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Cannes-Spekulationen: "Elvis", "Top Gun" und wer noch?

Was werden die Highlights des 75. Festival de Cannes sein? Schon jetzt überschlagen sich die Spekulationen um die Jubiläumsausgabe des größten Filmfestivals der Welt. Zwei Blockbuster aus Hollywood sind wohl jetzt schon fix.

16.03.2022 11:40 • von Thomas Schultze
Rockt in Cannes: "Elvis" (Bild: Warner Bros.)

Nach der Berlinale ist vor Cannes: Während sich Carlo Chatrian mit seiner Auswahl eine Nische als A-Festival mit Boutique-Charakter geschaffen hat, kompetent kuratiert, geschmackvoll gestaltet, cineastisch geprägt, versteht sich das Festival de Cannes unter Leitung von Thierry Frémaux - wie auch die Mostra in Venedig - unverändert als Plattform der großen Namen, als Schaubühne für die führenden Filmemacher des Weltkinos, ob sie nun Mainstreamkino für die Massen machen oder Kunstkino der Sonderklasse. Nachdem das 74. Festival de Cannes im vergangenen Juli als erstes großes Festival nach dem langen zweiten Lockdown das Comeback der Kinos einläutete und - mit Einschränkungen - bewies, dass Großveranstaltungen mit Gästen aus aller Welt doch wieder möglich sind, gilt es als ausgemachte Sache, dass das französische A-Festival zum 75. Jubiläum wieder am angestammten Mai-Termin - vom 17. bis 28. Mai, um genau zu sein - erst recht unter Beweis stellen will, dass das Kino immer noch eine vitale kulturelle Kraft mit Publikumsanspruch ist. Entsprechend ist die heutige Meldung zu werten, dass der seit 2020 geschobene Top Gun: Maverick" mit Tom Cruise eine der großen Attraktionen an der Croisette sein soll. Zwar steht eine offizielle Bestätigung aus, aber Variety berichtet, der Deal sei in trockenen Tüchern - allerdings soll es noch vor Cannes die Weltpremiere in San Diego geben. Mittlerweile ebenfalls inoffiziell bestätigt ist die erwartete Weltpremiere von "Elvis" von Baz Luhrmann, auch wenn noch unklar ist, an welcher Stelle des Festivals der Film mit Austin Butler und Tom Hanks zu erwarten ist: Bereits mit "Moulin Rouge" (2001) und "Der große Gatsby" (2013) hatte Luhrmann das Festival in Südfrankreich eröffnet; man darf also hoffen, dass aller guten Dinge drei sein werden und Cannes wieder mit einer Luhrmann-Extravaganz starten wird - und nach Annette" im vergangenen Jahr abermals mit einem Musikfilm. Als dritter großer Hollywood-Film ist überdies Lightyear" von Pixar im Gespräch. Zuletzt war Soul" aus dem Produktionshaus 2020 Teil der Sélection officielle, als das Festival nicht physisch stattfinden konnte. Aber auch davor gehörte Pixar bereits regelmäßig zu den Gästen von Thierry Frémaux. Ein weiteres potenzielles Schwergewicht könnte Three Thousand Years of Longing" von George Miller mit Idris Elba sein, Millers erster Film seit Mad Max: Fury Road", der 2015 in Cannes vom Stapel gelaufen war.

Alle Spekulationen sind selbstredend mit Vorsicht zu genießen. Zu diesem Zeitpunkt weiß keiner, für welche Titel das Herz des Auswahlkomitees schlägt - und in welcher Reihe sie starten könnten. Mit der im vergangenen Jahr neu eingeführten Reihe "Cannes Premiere" haben Frémaux und seine Leute noch mehr Spielraum, noch mehr großes Kino in ihrer offiziellen Auswahl auszuspielen: im Wettbewerb, außer Konkurrenz, in der wieder verstärkt dem Nachwuchs gewidmeten Reihe Un Certain Regard und eben den Cannes Classics. Oben auf der Favoritenliste stehen die vormaligen Goldene-Palme-Gewinner Ruben Östlund, Cristian Mungiu, Hirokazu Kore-eda und Jean-Pierre & Luc Dardenne: Östlund hat fünf Jahre nach "The Square" endlich seinen "The Triangle of Sadness" fertiggestellt und gilt als gesetzt für den Wettbewerb. Sollte Mungiu, Cannes-Gewinner für "4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage" im Jahr 2008, die Arbeit an "R.M.N." abgeschlossen haben, sollte er sechs Jahre nach Bacalaureat" definitiv wieder auf der Liste sein. Der Japaner Koreeda hatte nach seinem Goldene-Palme-Sieg mit Shoplifters - Familienbande" zwischenzeitlich eine Cannes-Auszeit absolviert und "Leben und lügen lassen" zwischenzeitlich einen Abstecher nach Venedig unternommen, sollte nun aber mit "Baby, Box, Broker" wieder zu seinem Stammfestival zurückkehren. Die Dardennes haben im gewohnten Dreijahresrhythmus wieder einen Film fertiggestellt, "Tori et Lokita", der damit auch für den Wettbewerb gesetzt ist - wie jeder Dardennes-Film seit Rosetta" vor 23 Jahren.

Als höchstwahrscheinlich gilt auch David Cronenbergs erster Film seit Maps to the Stars", der 2014 im Cannes-Wettbewerb lief: Mit Léa Seydoux und Kristen Stewart sowie seinem verdienten Star Viggo Mortensen hochkarätig besetzt, sollte "Crimes of the Future" die Rückkehr des 79-jährigen Kanadiers markieren. Gern gesehen in Cannes ist auch der Südkoreaner Park Chan-wook, der mit seinem Thriller "Decision to Leave" sechs Jahre nach Die Taschendiebin" wieder die Reise nach Europa antreten könnte. Sollte sein Film so weit sein, ist auch mit dem zweifachen Oscargewinner Alejandro Gonzalez Iñárritu zu rechnen, der mit seinem in Mexiko in spanischer Sprache gedrehten "Bardo" erstmals seit Biutiful" im Jahr 2010 wieder für den Wettbewerb in Frage kommt. Einen bleibenden Eindruck im Wettbewerb von Cannes hinterließ auch der Argentinier Damián Szifron 2014 mit seinem von den Almodóvar-Brüdern produzierten "Wild Tales - Jeder dreht mal durch". Jetzt legt er mit Misanthrope" nach, der ebenso auf der Liste von Thierry Frémaux stehen dürfte wie der neue Film von Girl"-Macher Lukas Dhont, Close". Wenn der Film rechtzeitig verfügbar ist, ist auch ein Comeback von James Gray in Cannes denkbar: Seine Jugenderinnerungen "Armageddon Time" mit Anne Hathaway und Anthony Hopkins wären der erste Film des Regisseurs an der Croisette seit seinem wunderbaren The Immigrant". Robin Campillo war vor fünf Jahren eine Sensation mit 120 BPM" und konnte den Großen Preis der Jury gewinnen und sollte nun mit "École de l'air" wieder auf Palmenjagd gehen. Aus Frankreich gelten außerdem die neuen Arbeiten von Arnaud Desplechin ("Frère et souer") und Christophe Honoré ("Le lyceen") als potenzielle Kandidaten. Zudem könnte Florian Zeller für eine Überraschung sorgen und seinen The Father"-Nachfolger The Son", wieder basierend auf einem eigenen Theaterstück und mit Vanessa Kirby, Hugh Jackman und Anthony Hopkins in den Hauptrollen, für Cannes fertighaben.

Und wem das alles jetzt viel zu männerlastig sein sollte, der hat natürlich Recht. Weibliche Filmemacher werden gewiss auch in Cannes vertreten sein, in welchem Umfang wird sich zeigen. Jedenfalls ist damit zu rechnen, dass Kelly Reichardt, längst überfällig, endlich im Wettbewerb landen könnte mit ihrem First Cow"-Nachfolger "Showing Up". Gleiches gilt für Joanna Hogg, deren "The Souvenir Part 2" eine der Sensationen des letztjährigen Cannes war, allerdings in der nicht zum offiziellen Festival gehörenden Nebenreihe Quinzaine des Réalisateurs gezeigt wurde. Mit "The Eternal Daughter" mit Tilda Swinton könnte ihr nun der Sprung in die Königsklasse gelingen. Dort erwartet man auch den neuen Film von Rebecca Zlotowski, die mit "Les enfants des autres" mit Virginie Efira an die Croisette reisen könnte, wie auch Alice Diop, die mit "Saint-Omer" nach einigen Dokus und einer Serie ihren ersten Spielfilm als Regisseurin vorlegt. Variety spekuliert auch mit "Rodeo", das Regiedebüt der jungen Filmemacherin Lola Quivoron. Die Österreicherin Marie Kreutzer, die mit "Der Boden unter den Füßen" zuletzt im Wettbewerb der Berlinale vertreten war, könnte mit Corsage" mit Vicky Krieps in Südfrankreich landen. Inwiefern Maria Schrader mit ihrer US-Produktion She Said" mit Zoe Kazan und Carey Mulligan über die Akte Harvey Weinstein ein Thema ist, muss sich zeigen. In den USA soll der Film im November starten, was ihn eher zu einem Kandidaten für die Herbstfestivals macht. Eine Weltpremiere in Cannes, wo Weinstein bis zu seinem ruhmlosen Niedergang im Jahr 2017 ein gern gesehener Stammgast war und seine alljährliche Produktpräsentation zu den Must-Events zählte, ist allerdings eine überaus reizvolle Idee. Fest steht auch, dass Claire Denis ihren "Stars at Noon" nicht rechtzeitig vorlegen kann (wie wohl auch Nuri Bilge Ceylan seinen unter anderem von Komplizen Film produzierten "On Barren Weeds". Ein No-Show wird auch Andrew Dominiks Blonde" mit Ana de Armas sein, auch wenn der Regisseur bei der Vorstellung seiner neuen Nick-Cave-Doku in Berlin die Hoffnung geäußert hatte, an der Croisette laufen zu können: Auch in diesem Jahr werden keine Netflix-Filme in Cannes gezeigt. Venedig freut sich schon mal.

Wie sind die Aussichten für andere deutsche/österreichische Filmemacher diesseits von Maria Schrader und Marie Kreutzer? Wie immer eine schwierige Frage. Eine Idee zumindest: Kilian Riedhof greift mit seinem Meinen Hass bekommt ihr nicht" jedenfalls ein durch und durch französisches Thema auf: den Umgang mit dem Terroranschlag auf das Bataclan im November 2015. Dass Komplizen Film die Produktionsfirma ist, spricht angesichts von deren Cannes-Track-Record seit Toni Erdmann" zudem dafür, dass sich das Auswahlkomitee für den Film interessieren könnte, sofern er denn vorgelegt würde. Denkbar wäre sicherlich auch Ulrich Seidl mit seinem Rimini"-Sequel "Sparta", dessen Vorverkäufe bereits auf dem EFM begonnen hatten. Schon seine vorangegangene "Paradies"-Trilogie hatte der Österreicher auf den Festivals in Berlin, Cannes und Venedig vorgelegt.

Wer ab 17. Mai darüber entscheiden wird, welche Filme zu Palmenehren kommen werden, ist aktuell auch noch ungewiss. Es heißt, dass Thierry Frémaux für den Juryvorsitz am liebsten eine Künstlerin gewinnen würde. Der Name Marion Cotillard wurde bereits mehrfach genannt. Ob sie es denn auch tatsächlich sein wird, wird man abwarten müssen, bis Cannes eine offizielle Bestätigung verschickt. Lange wird es jedenfalls nicht mehr dauern: Das 75. Festival de Cannes startet in nicht einmal zwei Monaten.

Thomas Schultze