel dort bevorzugt brüten, ist es nahezu unmöglich hierzulande, das akzeptieren wir natürlich total. In Spanien haben wir uns aufs Nötigste beschränkt, mit einem Pferde-Double gedreht, wenige mehr als die Hauptdarstellerin, Maske und Kameramann reisten mit. Das Postershooting haben wir dort gleich wegen des guten Wetters miterledigt.

Der erste Teil der Neuinterpretation war mit über 500.000 Zuschauer:innen in der Top 10. Wie schwierig war es, die Fortsetzung auf den Weg zu bringen?

SHARON VON WIETERSHEIM: Einen Film zu finanzieren ist nie einfach. Auch eine Fortsetzung nicht. Durch den Erfolg des ersten Teils haben wir aber bewiesen, dass das Immenhof-Franchise am Markt funktioniert. Gefreut haben wir uns sehr darüber, dass wir diesmal neben dem FilmFernsehFonds Bayern und der Mitteldeutschen Medienförderung auch die Filmförderungsanstalt von der Qualität des Franchises überzeugen konnten, die uns dann unterstützt haben. Überhaupt möchte ich den Entscheidungsträgern aller Bundes- und Regionalförderungen einmal meinen ganz herzlichen Dank aussprechen. Wie schnell sie in der Pandemie reagiert und uns Produzenten mit Sofortmaßnahmen unterstützt haben, war grandios. Allein bei unserem Film hatten wir Mehrkosten von über 150.000 Euro, die wir so decken konnten.

Sie setzen wieder auf das bewährte Team um Leia Holtwick und Ella Päffgen als Schwestern, Heiner Lauterbach als Pferdehofbesitzer Mallickroth, und haben Caro Cult und Max Befort zur Unterstützung an Bord geholt. Wie hat sich das Team drei Jahre später zusammengefunden?

SHARON VON WIETERSHEIM: Es war wundervoll. Da sich nicht nur die Darsteller wiedergetroffen haben, sondern auch der Großteil der Crew vom ersten Teil, machten wir einfach da weiter, wo wir davor aufgehört hatten. Es war ein freudiges Wiedersehen und wir haben zusammen einen wunderschönen Sommer verbracht. Da man wusste, worauf der Fokus lag, herrschte an vielen Stellen ein nonverbales Verständnis. Besonders gefreut hat mich, dass wir im Jahr 2020 zur drittbesten Produktionsfirma beim Fair Film Award gewählt wurden. Max Befort und Caro Cult dazu zu holen, ist ein großer Gewinn für den Film. Caro schillert, ist extrem cool und überzeugend und bringt Witz, Leichtigkeit und Humor in die Geschichte. Max baut Spannung auf, ob und für wen Lou sich letztendlich entscheidet.

Inwieweit stand der Immenhof-Klassiker aus den 50er Jahren Pate? Wie gehen Sie die Modernisierung an und treffen einen Ton, der heute stimmig ist?

SHARON VON WIETERSHEIM: Als Teenager habe ich zwischen Weihnachten und Neujahr, wenn man unbegrenzt Fernsehen durfte, immer drei Filme gesehen: Sissi, Dornenvögel und Immenhof. Das war Pflicht, war wahnsinnig positiv und hat mir Kraft gegeben. Wir, Produzent Frank Meiling und ich, wollten schon früh die Rechte an Immenhof optionieren und haben lange gesucht, wo sie liegen. An Immenhof mochte ich immer dieses Gefühl von Zuhause. Heimat ist da, wo deine Seele ist. Das habe ich übernommen. Im ersten Teil haben die drei Mädchen, Geschwister, keine Eltern mehr, nur eine Oma. Wenn deine Eltern nicht mehr da sind, die dich erden und dir Ratschläge und Sicherheit geben, was bleibt dann eigentlich? Diese Waisenkinder habe ich übernommen, die Oma nicht, weil ich es spannender fand, drei Mädchen zu zeigen, die sich selbst als Familie formieren. Sie müssen aktiv für ihr Leben kämpfen, sich organisieren, können es nur miteinander schaffen. Im ersten Teil muss die Älteste die Aufsichtspflicht erfüllen, sonst werden ihr die Geschwister weggenommen, und sie kümmern sich um das Erbe des Vaters. Das ist die eine Parallele. Es gibt weitere, etwa dass ein Stadtkind, im Originalfilm Edelbert, bei mir der coole Youtuber Leon, dazu kam, der Sozialstunden ableisten musste. Josy, eine der Neubesetzungen, ist diesmal das witzige Element, eine Großstadtpflanze im Pferdestall, die kein Tier vom anderen unterscheiden kann. Auch Sätze und Szenen habe ich übernommen, auch wenn sie dann im Film anders aufgelöst wurden.

Sie sind nicht nur Autorin und Regisseurin, sondern auch Produzentin des Films und seit vielen Jahren in dem Business unterwegs. Hat sich Ihrer Meinung nach an der Rolle der Frau etwas verändert?

SHARON VON WIETERSHEIM: Ich denke, es hat sich einiges getan in den letzten Jahren, trotzdem ist nach oben immer noch Luft. Nach anfänglichen Lippenbekenntnissen sind die meisten jetzt ernsthaft darum bemüht, die Situation der Frauen zu verbessern. Bewundernswert finde ich Initiativen wie Pro Quote Film, die mit großartigen Aktionen und Kampagnen immer wieder auf die bestehende Benachteiligung von Frauen in unserer Branche aufmerksam machen.

Teil eins war die Nummer zwei unter den Kinder- und Jugendfilmen 2019. Wird die Bedeutung des Segments genügend gewürdigt und unterstützt?

Von den Zuschauern allemal. Sie wollen eine Geschichte erzählt bekommen, die sie berührt, mitnimmt, ihnen Hoffnung gibt und sie zum Lachen bringt. Das ist die Aufgabe von Filmen. Egal, um welches Genre es sich handelt, man kann das Thema Tierschutz auch bei einem Kinder-und Jugendfilm gut ansprechen. Die Botschaft "Seid gut und verantwortungsvoll im Umgang mit Tieren" kam im ersten Teil auf alle Fälle gut an. Insgesamt wird die sogenannte Mainstream-Unterhaltung meines Erachtens immer noch unterschätzt. Es ist falsch zu glauben, dass ein Film, der ein großes Publikum erreicht, keine Botschaft haben kann. Fast all meine Filme erzählen von Frauen, jung oder alt, die sich in der Gesellschaft durchsetzen müssen. Die Probleme, Traumata, Schwierigkeiten überwinden und neue Wege gehen. Das kann im Film die Verarbeitung eines verstorbenen, geliebten Familienmitglieds genauso sein wie z.B. bei der Beförderung bzw. der Wertschätzung im Beruf übergangen zu werden. Die Figuren sollen den Zuschauer:innen Mut machen, an sich selbst und ihre Ziele zu glauben und - koste es was es wolle - darum zu kämpfen. Dass man als weibliches Wesen keine Angst und Zweifel haben muss, sowohl Gefühle wie auch Karriere gut unter einen "Cowgirl Hut" bekommen kann.

Das Interview führte Marga Boehle