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Den Kindern eine Stimme - Programmchefin Astrid Plenk über 25 Jahre Ki.KA

Ki.KA-Programmgeschäftsführerin Astrid Plenk freut sich im Interview mit Blickpunkt:Film über die 25jährige Erfolgsgeschichte des Senders, setzt sich mit konkreten Kritikpunkten auseinander und bedauert die mangelnde Wertschätzung ihrer Zielgruppe durch die Gesellschaft.

22.04.2022 08:08 • von Frank Heine
Programmgeschäftsführerin Astrid Plenk (Bild: Ki.KA)

KiKA-Programmgeschäftsführerin Astrid Plenk freut sich im Interview mit Blickpunkt:Film über die 25jährige Erfolgsgeschichte des Senders, setzt sich mit konkreten Kritikpunkten auseinander und bedauert die mangelnde Wertschätzung ihrer Zielgruppe durch die Gesellschaft.

Frau Plenk, als der Kinderkanal von ARD und ZDF im Januar 1997 auf Sendung gegangen ist, waren Sie noch Studentin. Haben Sie die Entwicklung im Kinderfernsehen damals schon verfolgt?

ASTRID PLENK: Sogar sehr konkret, weil ich auch als Erwachsene noch gern Kinderfernsehen geschaut und das Angebot des Kinderkanals sehr geschätzt habe.

Hätten Sie vor 25 Jahren gedacht, dass der spätere Ki.KA eine derartige Erfolgsgeschichte werden könnte?

ASTRID PLENK: Tatsächlich ja, weil mir eingeleuchtet hat, wie klug und wichtig der Ansatz war, den Kindern ein eigenes Programm und damit auch eine eigene Stimme zu geben. Der KiKA hat schon damals nicht nur das Beste von ARD und ZDF kombiniert, sondern bereits spezifische Angebote gemacht. Die Zielgruppe wird ja gern über einen Kamm geschoren, aber es bestehen natürlich erhebliche Unterschiede zwischen Drei- und Dreizehnjährigen. Der KiKA hat stets widergespiegelt, was sich in den verschiedenen Altersegmenten gerade tut.

Es gab zum Start des Kinderkanals die Befürchtung, das Kinderfernsehen verschwinde mit der Auslagerung in ein eigenes Programm aus dem Blick der Erwachsenen. Hat sich das aus Ihrer Sicht bewahrheitet?

ASTRID PLENK: Ich kann die Kritik nachvollziehen, teile sie aber nicht. Zum einen ist ein Angebot für Kinder nach wie vor in den Hauptprogrammen vertreten, zum anderen sind die Angebote heutzutage auch digital auffindbar. Die vermeintliche "Auslagerung" ist außerdem keine Ausgrenzung, sondern im Gegenteil sogar die bessere Sichtbarmachung. Eine ganz andere Frage ist allerdings, ob das Ki.KA-Angebot auch eine angemessene publizistische Wertschätzung erfährt. Warum wird so viel weniger über Kinderfernsehen und Angebote berichtet als über das Erwachsenenprogramm? Warum rangiert das Kinderprogrammangebot, wenn überhaupt, irgendwo am Ende? Das hat bestimmt nichts damit zu tun, dass es nicht mehr in der früheren Form im ersten und im zweiten Programm präsent ist, aber sehr viel damit, wie Kinder in der Gesellschaft positioniert sind.

Weil Kinder keine Lobby haben, wie es heißt?

ASTRID PLENK: Es ist zumindest nicht zu übersehen, dass die Belange der Kinder keine besonders exponierte Rolle spielen, wie die Zeit der Pandemie deutlich vor Augen geführt hat. Die Bedürfnisse der Kinder haben bei all den Überlegungen und Maßnahmen nicht gerade im Mittelpunkt gestanden, und dabei denke ich nicht nur an die mangelhafte digitale Ausstattung der Schulen. Wo werden Kinder denn gehört, wo werden ihre Themen abgebildet?

Im Kinderkanal?

ASTRID PLENK: Genau. Es geht dabei nicht nur um Ängste und Sorgen, Kinder haben ja auch etwas zu sagen, und der KiKA bietet ihnen dafür eine Plattform.

Kommen wir zu konkreten Kritikpunkten. In den Kommissionen der Grimme-Jury "Kinderfernsehen" werden seit Jahren immer wieder die gleichen Defizite bemängelt: Das Programm bietet jenseits von Zeichentrick zu wenig Fiktion und hat keinen Platz für kurze Einzelstücke.

ASTRID PLENK: Ich weise diese Kritik zurück. Gerade mit unseren regional produzierten Serien - Schloss Einstein" aus Erfurt, Die Pfefferkörner" aus Hamburg - sind wir ganz dicht an den Lebenswelten der Kinder. In dieser Hinsicht sind wir vorbildlich, denn bei den Mitbewerbern werden in erster Linie Highschool-Geschichten aus den USA oder Australien erzählt.

Wie steht's um den Spielfilm?

ASTRID PLENK: Im linearen Programm haben wir vier Spielfilmplätze, im Ki.KA-Player und auf KiKA.de bieten wir eine sorgfältig kuratierte Spielfilmmischung mit originären Stoffen und kommerziellen Titeln wie "Bibi und Tina" oder Meine Freundin Conni". Es ist uns ein besonderes Anliegen, auch Produktionen aus Skandinavien, Belgien oder Holland sichtbar zu machen. Das sind Länder mit einer großen Kinderfilmtradition, aber diese Filme kommen in der Regel nicht in unsere Kinos. Außerdem engagieren wir uns gemeinsam mit anderen Sendern und verschiedenen Förderern für den "Besonderen Kinderfilm". Auf diese Weise konnten wir renommierte kreative Kräfte wie etwa Lars Montag oder Marcus H Rosenmüller gewinnen. Als die Kinos wegen Corona geschlossen waren, haben wir im Sommer 2020 ein Ki.KA-Kino-Festival mit ausgewählten Filmen der verschiedenen Kinderfilmfestivals veranstaltet, online ergänzt um weitere Angebote, darunter Interviews und die Vorstellung der Kinderjurys. 2021 haben wir das an Pfingsten erneut aufgelegt.

Was ist mit Kurzfilmen? Für kurze Einzelstücke ist doch im formatierten Programm gar kein Platz.

ASTRID PLENK: Trotzdem wollen wir den Kurzfilm stärken, weil sich auch in der knappen Form tolle Geschichten für Kinder erzählen lassen. Auf Basis der positiven Erfahrungen der beiden Filmfestivals, die bei den Kindern sehr gut angekommen sind, werden wir im November ein Kurzfilmfestival ausstrahlen, und zwar auf den linearen Spielfilmsendeplätzen Freitag bis Sonntag und in den digitalen Angeboten.

Ein weiterer Vorwurf aus den Grimme-Kommissionen lautet: Der Ki.KA zeigt nur Kinder aus der Mittelschicht und blendet soziale Verwerfungen aus.

ASTRID PLENK: Diesen Eindruck kann ich überhaupt nicht teilen. Ich war in der MDR-Redaktion Kinder und Familie jahrelang für "Schloss Einstein" verantwortlich und kann versichern, dass in dieser Serie Diversität in jeglicher Hinsicht eine große Rolle spielt, und das umfasst auch die Themen, von denen wir in unseren dokumentarischen und fiktionalen Formaten erzählen. Dabei bilden wir selbstverständlich auch die Lebenswelten von Gruppen ab, die in der Gesellschaft eine Minderheit bilden. Luft nach oben gibt es immer, aber das Angebot von KiKA ist in dieser Hinsicht wirklich beispielhaft. Und aktuell: Wir haben in verschiedenen Sendungen auf den Krieg in der Ukraine reagiert und Kindern die Möglichkeit gegeben, sich dazu zu positionieren.

Ein letzter Kritikpunkt betrifft die Innovation. Die bekanntesten Programmmarken - Die Sendung mit der Maus", "Sesamstraße", "Löwenzahn" - sind alle älter als der Ki.KA. Die jüngste Marke, "KiKANiNCHEN", ist Jahrgang 2009.

ASTRID PLENK: Das ist richtig, aber dabei wird gern übersehen, dass wir mit diesen Formaten einen sehr innovativen Umgang pflegen. Es ist eine große Kunst, die etablierten Marken immer wieder mit neuem Leben zu füllen, und zwar auf eine Weise, die dem Markenkern treu bleibt, aber dennoch technische und erzählerische Entwicklungen berücksichtigt. Auch "KiKANiNCHEN" hat sich in den letzten 13 Jahren extrem weiterentwickelt. Wir werden die Produktionsform in diesem Jahr komplett umstellen, um noch schneller auf aktuelle Themen reagieren und die Kinder noch stärker einbeziehen zu können. Für uns ist das ein großer innovativer Schritt. Außerdem probieren wir ständig neue Dinge aus. Das Kinderprogramm ist für neue Genremischungen oder Erzählweisen oft viel offener als das Programm für Erwachsene.

Lässt sich das belegen?

ASTRID PLENK: Natürlich. Ein aktuelles Beispiel ist "Young Crime", ein True-Crime-Format vom ZDF, das einen Mix aus Moderation, Fakten und nachgestellten Szenen bietet. Im letzten Jahr haben wir "Moooment!" produziert, eine fünfteilige Comedy-Serie, mit der wir das Thema Alltagsrassismus in einen ganz neuen Zusammenhang gebettet haben, das ist bei der Zielgruppe sehr gut angekommen und hat eine große Resonanz in den Medien erhalten. Auch im Bereich Webserie passiert sehr viel. Das ZDF lässt eine zweite Staffel der Serie "Echt" produzieren, in einer ganz anderen Produktionsweise und Optik als "Schloss Einstein". Die letztjährige Sommerferienserie "Abgetaucht" ist ein Beleg dafür, dass wir auch im Bereich Fiktion aktuelle Themen schneller aufgreifen. Die Serie hat den ausgefallenen Sommerurlaub mit Aspekten wie Social Media und Fake News verknüpft, zwischen Idee und Ausstrahlung lagen gerade mal drei Monate. Magazine wie "Pur+" befassen sich regelmäßig mit heiklen Themen, aber eine fiktionale Bearbeitung wirkt oftmals nachhaltiger. In "Geheime Schatten" geht es demnächst um Depression bei Kindern, in "Kalinka08 - Melde dich bitte" von Axel Ranisch ging es um häusliche Gewalt. Derzeit entwickeln wir in Zusammenarbeit mit der Akademie für Kindermedien eine Webserie über Künstliche Intelligenz, das ist ein Thema, an dem Kinder sehr interessiert sind.

Über den Status des Kinderfernsehens in der Gesellschaft haben wir schon gesprochen. Wie ist der Status in der Medienlandschaft?

ASTRID PLENK: Es wird zunehmend erkannt, wie wichtig die Zielgruppe Kinder ist. Der Ki.KA hat innerhalb seines Segments schon immer eine Vorreiterrolle eingenommen, die Mitbewerber schauen sehr genau auf unser Programm und haben ihr Portfolio entsprechend erweitert. Was sich in den 25 Jahren nicht verändert hat, ist unser Anspruch: Qualität, Vielfalt, Fokussierung auf die Belange der Kinder, Unabhängigkeit, Genrevielfalt in der Zielgruppenspezifik. Aber die Medienlandschaft ist heute natürlich eine ganz andere, auch die Nutzungsmuster haben sich entsprechend gewandelt. Unser Angebot wird bereits im Vorschulalter verstärkt via Tablet genutzt, weil auch die heutigen jungen Eltern eine ganz andere Form der Mediennutzung pflegen als ihre Mütter und Väter. Mit zunehmendem Alter verstärkt sich zudem die Unabhängigkeit der Kinder. Sie wissen sehr genau, was sie auf welchem Gerät sehen wollen. Der elterliche Einfluss nimmt immer mehr ab, das Nutzungsverhalten wird spezifischer, viele YouTube-Kanäle sind auf bestimmte Themen und Hobbys ausgerichtet.

Erreicht der KiKA überhaupt noch alle Kinder?

ASTRID PLENK: Das ist exakt die Frage, die wir uns stellen. Wir haben deshalb die Gruppe der 10- bis 13-Jährigen noch stärker in den Fokus genommen. Die letzten beiden Jahre waren in dieser Hinsicht sehr erfolgreich, aktuell sind wir in dieser Zielgruppe Marktführer, und zwar über alle Sender hinweg. Das hat uns sehr ermutigt, zumal es gern heißt, in diesem Alter seien die Kinder zu cool für den Ki.KA, aber so uncool sind wir offensichtlich gar nicht. Wir werden diese Linie stringent weiterverfolgen und ausbauen. Dabei ist auch die Zusammenarbeit mit funk wichtig.

Super RTL schmückt sich ebenfalls mit der Marktführerschaft. Wer hat Recht?

ASTRID PLENK: Unsere Zahlen beziehen sich auf unsere Sendezeit von 6.00 bis 21.00 Uhr. Super RTL bezieht sich auf die Zeit von 6.00 bis 20.15 Uhr und addiert die Zahlen von Toggo und Toggo+; das wäre so, als würden wir bei unseren Marktanteilen auch die Wochenend-Kinderstrecke im Ersten und im ZDF berücksichtigen.

Wie sehen Ihre Digitalpläne aus?

ASTRID PLENK: Die digitalen Nutzungszahlen steigen stetig, und wir wollen den Erfolg des KiKA noch stärker ins Digitale übertragen und die Digitaladaptionen weiter ausbauen. Das Webangebot KiKA.de wird im Laufe des Jahres mit einer neuen Performance neben anderen Projekten unserer Digitalagenda umgesetzt und starten. YouTube ist die meistgenutzte Drittplattform der Zielgruppe und auch für uns entsprechend wichtig. Außerdem wollen wir alle digitalen Angebote im Sinne der Customer Journey weiter gut miteinander verschränken. Wir probieren viel aus, um die linearen und die nonlinearen Angebote bestmöglich miteinander zu verknüpfen, damit Kinder, die digital einsteigen, zum KiKA finden, und das KiKA-TV-Publikum die Vielfalt der digitalen Ki.KA-Welt entdecken kann.

Das Interview führte Tilmann P. Gangloff