Kino

Nadine Lüchinger zur Oscarnominierung von "Ala Kachuu": "Ein ziemlich guter Score"

Mit dem Kurzfilm "Ala Kachuu" von Maria Brendle kann Produzentin Nadine Lüchinger von der Zürcher Filmgerberei auf einen Oscar hoffen. Der Höhepunkt einer Erfolgsreise.

23.02.2022 13:12 • von Barbara Schuster
Nadine Lüchinger ist seit 2014 bei der Produktionsfirma Filmgerberei in Zürich (Bild: Ramón Königshausen)

Mit dem Kurzfilm "Ala Kachuu" von Maria Brendle kann Produzentin Nadine Lüchinger von der Zürcher Filmgerberei auf einen Oscar hoffen. Der Höhepunkt einer Erfolgsreise.

Herzlichen Glückwunsch zur Oscarnominierung! Wie hatten Sie selbst Ihre Chancen gesehen und reisen Sie zur Zeremonie nach Los Angeles?

NADINE LÜCHINGER: Ich habe die anderen 14 Kurzfilme auf der Shortlist gesehen. Ungefähr die Hälfte davon empfand ich als Konkurrenz. Trotzdem war das Feedback im Vorfeld so überwältigend, dass ich die Chance, unter die fünf besten gewählt zu werden, für möglich hielt. Und ja, ich reise nach Los Angeles.

Der Kurzfilm "Ala Kachuu" von Maria Brendle lief auf über 70 Festivals, räumte knapp 50 Preise ab. Wie gestaltete sich die Produktion, die Entwicklung des Projekts? War dieser Erfolg abzusehen?

NADINE LÜCHINGER: 2016 schickte mir Maria die erste Version des Drehbuchs. Ende 2017 begann die Finanzierung, die bis Frühling 2019 inklusive einem Crowdfunding dauerte. Es war gar nicht einfach, die Förderstellen davon zu überzeugen. Wir haben mit einer jungen Regisseurin in einem uns fremden Land gedreht, ohne Sprach- oder Ortskenntnisse. Doch wir haben an den Film geglaubt und haben einen langen Atem bewiesen. Gedreht haben wir im September 2019. Während der Postproduktion kam der Lockdown. Wir als Produktionsfirma und natürlich auch Maria Brendle, unsere geniale Regisseurin, haben viel Nerven und Herzblut investiert - unsere Abenteuerlust hat sich gelohnt. Mit der Dauer von 38 Minuten ist "Ala Kachuu" ein außergewöhnlich langer Kurzfilm. Wir hatten zuerst die Befürchtung, dass er in der Kurzfilm-Festivalwelt nicht bestehen kann, weil sehr viele Festivals nur Kurzfilme bis zu 25 oder 30 Minuten akzeptieren. Dafür kassierten wir aber knapp 50 Preise bei den ca. 70 Festivals, auf denen wir liefen. Ein ziemlich guter Score.

Der Film thematisiert ein brisantes Thema, Zwangsverheiratung in Kirgistan. Dort nach wie vor eine patriarchalische Praxis. Hatten Sie mit Anfeindungen zu kämpfen bzw. wurde er dort bereits gezeigt?

NADINE LÜCHINGER: Wir haben ausschließlich in Kirgistan gedreht. Die Kirgisen waren uns gut gesinnt und hilfsbereit. Es gab auch einige Stimmen, die es begrüßen, dass wir über dieses Thema einen Film machen. Bisher hatten wir noch nicht die Chance, mit dem Film nach Kirgistan zu reisen. Ich hoffe, wir können das nach der Pandemie nachholen. Doch es stimmt, vor allem in ländlichen Kreisen herrscht nach wie vor ein System, welches die Frauen benachteiligt und sie in die Rolle der braven Ehefrau und Mutter zwingt.

Sie sind seit 2014 bei der Filmgerberei als Produzentin. Ist es schwierig, Projekte wie Maria Brendles Kurzfilm auf die Beine zu stellen? Lässt sich schon absehen, was die Oscarnominierung für Ihre Arbeit, für die Firma bedeutet?

NADINE LÜCHINGER: Die Produktion war herausfordernd schon alleine auf Grund der beschränkten Mittel. Dazu kamen die geographische Distanz, kulturelle Unterschiede und sprachliche Barrieren. Es herrschte viel Planungsunsicherheit. Die Oscarnominierung ist natürlich ein Qualitätssiegel, das auch auf die Firma ausstrahlen wird. Gerade weil wir mit "Ala Kachuu" einen sehr hohen Production Value generiert haben.

An was arbeiten Sie aktuell? Welche Art von Filmen liegen Ihnen am Herzen?

NADINE LÜCHINGER: Wir sind in der Entwicklung/Produktion eines Langzeitdokumentarfilms, der sich über zehn Jahre erstreckt. "8 bis 18" begleitet einen transidenten Jungen und seine Familie. Quasi die dokumentarische Antwort auf "Boyhood". Dann sind wir in der Herstellungsfinanzierung des Arthousespielfilmes "5 Euro", den wir nächstes Jahr in Berlin drehen wollen. Er handelt von einem pensionierten Mann, der sich in einen jungen syrischen Stricher verliebt. Ein weiteres spruchreifes Projekt ist "Immortals", ein Dokumentarfilm über irakische Jugendliche, den wir im Mai im Irak drehen möchten. Ich mag Filme, die in die Tiefe und auch Abgründe der Figuren gehen und mich in neue Welten bringen.

Das Gespräch führte Barbara Schuster