Festival

KOMMENTAR: Der ganz normale Ausnahmezustand

Wenn man den Eindruck hat, dass die Zeit rast, weil schon wieder ein neues Festival de Cannes vor der Tür steht - das letzte war doch gerade erst -, dann hat man in diesem Jahr natürlich ganz besonders recht.

12.05.2022 07:13 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Wenn man den Eindruck hat, dass die Zeit rast, weil schon wieder ein neues Festival de Cannes vor der Tür steht - das letzte war doch gerade erst -, dann hat man in diesem Jahr natürlich ganz besonders recht. Die 74. Ausgabe war wegen Corona vom angestammten Termin im Mai auf den Juli verschoben worden, weil es Festivalleiter Thierry Frémaux ein dringendes Anliegen war, das erste große Filmfestival nach dem Ende des endlosen zweiten Lockdowns zu sein. Zehn Monate liegen also zwischen diesen beiden Events. Und obwohl der zeitliche Abstand so gering ist, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Jubiläums-Edition zum 75. Geburtstag des größten Filmfestivals der Welt in einem anderen Zeitalter stattfindet.

Als sich die langsam aus dem Zauberschlaf erwachende Branche 2021 an der Croisette traf, war es, als würden allesamt auf Eierschalen wandeln. Ich hatte meine damals zweite Corona-Impfung erst wenige Tage vor Festivalbeginn erhalten, musste also für die komplette Dauer alle zwei Tage das nicht ganz leicht zu manövrierende Testregime durchlaufen. Dazu kamen die zahlreichen Macken bei der elektronischen Buchung der Tests wie auch der Tickets. Und der zu diesem Zeitpunkt doch sehr sorgenvolle Blick auf den insgesamt doch sehr laxen Umgang mit Abstands- und Maskenregeln, weniger im Festivalpalais als auf den Straßen und in den Cafés von Cannes - und wenn man einen Blick auf die Strände warf, wo die Menschen dicht gedrängt nebeneinander lagen und sich gegenseitig einölten, als würde Sonnenschutzfaktor 30 ebenso gut gegen die Pandemie schützen wie eine doppelte Dosis Biontech, dann wurde einem schon auch ein bisschen bang.

Aber es war auch ein erhebendes Gefühl. Endlich wieder Kino, endlich wieder Gespräche mit Gleichgesinnten, Austausch und Debatten, Schwärmen und Ärgern, endlich wieder neue Filme von den besten Filmemachern. Großartig.

Ob sich dieses einmalige Gefühl auch in diesem Jahr wieder einstellen wird, muss sich zeigen. Die Covidregularien sind fast komplett aufgehoben, nicht nur das Festival, die ganze Welt drängt zurück in einen Zustand der Normalität. Und so wird Cannes wieder ein Ausnahmezustand sein, aber nicht der Ausnahmezustand extraordinaire, sondern der ganz normale Ausnahmezustand, wie man ihn immer schon kannte, wenn man in die Fischerstadt in Südfrankreich reiste, um sich umspülen zu lassen von den Werken, die ausgesucht wurden. Aber es wird wohl auch ein nachdenklicherer Jahrgang werden. Thierry Frémaux selbst hat angeregt zu mehr Introspektion: Wie sieht die Zukunft aus, wie kann man sie gestalten, wie kann das Kino mithalten?

Mal sehen, welche Antworten die Filme in Cannes geben werden.

Thomas Schultze, Chefredakteur