Produktion

Susanne Stürmer: "Kritischer Erfolgsfaktor"

Die Präsidentin der Filmuniversität Konrad Wolf spricht über die Notwendigkeit, sich Investitionsthemen wie Fachkräften und Forschung zu widmen.

14.03.2022 10:37 • von Marc Mensch

Der Fachkräftemangel ist ein Thema, das derzeit der gesamten Produktionsbranche in Deutschland auf den Nägeln brennt. Darüber, über neue Berufsbilder und den "Weiterbildungsverbund Medien" sprachen wir mit Susanne Stürmer, Präsidentin der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf.

BLICKPUNKT: FILM: Seit Sie vor fast neun Jahren als Präsidentin der Filmuniversität Konrad Wolf angefangen haben, sind die Studierendenzahlen kontinuierlich gewachsen. Dennoch klagt die Bewegtbildbranche wie nie zuvor über Fachkräftemangel.

SUSANNE STÜRMER: Ein brennendes Thema für uns. Die Studierendenzahlen haben sich fast verdoppelt, wir sind, was Kapazitäten und Ressourcen betrifft, am Limit. Wir leisten einen großen Beitrag dazu, dass Nachwuchs in die Branche kommt. Aus regelmäßigen Befragungen unserer Alumni der jeweils letzten drei Jahrgänge wissen wir, dass unsere Studierenden sehr gut unterkommen. Rund 90 Prozent arbeiten im Kino-, Fernseh-, Plattform- und Medienbereich. Das schon immer hohe Niveau ist nochmal gewachsen.

BF: Über welche Zahlen sprechen wir da?

STÜRMER: Von ungefähr 140 Absolventinnen und Absolventen pro Jahrgang, die ihren Abschluss machen, Medienwissenschaften inklusive.

BF: Wie ist das Verhältnis Frauen/Männer?

STÜRMER: Fast pari, sogar etwas mehr Frauen, etwas weniger in den eher technischen Studiengängen wie Kamera/Sound. Aber der Frauenanteil verbessert sich auch da.

BF: Das ausgewogene Verhältnis beim Abschluss verändert sich dann aber, bei mehrjähriger Berufstätigkeit sind weniger Frauen in der Beschäftigung?

STÜRMER: Das ist so; die Daten, die man aus Studien kennt, können wir bestätigen. Es liegt nicht am Ausbildungsanteil in den Hochschulen, sondern wie man später im Beruf ankommt und die sichtbareren Karrieren macht. Beim Thema Gendersensibilität ändert sich einiges, auch wir als Filmhochschulen tun viel für unsere Frauen zum Berufsstart, etwa mit der Initiative "Into the Wild". Das muss und wird auch fruchten, leider nicht unmittelbar.

BF: Es gibt immer mehr Studierende, trotzdem einen eklatanten Fachkräftemangel - wie kann das sein?

STÜRMER: Das hat zwei Komponenten. Das Gap ist groß geworden, der quantitative Bedarf ist in den letzten fünf, sechs Jahren so explodiert, dass man nicht mehr hinterherkommt. Dazu kommt, dass wir auch nicht für jedes Berufsbild am Set ausbilden, wie z.B. Regieassistenz, Aufnahmeleitung, Filmgeschäftsführung. Diesen Bedarf decken wir eher über unsere Weiterbildungsangebote.

BF: Was ist die Ursache, wird generell mehr produziert?

STÜRMER: Es gibt mehrere Komponenten, zum einen eine extrem gute Auftragslage durch neue Anbieter wie Streamingdienste, aber auch klassische Sender haben nachgezogen, auch mit eigenen Plattformen und dem verstärkten Bedarf an originärem Programm. Auch andere digitale Medien haben vermutlich viele am Film Interessierte abgezogen, sei es die Gamingindustrie oder digitale Startups, das Feld der Medien-Kreativberufe hat sich verbreitert. Und der demographische Wandel schlägt zu in der Branche, es gibt weniger junge Menschen. Ein klares quantitatives, aber auch qualitatives Auseinanderfallen.

BF: Verändern sich auch die Anforderungen an die Erfordernisse der Ausbildung?

STÜRMER: Die traditionellen Berufsbilder verändern sich, neue entstehen. Ein klassisches Beispiel ist der Datawrangler, der für den nahtlosen Datentransport am Set zuständig ist. Allein durch serielle Produktionen ist das Zusammenspiel zwischen Regie, Drehbuch, Produktion ein anderes, das Arbeiten im Writers Room will gelernt sein, es gibt verstärkt internationale Teams. Auch dadurch entstehen andere Arbeitsabläufe. Ein Riesenbaustein ist auch der Bereich der virtuellen Produktion, gedreht wird verstärkt nicht mehr on location, sondern im Studio. In den LED Studios entstehen neue Berufsbilder und in den klassischen Gewerken andere Abläufe.

BF: Klingt komplex. Wie kann eine Hochschule, die ja in gewisser Weise ein Tanker mit festen Lehrplänen ist, darauf reagieren?

STÜRMER: Es stimmt und ist auch wichtig, dass Studienpläne in gewisser Weise stabil sind. Für die Studierenden, die zwischen drei und fünf Jahren für Bachelor bzw. Masterstudiengänge an der Hochschule sind, darf sich ein Programm nicht permanent ändern. Außerdem steht hinter neuen Studiengängen ein langwieriger Genehmigungsprozess. Wir haben jedoch vieles entwickelt, um als Hochschule trotzdem flexibel auf die gewandelten Bedürfnisse reagieren zu können. Zum einen im Bereich Weiterbildung, wo wir sehr schnell Programme für den aktuellen Bedarf auflegen können. Zum anderen innerhalb des Hochschulcurriculums in den vielen Bereichen, in denen wir sehr praxisnah arbeiten. Ein Beispiel von vielen sind die Winterclasses, ein Hybrid zwischen Weiterbildung auch für Externe und eigenen Studierenden, etwa im Bereich serielles Erzählen oder Sitcom, neuerdings auch für virtuelle Produktion. Auch in unserem Produktionsbachelor kann man in Zukunft ein duales Modul wählen und einen Teil in einem Unternehmen absolvieren, unmittelbar an der Praxis, für weitere Studiengänge kann dies folgen.

BF: Sie waren zuvor Geschäftsführerin bei der UFA, kommen also aus der Praxis. Ist die Hochschule der richtige Ort für eine praxisnahe Ausbildung oder braucht es auch andere Wege als ein klassisches Studium?

STÜRMER: Wir sind eine Universität, aber unsere Ausbildung ist grundsätzlich sehr praxisorientiert. Unsere Lehrenden kommen aus der Praxis, sind parallel in der Praxis tätig. Die Studierenden fordern das auch ein. Es gibt viele Kooperationsformen mit öffentlichen und privaten Sendern, auch mit Produktionsfirmen wie der UFA, Studio Hamburg und anderen. Wir sind sehr umworben, was mit dem Fachkräftemangel zu tun hat. Trotzdem ist unsere Aufgabe nicht nur und unmittelbar die Ausbildung für die Praxis, sondern wir sind auch dazu da, Freiraum und Zeit anzubieten, um Dinge auszuprobieren. Dabei entstehen wichtige Netzwerke, Teams bilden sich, die oft jahrelang zusammenarbeiten, wie Andreas Dresen und Laila Stieler, die gerade bei der Berlinale Erfolg hatten. Als Universität gibt es bei uns beides, Praxisbezug und experimentellen Freiraum, den man in einer unmittelbaren Berufsausbildung nicht hat. Außerdem kann man bei uns auch forschen, auch die Studierenden haben die Möglichkeit, sich in Forschungsprojekten zu engagieren. Unser Anspruch ist auch, Impulse in die Branche zu geben, z.B. im Bereich Gender und Diversity oder technologischen Entwicklungen.

BF: Hat sich das Bewusstsein für die Bedeutung von Ausbildung verändert?

STÜRMER: Die Erkenntnis, dass wir in unseren Nachwuchs investieren und dafür Geld in die Hand nehmen müssen, gab es nicht immer. Anfangs hieß es noch, ihr bildet zu viel aus, viele werden Taxifahrer. Eine zentrale Frage ist auch die der Arbeitsbedingungen, z.B. für Frauen im Film. Verliert man da nicht viele Gute, weil sie sich nicht angesprochen fühlen? Ebenso beim Thema Diversität. Bezahlung, Arbeitszeiten, Arbeitsbedingungen, was früher als gegeben hingenommen wurde, muss neu gedacht werden.

BF: Welche Rolle spielt das Erich Pommer Institut?

STÜRMER: Das EPI ist ein Institut der Filmuniversität, das Weiterbildung anbietet und damit zu den führenden Institutionen in Deutschland in diesem Bereich zählt. Wir haben dort unterschiedliche Formate entwickelt, die unmittelbar auf Bedürfnisse der Branche abzielen, wie Film Production Management, Aufnahmeleitung, Produktionsleitung, virtuelle Produktion etc. Daneben gibt es themenbezogene Angebote wie z.B. Rechtemanagement und Angebote für bestimmte Zielgruppen, etwa Frauen in Führungspositionen, ebenso duale klassische Masterstudiengänge. Ein sehr breites Spektrum an Weiterbildung unter einem Dach.

BF: Gibt es eine Zusammenarbeit mit anderen Universitäten und Institutionen?

STÜRMER: Wir arbeiten sehr vernetzt und sind kürzlich vom Bundesarbeitsministerium beauftragt worden, einen sogenannten Weiterbildungsverbund Medien aufzubauen. Da geht es, unter dem Dach des EPI, darum, Kräfte zu bündeln. Zunächst einmal wird der Bedarf ermittelt. Dann verständigt man sich miteinander, wie man ihn decken kann, bundesweit und in den Ländern, und in konzertierter Weise die Ausbildung weiter professionalisieren kann. Das gibt es für andere Branchen schon länger. Einen solchen Verbund, der finanziell gefördert wird, auch für unsere Branche auszurufen, ist ein klares politisches Signal.

BF: Sie hatten früher die Professur "Produktion Neuer Medien" an der Hochschule inne. Ein zentraler Bereich?

STÜRMER: Die Professur heißt jetzt zeitgemäßer "Emerging Media Production". Das verdeutlicht, dass dies ein sich ständig wandelnder Prozess ist, der die ganze Bandbreite des inhaltlichen Erzählens ebenso umfasst wie neue Technologien. So wie jetzt die Fachkräfte wird künftig auch das Research & Development in unserer Branche ein kritischer Erfolgsfaktor werden - was in anderen Industrien schon lange gang und gäbe ist. Dass es im Film nicht leicht ist, sich Investitionsthemen wie Fachkräften und Forschung zu widmen, hat diverse Gründe. Das Bewusstsein wächst, dass man es trotzdem hinkriegen muss und mit vereinten Kräften auch schaffen wird.

BF: Wie ist die Hochschule durch die Pandemiezeit gekommen?

STÜRMER: Organisatorisch soweit gut, aber für die Studierenden ist es ein Drama. Es war eine schlimme Zeit für eine Hochschule, die davon lebt, dass man vor Ort ist, sich trifft und austauscht. Ich hoffe stark aufs Sommersemester und darauf, möglichst schnell in eine Normalität zurück zu kommen.

BF: Welche Art der (politischen) Unterstützung wünschen Sie sich?

STÜRMER: Um das nicht Naheliegende zu erwähnen: Vor allem, dass die Filmbildung an den Schulen endlich die Bedeutung bekommt, die sie verdient. Damit meine ich nicht, wie bewege ich mich im Internet, sondern wirklich das Lernen über Film, wie über Literatur, Kunst, Geschichte. Das ist nach wie vor nur mittelbar ein Thema, dabei ist es das Medium, das junge Leute am meisten nutzen. Wir bieten bereits entsprechende Weiterbildung für Lehrerinnen und Lehrer an, die unheimlich gefragt ist, aber eigentlich gehört dies fest ins Curriculum der Lehramtsausbildung.

Das Gespräch führte Marga Boehle