Festival

Brigitte Mayr über die Zusammenarbeit mit der Diagonale im Bereich Filmerbe: "Das Sehen hinter dem Schauen"

Brigitte Mayr, Leiterin von SYNEMA - Gesellschaft für Film und ­Medien, über das Filmerbe und die Funktion von Festivals als Öffentlichkeit für Filmgeschichte am Beispiel des Diagonale-Specials "Come and Shoot in Thaliwood" von SYNEMA.

06.04.2022 15:17 • von Barbara Schuster
Brigitte Mayr ist wissenschaftliche Leiterin von SYNEMA - Gesellschaft für Film und ­Medien, einer interdisziplinären Schnittstelle zur Vermittlung zwischen Theorie und Praxis, Kunst und Wissenschaft der audiovisuellen ­Medien (Bild: Ralph Wieser)

Screening Heritage. So würde SYNEMA, angesprochen darauf, was ein Filmfestival denn für unsere (Zusammen-)Arbeit leistet, den Begriff definieren, wie wir die Vermittlung "audiovisueller Kultur" in ihrer schönsten Form verstehen: das Filmerbe zu durchleuchten und es auf die große Leinwand zu projizieren. Seit seiner Gründung sieht sich SYNEMA der Öffentlichkeit verpflichtet, außeruniversitär die Beschäftigung mit Ästhetik, Technik, Ökonomie, Geschichte und Produktion auf den Gebieten Film & Medien anzuregen und darüber einen umfassenden Diskurs zu lancieren. Wir möchten filmisches Material erschließen - über politische Zusammenhänge, faktographische und interpretatorische Arbeit zu vergessenen Werken, biografische Hintergründe und unter Einbeziehung der zeitgeschichtlichen Rezeption.

Um nach unserem Verständnis historisch Vermittelndes "über die Bühne" und die ausgewählten Filme "auf die Leinwand" zu bringen, steht uns seit einem Vierteljahrhundert die Diagonale als eine der zuverlässigsten Partnerinnen zur Seite und bietet uns Jahr für Jahr die Möglichkeit, auf die Karrieren exilierter Filmschaffender zu fokussieren, heimische Künstlerinnen wie Linda Christanell zu würdigen oder mit Reihen wie "Lights out in Europe - Dokumentarfilme gegen den Faschismus" den Konnex zwischen historischen und aktuellen Ereignissen herzustellen. Ohne das Festival des österreichischen Films, und das sei hier nochmals ausdrücklich betont, hätten wir keinen Ort, um die von uns kuratierten Schauen - die stets zu Beginn der Saison in vertiefenden Gesprächen mit der Intendanz zu einem gemeinsamen Programm abgestimmt werden - in ihrer adäquaten Form vorzustellen: nämlich im Kino, wo man die Filme so genießen kann, wie sie gedacht waren, und die wir mit unseren Einführungen begleiten - das "Sprechen" darüber als zusätzliches Asset zum anschließenden "Zeigen", ganz den Intentionen der Diagonale zum Gedankenaustausch folgend.

Filmgeschichtsschreibung, so wie SYNEMA und die Diagonale sie verstehen, ist ein dynamischer Prozess, der ganz auf Dialog gründet. Das setzt eine offene Haltung voraus, mit der wir gerne allen an unserer Arbeit Interessierten begegnen. Und für diese Begegnung brauchen wir den Raum des Kinos, als Ort erhöhter Aufmerksamkeit, die sich am besten im Dunkeln sammelt, konzentriert auf die große Leinwand und das Geschehen darauf. Streamend kann man den vielfältigen Bedeutungsebenen, die ein Film in sich trägt, nicht gemeinsam habhaft werden, ein Bildschirm reicht nicht aus für das "Sehen" hinter dem Schauen. Erst das Ineinandergreifen aller Aspekte, denen vor und jenen hinter der Leinwand, macht das "Begreifen" von Kino für uns aus.

Durch die Synergie zwischen dem sozial kontaktfreudigen Festival und unserem "Begleiten" der Filme, der Diskussion nach den Screenings, ist ein überaus anregendes Kinoerlebnis möglich, denn im Weiter-Erzählen findet ein progressiver Austausch von Wissen statt. Eigentlich sind es ja die Filme selbst, die die Zeitgeschichte lebendig halten, SYNEMA stellt "nur" den allzu oft sträflich vernachlässigten historischen und biografischen Kontext her. Wir bringen dabei das Wissen aus unseren Recherchen möglichst niederschwellig herüber, weil wir bei den Festivalpräsentationen auch gelernt haben, dass das viel eher und gerne aufgegriffen wird und damit lange über die Veranstaltungen hinaus präsent bleibt.Mit dem diesjährigen Diagonale-Special "Come and Shoot in Thaliwood", das Michael Omasta und ich gemeinsam kuratiert haben, reflektieren wir historisch-kritisch die legendäre Grazer Filmstadt in den 1950er-Jahren auf dem Flughafengelände Thalerhof. Anhand dreier wichtiger Filme des Studios wollen wir zum Diskurs über diese weithin vergessene Episode der österreichischen Kinogeschichte anregen. Die Präsentation dieses Mikrokosmos' soll an etwas erinnern, das längst aus dem allgemeinen Bewusstsein verschwunden ist, pathetisch gesagt: Nur wer die Vergangenheit kennt, wird für die Gegenwart gewappnet sein.