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Producer on the Move Alexander Wadouh: "Jeder kann von der Erfahrung des anderen profitieren"

Alexander Wadouh von Chromosom Film ist deutscher Producer on the Move 2022. Über die Einladung ins Networking-Programm der EFP und die Zukunft des internationalen Kinofilms in Deutschland spricht er hier.

13.05.2022 12:41 • von Barbara Schuster
Alexander Wadouh reist als Producer on the Move nach Cannes (Bild: Chromosom Film)

Alexander Wadouh von Chromosom Film ist deutscher Producer on the Move 2022. Über die Einladung ins Networking-Programm der EFP und die Zukunft des internationalen Kinofilms in Deutschland spricht er hier.

Im Producers-on-the-Move-Programm der EFP werden stets die aktuell an­gesagtesten, spannendsten Nachwuchs­produzenten aufgenommen. Was ­versprechen Sie sich von der Teilnahme?

Ich finde es sehr hilfreich, ein breites internationales Netzwerk an Kolleginnen und Kollegen zu haben, mit denen man bereits etwas verbindet, mit denen man Zeit verbracht hat und Vertrauen ent­stehen konnte. Das POTM-Programm schafft einen Rahmen, um sich gegen­seitig persönlich kennenzulernen und bietet darüber hinaus noch ein weit­reichendes Netzwerk an Alumni und Partner, auf die man auch zurückgreifen kann. Der Austausch von Informationen ist in unserer Branche sehr wichtig. Jeder kann von der Erfahrung des ­anderen profitieren und helfen, Projekte auf die Bahn zu heben, selbst, wenn man nicht direkt beteiligt ist.

Wie haben Sie das Pre-Festival-­Programm, das online abgehalten wurde, erlebt? Welche Themen wurden hier diskutiert?

Das Pre-Festival-Programm war toll, weil wir die Chance hatten, jeden einzelnen zu sprechen. Und auch wenn das nur kurze Sieben-Minuten Treffen waren, kam man der Person doch schon viel ­näher. Das hat wirklich Spaß gemacht. Auch die Treffen mit den Sales Agents waren super, um einen ersten Eindruck zu bekommen. Die allgemeinen Themen drehen sich sehr viel um Finanzierung und Koproduktionsmöglichkeiten. Hier liegen demnach auch die Themen, die mich, aber auch viele andere beschäftigen: Welche Zukunft hat der internationale Kinofilm in Deutschland. Und welche Zukunft hat der Kinofilm ganz generell. Internationale Filme mit deutscher Beteiligung werden immer schwieriger zu realisieren. Das hat viele Gründe, aber allen voran liegt es an der Interessensverschiebung der Sender und auch der Förderer. Aber auch der Kinofilm steht auf wackeligen Beinen. Von allen geliebt, ist er doch zu sperrig in seiner Genese und Auswertung, als dass er im deutschen TV noch so richtig einen Platz hat. Nur ist unserer Kino-Finanzierungssystem noch zu stark TV-fokussiert. Hier müssen die richtigen Leute an der richtigen Stelle sehr schnell ein Umdenken in Gang setzen. Wenn Deutschland als minoritärer Koproduktionspartner ausfällt, hat das für die gesamte europäische Kinolandschaft starke Auswirkungen.

Sie sind seit 2006 mit Chromosom Film in der Branche aktiv, produzieren ­national wie international, mal als Haupt-, mal als Koproduzent.Hatten Sie damals ein Gründungscredo und hat sich an der DNA Ihrer Firma in den 16 Jahren etwas verändert?

Die Chromosom Film besteht neben mir noch aus den Produzentinnen Julia Niethammer und Roxana Richters. Uns verbindet, dass wir Filme herstellen wollen, die eine politische Haltung und Zeitgeist in sich tragen. Wir lieben mutige Filme, die mitunter sehr schwierig zu finanzieren sind, aber die sich lohnen, gesehen zu werden. Wir wollen mit unseren Filmen anspruchsvoll unterhalten. Das ist selten die Masse in Deutschland, die wir damit ansprechen, aber dennoch sehr viele Menschen weltweit. Unsere Filme haben oft noch einen Impact, der über den Film hinaus geht. Und wir wissen durch Zuschriften von Zuschauern, dass unsere Filme oft auch inspirierend sind und zum Nachdenken anregen. Das war bereits das Gründungscredo vor 16 Jahren, und das ist es auch immer noch. Aber auch wir passen uns der neuen Zeit an. Vielleicht später als kommerzieller ausgerichtete Firmen, aber mit dem gleichen Grundsatz. Wir entwickeln also auch Serien, wollen dabei aber unser Credo nicht aus den Augen verlieren. Und ich bin überzeugt, dass sich das für alle Beteiligten lohnen wird.

Was ist die Herausforderung bei Filmen wie "White Shadow" oder "Layla M", bei ­denen ein Netzwerk vieler Koproduzenten notwendig war, um sie realisieren zu können? Was lernt man bei ­internationalen Koproduktionen?

Jeder Film, ob nun national oder international, hat seine Herausforderungen. Aber manche dann doch noch ein paar mehr als andere. Das hat unterschiedliche Ursachen: Wir haben in europäischen Ländern gedreht, in afrikanischen und gerade drehen wir in der Mongolei. Egal, wo man dreht, man braucht einfach gute Partner vor Ort. Diese zu finden, ist nicht immer einfach, weil wir weder das Land kennen noch die vorhandene Film-Infrastruktur. Es ist hilfreich, Zeit in dem jeweiligen Land zu verbringen. Dabei lernt man auch die andere Kultur kennen und kann sich hier und da eine oder zwei Scheiben abschneiden. Was auffällt: kein anderes Land, in dem wir gedreht haben, war so stark strukturiert wie Deutschland. Das hat einige Vor- und einige Nachteile. Ich genieße im Ausland jedenfalls die größere Flexibilität und bin auch gerne bereit, dafür mitunter fehlende Verlässlichkeit in Kauf zu nehmen. Eine schöne Abwechslung zu der deutschen Bürokratie. Wir haben als Firma auch gelernt, wie wichtig die Mitarbeit der Menschen ist, in deren Land wir drehen. Wir arbeiten auf Augenhöhe, sind oft die mit der Finanzierung, aber auch die ohne Wissen. Bei europäischen Koproduktionen ist das etwas anders, weil die Systeme der einzelnen Länder sehr viel ähnlicher sind im Vergleich zu der Mongolei oder Ghana. Auch gibt es eine Historie an Koproduktionen, die bereits mehrere Generationen alt ist. "Layla M." z.B. wurde von Topkapi Film produziert, die bereits mehrfach mit Deutschland koproduziert haben. Das Rad wurde bei dieser Koproduktion nicht neu erfunden und dennoch schau ich mir das fertige Auto gerne an.

Ist die Förderung von Koproduktionen schwieriger geworden?

Deutschland hat europaweit, wenn nicht gar weltweit, eine der höchsten Filmförderungen. Im Vergleich zu anderen Ländern aus Europa sind wir nicht auf Koproduktionen angewiesen. Meine lettische Kollegin Alise Gelze von White Pictures, mit der wir "Barbarians" von Juris Kursietis koproduzieren, ist gezwungen, Koproduktionen einzugehen. Sie hat gar keine andere Wahl. Nur leider vergibt Deutschland immer weniger Geld an minoritäre Koproduktionen, obwohl diese Filme sehr oft auf A-Festivals präsent sind und viele Preise bekommen. Die deutschen Produzenten haben im Vergleich sicherlich einen großen Vorteil, wenn es um rein nationale Projekte geht.

Zuletzt produzierte Chromosom Film Borga" und "Stille Post". Auf was darf man sich als nächstes freuen?

Wir waren in den letzten Jahren sehr fleißig in der Entwicklung. Gerade sind wir in der Finanzierung von Gabrielle Bradys zweitem Projekt, "The Wolves Always Come at Night", das bereits Finanzierung aus Australien bekommen hat. Wir finanzieren gerade den zweiten Spielfilm von Florian Hoffmann, mit dem wir "Stille Post" realisiert haben, der "Zeit der Monster" als Arbeitstitel trägt und nach "Borga" ­unsere zweite Arbeit in Ghana sein wird. Wir finanzieren ebenfalls Luzie Looses zweites Kinoprojekt, "Was ihr Liebe nennt", eine deutsch-französisch-japanische Koproduktion. Wir entwickeln das Langfilmdebüt "Marys Frank" von Katinka Narjes, den zweiten Spielfilm von Lilla Halla, "Flehmen Response", das Missionarsdrama "Mission", für das wir mit ­Regisseuren im Gespräch sind, und die Serien "The Gifted" von Jason Kohl, "Das Dorf" von Neil Ennever und die Miniserie "Mönkwitz", die wir zusammen mit Tidewater Pictures realisieren wollen. Dazu kommt, dass wir seit März 2021 zusammen mit unseren "Borga"-Partnern Tommy und Elaine Niessner von East End Film den Verleih Across Nations gegründet haben, mit dem wir im Herbst unseren zweiten Spielfilm ins Kino bringen: Florian Hoffmanns "Stille Post".

Barbara Schuster