Kino

FBW wirbt für Zukunftskonzept

Mit dem Ausgleich von Defiziten hat Hessen über Jahre den Fortbestand der Deutschen Film- und Medienbewertung gesichert - doch ein fortgesetztes finanzielles Engagement hängt auch an der Frage einer Beteiligung der anderen Bundesländer. Ins Boot holen soll diese nicht zuletzt eine Zukunftsagenda mit umfangreichem Maßnahmenkatalog, zu dem die Branche aktuell befragt wird.

30.03.2022 14:08 • von Marc Mensch
FBW-Direktorin Bettina Buchler (Bild: FBW)

Es ist leider eine eher traurige Bestandsaufnahme, die der "Zukunftsagenda 2022+" der Deutschen Film- und Medienbewertung FBW vorangestellt ist. Denn die 1951 von den damaligen Bundesländern als Obere Landesbehörde gegründete Institution sieht sich vor die Notwendigkeit gestellt, die Finanzierung auf neue Beine zu stellen.

Konkret heißt es in dem Dokument dazu unter anderem:

"Seit einigen Jahren ist die Vollfinanzierung aus Gebühren nicht mehr möglich. Der wichtigste Grund ist, dass die durch Tarifanpassungen an steigenden Personalkosten nicht durch wachsende Gebühreneinnahmen gedeckt werden können. Wegen der zunehmend enger gewordenen Herstellungs- und niedrigen Auswertungsbudgets für Filme scheuen immer mehr Produzent*innen und Verleiher*innen das Risiko einer Bewertung. Sie müssen die Gebühren auch bei Ablehnung eines Prädikates in voller Höhe zahlen. Diese Entwicklung kann nicht durch Kostensenkungen bei der FBW aufgefangen werden. Die Personalstruktur ist inzwischen so gering, dass eine weitere Verringerung die Funktion der Institution gefährdet. Auch die vom Verwaltungsrat wiederholt diskutierte Möglichkeit der Gebührenerhöhung wurde nach eingehenden Diskussionen stets verworfen. Denn die Zahl der zu begutachtenden Filme sinkt, wodurch die Relevanz des Siegels konterkariert zu werden droht. Gerade kleine Verleiher, Student*innen, Hochschulen und Debütfilmemacher*innen können sich höhere Gebühren im Gegensatz zu Majors mit ihren Blockbustern nicht leisten. Hierin liegt jedoch der kulturelle Auftrag der FBW, der auch die Vielfalt der Filmlandschaft abbilden muss."

Hessen, das auf Basis eines Verwaltungsvereinbarung (die ihrerseits auf einem Beschluss der Finanzministerkonferenz 2007 fußt) die Defizite ausglich und damit den Fortbestand der Institution sicherte, hält die Aufrechterhaltung seines "hohen finanziellen Engagements" demnach nur für gerechtfertigt, "wenn sich alle Länder in absehbarer Zeit gemeinsam auf eine Modernisierung des Arbeitsauftrages verständigen und sich an den Kosten beteiligen". Zwar existiert nach Angaben der FBW keine konkrete Deadline, ab der ein ernsthafter Rückzug des Bundeslandes aus der Finanzierung drohe. Ein konkretes Arbeitskonzept für die Zukunft auszuarbeiten und damit die anderen Bundesländer stärker ins Boot zu holen - wie es im Rahmen des von Hessen und NRW, dem Medienboard, der MFG, dem FFF und Nordmedia sowie der Staatskanzlei Thüringen finanziell unterstützten Projekts FBW-Jugend-Filmjury durchaus schon in nennenswertem Maße gelingt - genießt dennoch hohe Priorität in Wiesbaden. Vor allem auch, weil es letztlich vor allem darum gehe, den prämierten Filmen über einen Ausbau und eine Modernisierung bewährter Maßnahmen zu mehr Sichtbarkeit zu verhelfen und dem Publikum noch bessere Orientierung zu ermöglichen.

Zur kompletten "Zukunftsagenda 2022+" der FBW

Argumente liefert ein umfassender Katalog an Maßnahmen, der sich auf vier konzeptionelle Schwerpunkte stützt: Den Ausbau des Orientierungsauftrags und der Herausstellung hochwertiger Produktionen für Kino und Neue Medien, den Ausbau der partizipativen Kinder- und Jugendfilmarbeit sowie eine Stärkung der Sichtbarkeit für Debütfilme, deutschlandweit und international. Eine Modernisierung der Gebührenordnung soll zudem den Zugang zur Bewertung für alle erleichtern.

Letzteres ist - nicht zuletzt vor dem Hintergrund der eingangs skizzierten Herausforderungen - ein ganz zentraler Punkt, der "die Teilhabe aller relevanten Produktionen" sicherstellen soll. Konkret heißt es im Maßnahmenkatalog zur Frage der Gebühren unter anderem: "Neben Sondergebühren bei niedrig budgetierten Filmen, Kurzfilmen, Hochschul- und Debütfilmen, sollen gestaffelte Gebühren das finanzielle Risiko im Falle von Nichtvergabe eines Prädikates mindern. Eine noch mit den Ländern im Detail abzustimmende neue GBO verfolgt nicht mehr das Ziel einer vollständigen Kostendeckung. Mit einer Sockelfinanzierung durch die Länder wird die Gebührenhöhe entlastet und eine breite Unterstützung deutscher und internationaler Produktionen ermöglicht. Kriterien für eine Staffelung könnten Herstellungskosten und Herausbringungsbudgets sein."

Zum kompletten Maßnahmenkatalog

Die Modernisierung der Gebührenordnung ist in der "Zukunftsagenda 2022+" auch einer von drei Punkten, die die FBW als den Ländern zur Verfügung stehende Instrumente hervorhebt. Die beiden anderen: Die Länder sollen für eine Siegel-Einbindung bei den jeweiligen Förderinstitutionen sorgen - und sie sollen im Zuge der anstehenden FFG-Novellierung darauf hinwirken, dass wieder beide Prädikate in das FFG aufgenommen werden und damit auch das Prädikat "Wertvoll" wieder Hürden für die Referenzfilmförderung senken kann.

Dies ist ein Thema, das die FBW seit geraumer Zeit umtreibt - umso mehr, als schon im Zuge der Debatte um die Novellierung des FFG für die Jahre 2014 bis 2016 Forderungen im Raum standen, auch das Prädikat "Besonders wertvoll" aus den Vorschriften für die Referenzförderung zu streichen. Diese Forderungen fanden sich auch in den (am Ende nur punktuell aufgegriffenen) Empfehlungen einer Expertenrunde für die darauffolgende Novellierung. Zwar führt die FBW selbst aus, dass sich die Zahl der Langfilme, denen Prädikate über Referenzförderschwellen helfen (würden) selbst dann im "einstelligen Bereich" liegen würde, wenn beide Prädikate dieselben Effekte gewährten. Aber zum einen sei der Effekt für das einzelne Projekt von herausragender Bedeutung, zum anderen schlage er sich vor allem im Segment der Kurzfilme nieder.

Dem Katalog jedenfalls kommt zentrale Bedeutung für eine finanzielle Neuaufstellung der FBW zu - denn auf vier Seiten finden sich dort stichpunktartig diverse Maßnahmen, um den Prädikaten und den damit einhergehenden Empfehlungen zu mehr Sichtbarkeit und damit zu mehr Relevanz zu verhelfen - und damit im Gegenzug die Attraktivität eines Prüfverfahrens für potenzielle Auftraggeber zu steigern. Ein Fokus liegt dabei nicht zuletzt auf der Arbeit der bereits eingangs erwähnten FBW-Jugendjury, die in den letzten Jahren auch dank diverser Branchenkooperationen (darunter nicht zuletzt mit der AG Kino-Gilde) spürbar an Relevanz gewonnen hat.

Alles in allem handelt es sich um ein überaus ambitioniertes Maßnahmenpaket, zu dem seit 25. März eine Befragung unter "Branchenteilnehmern, Verbänden und Institutionen" läuft, die noch bis 25. April beantwortet werden kann.

Um Unsummen geht es bei der angestrebten Länderbeteiligung übrigens durchaus nicht. Denn auch wenn der in der Zukunftsagenda angesprochene konkrete Businessplan, in dessen Rahmen Vorschläge zur künftigen Verteilung der Finanzlast zwischen Hessen und den anderen Bundesländern unterbreitet werden, im öffentlich einsehbaren Dokument nicht enthalten ist, soll es - eine Beteiligung aller Länder vorausgesetzt - nach Angaben der FBW selbst bei Umsetzung eines Großteils der geplanten Maßnahmen nur um Summen im vierstelligen oder fünfstelligen Bereich pro bzw. je nach Bundesland gehen. Wobei für Hessen als Sitzland der FBW weiterhin eine höhere Last vorgesehen wäre.

"Die jüngsten Entwicklungen der Medienbranche zeigen die Notwendigkeit einer unabhängigen Kulturarbeit für den Film in all seinen Facetten, seiner Vielfalt und gesellschaftlichen Relevanz. Zahlreiche Gespräche auch mit unseren langjährigen Partnern aus Kino, Verleih und Produktion haben uns die konkreten Bedarfe und Wünsche gezeigt. Auf diese Bedarfe möchten wir in Zukunft mit neuen Instrumentarien zur Erschließung des Publikums eingehen und sind gespannt auf das Feedback der Branche", so die Direktorin der FBW, Bettina Buchler zur laufenden Branchenbefragung.