Produktion

Strittmatter-Preisträgerin zu "Vena": "Wir wollen sozial verträglich drehen"

Chiara Fleischhacker, die mit dem Thomas-Strittmatter-Preis für ihr Drehbuch "Vena" ausgezeichnet wurde, bereitet ihr Langfilmregiedebüt vor. Wir sprachen mit ihr über das Drama um eine Crystal Meth-abhängige, schwangere junge Frau, die ihr Kind behalten will.

03.03.2022 13:22 • von Heike Angermaier
Drehbuchautorin und Regisseurin Chiara Fleischhacker (Bild: MFG Baden-Württemberg/Daniel Hinze)

Chiara Fleischhacker, die mit dem Thomas-Strittmatter-Preis für ihr Drehbuch Vena"ausgezeichnet wurde, bereitet ihr Langfilmregiedebüt vor. Wir sprachen mit ihr über das Drama um eine Crystal Meth-abhängige, schwangere junge Frau, die ihr Kind behalten will.

Was bedeutet die Auszeichnung für Sie?

CHIARA FLEISCHHACKER: Ich bin sehr glücklich, dass die Drehbücher anonym gelesen wurden und es bei der Auswahl ausschließlich um das Drehbuch selbst ging. Außerdem schätze ich die Arbeit der Jurymitglieder, allen voran Heide Schwochow, deren Die Unsichtbare" ich in Havanna gesehen habe, als ich noch keine Filme gemacht habe, und der mich sehr beeindruckte. Es war eine große Ehre, sie kennen zu lernen. Der Preis bedeutet mir sehr viel, weil man beim Schreiben unsicher ist, ob es gut ist, was man produziert. So ist die Auszeichnung eine große Anerkennung des Geleisteten und eine Bestärkung, dass man weiter macht. Ich glaube, dass der Preis auch Türen öffnet, etwa beim Casting oder bei der Finanzierung.

Wie verwenden Sie das Preisgeld?

CHIARA FLEISCHHACKER: Ich werde einen Teil für mich privat nutzen wie es auch von den Preisstiftern der MFG Baden-Württemberg gedacht ist. Da "Vena" mein Abschlussfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg ist, werden wir Studierenden, die Teil der Crew sind, nicht bezahlt. Ich muss aber mein Leben als alleinerziehende Mutter stemmen und bin froh, dass mein Unterhalt nun gesichert ist und ich mich auf das Projekt fokussieren kann. Das ist ja auch im Interesse des Produzenten.

Wie weit ist das Projekt? Wer produziert?

CHIARA FLEISCHHACKER: Für den Preis eingereicht habe ich die zweite Drehbuchversion. Momentan bin ich in den letzten Zügen der vierten Version. Es ist jedes Mal aufs Neue ein mental herausfordernder Prozess zu schreiben. Sehr bald geht die Version zu unseren Redakteurinnen und zum Team. Wir wollen im September und Oktober diesen Jahres drehen. Mein Hauptproduzent ist Martin Rohé von der Neuen Bioskop Film aus Leipzig. Koproduzenten sind die Filmakademie und der SWR. Stefanie Groß betreut den Film im Rahmen der Redaktion Debüt im Dritten. MFG förderte, weitere Förderungen stehen noch aus. Wir haben vergangene Woche mit Laura Buschhagen das Casting begonnen. Es ist sehr besonders, weil wir versuchen, eine schwangere Hauptdarstellerin zu finden. Die Risiken sind uns bewusst, aber mir liegt enorm viel daran, ein möglichst realistisches Bild von Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft zu kreieren.

Sie haben sich bisher auch mit Dokumentarfilm beschäftigt.

CHIARA FLEISCHHACKER: Eingeschrieben bin ich an der Filmakademie für Dokumentarfilmregie und ich habe bereits zwei Filme über bzw. im Strafvollzug gedreht. Ich finde das Thema, ob bzw. unter welchen Bedingungen schwangere Frauen inhaftiert werden, sehr spannend und bin darauf gestoßen, als ich selbst schwanger war. Mir ist Recherche sehr wichtig. In Erfurt, wo ich lebe, ist das Thema Crystal Meth sehr präsent. So wurde dort vorletzte Woche das größte Crystal Labor Deutschlands einen Kilometer entfernt von meinem Büro ausgehoben. Das Thema nimmt in "Vena" großen Raum ein.

Im szenischen Bereich drehte ich mit "Golden Girl" einen Kurzfilm in Paris, als im Austausch an der La Fémis war. Ich finde nicht, dass man sich zwischen dokumentarischer oder szenischer Regie entscheiden muss. Sie ergänzt sich hervorragend.

Wer gehört zur Crew?

CHIARA FLEISCHHACKER: Ich arbeite mit Kolleg:innen zusammen, die wie ich ihr Diplom machen, etwa Kamerafrau Lisa Jilg, Editor Tobias Wieduwilt, Komponist Peter Albrecht, Head of Sound Rachel Okerauch, Producerin Svenja Vanhoefer, und auch mit der ehemaligen Absolventin Nele Seifert, die das Szenenbild verantwortet, sowie mit externen Crewmitgliedern für Kostüm und Maske, die bereits mehr Erfahrung haben.

Wie organisieren Sie den Dreh als Alleinerziehende?

CHIARA FLEISCHHACKER: Meine Mutter und Oma werden mich unterstützen. Und ich habe mit der Produktion die Option ausgehandelt, meine Tochter mit einer Betreuung am Set dabei zu haben. Beim Schreiben läuft es momentan ganz gut, da ich über eine Tagesmutter klare Arbeitszeiten habe, zumindest, wenn meine Tochter nicht krank ist. Meine ersten Fassungen habe ich vor allem nachts geschrieben. Das war schon heftig und ging an die Erschöpfungsgrenze.

Ich versuche jetzt Standards zu setzen, wie ich auch später mit Kind arbeiten möchte. Dazu gehören entzerrte Drehpläne wie es sie bei Abschlussprojekten eigentlich nicht gibt, und die wir auch mit einer schwangeren Hauptdarstellerin bräuchten. Wir wollen ganz allgemein sozial verträglich drehen.

Haben Sie bereits den nächsten Stoff nach Ihrem Diplomfilm im Kopf?

CHIARA FLEISCHHACKER: Ja. Ich habe ein Herzensprojekt, das mich bereits lange begleitet. Ich habe es ruhen lassen, um mich auf "Vena" zu konzentrieren. Es spielt in Paris und erzählt von einer Turnerin, die dort 2024 an der Olympiade teilnehmen will, aber es wegen einer Verletzung nicht schafft. Es geht um Hochleistungssport und damit einhergehende physische und psychische Probleme wie Essstörung. Der Stoff beruht auf Erfahrungen, die ich am Sportinternat machte, das ich zwischen 14 und 17 Jahren besuchte.

Das Interview führte Heike Angermaier