Kino

Kodak: Back to the roots

Kodak erlebt eine Renaissance mit analogem Filmemachen. Dass der haptische Filmstreifen noch lange nicht ausgedient hat, bezeugen ­nicht nur Hollywoodgrößen, die ihre Werke nach wie vor auf Material des US-Unternehmens drehen.

05.08.2019 20:37 • von Barbara Schuster
Line-up: Diese Filme entstanden auf Material von Kodak (Bild: Kodak)

Kodak erlebt eine Renaissance mit analogem Filmemachen. Dass der haptische Filmstreifen noch lange nicht ausgedient hat, bezeugen ­nicht nur Hollywoodgrößen, die ihre Werke nach wie vor auf Material des US-Unternehmens drehen.

Obwohl es zunächst so aussah, als würde die Digitalisierung das todsichere Ende des Drehens auf herkömmlichem Filmmaterial bedeuten, hat sich namhafter Widerstand formiert. Zahlreiche Filmschaffende aus Hollywood, von Steven Spielberg über Quentin Tarantino, Patty Jenkins, Paul Thomas Anderson, Christopher Nolan hin zu Adam McKay, Sofia Coppola oder Damian Chazelle, aber auch führende Namen aus Europa wie Steve McQueen, Luca Guadagnino, Christophe Honoré, Marie Kreutzer oder Alice Rohrwacher drehen ihre Werke weiterhin auf "echtem" Film. Überdies wurden alle James-Bond-Abenteuer (mit einer Ausnahme, nämlich "Skyfall" ) auf Film gedreht - auch Cary Joji Fukunagas Kameramann Linus Sandgren (der Schwede ist Stammkameramann von Damian Chazelle und hat für seine Bilder bei "La La Land" den Oscar gewonnen) ist gerade damit beschäftigt, seine Kamera mit Kodak-Material zu füllen, um "Bond 25" fertig drehen zu können. Kodak ist auf dem Gebiet des Premium Motion Picture Film in Farbe führender Ansprechpartner, nachdem sich Konkurrent Fuji aus diesem Geschäftsfeld zurückgezogen hat. Die amerikanische Firma, die unter dem Namen Eastman Kodak Company of New York bereits in den frühen Neunzigerjahren des 19. Jahrhunderts mit Hauptsitz in Rochester, New York gegründet wurde, hat eine bewegte Firmengeschichte hinter sich. Im Zuge der Digitalisierung rutschte sie in ein Insolvenzverfahren, aus dem sie sich als Spezialist für digitalen Druck wieder auf den Markt zurückkämpfen konnte. Gleichwohl hat Kodak nie aufgehört, den Bereich Film für Kino-, Serien- oder Werbeproduktionen zu bedienen. Genau auf diesem Gebiet erlebt das Unternehmen eine Art Renaissance. Wie die Liebhaber von Vinylplatten oder dem gedruckten Buch nie aussterben werden, wird es wohl auch immer Filmemacher und Kameramänner bzw. -frauen geben, die den analogen Film der digitalen Kamera vorziehen werden. "Es ist eine kreative Entscheidung, analog zu produzieren", sagt Michael Boxrucker, Kameramann und Repräsentant des deutschsprachigen Sektors bei Kodak Germany. "Produzent, Regie und Kamera müssen sich einig sein. Es geht nicht um besser oder schlechter, sondern um die Art des Ergebnisses", so Boxrucker weiter. Sehr treffend formulierte es einst Regiemeister Steven Spielberg: "Es bedarf eines Künstlers, um mit dem Cursor auf einem Monitor ein Bild zu malen. Und es bedarf eines Künstlers, um mit Öl auf der Leinwand ein Bild zu malen. Die Entscheidung sollte dem Künstler überlassen werden."

Zu den jüngsten deutschen Produktionen, bei denen analoger Film zum Einsatz kam, zählen etwa "Der Fall Collini" oder die Serie "Das Parfum". Hier wurden jeweils die Rückblenden als ganz bewusste Entscheidung auf 35- bzw. 16-mm-Film gedreht. "Der Zuschauer fühlt sich automatisch in die in den Rückblenden abgebildete historische Zeit hineingezogen", erklärt Boxrucker. Bei "Vice - Der zweite Mann" und "Aufbruch zum Mond" haben Adam McKay bzw. Damian Chazelle sogar Super 8, 16-mm, 35-mm und - im Falle von "Aufbruch zum Mond" - auch 65-mm gemischt, weil man den einzelnen Filmformaten unterschiedliche Eigenschaften zuspricht, die für das kreative und visuelle Konzept der Filme wichtig waren. Allgemein fokussiere die analoge Produktion das gesamte Team, bringe insgesamt eine doch durch die digitalen Kameras abhanden gekommene Awareness zurück. "Jeder gibt sein Bestes im Moment der Aufnahme, die Arbeit ist wesentlich präziser. Es ist kein Jagen und Sammeln von Bildern", unterstreicht Boxrucker, der neben Spielfilm und Serie auch im Unterwasserbereich tätig ist. Sicherlich eignen sich nicht alle Filmprojekte für eine analoge Produktion. Bei Natur- oder Tierfilmen etwa, die oft eine Fülle von Material benötigen, ist die digitale Entstehungsweise angebrachter.

Brach der Markt für analogen Film mit dem Einzug der Arri Alexa, die Boxrucker als "tolles Ding!" bezeichnet, um das Jahr 2010 erst einmal rapide ein, registriert Kodak seit einigen Jahren eine Wiederbelebung, eine Art Rückkehr zur analogen Produktion. Auch wenn der Marktanteil von analogem Film weltweit unter drei Prozent liegt, hat sich der analoge Filmverkauf 2017 verglichen mit den Verkäufen von 2015 auf 2016 nahezu verdoppelt - gemessen am Gesamtvolumen gedrehter Filme weltweit und die Zuwachsraten in 2018 und 2019 liegen im guten zweistelligen Bereich. Vom weltweiten Filmverkauf bei Kodak gehen jährlich etwa 50 Prozent in den amerikanischen und kanadischen Raum, die andere Hälfte geht nach Europa, Naher Osten und Asien. "Digital ist auch nicht in jeder Hinsicht des Rätsels Lösung und schon gar nicht ist es automatisch billiger", unterstreicht Boxrucker. Sicherlich ist es für Produzenten oft eine bittere Pille, wenn sie Hardwarekosten wie Filmmaterial und Laborkosten am Anfang einer Produktionskette einrechnen müssen. "Diesen Kostenfaktor hat man bei einer digitalen Produktion zwar nicht. Allerdings entstehen die Kosten dann meist in der Postproduktion, wenn vielleicht plötzlich der zweite oder dritte Cutterassistent angestellt werden muss, der die Nadel im Heuhaufen finden soll", merkt der Kameramann an, der mit Blick auf die vermeintlich höheren Kosten klarstellt, dass ja nicht nur Highend-Hollywoodproduktionen auf analogen Film zurückgreifen, sondern auch kleine Autorenfilme wie Marie Kreutzers "Der Boden unter den Füßen", der definitiv nicht das Budget eines Christopher-Nolan-Films hatte. Außerhalb des Spielfilms setzen vor allem Werbefilmproduktionen wieder verstärkt auf analogen Film, vor allem die Branchen Automobil und Fashion. In der Autowerbung sei 35 oder gar 16 Millimeter sehr gefragt, weiß Boxrucker. Beim Deutschen Werbefilmpreis 2019 wurde Bond 25-Kameramann Linus Sandgren im Frühjahr für seinen Mercedes-Benz-Spot "In the Long Run", den der Oscarpreisträger auf 35-mm gedreht hat, für die beste Kamera ausgezeichnet. "Überall dort, wo es auf Hauttöne, die Art und Weise, wie Stoffe fallen, auf Highlights und das Rolling / Global Shutter-Thema ankommt, greift man gerne auf den analogen Film zurück", so der Experte. Einen interessanten Umstand benennt Boxrucker damit, dass bei digitalen Produktionen oft der "Sharper than life"-Effekt eines digitalen Bilds gar nicht erwünscht sei und man digital kompliziert einen analogen Look kreiert. "Wenn ich ein Close-up auf eine Figur habe, geschieht das meist, weil ich in die Seele dieser Person blicken möchte und nicht, weil ich am Pickel auf der Nase in höchster Auflösung interessiert bin", so Boxrucker.

Die Infrastruktur für die analoge Produktion, von Kamera-Rental bis Entwicklungslabor, ist nach wie vor vollumfänglich vorhanden, auch in Deutschland. Sogar der Nachwuchs an den Filmhochschulen würde durchaus noch mit Film als Arbeitsmaterial in Berührung kommen, "mal mehr mal weniger, je nach Schule", so Boxrucker. Kodak ist es dabei ein Anliegen, die vier Säulen, auf die es ankommt - Film - Cams - Lab - Schools -, zu erhalten, zu unterstützen und auch Workshops durchzuführen, damit die Magie, die von analogem Film ausgeht, möglichst weiterhin, wenn auch als Nischenprodukt, erhalten bleibt.