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"Sonne"-Regisseurin Kurdwin Ayub: "Ich denke in Instagram-Storys"

Die Regisseurin Kurdwin Ayub gehört mit ihrem Film "Sonne" zu den aufregendsten Entdeckungen der Berlinale 2022. Heute eröffnet das Werk über drei junge Wienerinnen, die einen viralen Musik-Hit landen, die Diagonale in Graz.

05.04.2022 07:32 • von Michael Müller
Mit "Sonne" gewann Kurdwin Ayub den Preis für den besten Erstlingsfilm auf der Berlinale 2022 (Bild: Elsa Okazaki)

Die Regisseurin Kurdwin Ayub gehört mit ihrem Film "Sonne" zu den aufregendsten Entdeckungen der Berlinale 2022. Heute eröffnet das Werk über drei junge Wienerinnen, die einen viralen Musik-Hit landen, die Diagonale in Graz. Neue Visionen bringt den Film am 1. Dezember in die deutschen Kinos.

Sie haben nicht den ganz traditionellen Weg über eine Filmhochschule gewählt, um Regisseurin zu werden. In wieweit haben Ihre Wurzeln in der Malerei und dem Experimentalfilm noch Einfluss auf Ihre heutige Arbeit?

KURDWIN AYUB: Ich wollte eigentlich immer schon Filme machen. Das war der Plan. Mit zwölf habe ich auch ein Hollywood-Drehbuch geschrieben, das ich zusammen mit meiner Freundin sogar übersetzen wollte. Wir waren eine Familie mit Flüchtlings-Background und nicht so viel Geld und Sicherheiten in Wien. Wir sind im Gemeindebau der Stadt aufgewachsen. Mit 14 Jahren wollte ich dann natürlich eine Kamera haben. Es war ein großer Kampf, dass meine Eltern sie mir kaufen. Ich habe ein Jahr darum gebettelt. Als ich die Kamera bekam, habe ich natürlich nur Blödsinn gefilmt. Mein Vater nahm sie mir deswegen dann wieder weg. Filmemachen wollte ich also schon immer. Aber ich hatte nicht das Selbstbewusstsein, um zu sagen, dass ich jetzt Film studiere.

Also bewarben Sie sich lieber für ein Malerei-Studium?

KURDWIN AYUB: Ja, ich studierte Malerei, wobei der Gedanke eigentlich Blödsinn war, da die Aufnahme zum Studium nicht leichter ausfiel. Ich studierte sowohl Malerei als auch experimentellen Animationsfilm. Aber ich wollte auch immer fiktivere Projekte machen. Da ich aber keine Schauspielerin hatte, habe ich mich selbst benutzt. Alle sagten, dass sei Performance-Kunst, was ich da mache. Von der Performance-Kunst kam ich wiederum zum Dokumentarfilm, weil mich immer schon meine Umgebung interessiert. Meine Inspirationen kommt ganz klassisch vom Leben, der Liebe, der Familie, der Identität und der Herkunft. Da ich aber auch viel mit Social Media aufwuchs, was als Jugendliche zu einem ganz schrägen Selbstbild führt, wie man sich im Internet darstellt, begleitet mich auch diese Erfahrung bis heute in meiner Arbeit: das Thema Selbstwertgefühl von jungen Frauen und die Darstellung über das Internet. Ich bin nicht mehr ein Emo-Teenager, sondern jetzt eine Emo-Erwachsene. Im Spielfilm ist bei mir vieles von der Performance-Kunst und dem Dokumentarischen vereint.

Was ließ Sie sagen, dass die Freundschaftsgeschichte der drei jungen Frauen in Wien, die einen viralen Internet-Musik-Hit landen, der Stoff Ihres fiktionalen Regiedebüts "Sonne" werden soll?

KURDWIN AYUB: Manchmal sehe ich Dinge und denke mir: Das ist genau die Geschichte, die ich jetzt gerne erzählen will. Das war auch bei "Sonne" und den drei Protagonistinnen so. Ich fand im Internet ein Video von drei britischen Mädchen, einer Girlband, die aber vollverschleiert war und muslimische Lieder auf Englisch sang, damit sie ein breites Publikum erreichte. Das faszinierte mich so sehr, dass ich sie anschrieb, um mit der Band eine Dokumentation zu machen. Aber sie antworteten mir nicht - wahrscheinlich weil sie mich damals googelten. Ich machte meine eigene Geschichte daraus. Mit der Zeit kommen bei solch einem Projekt natürlich viel mehr Details hinzu wie zum Beispiel auch die Geschichte mit dem umgebrachten und gefilmten Schwein, die damals wirklich in Wien passierte. Es gab viele Einflüsse, etwa auch die Geschichte von zwei bosnischen Mädchen, die zum IS gingen. Ich wollte bei "Sonne" viel von Elementen vermischen, die ungefähr, aber auch nicht passiert sind, um zu sehen, wie eine Generation dabei ausarten kann. Natürlich steckt in den Film auch viel von meiner Gefühlswelt. Es ist nicht meine Geschichte, aber es ist meine Gefühlswelt. In allen drei Mädchen steckt auch etwas von mir.

Wie haben Sie die drei Hauptdarstellerinnen gefunden? Die wirken wie eine Einheit und wie von der Straße weggecastet.

KURDWIN AYUB: Ich habe die drei schon Jahre vor der Produktion gecastet und sehr lange mit ihnen gearbeitet, so dass sie auch gut zusammen funktionieren. Sie waren damals schon junge Laiendarstellerinnen. Ich fühlte mich ein bisschen als Schauspiellehrerin. Ich glaube nicht, dass ich die beste Schauspielschule der Welt bin, weil ich nicht viel mit Text arbeite. Der Trick dahinter war die lange Arbeitszeit und viele Dinge zu dritt zu machen. Wir drehten auch viele Handyvideos vorher, teils zwei Jahre vor dem Film.

Was hat Sie in "Sonne" gereizt, die traditionelle Spielfilmhandlung mit diesen kleinen dokumentarischen Social-Media-Snippets der Figuren zusammenzubringen?

KURDWIN AYUB: Ich habe einen Fetisch für Handyvideos. Ich stehe sehr auf diese Charakteristik und das Visuelle dieser Videos, auch Stilmittel wie die Überblende. Dass ich das so gerne mag, kommt wahrscheinlich von der Malerei. Auch hat es etwas Zeitloses, weil diese Videos in der digitalen Welt für immer in irgendeiner Cloud bleiben werden. Vielleicht länger als die Personen leben werden. Diesen Aspekt finde ich spannend. Auch in vorherigen Arbeiten habe ich viel mit Handy gefilmt. Ich habe eine Kurz-Doku nur mit Handy gedreht. Es war schon immer der Plan, dass es in "Sonne" auch diese Ebene gibt: Die Handyvideos als eine Art emotionaler Newsflash, wie die Protagonistinnen gerade die Welt fühlen oder sehen. Für junge Menschen, die den ganzen Tag Instagram-Storys schauen, ist die Welt in den Gefühlen auch ähnlich schnelllebig. Das wollte ich im Film darstellen, dass diese Storys so schnell vergehen, wie eine Lebensentscheidung passieren kann.

"Sonne" ist ein Coming-of-Age-Film. Normalerweise sieht man in diesem Genre immer sehr schnell die Filmvorbilder aus Hollywood oder dem Rest der Welt. Bei Ihnen war das erfrischenderweise gar nicht der Fall. Denken Sie überhaupt in Filmvorbildern?

KURDWIN AYUB: Ich denke in Instagram-Storys. Ich werde sehr häufig gefragt, was meine filmischen Vorbilder sind. Aber ich glaube, ich habe gar keine. Ich bin eigentlich ein Idiot, wenn es um Filmgeschichte geht. Wobei ich mich schon ein bisschen auskenne. Ich liebe "Die durch die Hölle gehen". Der Kriegsfilm ist mein Lieblingsgenre, auch Actionfilme aus den 1980er-Jahren, amerikanische Filme des New Hollywood der 1970er-Jahre sind sehr toll.

Warum ist gerade "Die durch die Hölle gehen" einer Ihrer Lieblingsfilme?

KURDWIN AYUB: Der Film ist von der Darstellung her so authentisch - gerade auch am Anfang mit der episch erzählten Hochzeit. Ich mag Sozialdramen sehr gerne, die mit Genreelementen verbunden sind. Das ist mein Ding. Ich mag zum Beispiel auch Komödien, die während des Zweiten Weltkrieges entstanden sind. Aber ich kann nicht sagen, was die filmischen Vorbilder in meiner Arbeit als Regisseurin sind. Ich mache das, was ich fühle. Ich passe sehr gut zur Ulrich Seidl Filmproduktion und Menschen wie Veronika Franz, Severin Fiala und Ulrich Seidl. Wir sind eine gute Familie.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit der Ulrich Seidl Filmproduktion?

KURDWIN AYUB: Die Teilinhaberin Veronika Franz war meine dramaturgische Beratung. Ich sagte, dass ich für mein Projekt eine Firma bräuchte und zu ihnen wollte. Sie sagte, ich solle mich mal beim Ulrich Seidl vorstellen. Der mochte mein Projekt, weil ich auch authentisch die Darsteller inszeniere. Das ist auch sein Stil. Ich bin bei Seidl Film sehr glücklich, weil beide bei Fragen nach Dramaturgie oder Cast sehr gescheit sind. Was auch urcool ist: Man hat als Regisseurin viele Freiheiten, weil Seidl als Produzent selber Filmemacher ist und weiß, was eine Filmemacherin ungefähr brauchen könnte. Viele Drehtage, chronologisches Drehen, die Freiheit, auch sehr experimentell zu drehen. Auch dass man nicht in irgendeine Zielgruppen-Kategorie reingestopft werden soll, sondern man künstlerisch offen ist, ist toll.

Sie strahlen beim Präsentieren, Interviews oder auf der Bühne bei der Premiere aus, dass Ihnen auch dieser Teil der Arbeit viel Spaß macht. Trügt dieser Eindruck?

KURDWIN AYUB: Was ich gut kann, sind Publikumsgespräche. In Österreich bin ich, glaube ich, geschätzt, weil ich dann eine kleine Show abziehe. Ich mag es gerne, Menschen zum Lachen zu bringen. In der heutigen Zeit ist das aber auch nicht ganz unwichtig. Ich habe ein eigenes Instagram-Profil und eines für den Film. Man muss heute nah sein, um seine Sache weiter verbreiten zu können. Wenn man in Österreich Filme vermarktet, wirkt das manchmal auch ein bisschen altmodisch. Ich versuche das jetzt einfach mal wie der Musikstar Miley Cyrus, die Tausende Videos von sich postet und man das Gefühl hat, ihr so nahe zu sein und bei deren Leben dabei zu sein. Das will ich auch, dass man zum Beispiel live beim Filmprojekt "Sonne" und dem Drumherum dabei ist. Auf der Berlinale habe ich viel gepostet, so dass alle mit mir dort sein konnten, auch wenn sie wegen Corona nicht dort waren.

Und als Nächstes machen Sie wieder mit der Ulrich Seidl Filmproduktion den Film "Mond". Was darf man davon schon wissen?

KURDWIN AYUB: Es geht ein Stückweit zusammen mit "Sonne" um die Okzident- und Orient-Beziehung. "Mond" will ich im kommenden Winter und Frühjahr drehen. Wir sind schon beim Casting. Das Buch ist fertig. Der Plan ist es, das Ganze im Nahen Osten zu drehen. Es geht um eine ehemalige österreichische Kampfsportlerin, die von einer reichen arabischen Familie als Trainerin eingeladen wird. Sie soll die Töchter trainieren, damit diese abnehmen. Die Töchter wirken aber nicht wirklich so, als seien sie am Training interessiert, obwohl sie sich die Trainerin wünschten. Dahinter steckt ein kleines Mysterium.

Das Interview führte Michael Müller