Kino

Jacques Audiard über "Wo in Paris die Sonne aufgeht": "Ich hatte einfach Lust auf etwas Leichtes"

Morgen kommt Jacques Audiards wunderbarer Liebesfilm "Wo in Paris die Sonne aufgeht" in die Kinos. Wir sprachen mit dem Meisterregisseur über seine Arbeit, die er mit zwei radikalen jungen Regisseurinnen schrieb.

06.04.2022 10:54 • von Barbara Schuster
Jacques Audiard fasziniert mit "Wo in Paris die Sonne aufgeht" (Bild: Neue Visionen Filmverleih)

Morgen startet Jacques Audiards wunderbarer Liebesfilm Wo in Paris die Sonne aufgeht" in die Kinos. Wir sprachen mit dem Meisterregisseur über seine Arbeit, die er mit zwei radikalen jungen Regisseurinnen schrieb.

Sie sind bekannt für ein sehr männliches Kino, Geschichten mit maskulinen Themen. "Wo in Paris die Sonne aufgeht" ist ganz anders. Schlagen Sie mit dem Film ein neues Kapitel in Ihrer langen Karriere auf?

Ja und nein. Ich finde es immer etwas seltsam, wenn man mir sagt, ich würde sehr maskuline Filme drehen. Was ist denn ein männlicher Film? Einer meiner ersten Filme hieß "Regarde les hommes tomber": "Sieh, wie die Männer fallen", wortwörtlich übersetzt, ist sehr programmatisch. Eigentlich mache ich immer Filme über Männer, die stürzen. Im Fall von "Wo in Paris die Sonne aufgeht" war es so, dass ich nach meinem Western "The Sisters Brothers" einfach Lust auf etwas Leichtes hatte. In dem Film davor gab es keine Frauen, jetzt gibt es viele Frauen!

Interessant ist, dass Sie das Drehbuch gemeinsam mit Céline Sciamma und Léa Mysius geschrieben haben. Warum diese beiden und wie sah die Zusammenarbeit aus, wie wichtig war deren Beitrag?

Das Projekt hat eine längere Geschichte, entstand in zwei Zeitschleifen. Wir haben an diversen Drehbuchfassungen gearbeitet, bevor ich meinen Western gedreht habe, und im Anschluss daran die Arbeit wieder aufgenommen, an weiteren Fassungen geschrieben. Ich kannte Céline als Drehbuchautorin und Regisseurin. Das gilt auch für Léa. Es ist sehr angenehm, nicht nur mit versierten Autorinnen, sondern speziell mit zwei Regisseurinnen beim Drehbuch zusammenzuarbeiten.

Sie haben mit Noémie Merlant eine doch schon sehr bekannte und gefragte Schauspielerin vor der Kamera. Andererseits mit Lucie Zhang und Makita Samba auch zwei tolle Neuentdeckungen. Warum war dieses Trio Ihre Idealbesetzung?

Ich mag es, dass sich das Frauenpaar irgendwie etwas ähnelt, zwar nicht sehr, aber ein bisschen schon. Wie immer arbeite ich gerne mit Schauspielerinnen und Schauspielern zusammen, die sehr bekannt sind, aber dann wiederum mische ich das gerne mit unbekannten Gesichtern. Es ist doch so, wenn Sie Filme sehen, wo Catherine Deneuve oder Isabelle Huppert in die Tür erscheinen, sind wir einfach beim Kino, das sind Kinogeschichten, die gleich ganz anders funktionieren. Ich glaube viel mehr an eine Liebesgeschichte, wenn es unbekannte Gesichter sind.

Mit "The Sisters Brothers" stemmten Sie eine große US-Produktion. Waren Sie froh, nach Ihrem Ausflug in die USA wieder nach Frankreich zurückzukehren?

Auf jeden Fall. Der Western war eine große Maschine, sehr ermüdend. Nichtsdestotrotz hat es mir Spaß gemacht, es war eine neue Erfahrung für mich. Es war toll, mit den amerikanischen Schauspielern zu arbeiten. Aber es war ein Brocken. Es gab sehr viele Außendrehs, wir waren in der Pampa unterwegs, mussten das ganze Equipment hinschleppen. Aus diesem Grund hatte ich danach Lust auf etwas, was schnell geht, was leicht ist, was sich unkompliziert umsetzten lässt. Wir haben "Wo in Paris die Sonne aufgeht" während Corona gedreht. Da geht es gar nicht, dass man zu sichtbar wird, zu lange dreht. Insofern musste alles schneller gehen. Manchmal ist es auch so, dass der eine Film den anderen nach sich zieht, als wäre der Film davor das Negativ des folgenden, der dann das Positiv ist.

Sie zeigen in Ihrem Film ein ganz modernes Paris, fernab jeglicher Klischees und Stereotypen. Wie gut kennen Sie dieses neue Paris und warum musste die Geschichte im 13. Arrondissement spielen?

Ich habe Paris schon sehr oft auf Film gebannt. Es ist aber mit Schwierigkeiten verbunden, es ist gar nicht so leicht, in Paris zu filmen. Es gibt sehr wenig Perspektiven, Paris wird immer mehr zu einer musealen Stadt, in der diese Symptome der Romantik vorherrschen. Das wollte ich nicht, ich wollte etwas anderes. Mir ging es darum, die moderne, zeitgemäße Seite der Stadt zu zeigen. Ich selbst habe über zehn Jahre im 13. Arrondissement gelebt, habe auch alle Veränderungen miterlebt. Und es ist das einzige Viertel in Paris, das ich kenne, wo plötzlich auch mal Hochhäuser, Türme in den Himmel gebaut wurden. Das geht nur, weil es eben nicht das Zentrum von Paris ist. Das Zentrum bewegt sich nicht. Dort wird Notre-Dame wieder aufgebaut und sie sieht genauso aus wie seit jeher.

Sie haben in Schwarzweiß gedreht. Der Gedanke an die Nouvelle Vague ist nicht weit... Sehen Sie "Wo in Paris die Sonne aufgeht" in der Tradition der Stilrichtung eines Truffaut, Lelouch und des jungen Godard?

Überhaupt nicht. Natürlich zitiere ich sie, und das macht mir auch Spaß. Natürlich kann ich auch nicht verleugnen, dass es was mit Kino zu tun hat, wenn man in Schwarzweiß dreht. Aber es gibt eher zwei andere Filme, die eine Art Matrix bilden für meinen Film: Éric Rohmers "Meine Nacht bei Maud" und "Sex, Lügen und Video" von Steven Soderbergh. Der eine hat etwas mit der Nouvelle Vague zu tun, der andere überhaupt nicht. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass Soderbergh sehr viele Filme dieser Stilrichtung gesehen hat.

Hat Kino heute dieselbe Strahlkraft wie einst und warum kehren Sie immer wieder zum Kino zurück? Bedeutet es Ihnen immer noch so viel wie zu Beginn Ihrer Karriere?

Diese Frage ist sehr schwierig zu beantworten. Ich liebe das Kino einfach nach wie vor. Ich weiß allerdings nicht, ob es das Publikum noch so liebt. Ich möchte nach wie vor weiter nur Kino machen. An Serien bin ich nicht interessiert, das würde mir zu viel Zeit wegnehmen. Aber ich habe Hoffnung für das Kino, trotz Corona, trotz der Streamingplattformen, die überall aus dem Boden schießen. Eine richtige Antwort habe ich nicht. Also muss ich Sie weiter langweilen mit den Kinofilmen, die ich mache.

Das Gespräch führte Barbara Schuster