Kino

Durchwachsene Bilanz für das erste Kinoquartal in Deutschland

Die deutschen Kinos haben das vorerst letzte Quartal mit strikten Restriktionen mit einem Besucherergebnis abgeschlossen, das noch um fast 50 Prozent unter jenem des Jahresauftakts 2019 lag. Der deutsche Film spielte zunächst noch eine untergeordnete Rolle, wie die nun von Comscore veröffentlichte Bilanz zeigt.

11.04.2022 10:39 • von Marc Mensch
"The Batman" war der erfolgreichste Neustart im ersten Quartal (Bild: Warner)

Dass die Veröffentlichung der (vorläufigen) Comscore-Bilanz zum ersten Kinoquartal in Deutschland just auf das mit Abstand stärkste Wochenende des Jahres mit dem bislang besten Debüt 2022 durch den bald Bogey-gekrönten Phantastische Tierwesen: Dumbledores Geheimnisse" fiel, darf man durchaus als besonderen Glücksfall bezeichnen. Denn allzu viel Anlass zur Freude bietet der Rückblick auf die zwischen Anfang Januar und Anfang April (aufgrund der Zählweise in Spielwochen läuft das Comscore-Quartal vom 06.01. bis 06.04.) erzielten Zahlen noch nicht, auch wenn dem insgesamt durchwachsenen Gesamtergebnis immerhin einzelne Top-Resultate gegenüberstehen.

Unter dem Strich reichte es im ersten Quartal - dem vorerst letzten mit flächendeckenden Restriktionen - für gut 14,5 Mio. Besucher und knapp 133 Mio. Euro Ticketumsatz. Gegenüber dem Vergleichszeitraum 2021, als sich nahezu sämtliche Kinos im Lockdown befanden, bedeutet das natürlich Steigerungen um fünfstellige Prozentwerte. Wirklich relevant ist jedoch nur der Vergleich mit 2019. Damals waren knapp 27,4 Mio. Besucher und gut 234 Mio. Euro Boxoffice gezählt worden, nach gelösten Tickets lagen die Resultate im abgelaufenen ersten Quartal also noch um rund 47 Prozent unter jenen vor der Pandemie.

Damit konnte der deutsche Kinomarkt zwar zumindest Teile des Einbruchs wieder gutmachen, die er im November/Dezember 2021 mit neuerlich verschärften Auflagen, punktuellen Schließungen und wachsenden Vorbehalten gegenüber Veranstaltungen erlitt, allerdings war das Geschäft enorm weit von jenem Erholungsniveau entfernt, das es im Sommer 2021 bereits erreicht hatte. Tatsächlich fällt der ermittelte Rückstand zu den Vor-Pandemie-Zahlen (wie bereits prognostiziert) ziemlich genau in die Mitte zwischen jenem im Dezember (59 Prozent) und jenem, den die FFA für das gesamte zweite Halbjahr 2021 (36 Prozent) ermittelt hatte.

Dass es noch nicht für bessere Ergebnisse reichte, ist indes auch der Filmversorgung geschuldet. Denn nicht nur die US-Studios zeigten sich (was sich auch ganz klar an den US-Zahlen ablesen lässt) in den vergangenen Monaten noch etwas verhalten beim Start der großen Blockbuster. Auch seitens des deutschen Films hieß die Devise mit Einbruch der Omikron-Welle vielfach wieder "abwarten" - und so wanderten diverse Hochkaräter auf spätere Starttermine. Ein Vorgehen, das nicht zuletzt vor dem Hintergrund nachvollziehbar ist, dass es der Politik bis zuletzt nicht gelang, für den Verleih eine ähnliche Risikoabsicherung zu schaffen wie für Produktion und Abspiel, allzu oft hatten Verleiher in den vergangenen zwei Jahren das Nachsehen, wenn Kampagnen in plötzliche Lockdowns oder andere harte Restriktionen zum geplanten Starttermin mündeten.

Die Folgen lassen sich am deutschen Marktanteil im ersten Quartal bestens ablesen: Denn auch wenn der deutsche Besuchermillionär Wunderschön" auf Platz 3 der Quartals-Hitliste zu den großen Gewinnern der letzten Monate zählt: Für mehr als magere 16 Prozent Besucheranteil reichte es für deutsche Koproduktionen insgesamt nicht. Tatsächlich stand "Wunderschön" laut Comscore alleine für ganze 60 Prozent der gut 2,37 Mio. für deutsche Filme gelösten Tickets.

Unter dem Strich wurden 2022 bislang rund ein Drittel (42 vs. 61) weniger deutsche Filme gestartet als im Vergleichszeitraum 2019, ähnlich sieht das Verhältnis (134 vs. 190) bei der Gesamtheit der Neustarts aus. Wobei die reine Anzahl zweitrangig ist, zumal über Jahre viel zu viele Filme auf die Leinwände drängten. Entscheidend ist, dass es vor allem die größeren Filme waren, die mitunter noch einmal auf die etwas längere Bank geschoben wurden.

Was tatsächlich an Hochkarätern auf die Leinwände kam, wusste in der Regel dann auch zu überzeugen. So konnten, angeführt von The Batman", unter den Neustarts immerhin vier Besuchermillionäre mit relativ ähnlichen Gesamtzahlen von gut 1,4/1,5 Mio. Besuchern gezählt werden, Spider-Man: No Way Home" steuerte als "Überläufer" im laufenden Jahr rund zwei Mio. Besucher zu seinem herausragenden Gesamtergebnis bei (laut der erst am 06. Januar einsetzenden Comscore-Zählung waren es 1,7 Mio. Tickets).

Hart umkämpft war - wie in den USA - die Marktführerschaft im ersten deutschen Kinoquartal. Laut den vorläufigen Comscore-Zahlen setzte sich Sony (die auch mit der Games-Adaption "Uncharted" ordentlich punkten konnten) am Ende mit 23,8 Prozent Umsatzanteil hauchdünn vor Warner mit 23,7 Prozent durch, auf Rang 3 folgte Universal mit 16,9 Prozent. Stärkeres Gewicht als in den USA kam hierzulande den Filmen von Disney zu, das Maus-Haus landete mit neun Prozent Marktanteil noch vor Paramount (7,5 Prozent) auf Rang 4. Erfolgreichster deutscher Verleih war Leonine mit 5,3 Prozent Umsatzanteil, während die sonst stets in den oberen Regionen zu findende Constantin mit 0,6 Prozent auf Rang 12 landete. Kein Wunder, denn die Münchner hatten 2022 im Zuge weitreichender Pandemie-bedingter Verschiebungen noch keinen einzigen Neustart, drehen dafür aber nun ab dem zweiten Quartal auf.

Auffällig ist unter anderem die Platzierung von AF-Media und AV Visionen in der Top Ten der erfolgreichsten Verleihunternehmen, geschuldet war dies den Überraschungserfolgen Bergen" bzw. "Jujutsu Kaisen 0".

Noch kurz ein Wort zu den Eintrittspreisen: Diese stiegen sowohl im Gesamtmarkt (9,16 Euro) als auch für den deutschen Film (8,59 Euro) auf neue Höchststände. Im Durchschnitt verteuerten sich Tickets gegenüber dem ersten Quartal 2019 um über 50 Cent oder rund sechs Prozent, beim deutschen Film waren es sogar gut 80 Cent oder fast elf Prozent. Angesichts der teils massiven Kostensteigerungen in vielen Bereichen ist davon auszugehen, dass sich die Schraube noch im Verlauf des Jahres weiter drehen wird; hinzu kommt, dass einzelne Verleiher das zuletzt zusehends schwächer werdende 3D-Geschäft wieder stärker ankurbeln wollen, "Avatar 2" soll in diesem Bereich ohnehin eine neue Messlatte setzen.