Kino

Kino-Jahresausblick leicht eingetrübt

Das Kinojahr 2022 entwickelt sich bislang nicht ganz so positiv, wie es die Experten von Gower Street zunächst erwartet hatten. Die noch aus dem Dezember stammende Jahresprognose für das weltweite Boxoffice wurde nach Abschluss des ersten Quartals nach unten angepasst. Vor allem die USA hatten nach den ersten drei Monaten noch viel aufzuholen, auch wenn der März gerade dort für bessere Nachrichten sorgte.

20.04.2022 10:59 • von Marc Mensch
"The Batman" dominierte das globale Kinogeschäft im März (Bild: Warner)

Dass die globalen Kinoumsätze 2022 einen neuen, deutlichen Höchststand während der Pandemie erreichen werden, steht im Prinzip außer Frage - zumal diese Einschätzung durch die Ergebnisse nach dem ersten Quartal klar gestützt wird. Nach Schätzung der Zahlenspezialisten von Gower Street konnten im ersten Quartal weltweit rund 6,6 Mrd. Dollar mit Ticketverkäufen erzielt werden; dies entspräche rund 56 Prozent des gesamten Jahresergebnisses von 11,8 Mrd. Dollar aus 2020 und knapp einem Drittel (31 Prozent) des Gesamtergebnisses von 21,3 Mrd. Dollar, die 2021 erzielt wurden.

Im Drei-Jahres-Vergleich stach nicht zuletzt der März 2022 hervor, der mit einer geschätzten Gesamtsumme von 1,8 Mrd. Dollar um mehr als eine Milliarde Dollar über den Resultaten aus dem März 2020 (rund 750 Mio. Dollar) lag, in dessen späteren Verlauf die Pandemie das Kinogeschäft rund um den Globus nahezu zum Erliegen brachte. Auch die Umsatzzahlen aus dem März 2021 (973 Mio.) konnten um rund 83 Prozent übertroffen werden.

Insgesamt lässt sich gerade gegenüber dem zweiten Pandemiejahr eine deutliche Erholung feststellen, so übertraf das Zwischenergebnis 2022 jenes aus dem Vorjahr nach dem ersten Quartal um rund 56 Prozent. Gleichzeitig lässt sich aber noch eine ganz erhebliche Lücke gegenüber dem Ergebnisschnitt der drei Vor-Pandemie-Jahre 2017 bis 2019 feststellen, der sich auf knapp 40 Prozent oder etwa 4,2 Mrd. Dollar belief.

Dabei steht China trotz der massiven Schwäche des Marktes in den vergangenen, durch weitreichende Lockdowns geprägten, Wochen sogar noch vergleichsweise gut da, wenn man das Gesamtquartal betrachtet. Tatsächlich beläuft sich der Rückstand im Reich der Mitte (auch für die Vorjahre nach dem aktuellen Wechselkurs berechnet) nur auf etwa 0,5 Mrd. Dollar. Die bislang erzielten 2,2 Mrd. stehen für ein Minus gegenüber dem Vor-Pandemie-Schnitt von 18 Prozent. Am negativsten fällt das Bild für den nordamerikanischen Markt aus, dessen Zwischenstand von 1,4 Mrd. Dollar nur etwas mehr als die Hälfte der 2,7 Mrd. Durchschnittsergebnis aus den Jahren 2017 bis 2019 bedeutet. Bei den internationalen Märkten (ohne China) lag der Rückstand nach dem ersten Quartal bei 44 Prozent; rund drei Mrd. Dollar Einspiel stehen hier dem Vergleichswert von 5,3 Mrd. gegenüber.

Immerhin: Im März kam etwas mehr Leben in den nordamerikanischen Markt. Mit Hits wie The Batman" und Sonic the Hedgehog 2" schafften die dortigen Kinos den drittbesten Monat seit Beginn der Pandemie, die 597 Mio. Dollar Umsatz lagen "nur" um 40 Prozent unter dem Schnitt der Vorjahre. Diese Entwicklung wird unter anderem von der jüngsten Erfolgsmeldung des kanadischen Marktführers Cineplex gestützt. Auch in den internationalen Märkten (ohne China) stand der März für einige positive Nachrichten, laut Gower Street lässt sich dort vom viertbesten Monat der Pandemie sprechen.

Ganz anders das jüngste Bild in China, wo die Regierung ihre knallharte "Null-Covid-Strategie" mit weitreichenden Lockdowns verfolgt. Dort wurde im März 2022 mit gerade einmal 143 Mio. Dollar das mit Abstand schlechteste Ergebnis seit der Rückkehr aus dem Lockdown im Juli 2020 verzeichnet. Selbstverständlich sind die Kinoschließungen der primäre Grund für diesen Absturz, laut Gower Street standen die noch geöffneten Kinos gegen Ende des ersten Quartals nur noch für gut die Hälfte des Marktes nach Umsatz - gelitten haben dabei nicht zuletzt die großen US-Blockbuster, die im Reich der Mitte durch die Bank schwache Resultate erzielten.

Unter dem Strich fiel das Quartalsergebnis in China gegenüber 2021 um 22 Prozent, in Hong Kong waren es sogar 75 Prozent. Nur zwei weitere der 30 von Gower Street für den "State of the Market"-Report erfassten Märkte fielen im bisherigen Verlauf von 2022 hinter das Vorjahresergebnis zurück, wobei sich Taiwan mit minus zwei Prozent nahezu stabil halten konnte. Was bleibt, ist natürlich Russland, das wegen des Überfalls auf die Ukraine international isoliert wurde. Dort stand bis Ende März ein Rückgang um 18 Prozent gegenüber 2021 zu Buche, der sich aktuell natürlich weiter vergrößert.

In seiner Quartalsbetrachtung betont Gower Street ausdrücklich, dass die "regionalen Besonderheiten" (Lockdown und Krieg) zunächst einmal nicht als "erhöhtes Risiko" für die Erholung in den übrigen Märkten zu werten sind - anmerken darf man allerdings, dass der weitgehende Wegfall zweier großer Kinoterritorien nicht nur per se die globalen Gesamtergebnisse drückt, sondern perspektivisch durchaus Einfluss auf Auswertungsstrategien im Einzelfall haben könnte.

Und tatsächlich stellte Gower-Street-CEO Dimitrios Mitsinikos anlässlich der jüngsten Jahresprognose für 2022 fest, dass China aktuell eine große Unbekannte sei, einer der Hauptfaktoren, die für mehr Unsicherheit beim Boxoffice-Ausblick für die kommenden Monate sorgten. Nachdem man im Dezember 2021 noch von einem Jahresergebnis von etwa 8,2 Mrd. ausgegangen war, sieht man nun 7,7 Mrd. als realistisch an - dies wäre ein Zuwachs von nur etwa 0,4 Mrd. gegenüber dem Vorjahresergebnis.

Generell hat sich der Blick auf die Entwicklung des globalen Geschäfts gegenüber der Prognose von Ende 2021 nun etwas eingetrübt. Hatte man vor rund vier Monaten noch ein weltweites Einspiel von 33,2 Mrd. Dollar erwartet, geht man nun von 31,5 Mrd. aus. Den USA und Kanada traut man noch 8,7 Mrd. Dollar zu, hier senkte man die ursprüngliche Schätzung sogar um rund 0,5 Mrd. Dollar.

Sorgen macht den Analysten vor allem die wirtschaftliche Entwicklung. Denn auch wenn man diesen Punkt nicht explizit benennt, kommen zu den massiven Verwerfungen durch die Pandemie nun auch jene durch Russlands Angriffskrieg und die Reaktionen der internationalen Gemeinschaft darauf hinzu. Während die Zeichen in vielen Kernmärkten auf anziehender Inflation stehen, mahnt Mitsinikos, dass man erwartet, dass Preissteigerungen zulasten der Besucherzahlen gehen würden.

Optimistisch zeigt sich Gower Street allerdings hinsichtlich eines anderen, ganz wesentlichen Faktors, der die vergangenen Monate prägte: Die Konzentration des Geschäfts auf wenige Tentpoles. So hänge der Erfolg der sogenannten "Mittelware" vor allem von der Bewerbung in den Kinos ab. Das "symbiotische Verhältnis" zwischen Blockbustern und mittleren Filmen bedeute, dass mit den zunehmenden Starts großer Titel auch die mittleren wieder mitgezogen würden.

Und noch ein weiterer, gerade für das Jahresendgeschäft in Deutschland mitentscheidender Punkt: Die Analysten gehen davon aus, dass sich eine Fußball-WM im Winter deutlich weniger negativ auf andere Freizeitaktivitäten wie das Kino auswirken wird, als ein Turnier im Sommer. Man kann nur hoffen, dass Gower Street hier richtig liegt.