Produktion

Natja Brunckhorst: "Mit einer gewissen Leichtigkeit"

Natja Brunckhorsts "Alles in bester Ordnung" startet nächste Woche in den Kinos. Wir sprachen mit der preisgekrönten Drehbuchautorin über das Schreiben persönlicher Filme, den Übergang zur Regie und ihren ersten Auftritt in der Branche in "Christiane F.".

20.05.2022 12:04 • von Heike Angermaier

Natja Brunckhorsts Alles in bester Ordnung" startet nächste Woche in den Kinos. Wir sprachen mit der preisgekrönten Drehbuchautorin über das Schreiben persönlicher Filme, den Wechsel zur Regie und ihren ersten Auftritt in der Branche.

Wie sind Sie auf das Thema gekommen? Eine Frau, der die Sammelleidenschaft über den Kopf wächst, trifft auf einen Ordnungsfanatiker.

NATJA BRUNCKHORST: Für mich ist der Film eine Hommage an meine Mutter, eine unglaublich intelligente, witzige und hübsche Frau, die viel zu viele Sachen hat. Von ihr wollte ich erzählen, aber nicht in dieser in Deutschland üblichen dramatischen Weise, sondern mit einer gewissen Leichtigkeit. Für eine Screwball Komödie brauchte ich eine ihr entgegengesetzte Figur. Mir auszudenken, wie da zwei Welten aufeinanderprallen, wie sich die beiden Figuren auf charmante Weise bekriegen und das in der Dialogführung umzusetzen, machte mir großen Spaß.

Das merkt man. Wie haben Sie an den Dialogen gefeilt?

NATJA BRUNCKHORST: Manche Dialoge habe ich in einem Rutsch geschrieben und sie blieben so auch im Film wie der zur Brotschneidemaschine. An anderen Dialogen habe ich ewig herum geschraubt, bis sie saßen. Wichtig ist, dass am Ende weder die Anstrengung noch die Blitzidee zu spüren ist und natürlich, dass die Schauspieler sie gerne sprechen. Ich hatte das Glück mit einem Koautor, Martin Rehbock, zu arbeiten. Es ist fein, beim Schreiben einen Sparring Partner zu haben, insbesondere bei einer Geschichte um eine Frau und einen Mann.

Wie sah das Sparring aus?

NATJA BRUNCKHORST: Wir saßen nicht zusammen in einem Raum und sprachen uns die Sätze vor, sondern schrieben jeder zuhause für sich Szenen, die wir dann dem anderen schickten, bearbeiteten und wieder zurückschickten. Ich muss alleine sein, um die Ideen, die ich im Kopf habe, auszuformulieren und auf Papier zu bringen. Durch Martin kam eine männliche Sichtweise dazu, die ich sehr wichtig finde.

Wie haben Sie sich bei der visuellen Umsetzung, der Gestaltung der Wohnungen der Protagonisten auf den Film vorbereitet, wovon haben Sie sich inspirieren lassen?

NATJA BRUNCKHORST: Ich habe mir viele Bilder angesehen, etwa von Japanern, die diesen im Film geschilderten Minimalismus praktizieren. Fynn hat nur einen Koffer und einen Rucksack und ihm fehlt nichts. Marlene hat sehr viel und ihr fehlt auch nichts. Mir ist besonders wichtig, dass der Film keine Wertung vornimmt. Jeder Mensch braucht unterschiedlich viele Dinge, um sich wohl zu fühlen. Manche brauchen nur 100 oder noch weniger, manche eben viel, viel mehr.

Wann stand das Ende fest? Es ist ein schönes Bild.

NATJA BRUNCKHORST: Für mich ist beim Schreiben wichtig, dass ich das Ende schon möglichst früh habe, damit ich weiß, wo es hingeht. Hier hatte ich das Bild schon früh im Kopf. Als visueller Mensch brauche ich ein Bild, von dem aus ich das Weitere aufbauen kann. Im Szenenbild von Marlenes Wohnung haben wir Weiß weggelassen, weil es auch im Schlussbild nicht enthalten ist. Wir haben deswegen auch keine auffällig mehrfarbigen Gegenstände verwendet. Diese besondere Ordnung, die ein kleines Kunstwerk ist und es Marlene ermöglicht, ihr Herz zu öffnen und Menschen hineinzulassen, war für mich das überzeugendste Ende.

Der Film besticht durch sein Schauspiel. Wie erarbeiteten Sie es?

NATJA BRUNCKHORST: Mir ist die gemeinsame Lesung vor dem Dreh sehr wichtig. So bekommen die Schauspieler ein Gespür für ihre Rolle und ich kann mir ihre Anmerkungen zum Text notieren. Wenn sie mir sagen, dies oder jenes würde die Figur nie so sagen, dann glaube ich ihnen. Beim Dreh erwarte ich, dass der Text sitzt. Es war ein Geschenk, den beiden zu zu schauen und zu staunen. Bei Corinna Harfouch ist schon der erste Take großartig und wenn ich einen zweiten mache, ist der anders und großartig. Sie ist ein Phänomen. Daniel Sträßer hat ein unglaubliches Slapstickpotenzial, das er in seinen anderen Rollen kaum zeigen kann. Wie dieser 1 Meter 90 große Mann durch die Wohnung stolpert, ist wirklich komisch.

Im Film sind nicht nur die zwei Protagonisten, sondern auch die Nebenfiguren sympathisch gezeichnet.

NATJA BRUNCKHORST: Mir ist wichtig, dass auch die Nebenfiguren nicht nur Satzgeber sind, sondern als Menschen wahrgenommen werden. So hat auch der Möbelverkäufer eine eigene Hintergrundgeschichte, eine eigene Dramaturgie.

"Alles in bester Ordnung" ist Ihr erster Langfilm als Regisseurin. War es ein schwieriger Übergang?

NATJA BRUNCKHORST: Nein. Ich beschäftige mich als Drehbuchautorin seit über 25 Jahren mit der Dramaturgie von Filmen. Drehbuchschreiben ist Filmen im Kopf. Bisher habe ich nur den theoretischen Part gemacht, und anderen den praktischen überlassen. Aber dieses Buch ist so persönlich, dass ich auch den praktischen Part selbst übernehmen wollte. Dieser Film ist einfach mein Baby. Ich möchte ihn durch alle Phasen begleiten!

Am Set hat man es aber mit sehr vielen Menschen zu tun, denen man seine Ideen vermitteln muss.

NATJA BRUNCKHORST: Ich hatte auch erst Bedenken. Aber zum einen, alleine im stillen Kämmerlein zu sitzen, kann auch eine Qual sein. Und zum anderen, als Regisseur muss man ja nicht alles wissen und man muss den Menschen nicht sagen, was sie zu tun haben, sondern nur einen Raum schaffen, in dem sie das Beste aus sich herausholen und ihr Ding machen können, seien es die Szenenbildnerin oder der Kameramann. Die Schauspieler müssen sich wohl fühlen, um Risiken einzugehen, was bei Komödien besonders wichtig ist. Komödie ist viel mehr eine Gratwanderung als Drama.

Ihre Drehbücher zu Amelie rennt" und Wie Feuer und Flamme" waren auch von persönlichen Erfahrungen inspiriert.

NATJA BRUNCKHORST: Ich kann wohl nicht anders. Ich nehme immer Teile aus meiner persönlichen Erfahrung, die ich wichtig und erzählenswert finde, und verbinde sie mit anderen, um daraus ein eigenes Kunstwerk zu schaffen. Ich mache aber eine sehr weit gehende Recherche, bei "Amelie rennt" zum Beispiel zu Asthma oder den Bergen, wo ich für das Drehbuch wirklich sehr viel unterwegs war.

In "Alles in bester Ordnung" nutzte ich auch leicht fantastische Elemente wie den Schnee. Im Film kann man wunderbar Realität und Fantastisches verbinden, Komödie und Drama.

Ist es Ihnen schwergefallen, die Bücher aus der Hand zu geben?

NATJA BRUNCKHORST: Es war nicht die Zeit für mich, Regie zu führen, weil ich mich um meine Tochter kümmerte. Ich hatte das Privileg, mit zu entscheiden, wer die Regie übernimmt und ein sehr vertrauensvolles Verhältnis mit der jeweiligen Produktion. So waren die beiden Titel nicht "meine" Filme und nicht jede Szene war so umgesetzt, wie ich es mir vorgestellt hatte, aber es waren gute Filme.

Konnten Sie"Alles in bester Ordnung" so umsetzen, wie Sie es sich vorgestellt hatten?

NATJA BRUNCKHORST: Filmemachen ist ein einziger Kompromiss. Man hat ein Konzept, einen Plan, ist aber ständig gezwungen, etwas daran zu ändern. Dafür bekommt man auch Geschenke, ergeben sich unvorhergesehene Dinge, die wunderbar funktionieren. Zum Beispiel wollten wir an einem hell erleuchteten Haus drehen, das wir im Frühjahr gefunden hatten. Als wir im Sommer dorthin zurückkehrten, gab es die Beleuchtung nicht mehr und wir standen im Dunkeln. Daraus hat sich eine sehr wichtige Szene ergeben. Ich bin sehr stolz darauf, wie der Film geworden ist. Ich hatte ein tolles Team.

Wie war das Konzept für die Musik?

NATJA BRUNCKHORST: Ich wollte keinen typisch deutschen Film machen, sondern einen, der eher französisch angehaucht ist. Das Schlussbild geht vielleicht sogar ein bisschen in Richtung Almodovar. Ich wollte Lambert, der Pianist ist, für den Score, weil seine Musik international wirkt. Sie ist leicht, auch ein bisschen dreckig, so wie ich es mag. Die Musiker von Erdmöbel, die den Schlusssong Vakuum beisteuerten, haben den gleichen Humor wie ich. Als sie mir den fertigen Song vorspielten, sagte ich, "toll, das ist mein Film!" und lud sie ans Set ein, damit sie dort ihr Video drehen können. Es wurde Anfang April veröffentlicht.

Wie aufwändig war der Schnitt?

NATJA BRUNCKHORST: Dadurch, dass ich zwei so wunderbare Schauspieler hatte, musste ich nicht viele Takes machen. Es waren zwei, allerhöchstens drei nötig. Als ich selbst spielte, war das anders.

Wieviel hat es Ihnen bei der Regie geholfen, dass sie selbst Schauspielerfahrung haben?

NATJA BRUNCKHORST: Ich glaube, dadurch habe ich ein gutes Gespür dafür, was ein Schauspieler braucht und ich habe ein Auge dafür, ob etwas bloß gespielt ist oder auch diesen gewissen Zauber entfaltet.

Letztes Jahr feierte "Christiane F - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" 40-jähriges Jubiläum. Vor kurzem kam der restaurierte Film mit neuem Bonusmaterial heraus, für das Sie ein Interview gaben. Wie war es, sich nach so langer Zeit noch einmal mit dem Film zu beschäftigen?

NATJA BRUNCKHORST: Ich sehe ihn genau wie früher - als einen guten Film, der immer noch funktioniert und damals von zwei jungen Männern, Bernd Eichinger und Uli Edel, auch ganz toll gemacht wurde. Es ist wirklich selten und bewundernswert, dass ein Film nach so langer Zeit noch relevant ist und gesehen wird, wie vor kurzem auch bei Arte. Ich bin damals nur irgendwie reingestolpert.

Haben Sie als Jugendliche das "Filmemachen" bewusst wahrgenommen?

NATJA BRUNCKHORST: Mir war klar, was meine Aufgabe war, also, dass die oder jene Szene dran war, für die ich meinen Text lernen musste. Ich habe mir darüber keine weiteren Gedanken gemacht. Es hat Spaß gemacht und ich habe mich vollkommen sicher gefühlt. Ich wusste immer, dass es Spiel und nicht Realität ist.

Was ist Ihr nächstes Projekt?

NATJA BRUNCKHORST: Ich schreibe an einem neuen Drehbuch, will aber noch nichts verraten, nur, dass der Film wieder diesen, ich sage mal englischen oder auch Berliner Humor haben wird wie "Alles in bester Ordnung". Wir bringen erst einmal diesen Film heraus.

Was ist zur Herausbringung geplant?

NATJA BRUNCKHORST: Eine Kinotour, bei der ich Dinge aus der Wohnung von Marlene verlosen werde. Ich finde das ist eine wirklich witzige Idee. Ich würde mir auch gerne etwas aus einem Film mitnehmen, der mir besonders gut gefallen hat. Mit der Aktion stelle ich wie der Film die Frage zur Diskussion, was ein Gegenstand wert ist, wie der Wert eines Gegenstands entsteht usw. Und wer Lust hat, kann danach noch mal in den Film gehen, um den Gegenstand, den er bekommen hat, in Marlenes Wohnung zu suchen...

Das Interview führte Heike Angermaier