Produktion

Deutscher Produzententag: Warnung vor einem "Sargnagel"

Die geplante Neudefinition des öffentlich-rechtlichen Auftrags sorgte beim Deutschen Produzententag für eine lebhafte Podiumsdiskussion. Doch wo zur künftigen Rolle der Unterhaltung eher beruhigende Worte fielen, kann man dies mit Blick auf die Gesamtsituation eher nicht behaupten.

09.05.2022 14:32 • von Marc Mensch
Der neue Geschäftsführer der Produzentenallianz, Björn Böhning, mit Kulturstaatsministerin Claudia Roth, dem Verbandsvorsitzenden Alexander Thies und Uli Aselmann, dem Vorsitzenden der Kinosektion, beim Deutschen Produzententag im Kino International (Bild: Produzentenallianz)

Es war ein Moment, wie man ihn bei Podiumsdiskussionen dann doch eher selten erlebt. Eine sofortige, einhellige und vor allem aus sämtlichen Ecken des Auditoriums erklingende Entgegnung auf eine auf der Bühne ausgesprochene Hoffnung. Konkret jene, dass "Grünes Produzieren" Kosteneinsparungen mit sich brächte. Und nicht nur seitens der Zuhörer musste sich die Medien-Staatssekretärin von Rheinland-Pfalz (das bekanntermaßen die Rundfunkkommission koordiniert) an dieser Stelle umgehenden Widerspruch gefallen lassen - auch die ARD-Vorsitzende Patricia Schlesinger konnte auf der Bühne Heike Raab nur nüchtern auf den Weg geben: "Nein, es ist teurer."

Konsterniert zeigte sich Raab angesichts des Hinweises, den sie mit einem einfachen "OK" quittierte, indes nicht - und das aus gutem Grund. Denn der streckenweise schon recht klar abgesteckte Weg hin zu nachhaltigerem Produzieren stand beim Deutschen Produzententag in Anwesenheit von Kulturstaatsministerin Claudia Roth natürlich in keiner Weise zur Debatte. Es war vielmehr eine Randbemerkung, der Versuch, eine doch eher unbequeme Diskussion um einen positiven Aspekt zu bereichern. Denn ganz grundsätzlich schwang über dieser doch die Erkenntnis, dass die Entwicklung des Rundfunkbeitrages der Entwicklung von Kosten an diversen Stellen (nicht zuletzt im Kontext des Ausbaus von On-Demand-Angeboten) künftig nicht gerade stärker folgen dürfte als in der Vergangenheit.

Zuvorderst drehte sich dieser Deutsche Produzententag, der auch im Zeichen der Staffelübergabe bei der Produzentenallianz an den neuen Geschäftsführer Björn Böhning stand, um die in Arbeit befindliche Änderung des Medienstaatsvertrages, um die Konkretisierung des öffentlich-rechtlichen Auftrags und eine Strukturoptimierung. Und um es an dieser Stelle massiv verkürzt und vereinfacht zu skizzieren: Auch wenn die Finanzierungsfrage in einer eigenen Phase, in einem nachgelagerten, separaten Verfahren behandelt wird, ist sie doch die entscheidende. So mag das Bundesverfassungsgericht im vergangenen Sommer zwar den Weg für die von Sachsen-Anhalt (über die Verweigerung der Zustimmung zum Ersten Medienänderungsstaatsvertrag) zunächst blockierte Erhöhung des Rundfunkbeitrages frei gemacht haben. Die Debatte darüber, ob ein möglicherweise bislang zu breit an- und ausgelegter Auftrag unter anderem der (auch vom BVerfG eingeforderten) Zumutbarkeit des Rundfunkbeitrags für die Bürger:innen im Weg stehen könnte, haben die Ausführungen im Beschluss vom 20. Juli 2021 aber durchaus nicht leiser gemacht.

Der bei der Veranstaltung im Berliner Kino International im Zentrum stehende Stein des Anstoßes jedenfalls war die Debatte um die künftige Stellung der "Unterhaltung" im öffentlich-rechtlichen Auftrag, die nach derzeitigem Stand selbst dann potenziell geschwächt werden könnte, wenn sich die Länder auf eine sehr nuancierte Formulierung einigen können.

Björn Böhning jedenfalls warnte wörtlich vor einem "Sargnagel" für das öffentlich-rechtliche System. Worin eine hochinteressante Diskrepanz der Sichtweisen zutage tritt: Denn tatsächlich dreht sich die gesamte Diskussion im Kern um die Akzeptanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Und während eine Seite diese vor allem durch die Höhe des Rundfunkbeitrages gefährdet sieht, betonte Böhning einen ganz anderen - und mit Sicherheit nicht weniger validen - Aspekt: ARD und ZDF seien nicht ohne Grund ein Voll- und kein Spartenprogramm. Denn aus der Notwendigkeit einer hohen Akzeptanz ergebe sich schon zwangsläufig die Notwendigkeit, dass die öffentlich-rechtlichen Angebote auch von möglichst vielen Menschen genutzt würden. Eine Beschneidung der Unterhaltung werde damit zur Gefährdung für diese Akzeptanz.

Patricia Schlesinger mochte da eine etwas weniger drastische Formulierung wählen, im Prinzip stellte sie aber dieselbe Gleichung aus Reichweite und Akzeptanz auf. Und obwohl sie eine konkrete(re) Beschreibung des Auftragsprofils durchaus als "richtig" bezeichnete, warnte sie doch vor "Checklisten". Produzenten benötigten Freiheit, um Kreativität auch leben zu können. Hinter vorgehaltener Hand hörte man an diesem Tag übrigens mehrfach, dass ein solcher Hinweis gerne auch an die BKM (wenngleich in völlig anderem Kontext; für den Medienstaatsvertrag ist der Bund nicht zuständig) erfolgen könne. Das aber nur am Rande.

Eine wirkliche Streichung des Unterhaltungsauftrages, wie sie mitunter etwas überspitzt an die Wand gemalt wird, sieht der aktuelle Entwurf jedenfalls keineswegs vor. Was er allerdings macht: Wo "Unterhaltung" früher quasi gleichberechtigt in einem Satz mit "Bildung, Information und Beratung" aufgeführt wurde, definiert sich das öffentlich-rechtliche Angebotsprofil nach derzeitigem Entwurfs-Stand über "Kultur, Bildung, Information und Beratung". "Unterhaltung" soll nach dem Wortlaut (nur) dann Teil des Auftrages sein, wenn sie diesem Angebotsprofil entspricht, sich ihm also künftig unterordnet, anstatt selbst weiter auf der "oberen Ebene" zu stehen.

Es ist vor allem die Unsicherheit darüber, was das in der Praxis konkret bedeuten könnte, die die derzeitige Debatte prägt. Wobei durchaus viel für die auf dem Panel von Nanni Erben (Geschäftsführerin MadeFor Film) vertretene Sichtweise spricht: Ihr zufolge schaffen gerade Unterhaltungsangebote einen Rahmen, um relevante Themen zu setzen, um der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Eine trennscharfe Abgrenzung zu Kultur, Information, Bildung und Beratung sei daher schon gar nicht möglich.

Heike Raab formulierte es so: "Wenn wir wirklich die Breite der Gesellschaft erreichen wollen, dann muss der Auftrag von Kultur, Bildung, Beratung und Information zwangsläufig auch unterhaltend sein." Oder anders gesagt: Man wird sich womöglich schwer tun, Unterhaltungsangebote zu finden, die dem Angebotsprofil tatsächlich nicht entsprechen. Am ehesten könnte man da vielleicht noch an Showformate denken, dieser Bereich wurde beim Produzententag aber nicht adressiert.

Die Rolle des "Advocatus Diaboli" kam in der Runde vor allem dem Chef der Sächsischen Staatskanzlei, Oliver Schenk, gleichzeitig Staatsminister für Bundesangelegenheiten und Medien, zu. Denn während auch er klarstellte, dass es mitnichten um eine Abschaffung der Unterhaltung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gehe, machte er aus seiner Sicht doch auch eines unmissverständlich deutlich: "Man wird sich von der einen oder anderen Geschichte verabschieden müssen!" Hinsichtlich der Notwendigkeit, Einsparungen zu realisieren, gebe es eine ganz klare Erwartung der Länder, die dem Medienstaatsvertrag zustimmen müssen.

Womit wir wieder beim eigentlichen Thema wären. Bei der ungelösten Frage, wie steigende Kosten mit Einsparungserwartungen in Einklang zu bringen sind. Denn "Geld", so Schlesinger, "ist das ganz große Thema". Das von ihr beschworene Bild des Futterbedarfs zweier Pferde, die man gerade parallel reite, durfte man dabei durchaus in Gedankenspiele hinsichtlich der Zukunft des einen oder anderen linearen Angebots einfließen lassen; auch weil Schlesinger feststellte, dass der "Umstieg" länger daure als gehofft (und die Digitalisierung "eher teurer" sei).

Positive Nachrichten hatte an diesem Tag vor allem Kulturstaatsministerin Claudia Roth im Gepäck. Denn Sie verkündete nicht nur eine weitere (für dieses Jahr letztmalige) Aufstockung des GMPF, die Björn Böhning als neuer Geschäftsführer der Produzentenallianz als "wichtiges Signal" und "gute Grundlage für die weitere Diskussion um die Zukunft der deutschen Filmförderlandschaft" lobte. Sondern Sie zeigte auch grundsätzliches Bewusstsein dafür, dass Unterstützungsmaßnahmen, die während der Pandemie aufgesetzt wurden (man denke dabei nicht zuletzt an die Ausfallsfonds) womöglich nicht gänzlich ohne Ersatz oder Alternative in irgendeiner Form auslaufen sollten.

Unterdessen stand der Deutsche Produzententag auch im Zeichen eines Generationswechsels. Denn neben Christoph Palmer, der den Verband seit dem Herbst des Gründungsjahres 2008 als Geschäftsführer geleitet hatte, wurden bereits am Vorabend im Rahmen eines Events auch Mathias Schwarz und Johannes Kreile aus ihren Ämtern für den Verband verabschiedet. Wie wichtig und zielführend die Arbeit aller drei Branchenpersönlichkeiten in den langen Jahren ihrer Tätigkeit für die Produzentenallianz war, drückte sich gerade auch in der Tatsache aus, dass nicht nur FFA-Präsident Bernd Neumann als Laudator für sie auftrat - sondern vor allem auch jene, mit denen man nicht immer leichte Verhandlungen führte - und etliche wichtige Vereinbarungen für die Branche erzielen konnte: MDR-Intendantin Karola Wille und Matthias von Fintel, Tarifsekretär Medien bei ver.di.