Kino

Laila Stieler & Andreas Dresen zu "Rabiye Kurnaz": "Humor ist letztlich immer siegreich"

Laila Stieler und Andreas Dresen pflegen eine der fruchtbarsten kreativen Beziehungen im deutschen Gegenwartskino. Sie sprechen im B:F-Interview über die langwierige Entstehungsgeschichte der zweifach auf der Berlinale ausgezeichneten Tragikkomödie "Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush", die heute in den Kinos startet.

28.04.2022 14:38 • von Michael Müller
Meltem Kaptan (l.) und Alexander Scheer in "Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush" (Bild: Pandora Film/Luna Zscharnt)

Laila Stieler und Andreas Dresen pflegen eine der fruchtbarsten kreativen Beziehungen im deutschen Gegenwartskino. Sie sprechen im B:F-Interview über die langwierige Entstehungsgeschichte der zweifach auf der Berlinale ausgezeichneten Tragikkomödie "Rabiye Kurnaz gegen George W Bush", die heute in den Kinos startet.

War es Teil des Konzepts, vor allem auch die erste Filmhälfte von "Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush" so bunt und unterhaltsam zu gestalten, um einem möglichst großen Publikum das harte Schicksal des Murat Kurnaz vor Augen zu führen?

LAILA STIELER: Ich denke in anderen Kategorien. Ich denke erst einmal an die Figuren. Hier kam der Humor einfach durch Rabiye Kurnaz selbst in den Film. Sie ist eine sehr besondere Frau. Allein das weiße Mercedes-Cabrio, mit dem sie mich tatsächlich vom Bahnhof abholte, als wir uns damals kennenlernten ... Wir rasten dann bei lautem Elektro-Pop durch Bremen und ich dachte nur: Wow, das musst du ins Drehbuch schreiben. Das kann sich kein Mensch ausdenken. So hat sich der Charakter gebildet. Aber wenn man in die Meta-Ebene geht, kann man sagen: Humor ist letztlich immer siegreich.

ANDREAS DRESEN: Humor hat eine anarchische Kraft im Verhältnis zur Gesellschaft und schafft es, sie - in gewisser Weise - auch zu verlachen. Es war aber tatsächlich kein Konzept, um den Film für das Publikum gefälliger zu machen. Wir erzählen generell gerne mit Humor. Ich fand es spannend, diese Schwere der Geschichte durch die Persönlichkeit von Rabiye Kurnaz aufzubrechen. Davor hatte ich mich jahrelang mit der Geschichte ihres Sohnes Murat beschäftigt. In Guantanamo gibt es nun wirklich nichts zu lachen. Als ich aber Rabiye kennenlernte, war für mich verblüffend, wie auf diese Weise eine ganz andere Ebene in das Projekt kam. Das gilt natürlich auch für die Beziehung zwischen Rabiye und dem Anwalt Bernhard Docke, weil es zwei völlig unterschiedliche Typen aus verschiedenen Kulturen sind, die da aufeinanderprallen. Ich fand es einen großen Reiz, die wachsende Freundschaft der beiden und den daraus resultierenden Humor mit der Schwere der Geschichte von Murat zu verbinden.

Sie haben schon angerissen, wie lange Sie an der Geschichte von Murat Kurnaz arbeiten, Herr Dresen. Gab es ursprünglich auch einen anderen Ansatz, diese Biografie zu erzählen?

ANDREAS DRESEN: Ich habe tatsächlich mehrere Jahre mit Christian Granderath vom NDR und verschiedenen Drehbuchautoren an der Geschichte von Murat in Guantanamo gearbeitet. Aber wir sind immer wieder am Kafkaesken der Situation gescheitert. In diesem Gefangenenlager gibt es keine Hoffnung, nur Ausweglosigkeit und Folter. Wie erzählt man das über eineinhalb Stunden für ein Publikum einigermaßen erträglich? Irgendwann lernte ich auf dieser verzweifelten Reise bei einem Abendessen in Bremen Rabiye kennen. Bernhard Docke, den ich schon kannte, brachte sie mit. Ich habe mich schockverliebt und fand sie von Anfang an toll und besonders. Auf der Zugfahrt zurück von Bremen nach Berlin entstand zum ersten Mal der Gedanke, die gesamte Guantanamo-Geschichte vielleicht besser aus Rabiyes und Bernhards Perspektive zu erzählen. So ist das nach und nach gewachsen. Dann kam glücklicherweise Laila ins Spiel, die das ordentlich vorantrieb.

LAILA STIELER: Ich hatte schon von Andreas' Projekt und dem Fokus auf Murat gehört. Das wäre ganz klar keine Geschichte für mich gewesen. Diese spezielle Art von Hoffnungslosigkeit hätte ich nicht schreiben können. Aber als die Idee aufkam, die Geschichte aus der Perspektive der Mutter zu erzählen, dachte ich nur: Das ist genial. Rabiye Kurnaz ist wirklich die Inkarnation einer Mutter, wie sie um ihren Jungen kämpft. Das schreibe ich als Mutter auch gerne.

Wie haben Sie Meltem Kaptan für die Hauptrolle als Rabiye gefunden, die bis zu diesem Zeitpunkt noch keinen deutschen Film, nur eine türkische Komödie gespielt hatte?

ANDREAS DRESEN: Über meine Casterin Karen Wendland. Wir haben den gesamten deutschen und türkischen Raum nach zweisprachigen Schauspielerinnen in dieser Altersgruppe abgesucht. Dabei stießen wir auch auf Meltem, die ja in Köln lebt. Wir absolvierten verschiedene Runden von Probeaufnahmen mit verschiedenen Schauspielerinnen. Das war schwierig, es war ja Pandemie und das Reisen kompliziert. Meltem war aber gleich zu Anfang dabei und blieb immer an Bord, weil sie schon in der ersten Casting-Runde sehr überzeugend war. Sie bringt eine ganz besondere Form von Energie, Humor und vor allem Naivität mit. Hätte Rabiye nämlich geahnt und intellektuell überblickt, was sie alles erwartet, wäre sie vielleicht gar nicht erst auf ihre Reise gegangen. Sie ging immer Schritt für Schritt. Das fand ich auch an Meltem beim Casting so toll, dass sie etwas Energetisches mitbrachte, eben einfach erst mal loslief. Sie ist darüber hinaus aber einfach eine fantastische Spielerin und man empfindet große Empathie für sie. Das alles waren ausschlaggebende Punkte für die Besetzung.

Es ist immer ein schmaler Grat, ob man mit oder über eine Figur im Kino lacht. Wie sahen da Ihre Überlegungen zu Rabiyes Sprache aus? Wollten Sie einfach so authentisch wie möglich am Original bleiben?

LAILA STIELER: Ich habe viele Gespräche mit Rabiye geführt und mir Notizen gemacht. Am Anfang habe ich die Geschichte auch aus ihrer Ich-Perspektive geschrieben und versucht, den Duktus der Figur herauszufinden. Dann ist es einfach Arbeit, die mit Dialogtechnik zu tun hat. Bestimmte Dinge wie die Sprichwörter, die sie benutzt, habe ich hinzuerfunden. Die Aufteilung in Deutsch und Türkisch muss geplant sein. Die wird natürlich nicht willkürlich gesetzt oder von der Schauspielerin improvisiert. Ich habe mich bemüht, im Duktus und im Charakter der Figur zu bleiben. Irgendwann fragt man sich dann auch mal: Darf ich das jetzt? Aber es gehört auch Mut dazu, solche Figuren oder überhaupt Filme zu schreiben. Wenn ich also ständig zweifle oder mich selbst korrigiere, dann komme ich nie an die Extreme. Ich nehme lieber etwas weg, wenn es zu dick aufgetragen ist, als dass ich mich von Vornherein einschränke.

ANDREAS DRESEN: Wir haben nach einer bestimmten Form von Balance gesucht. Je nach persönlichem Geschmack würde natürlich jeder die Grenze von Komik und Tragik anders festlegen. Hier hat es sich über die Erzählung auf wunderbare Art ergeben. Im hinteren Teil bekommen die Ereignisse eine andere Wucht, da wird es insgesamt ernster. Der Film ist von seiner Geschwindigkeit her viel schneller als alles, was ich davor gemacht habe. Das hat natürlich mit der Energie der Hauptfigur zu tun, die mich in der Inszenierung vor sich her getrieben hat. Ich hatte ganz am Anfang, bevor wir mit der Arbeit begannen, an etwas Ähnliches wie den Dardenne-Film "Rosetta" gedacht, wo die Figur am Anfang des Films so losprescht. Ein bisschen hat Rabiye auch etwas davon. Sie zieht einen hinter sich her. Mir war klar, dass unser Film in der ersten Hälfte schnell sein wird, aber ich habe es trotzdem unterschätzt.

LAILA STIELER: Ich habe an "Erin Brockovich" gedacht. Mich hat Andreas dann immer getrieben, was ich auch gut fand.

Sie, Herr Dresen, kann man im Film in einem prominenten Cameo am Obersten Gericht in Washington entdecken. Sollte das auch die Stoßrichtung des Ganzen als Anklage gegen die damalig handelnden Politiker unterstreichen?

ANDREAS DRESEN: Ich habe mir das natürlich nicht ohne Grund ausgesucht. An meiner Seite sitzt übrigens der echte Bernhard Docke, der sich für die Szene extra den Schnurrbart abnehmen ließ, damit er nicht so ähnlich wie Alexander Scheer aussieht. Ich habe mich gerne dort hingesetzt, weil ich das Urteil des Supreme Court großartig finde. Es war ja eine schallende Ohrfeige für die US-Regierung und die weltweite Politik, die Guantanamo ja irgendwie duldete. Außerdem sitze ich selbst seit fast zehn Jahren als Laienrichter im Brandenburger Verfassungsgericht, wo ich mich zwar zum Glück nicht mit solchen, aber anderen verfassungsrechtlich relevanten Themen auseinandersetzen muss. Das fand ich eine schöne Doppelbödigkeit für die Leute, die das entdecken. Der großen Masse wird das natürlich zurecht egal sein.

Wie blicken Sie auf die zwei Silbernen Bären der Berlinale zurück? Es war eigentlich nicht damit zu rechnen, dass ein solch unterhaltsamer Film mit der besten schauspielerischen Leistung und dem besten Drehbuch prämiert wird.

LAILA STIELER: Für mich ist es immer noch ein komplett unwirkliches Ereignis. Ich habe den Bären jetzt bei mir Zuhause stehen. Es hat also wirklich stattgefunden. Natürlich habe ich gehofft, dass der Film und Meltem Kaplan vielleicht berücksichtigt werden. Aber für mich war es schon eine so große Sache, dass wir überhaupt bei der Berlinale laufen. Schon damit hab ich nicht gerechnet. Und dann kam immer noch mehr oben drauf.

ANDREAS DRESEN: Ich habe mich besonders über den Drehbuch-Preis gefreut, weil ich die Wahrnehmung von Drehbuchautoren in der Öffentlichkeit generell unterbelichtet finde. Ich empfand es als höhere Form von Gerechtigkeit, dass da endlich mal ein anderer Fokus gesetzt wurde. Ich bin mit Laila seit fast 40 Jahren befreundet und wir arbeiten schon lange intensiv miteinander. Dann ist es in der Öffentlichkeit aber ungerechtfertigterweise immer nur ein Film des Regisseurs. Das finde ich doof und ärgere mich auch darüber. Deswegen schreibe ich in Film und Werbung auch immer die Autoren zuerst, dann erst die Regie. Die Drehbuchautoren sind die Menschen, welche die Geschichten, Figuren und Dialoge erfinden. Das ist eine langwierige, komplexe und manchmal auch einsame Arbeit. Ich finde, dass das nicht hinreichend gewertgeschätzt wird. Deswegen habe ich mich in diesem Fall ganz besonders über den Preis gefreut, weil bei unseren Arbeiten mindestens zu 50 Prozent auch immer Laila Stieler drinsteckt.

Wie haben Sie denn den nicht ganz einfach von der Zunge gehenden Filmtitel durchgedrückt bekommen?

LAILA STIELER: Für mich ist ein Titel erst einmal das Programm. In diesem Fall: Rabiye Kurnaz - die kaum jemand kennt - gegen den damals mächtigsten Mann der Welt, also George W. Bush, den fast jeder kennt. Und das funktioniert, glaube ich: Den Namen hab ich vergessen, aber da tritt irgendwer gegen George W. Bush an. Aber ich bin absolut nicht der Titelspezialist. Ich schreibe einen Titel über das Drehbuch und denke mir: Das wird wahrscheinlich sowieso nochmal geändert.

ANDREAS DRESEN: Das habe ich auch immer gedacht. Aber dann haben wir nichts wirklich Besseres gefunden. Im übrigen werden Titel auch überschätzt. Was ist denn zum Beispiel eine "Licorice Pizza"? Ich würde wetten, dass die Hälfte des deutschen Publikums den Titel des wunderbaren Hollywoodfilms gar nicht versteht. Trotzdem ist er gut gelaufen. Ein Film braucht ein eigenes Image. Dabei kommen alle möglichen Elemente der öffentlichen Wahrnehmung zusammen. Eines davon ist der Titel. An der Kinokasse sagen die Menschen bei uns wahrscheinlich: Irgendwas mit George Bush, mit der türkischen Mutter, soll ganz lustig sein, da gehen wir mal rein. Das läuft nicht so akademisch. Und ein etwas sperrigerer Titel kann sich ja auch gerade deswegen einprägen.

Beim nächsten Kinoprojekt "In Liebe, eure Hilde" über die Gruppe um die Widerstandskämpferin Hilde Coppi arbeiten Sie wieder zusammen. In welchem Status befindet sich das Projekt?

LAILA STIELER: Ich habe gerade die vierte Fassung geschrieben.

ANDREAS DRESEN: Wir sind glücklicherweise, was man selten hat, vier Monate vor Produktion komplett finanziert, haben Verleih und Weltvertrieb. Liv Lisa Fries spielt die Hauptrolle, worüber ich mich sehr freue. Wir wollen Ende August drehen, weil der Film zum großen Teil im Sommer spielt.

Das Interview führte Michael Müller