Kino

Marijana Stoisits von der Vienna Film Commission über das Vienna Film Incentive: "Neue Möglichkeiten"

Marijana Stoisits, Geschäftsführerin der Vienna Film Commission, über das neu eingeführte Vienna Film Incentive, von dem auch Streamingproduktionen profitieren.

29.03.2022 13:28 • von Barbara Schuster
Marijana Stoisits freut sich über das neue Incentive-Angebot (Bild: Helena Wimmer)

Marijana Stoisits, Geschäftsführerin der Vienna Film Commission, über das neu eingeführte Vienna Film Incentive, der auch Streamingproduktionen zu Gute kommt.

Der Filmstandort Wien schwang sich trotz Coronapandemie zu neuen Höhenflügen auf. Für 2021 konnten Sie das mit Abstand erfolgreichste Jahr der Vienna Film Commission vermelden. Jetzt kommt bereits eine neue positive Nachricht mit dem Vienna Film Incentive...

Wir freuen uns sehr! Ein hervorragender Start ins Jahr. Besser hätte es nicht sein können. Das Einzige, was mir für Wien noch fehlt, ist ein Filmstudio. Aber vielleicht kommt das ja auch noch bald ...

Waren Sie die treibende Kraft bei der Aufstellung dieses neuen Förderangebots?

Die Vienna Film Commission und der Wien Tourismus, der einer unserer Finanzierungspartner ist, haben für die Entwicklung dieser Förderung intensiv zusammengearbeitet. Seit Gründung der Vienna Film Commission vor 13 Jahren verbindet uns ein sehr enger Austausch. Tourismusdirektor Norbert Kettner, der seine Position damals kurz vor mir antrat, hat von Anfang an erkannt, dass Filmproduktionen für den Tourismus einen großen Werbewert haben. Der Wien Tourismus ist nun auch die Anlauf- und Abwicklungsstelle des Vienna Film Incentive.

Wie sieht dieses Modell genau aus?

Es handelt sich um ein simples Cash-Rebate-Modell. Von den Ausgaben, die in Wien getätigt werden und die anrechenbar sind, werden 30 Prozent zurückerstattet - nach den Dreharbeiten und erfolgter Abrechnung. Die Förderung ist pro Produktion mit 400.000 Euro gedeckelt. Es müssen mindesten zwei Drehtage in Wien stattfinden, Wien muss auch Wien sein im Film und eine kommerzielle Auswertung muss glaubhaft gemacht werden.

Das Incentive soll mehr internationale Filmproduktionen nach Wien holen und kommt nicht nur Kinofilmen, sondern auch bewusst Serien- bzw. Streamingproduktionen zugute...

Genau! Und das ist neu. Das Incentive ist eine Förderung, die sich explizit auch an die Streamingplattformen wendet. Wir haben in Österreich zwar ein Incentive des Bundes, aber nur für Kinoproduktionen. Produktionen wie der jüngste Wiener Netflix-Dreh zu "Tyler Rake: Extraction 2" mit Chris Hemsworth Anfang 2022 unterstreichen die wachsende Rolle der Streamingdienste. Wir alle haben wir die Entwicklung in den letzten zehn Jahren mitverfolgt. Seit Gründung der Vienna Film Commission stellt sich die komplette Branche vollkommen verändert. Deshalb muss man das Regelwerk, das man zur Verfügung hat, natürlich anpassen. Das war uns beim Vienna Film Incentive ganz wichtig. Wir hatten in der Vergangenheit immer wieder Drehanfragen, auch für große Fernsehserien wie z.B. "Katharina die Große" mit Helen Mirren. Das zerschlug sich leider immer wieder, weil es keine Fördermöglichkeiten gab. Zumindest in Wien gibt es die jetzt aber - und mit einer gar nicht mal so kleinen Summe, nämlich zwei Millionen Euro bis 2023. Das ist ganz ordentlich, wenn man bedenkt, dass die Bundesförderung FISA für Serviceproduktionen für ganz Österreich pro Jahr 1,5 Millionen Euro zur Verfügung hat.

Wie geht es nach 2023 weiter?

Wirtschaftsstadtrat Peter Hanke hat bei der Präsentation am 23. März durchklingen lassen, dass er sich eine Verlängerung gut vorstellen kann, wenn es gut läuft. Aber fix ist noch nichts, erst wird mal evaluiert.

Wer sind denn die größten Konkurrenten für den Filmstandort Wien?

Sicherlich Prag und Budapest. Wenn eine Serie wie "Freud" bis auf einen Tag in Tschechien bzw. Prag gedreht wurde, ist das schon bitter. Aber wir konnten bislang nicht mit den Incentives aufwarten, die Produktion dort bekommen. "The Empress", die aktuelle Netflix-Serie über Sisi, wurde in Bayern gedreht. Da hätte es sicherlich auch Anknüpfungspunkte nach Wien gegeben - um es ironisch zu formulieren. Das ist sehr schade, zumal es im vergangenen Jahr aufgrund der Coronapandemie kaum Touristen in Schloss Schönbrunn gegeben hat und Dreharbeiten sogar dort möglich gewesen wären. Das ist zu normalen Zeit eher schwierig, denn Schönbrunn ist der meistbesuchte touristische Ort Österreichs.

Inwiefern profitiert die österreichische Filmbranche vom Vienna Film Incentive?

Die Beantragung der Förderung kann nur über eine österreichische Serviceproduktion erfolgen. Das heißt, alle Produktionsfirmen, die daran interessiert sind, auch als Serviceproduktion tätig zu werden - und davon gibt es mittlerweile einige - können davon profitieren. Das Feedback aus der Branche ist sehr positiv. Und für alle Filmschaffenden vor Ort bieten sich dadurch natürlich auch neue Möglichkeiten.

Was versprechen Sie sich mittelfristig von diesem neuen Anreizmodell?

Zum einen hoffe ich, dass noch mehr internationale Produktionen in die Stadt kommen, und könnte mir vorstellen, dass, wenn die Gespräche um den Bau eines Filmstudios in Wien Früchte tragen, auch in diesem Zusammenhang Synergien für den Standort entstehen. Zum anderen wäre es wünschenswert, dass sich die Ziele des Wien Tourismus erfüllen. Tourismus ist ein starker Wirtschaftsfaktor für unser Land. Durch die Coronapandemie hat dieser Bereich wie in allen Ländern sehr gelitten.

Sie machen sich seit Jahren stark für ein österreichweites Incentive-Modell, das durch die Turbulenzen in der österreichischen Regierung immer wieder ins Hintertreffen geraten ist. Wie ist da der Status quo?

Der Status quo ist schon ziemlich lange gleich. Das Wirtschaftsministerium der alten Regierung hatte das Modell eigentlich abgesegnet, aber jetzt hängt es schon länger im Finanzministerium. Wieso und warum kann ich schlicht nicht nachvollziehen. Es schwebten zunächst unterschiedliche Vorstellungen über die Art der Förderung im Raum, doch die Branche hat sich schließlich auf eine sogenannte Investitionsprämie geeinigt, ein Steuertanreizmodell. Dieses liegt der Regierung vor. Das Vienna Film Incentive kann dieses Manko nur bedingt auffangen - eben nur für Wien. Es gäbe aber andere Bundesländer mit sehr attraktiven Locations.

Wie ist die aktuelle Situation bei der Vienna Film Commission? Wie lässt sich das Jahr an?

Bislang läuft es sehr gut, in etwa so wie in den vergangenen Jahren. Der Dreh von Serien und Spielfilmen hat wieder angefangen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir 2022 ein mindestens ebenso gutes Jahr haben werden wie 2021. Ich weiß auch schon von einigen Produktionen, die für den Vienna Film Incentive einreichen wollen. Das ist sehr erfreulich.

Welche Details gibt es zum geplanten Filmstudio in Wien?

Die Gespräche laufen, aber ich bin hier nicht involviert. Vorgesehen ist ein Areal, das dem Wiener Hafen gehört in Simmering, nahe der Autobahn zum Flughafen. Es sieht wohl gut aus, aber der Schlusspunkt ist meines Wissens noch nicht gesetzt. Für den Standort wäre es natürlich großartig.

Gab es durch Corona grundlegende Veränderungen am Standort Wien?

Der Branche ist es nach dem landesweiten Lockdown und dem damit bedingten allgemeinen Drehstopp in 2020 sehr schnell gelungen, gemeinsam mit der Bundesregierung einen Ausfallfonds zu installieren. Von da an ging im Grunde genommen alles ganz normal weiter. Natürlich gab es immer mal wieder Covidfälle bei Dreharbeiten; durch den Fonds konnte das aber gut aufgefangen werden. Was Wien selbst betrifft, ist uns eigentlich bis heute nur ein Motiv weggebrochen: Nach wie vor ist das Drehen in Krankenhäusern der Stadt Wien nicht möglich. Was aber auch nachvollziehbar ist.

 Das Gespräch führte Barbara Schuster