Produktion

PREVIEW KINO: "Top Gun: Maverick"

In Las Vegas gab es Szenenapplaus, nächste Woche ist Cannes an der Reihe, und dann darf sich endlich auch das große Kinopublikum erfreuen an "Top Gun: Maverick". Warum die Fortsetzung mit Tom Cruise so spitze ist, erfahren Sie in unserer Besprechung.

12.05.2022 09:05 • von Thomas Schultze
Der Auftritt in "Top Gun: Maverick" ist ein Höhepunkt in der Karriere von Tom Cruise (Bild: Paramount)

In Las Vegas gab es Szenenapplaus, nächste Woche ist Cannes an der Reihe, und dann darf sich endlich auch das große Kinopublikum erfreuen an Top Gun: Maverick". Warum die Fortsetzung mit Tom Cruise so spitze ist, erfahren Sie in unserer Besprechung.

Wenn die einzige denkwürdige Leistung von "Top Gun: Maverick" die erste Publikumsvorführung in Las Vegas auf der CinemaCon vor 3500 Kinobetreibern bleiben würde, mit siebenfachem Szenenapplaus und glücklichen Gesichtern, wohin man danach auch blickte, dann hätte die sehr späte Fortsetzung eines der großen ikonischen Filme der Achtzigerjahre ihren Platz in den Annalen der Filmindustrie bereits gewiss. Nachdem über Tage hinweg Studiochefs und Kinoverantwortliche gebetsmühlenartig wiederholten, das Kino sei zurück nach zwei Jahren Corona-Härten, stellte der Film den Beweis an, dass es sich nicht nur um Lippenbekenntnisse handelt. Man muss sich nicht sorgen. Ein großes Publikum auf der ganzen Welt wird in die Kinos streben. Gar nicht so sehr, weil es einem sonderlich auf den Nägeln brennt zu erfahren, wie es Maverick ergangen ist in den letzten 36 Jahren, dem kecken Draufgänger mit dem Sunnyboylächeln, der 1986 Tom Cruise endgültig zum Superstar und Jerry Bruckheimer, damals noch mit seinem Kompagnon Don Simpson, zum Über-Produzenten aufsteigen ließ. Sondern weil es sich herumspricht, dass diese Fortsetzung, die eigentlich schon 2020 hatte starten sollen und seither fünf Mal den Starttermin verschoben hatte, einem ganz zeitlos ein Kinoerlebnis beschert, wie es Hollywood dereinst am besten beherrschte: Man lacht und weint, wird mitgerissen und gepackt, bewegt und erfreut.

Dabei ist auch dieser Top Gun" im Grunde seines Herzens gefertigtes Fetischkino, ein Film, der interessiert ist an der Sexualisierung von Gegenständen und Oberflächen, am Abfeiern von Hardware und Technologie. Aber wie er gefertigt wurde! Joseph Kosinski, der von dem 2012 aus dem Leben geschiedenen Tony Scott übernahm und sich in seiner bisherigen Karriere mit Tron: Legacy" und Oblivion" als bestechender, aber auch seelenloser Stilist erwies, erweist sich als Glücksgriff. Das Projekt spielt seinen Stärken in die Hände, und weil er ein Regisseur ist, der immer so gut ist, wie die Drehbücher, mit denen er arbeitet, hat er das Glück, hier auf ein Drehbuch zugreifen zu können, das von Ehren Kruger, Eric Warren Singer und Christopher McQuarrie zu Hochglanz-Perfektion poliert wurde. Nun mag man sich an den ersten 30 Minuten reiben, die in teilweise identischen Bilderabfolgen den ersten Film nicht einfach noch einmal heraufbeschwören, sondern in einer Form kopieren, als würden sich diese beiden Arbeiten förmlich miteinander verbinden. "Highway to the Danger Zone"-Déjà-Vu supreme. Aber wenn Maverick erst einmal zurückgekehrt ist zur Fliegerkadettenschule Top Gun, gerade noch einmal von seinem alten Kumpel Iceman gerettet vor dem sicheren Rausschmiss, weil sich das Fliegerass natürlich auch im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts einen Kehricht um Vorschriften und Autoritäten schert, fängt die Fortsetzung an, das Original nach und nach abzustreifen, sich herauszuschälen, auf eigenen Beinen zu stehen, mehr und mehr zu erblühen. Weil Maverick jetzt nicht mehr Schüler ist wie damals, sondern sich als Ausbilder nun selbst mit großspurigen Klugscheißern, die sich für Gottes Geschenk an die Menschheit halten, konfrontiert sieht und er eine Verantwortung übernehmen muss, vor der er sich immer erfolgreich gedrückt, dafür aber auch einen Preis gezahlt hat. Auch weil die Vergangenheit drückend auf ihm lastet: Sollte es ihm gelungen sein, die Schuld am Tod seines damaligen Wingman Goose zu verdrängen, so wird er nun täglich wieder daran erinnert: Gooses Sohn Rooster - Miles Teller endlich einmal so cool, wie man sich das seit Whiplash" immer schon gewünscht hat - gehört zu seinem Top-Gun-Trupp und lässt den alten Mann seine Verachtung keine Sekunde vergessen.

Für Tom Cruise ist es ein Schlüsselauftritt, der alle seine Vorzüge bedient, ihn erstrahlen lässt, aber auch als Schauspieler fordert: Je länger man zusieht, sich den Atem verschlagen lässt von der schier unfassbaren Flugaction des Films und die Story auf die eine finale Mission zusteuert, um die es natürlich gehen muss, desto mehr schält sich auch eine faszinierende Meta-Ebene heraus. Ums Älterwerden geht es, um Lebensentwürfe, um den Blick zurück, was man aus sich gemacht hat, ums Erwachsenwerden, um eine Haltung dazu, wer man ist und wo man steht. Und so sehr die Action involviert, der Humor immer dann sitzt, wo man ihn braucht, und auch die Romanze mit Jennifer Connelly nicht ohne ist, so sehr nimmt man dann, wenn Lady Gagas Titelsong über dem Abspann zu hören ist, doch die eine Szene mit, in der Maverick schließlich seinen gezeichneten Freund Iceman besucht, gespielt, wie 1986 schon, von Val Kilmer, damals einer der schönsten Männer Hollywoods, heute dahingerafft von seinem Kampf mit Kehlkopfkrebs - nach- und mitzuerleben in der Doku Val", die vor einem Jahr in Cannes lief. Da stehen sie sich gegenüber, der eine, der immer auf der Welle des Erfolgs surfen konnte und es mit 60 immer noch tut, und der andere, der hoch flog, aber abgestürzt ist. Und man spürt, ganz intensiv, wie knapp Triumph und Niederlage nebeneinander liegen. Ein großer Moment. Der größte in einem großen Film, der einem nebenher noch den Glauben ans Kino zurückgibt.

Thomas Schultze