Produktion

UPDATE: Georgia erwägt Einschränkung der Filmförderung

Seit Langem gewährt der US-Bundesstaat Georgia die landesweit mit Abstand höchste Förderung für Film- und TV-Produktionen. Doch auf eine Rekordsumme im vergangenen Fiskaljahr könnte nun eine Limitierung folgen - auch weil eine Evaluierung 2020 ergab, dass die wirtschaftlichen Effekte deutlich schwächer ausfallen, als angenommen. Unterdessen schwelt ein grundsätzlicher Konflikt zwischen Hollywood und dem konservativ regierten Bundesstaat.

30.03.2022 11:50 • von Marc Mensch
Nahe der Hauptstadt Atlanta befindet sich in Georgia einer der größten Studiokomplexe der USA (Bild: IMAGO/Panthermedia)

UPDATE vom 31. März:

Die bisherige Förderpraxis könnte das Gesetzgebungsverfahren nun doch zumindest weitgehend unbeschadet überstehen. Denn anstatt über die Reform der Steuergesetzgebung zu votieren, ließ der Senat den Entwurf zur Überarbeitung an den Haushaltsausschuss zurückgehen. Maßnahmen, die die Filmförderung massiv eingeschränkt hätten (insbesondere die Abschaffung der Übertragbarkeit der Tax Credits) sollen nun aus dem Entwurf gestrichen werden, über den der Senat nach derzeitigem Stand dann am Freitag beraten wird.

Die deutlichste Kritik an der massiven Einschränkung der bisherigen Filmförderung kam - was angesichts der weiter unten geschilderten politischen Auseinandersetzungen zwischen Hollywood und dem republikanisch geführten Staat nicht überrascht - von Seiten der Demokraten.

"Es ist einfach leichtsinnig. Unklug. Und unfair", hatte Senator Nan Orrock (Demokraten) festgestellt. "Im ganzen Land arbeiten Menschen in dieser Industrie. Beide Seiten hatten sich auf einen Prozess geeinigt, wonach der Haushaltsausschuss die Auswirkungen von Tax Credits für jeden einzelnen Industriezweig würdigt. Das ist hier nicht geschehen. Man schoss einfach nur aus der Hüfte, um das Klima für die Filmindustrie zu vergiften."

Ein Satz, in dem tatsächlich eine Menge Wahrheit stecken könnte - denn dass der Gesetzesvorschlag ein Warnschuss angesichts der Opposition Hollywoods gegenüber konservativen Gesetzesvorhaben war, liegt zumindest nahe.

URSPRÜNGLICHE MELDUNG: Film- und TV-Produktion folgt der Förderung. Diese simple Wahrheit wird in keinem anderen US-Bundesstaat so deutlich wie in Georgia. Seit dort 2009 eine Anreizförderung in Form von Tax Credits eingeführt wurde, hat sich der Staat im Südosten der USA zu einem wahren Epizentrum der US-Filmindustrie entwickelt. Einer Studie von FilmLA aus dem Jahr 2018 zufolge verfügte Gerorgia schon damals über die zweitgrößte Studiofläche (rund 190.000 qm) der USA nach Kalifornien, 2019 eröffnete Tyler Perry auf einem 130 Hektar großen, ehemaligen Militärgelände nahe der Hauptstadt Atlanta mit den Tyler Perry Studios einen der größten Studiokomplexe des Landes.

Die Nachfrage nach den Tax Credits explodierte in den Jahren nach Einführung des Programms regelrecht. Schon 2017 belief sich die Gesamtsumme auf rund 800 Mio. Dollar, etwa das Zehnfache dessen, was im Debütjahr des Programms ausbezahlt wurde. Auch die Pandemie konnte das Wachstum nicht ausbremsen, tatsächlich scheint Georgia davon profitiert zu haben, zu den ersten US-Standorten gehört zu haben, die nach einem vorübergehenden (dort lediglich zweimonatigen) Shutdown wieder Produktionen ermöglichten.

So wurde Anfang des Jahres für das abgelaufene Fiskaljahr (das am 30. Juni 2021 endete) die bisherige Rekordsumme von Tax Credits in Höhe von rund 1,2 Mrd. Dollar bilanziert - schon im Juli 2021 waren Rekordausgaben von Film- und TV-Produktionen in Höhe von rund vier Mrd. Dollar in Georgia verkündet worden.

Grundsätzlich genießt das Programm parteiübergreifende Unterstützung, allerdings sind die Rahmenbedingungen alles andere als unumstritten. Denn was Georgia von anderen großen Filmstandorten der USA abhebt, ist die Tatsache, dass die Anreizförderung in Höhe von maximal 30 Prozent der qualifizierten Herstellungskosten bislang nicht nach oben gedeckelt war - selbst Kalifornien kommt mit den erst im Juli vergangenen Jahres beschlossenen, signifikanten Erhöhungen für die Jahre 2022 und 2023 "nur" auf Anreize in Höhe von 660 Mio. Dollar.

Die Kritik an einer ungedeckelten Förderung in Georgia erhielt Auftrieb durch eine Evaluierung aus dem Jahr 2020, die zu dem Ergebnis kam, dass die wirtschaftlichen Effekte der Tax Credits erheblich geringer ausfielen, als zunächst angenommen. Denn während offizielle Stellen zuvor von über 90.000 Arbeitsplätzen gesprochen hatten, die an den durch die Förderung angezogenen Produktionen hingen, bezifferte die Studie die direkt geschaffenen Stellen für 2016 auf nur knapp 11.000 bzw. gut 23.000, wenn man indirekte Effekte hinzurechnete. Seither ist der Standort aber signifikant weitergewachsen (s.o.), Befürworter des bisherigen Systems sprechen aktuell von rund 75.000 Stellen, die über direkte und indirekte Effekte gesichert würden.

Nicht zuletzt kam die Studie zu dem Ergebnis, dass das bisherige System auch mangels strengerer Überwachung ein ideales Klima für potenziellen Betrug schaffe. Forderungen nach einer Deckelung des Programms waren damals zugunsten einer Audit-Pflicht für sämtliche begünstigten Produktionen noch abgewiegelt worden.

Nun aber macht eine vom Finanzkomitee des Senats unterstützte Gesetzesvorlage die Runde, wonach die Anreizförderung tatsächlich gedeckelt werden soll - allerdings bei 900 Mio. Dollar, was nach wie vor mit Abstand die höchste Summe in Nordamerika wäre. Einschneidender wäre eine andere potenzielle Änderung: Bislang konnten die von Georgia gewährten Tax Credits (anders als bei den Programmen anderer US-Bundesstaaten) übertragen werden - ein extrem wichtiger Punkt für Unternehmen ohne Sitz in Georgia.

Einer der einflussreicheren Gegner des bisherigen Systems ist Danny Kanso, Senior Analyst beim Georgia Budget and Policy Institute. Schon Anfang des Jahres hatte er sich dafür ausgesprochen, das Programm auf lediglich 100 Mio. Dollar zu beschränken und Förderung nur noch an Unternehmen mit Sitz in Georgia zu vergeben, die sich auf Angestellte aus der Region stützten. Jüngst postete er auf sozialen Medien: "Warum sollte Georgia für bis zu 30 Prozent der Kosten für Film- und TV-Produktionen geradestehen müssen? Einen massiven Teil der Ausgaben eines gesamten Industriezweiges zu subventionieren, lässt sich nicht rechtfertigen." Er forderte die Bevölkerung ausdrücklich auf, das Gesetzesvorhaben zu unterstützen - mit dem Argument, dass der Großteil der aufgewandten Steuergelder an Unternehmen und Fachkräfte außerhalb des Staates flössen.

Unterdessen steckt hinter der Debatte um die Filmförderung in Georgia eine weitere politische Dimension. Denn der konservativ regierte Bundesstaat wurde dank diskriminierender Gesetzgebung schon mehrfach zum Ziel von Boykottdrohungen durch große Produktionsunternehmen.

Unter anderem Walt Disney und Netflix hatten Anfang 2019 als Reaktion auf ein neues Abtreibungsgesetz einen möglichen Rückzug der Produktionsaktivitäten aus dem Bundesstaat in den Raum gestellt. Unternehmen wie WarnerMedia, Viacom oder Sony hatten angekündigt, ihre Aktivitäten "zu prüfen", sollte das Gesetz in Kraft treten. Die Drohungen blieben bislang folgenlos, allerdings muss der U.S. Supreme Court noch über die Rechtmäßigkeit des Gesetzes urteilen. Konservative Analysten hatten damals unter Berufung auf die enorm hohen Förderausgaben argumentiert, dass ein Produktionsboykott durch Disney und Netflix Georgia unter dem Strich kaum schaden würde - wenn überhaupt.

Welche Folgen die Tatsache hat, dass Georgia nun dem Beispiel Floridas folgt und eine eigene Gesetzgebung nach dem Vorbild des von Kritikern "Don't Say Gay"-Bill getauften Gesetzes in die Wege geleitet hat, ist offen - echte Reaktionen blieben bislang aus. Schlagzeilen machte jedenfalls im Frühjahr 2021 das von AppleTV+ in einem Rekorddeal erworbene Drama Emancipation" mit Will Smith. Denn wie der Star und Regisseur Antoine Fuqua erklärten, wurde die ursprünglich für Georgia geplante Produktion als direkte Reaktion auf diskriminierende Wahlgesetzgebung des Bundesstaates verlegt. In einem Statement der beiden hieß es unter anderem: "Wir können einer Regierung, die regressive Gesetze beschließt, um den freien Zugang zu Wahlen zu beschränken, nicht guten Gewissens wirtschaftlich unterstützen."

Während die generelle Reaktion Hollywoods auf das entsprechende Gesetz eher verhalten ausfiel (tatsächlich gibt es Stimmen, die argumentieren, dass die Tax Credits und Industrieansiedlung in Georgia ein Ausmaß angenommen hätten, das den tatsächlichen Vollzug eines größeren Boykotts kaum noch vorstellbar macht), versuchte zumindest New Jersey die Gunst der Stunde zu nutzen: Dessen Gouverneur Phil Murphy warb in einem persönlichen Brief an die Studiospitzen für seinen Standort - nicht zuletzt unter Verweis auf das gerechtere Wahlrecht.

Eine Limitierung der Förderung könnte die Studios im Prinzip wieder kritischer auf die politischen Rahmenbedingungen in Georgia blicken lassen - auch deshalb ist das Thema spannend.