Kino

Johannes Schmid über "Geschichten vom Franz": "Universell und zeitlos"

Lola-Preisträger Johannes Schmid hat mit "Geschichten vom Franz" einen österreichischen Kinderbuch-Klassiker verfilmt. Über den Reiz an dieser besonderen Arbeit und seine Sichtweise auf Familienfilme erzählt er hier.

13.04.2022 07:43 • von Barbara Schuster
Johannes Schmid ist Regisseur von "Geschichten vom Franz"; Teil zwei wird bereits vorbereitet (Bild: Patrick Miller)

Lola-Preisträger Johannes Schmid hat mit Geschichten vom Franz" einen österreichischen Kinderbuch-Klassiker verfilmt. Über den Reiz an dieser besonderen Arbeit und seine Sichtweise auf Familienfilme erzählt er hier.

Mit "Blöde Mütze" und Wintertochter" legten Sie bereits Filme für ein junges Kinopublikum vor. Mit Agnes" haben Sie zuletzt formal wie inhaltlich neue Wege eingeschlagen. Sehen Sie sich dennoch als Kinderfilmregisseur?

Das ist eine schwierige Frage. In erster Linie sehe ich mich als Filmemacher. Meine Karriere lebt davon, dass ich mich nicht richtig festlegen lasse. Neben meinen Filmen arbeite ich ja zum Beispiel auch immer wieder für die Bühne. Ich habe ein paar Jahre keine Oper mehr inszeniert und merke, dass ich wieder Lust auf Oper hätte. Nach der Oper denke ich sicherlich, wie schön es wäre, sich mal wieder mit Schauspielern im dunklen Theaterraum einzusperren oder einen Film zu inszenieren. Ich schöpfe aus der Abwechslung. Aber stimmt schon, der Kinderbereich hat immer eine große Rolle gespielt, sowohl beim Film als auch bei den Bühnensachen. Bei meinen knapp 50 Inszenierungen sind ungefähr die Hälfte für ein Kinderpublikum. Ich fühle mich ernsthaftem Erzählen für Kinder sehr zugewandt, versuche gerne, mich in die Kinderperspektive hineinzufühlen. Und wie wichtig und sinnvoll es ist, besonders einem jungen Publikum interessante Geschichten und Identifikationsangebote zu geben, liegt für mich auf der Hand.

Wie kam "Geschichten vom Franz" zu Ihnen? Ist es nicht ungewöhnlich, dass ein aus Niederbayern stammender Regisseur einen Klassiker aus Österreich inszeniert?

Meine früheren Filmprojekte waren alle sehr stark von mir getrieben, bei "Blöde Mütze" und "Agnes" habe ich auch die Drehbücher jeweils mit einem/r Ko-Autor/in selbst geschrieben, und auch bei "Wintertochter" war ich von Anfang an in der Bucharbeit involviert . Bei "Geschichten vom Franz" erhielt ich einen Anruf, erst vom deutschen Koproduzenten Ingo Fliess, dann von Michael Kitzberger von der federführendenNikolaus Geyrhalter Filmproduktion aus Wien. Warum sie sich für mich entschieden haben, müssen Sie die Produzenten fragen. Ich habe mich auf jeden Fall sehr über das Angebot gefreut und fand von Anfang an spannend, dass "Geschichten vom Franz" mit seiner populären Vorlage ein großes Publikum ansprechen kann und trotzdem die Qualitäten eines ehrlich erzählten Kinderfilms mit sich bringt, wie es "Wintertochter" und "Blöde Mütze" auch taten - die aber eben eher kleinere Arthouse-Kinderfilme waren.

Das Drehbuch stammt von Sarah Wassermair. Welchen Ansatz hat sie verfolgt, wie haben sie beide zusammengearbeitet? Und spielte Christine Nöstlinger in Ihrer Vergangenheit eine Rolle?

Als ich im Herbst 2020 zu dem Projekt stieß, lag das Drehbuch von Sarah bereits in einer recht weit entwickelten Fassung vor, auf der wir dann gemeinsam aufgebaut haben und in die ich bis zum Frühjahr 2021 meine Ideen und Visionen einbringen konnte. Sarah ist eine starke Verfechterin des Nöstlinger-Kosmos und hat es toll geschafft, aus diesen kleinen Geschichten einen Storybogen in Kinolänge zu erschaffen. Ihr ist es gelungen, den Charme, das Nostalgische der Nöstlinger-Bücher in einen modernen, guten Filmplot zu überführen, der, natürlich stets im Kosmos der kleinen Geschichten mit ihren Figuren, ihren eigenen Ideen entwuchs. Sie konnte ja auf keinen großen Roman zurückgreifen, weil es sich bei den "Geschichten vom Franz" wirklich nur um jeweils sehr kurze Geschichten handelt. Das Thema Rollenbilder oder Geschlechterbilder, das im Film durch den Influencer-Plot ja eine große Rolle spielt, hätte der Feministin Christine Nöstlinger sicher gefallen! Wir wollten zwar den leicht nostalgischen Blick zurück in die eigene Kindheit wahren, aber mit heutigen Kindern erzählen. Bei den emotionalen Problemen, mit denen sich die Kinder in "Geschichten vom Franz" beschäftigen müssen, Loyalität, Freundschaft, wie grenze ich mich ab - oder konkret: wie besiegt man die Angst vor dem Keller - spielt es keine Rolle, ob sie aus den Achtzigern oder der Gegenwart stammen. Sie sind universell und zeitlos. Nur das Gewand verändert sich. Der emotionale Kern des Kindseins ist der gleiche geblieben. Und doch war es ein Balanceakt, auch in der Umsetzung. Und er ist geglückt! Ich habe mir die Position gegönnt zu sagen: Ich bin kein Nöstlinger-Experte! Meine Mission war, einen großen Kinofilm zu machen, der dem Stoff entsprechend ernsthaft und trotzdem unterhaltend gestaltet wird, ohne dass es ständig krachen muss.

In den ersten "Geschichten von Franz"-Büchern ist die Hauptfigur erst vier. Im Kinofilm sieht ihn das Publikum am Ende der Reihe, als Neunjährigen. Was waren die Gedanken bezüglich zur Zielgruppe?

Die Produzenten und Drehbuchautorin Wassermair haben bewusst da angesetzt, wo die "Franz"-Bücher fast schon aufhören. Wir wollten einen Film machen, der auf ein richtig funktionierendes, größeres Kinosegment zielt, aber zugleich auch noch die Vorschulkinder abholt. Daher sind die Protagonisten eben auch etwas jünger als in den meisten anderen Kinderfilmen. Ich glaube "Geschichten vom Franz" funktioniert wirklich für ein breites Segment, gerade da auch Franz' 14jähriger Bruder eine wichtige Rolle spielt. Von all den erwachsenen Nöstlinger-Fans ganz abgesehen.

Kinder zu casten, nimmt oft viel Zeit in Anspruch. Wie lief das bei "Geschichten vom Franz" ab?

Wir haben ein sehr ausführliches Casting gemacht, was sich als etwas kompliziert gestaltete, weil es mitten in die Pandemie fiel. Wir wickelten deshalb viel über E-Castings ab. Der Casterin Martina Poel lagen sicher um die 1000 Videos vor. Es war ein langer Prozess, weil wir nicht nur drei Kinder suchten, die spielen konnten, sondern auch der Vorlage gerecht wurden. Beim Franz geht es einfach darum, dass er der kleinste ist in der Klasse, einen Lockenkopf und blaue Augen hat und manchmal für ein Mädchen gehalten wird. Da mussten viele Dinge stimmen. Auch in der Kombination der Kinder. Deshalb stand der Kindercast auch nicht allzu lange vor Drehbeginn fest. Aber die lange Suche hat sich gelohnt: Wir haben wirklich drei tolle junge Darsteller gefunden! Und beim Dreh wurden die drei dann von der Schauspielerin Eli Wasserscheid super gecoacht.

Franz und seine Freunde sind in Wien zuhause, das von Ihrem Kameramann Matthias Grunsky wunderbar eingefangen wurde, ohne den touristischen Aspekt herauszukehren. Dennoch fehlt den Kids der Wiener Schmäh in der Sprache. War das beabsichtigt?

Auch wenn "Geschichten vom Franz" eine österreichisch-deutsche Koproduktion ist, war mir klar, dass es ganz klar ein Wien-Film ist. Das ist mir beim Lesen des Drehbuchs, bei den Dialogen, der Sprache, wie die Figuren miteinander umgehen, klar geworden. Der Film atmet Wien. Ich wollte deshalb gar nicht erst versuchen, einen halbdeutschen-halbösterreichischen Film daraus zu machen, sondern habe gefühlt einen österreichischen Film gemacht. In meinen Augen ist das gerade die Qualität, dieser ganz spezielle Ton und die Atmosphäre dieser Stadt, und ich hoffe, dass das das deutsche Publikum auch so sieht. Unsere Kinderdarsteller sprechen ohnehin kaum Wienerisch. Wie so oft in dialektgefärbten Gebieten verlernen die Kindern in den Großstädten, im Dialekt zu sprechen. Wir standen eher vor dem Problem, dass unsere jungen Darsteller fast zu hochdeutsch gesprochen haben und wir darauf achten mussten, dass der österreichische Ton in der Sprache nicht ganz verloren geht.

Welche Überlegungen gab es zwischen Ihnen und Kameramann Matthias Grunsky bezüglich des Schauplatzes?

Vor dem Dreh war ich bestimmt seit 20 Jahren nicht mehr in Wien. Es war toll für mich, mit all den Nöstlinger-Experten um mich herum, diese Stadt mit naiven, neugierigen Augen, fast Kinderaugen, wieder entdecken zu dürfen. Matthias Grunsky ist zwar gebürtiger Wiener, lebte aber viele Jahre in den USA, wo er unter anderem mit Greta Gerwig arbeitete und alle Filme für Andrew Bujalski fotografierte. Für ihn war es eine Rückkehr in seine Heimatstadt, ein Blick in die Kindheit. Wir haben uns auch überlegt, welche Bilder man für die Ängste, die Probleme der Kinder findet, sie auf die Leinwand bringt, die Angst vor dem Keller, vor dem Lehrer Zick-Zack. Und dann geht es in "Geschichten vom Franz" auch darum, wie sich die Kinder Schritt für Schritt den urbanen Raum erschließen, wie sie selbständig ihren Radius vergrößern, mit der "Bim" in die Schule fahren, es ihre Stadt wird.

Marco Wanda hat Ihnen Songs für den Film geschrieben. Wie kam das zustande?

Ich habe irgendwann angefangen, Playlists mit aktueller österreichischer Musik zu hören. Ich lebe seit neun Jahren in Stockholm, Wanda war mir zunächst kein Begriff. Aber als ich Marcos Sound hörte, dachte ich, dass das super funktionieren könnte. Marco Wanda war bislang sehr zurückhaltend, was Filmmusik betrifft. Deshalb hat es uns unglaublich gefreut, als seine Zusage kam. Er ist tief verwurzelt mit Nöstlingers Büchern, für ihn sei es eine Ehre, für den "Franz" Musik machen zu dürfen! Er schrieb uns auf Basis des Drehbuchs drei Songs, die mein Filmkomponist Toni Dobrzanski weiterverarbeitet hat, damit Songs und Score eine Einheit bildeten.

Auch die Nebenrollen konnten mit Ursula Strauss und Simon Schwarz namhaft besetzt werden...

Christine Nöstlinger ist in Österreich eine Ikone. Alle wissen, wie sie klingt, welchen Stil sie hat, ihren trockenen Humor, kennen Ausschnitte, wo sie kettenrauchend in Interviews sitzt... In Schweden erzähle ich immer, dass sie die österreichische Astrid Lindgren ist. Ursula Strauss und Simon Schwarz haben nicht eine Sekunde überlegt, ob sie die Eltern von Franz spielen wollen. Es war fantastisch, dass ich mit solchen tollen Schauspielern wie ihnen arbeiten durfte, obwohl sie nicht als Protagonisten eingebunden waren.

Eine Marke wie "Geschichten vom Franz" schreit nach einer Fortsetzung. Oder ist es noch zu früh, darüber nachzudenken?

Teil zwei ist bereits in der Entwicklung. Das Drehbuch liegt derzeit in der sechsten Fassung vor, und das Österreichische Filminstitut und der Filmfonds Wien förderte bereits die Projektentwicklung. Die Finanzierung wird vorbereitet, wir peilen einen Drehstart im Herbst an. Bei Filmen mit jungen Darstellern ist es wichtig, schnell nachzulegen, weil sie sich so schnell verändern. Das "Franz"-Format hat auch seine Grenzen, weil der Nöstlinger-Kosmos nicht in die Pubertät hineingeschrieben ist. Ich denke, man könnte noch zwei, drei Jahre miterzählen, in denen der Bezug zu den Geschichten noch erhalten bleibt, ohne dass man nur "frei nach Motiven von" arbeitet.

Haben sich die Ansprüche beim Kinderfilm verändert?

Als wir 2006 "Blöde Mütze" gedreht haben, war das Angebot an deutschem Family Entertainment ein Bereich, den Uschi Reich quasi fast alleine bedient hat. Inzwischen arbeiten sehr viele Firmen in dem Bereich. Die Konkurrenz ist härter geworden. Auch mit den US-Filmen. Krimi, Abenteuer, Kinderbanden. Ob das der Qualität gutgetan hat, sei dahingestellt. Vor allem die kleineren Kinderfilme haben es wahrscheinlich noch schwerer. Das war beim "Franz" das tolle, dass da ein großer Film mit einem bekannten Titel entstehen konnte, der auf unterhaltende Weise von den echten und realitätsnahen Problemen der Kinder erzählt.

Mit Philipp Budweg haben Sie einst die Firma schlicht und ergreifend gegründet, die dann in Lieblingsfilm aufging. Haben Sie noch produzentische Ambitionen bzw. sind Sie nach wie vor eng mit den Produzentenkollegen verbunden?

Produzentische Ambitionen habe ich aktuell nicht, bin aber der Firma nach wie vor als kleiner Gesellschafter verbunden. Aktuell habe ich mit der Lieblingsfilm zwei Projekte in der Entwicklung mit mir als Regisseur.

Sie wandeln zwischen Film, Theater, Oper. Gibt es die Überlegung, dass Sie auch in Ihrer Wahlheimat Schweden kreativ werden?

Ich habe vor einigen Jahren angefangen, in Schweden fürs Theater zu arbeiten, hatte in Malmö und Stockholm bereits fünf Premieren. Was Filmprojekte betrifft, gibt es tatsächlich eine Arbeit, die als schwedisch-deutsche Koproduktion entstehen soll. Das Drehbuch, das vom Schwedischen Filminstitut gefördert wurde, schreibe ich mit schwedischen Kollegen. Es handelt sich dabei um eine skandinavische Romanverfilmung.

Barbara Schuster