Produktion

New Matter Films startet mit Berlinale-Premieren

Mit dem bei der Berlinale 2021 prämierten "Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?" startet die erste Langspielfilmproduktion der jungen Firma von Luise Hauschild und Mariam Shatberashvili in der nächsten Woche in den Kinos. Wir stellen New Matter Films und ihre nächsten Projekte vor.

01.04.2022 12:24 • von Heike Angermaier
(v.l.:) Mariam Shatberashvili und Luise Hauschild,von New Matter Films (Bild: New Matter)

Mit dem bei der Berlinale 2021 prämierten Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?" startet die erste Langspielfilmproduktion der im Jahr 2020 gegründeten Firma von Luise Hauschild und Mariam Shatberashvili in der nächsten Woche in den Kinos. In diesem Jahr war das Duo mit Alle reden übers Wetter" erneut in Berlin eingeladen.

Die beiden Produzentinnen lernten sich an der DFFB kennen. Shatberashvili legte mit "Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?", der mit dem FIPRESCI-Preis bei der Berlinale gewürdigt wurde und in einigen Kritiker-Bestenlisten des vergangenen Jahres auftauchte, ihren Abschlussfilm vor. Für Hauschild und Regisseurin, Koautorin und Koproduzentin Annika Pinske ist "Alle reden übers Wetter" ihr Abschlussfilm. Das im georgischen Kutaissi gedrehte magische Drama von Autor, Regisseur und Editor Alexandre Koberidze erzählt in einer wild wuchernden, mit verrückten Ideen gespickten Geschichte von zwei Liebenden, die verflucht sind, das klassisch-realistisch erzählte, in Berlin und Krakow gedrehte Drama von Pinske von einer Philosophiedoktorantin aus Berlin, die zum Geburtstag ihrer Mutter in die ostdeutsche Provinz zurückkehrt.

"Unsere ersten beiden Langspielfilme demonstrieren das Spektrum der Projekte, die wir produzieren wollen", so Hauschild, Filme "mit explizit künstlerischem Anspruch und einer besonderen Handschrift", wie es auch auf der Homepage von New Matter steht. Es handele sich um Filme, "deren Platzierung auf wichtigen Festivals essenziell ist, die aber auch außerhalb von Festivals für ein internationales Arthousepublikum gedacht sind", so Hauschild weiter. Die beiden Titel entstanden noch unter dem Dach der DFFB. "Wir haben die Produktion und Finanzierung von A bis Z betreut und halten auch manche Rechte", betont Hauschild. Die Gründung der GmbH stellte sich als komplizierter als gedacht heraus. Tatsächlich wurde sie ein paar Wochen vor Beginn der Pandemie vollzogen. Ein denkbar unglückliches Timing. Aber: "Neben der Postproduktion unserer Titel konnten wir uns auf die Entwicklung der neuen Stoffe konzentrieren".

Während der Pandemie keine größeren Projekte zu drehen, war auch eine wirtschaftliche Entscheidung: "Als junge, kleine Firma ist unser finanzielles Risiko viel höher", so Shatberashvili. Einen bereits vorbereiteten Kurzfilm der DFFB-Kollegin Mónica Lima realisierten sie dennoch, allerdings in Portugal und zusammen mit portugiesischen Partnern. "Wir wollen auch in Zukunft lieber wenige Projekte angehen, hinter denen wir dafür 100 Prozent stehen können", sind sich Shatberashvili und Hauschild einig. Bei der Firmengründung wurden die beiden von der Mediastart-Initiative der MDM unterstützt, die für ein Jahr die Betriebskosten für das Büro in Leipzig übernimmt und ein Mentorenprogramm anbietet. Hauschild arbeitet von Leipzig aus, Shatberashvili in Berlin.

"Was sehen wir?" und "Alle reden übers Wetter" wurden von der Initiative des RBB, "Leuchtstoff", für Filme aus der Region des Senders unterstützt, zu der das Medienboard beisteuert, und bereits 2019 gedreht. "Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?" erhielt außerdem Förderung vom Georgian National Film Center (GNFC). "Wetter" wurde von FFA, BKM und dem Vorpommern Fonds gefördert. Pinske bringt Referenzmittel über ihre erfolgreichen Kurzfilme "Spielt keine Rolle" und "Homework" ein, der erste wurde mit dem Deutschen Kurzfilmpreis nominiert, der zweite ausgezeichnet. Der Schnitt bzw. überhaupt die Postproduktion wurden von der Pandemie verzögert, da Pinske und Editorin Laura Lauzemis sich im Lockdown um ihre Kinder kümmern mussten. Shatberashvili und Hauschild ist es ein besonderes Anliegen, dass weibliche Kreative ihren Job und Familie vereinbaren können.

Das Duo freut sich, dass "Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?" bereits respektabel in den US-Kinos lief und in einigen Territorien bei der auf Arthouse fokussierten Plattform Mubi zu sehen war. Im deutschen Kino ist der zweite Langfilm von Koberidze für einen Start am 7. April vorgesehen. Verleih Grandfilm stieg nach der Premiere bei der Berlinale ein und ist auch bei "Alle reden übers Wetter" an Bord gekommen. Es sei eine bewusste Entscheidung gewesen, so lange zu warten, bis man nach einem Verleih und einem Weltvertrieb suchte, bei den neuen Projekten werde es anders sein, so Shatberashvili weiter. Sie produzierte bereits Pinskes Kurzfilm "Taschengeld", in dem Emma Frieda Brüggler eine Rolle spielte, die auch in Homework" und "Spielt keine Rolle" zu sehen war und nun als Tochter der von Anne Schäfer gespielten Hauptfigur wieder eine wesentliche Rolle inne hat. Pinske probte eine gute Woche mit Schäfer, Ann-Kathrin Gummich und Brügggler. Für die für den Film ganz besonders wesentliche Besetzung, zu der auch Sandra Hüller und Max Riemelt gehören, war Casterin Simone Bär verantwortlich, die als aus Ostdeutschland stammende Frau der Stoff besonders ansprach.

Weltvertrieb Films Boutique bot das Projekt beim EFM an. Interesse an dem lokal verorteten Film, dessen Themen Heimat und Selbstbestimmung aber global beschäftigen, gab es. »Ich finde es superschade, dass wir das Festival nicht so erleben können, wie es früher war, bin aber sehr froh, dass wir mit "Alle reden übers Wetter" im Kino Weltpremiere feiern können", sagte Shatberashvili im Vorfeld der Premiere und Hauschild ergänzte: "und dass der Film nicht online versickert". "Ihn gemeinsam mit anderen zu erleben, ist das Wichtigste!"

Der Dreh des nächsten Projekts ist noch für dieses Frühjahr vorgesehen, "Dry Leaf" von Koberidze, den er wie sein erster Langfilm Lass den Sommer wieder kom- men mit einer Handykamera filmen will, und bei dem sein Bruder Giorgi Koberidze erneut für Musik und Sounddesign ver- antwortlich zeichnen wird. Die Finanzierung des sehr kleinen Projekts ist mit dem World Cinema Fund und dem GNFC bereits gesichert. Es erzählt von einem Vater, der seine Tochter an den Orten sucht, Fußballstadien, die sie als Fotografin besuchte. Für den nächsten größeren Film von Koberidze, "Floras Kindheit" um ein Paar, das mit der Tochter aus dem Kriegsgebiet über das Kaukasus-Gebirge flüchtet, kann sich Shatberashvili eine Drei-Länder-Produktion vorstellen.

In der Fertigstellung befinden sich Limas erwähnter "Natureza Humana" über ein Paar, das nicht genau weiß, ob es eine Familie gründen soll, sowie das knapp 60 Minuten lange Drama "Performer" von Oliver Grüttner um einen Schüler, der einen Amoklauf plant. Im Schnitt befindet sich Faraz Fesharakis Langfilmdebüt als Regisseur und Autor mit dem Dokumentarfilm "The Right Left Side", in dem er den ersten Besuch der Eltern aus Teheran bei ihm und ihre gemeinsame Reise nach Wien und Budapest schildert. Er führte die Kamera bei "Was sehen wir" und gehört mit Grüttner, Lima und Koberidze zum Kreis der Kreativen aus dem DFFB-Umfeld, mit denen Hauschild und Shatberashvili gerne weiterarbeiten wollen. Die beiden sind auch offen für neue Kooperatione. Im Herbst will das Duo von New Matter Film vielleicht noch ein weiteres, besonderes Projekt drehen, das Langfilmdebüt der Autorin und Regisseurin Youdid Kahveci, die mit ihrem letzten Kurzfilm in Locarno lief: "Anorak", um eine magische Reise durch die Nacht eines Kneipenwirtes und seiner Gäste.