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Ulrich Seidl: "Über erfolgreiche Menschen zu erzählen, interessiert mich nicht"

Der österreichische Regisseur Ulrich Seidl spricht im Interview über seinen Berlinale-Wettbewerbsfilm "Rimini", der einen Bruderfilm mit Georg Friedrich in der Hauptrolle bekommt. Seidl erklärt auch, warum es jetzt gerade diverse verheißungsvolle Projekte bei seiner Filmproduktionsfirma gibt.

16.02.2022 13:33 • von Michael Müller
Ulrich Seidls Berlinale-Wettbewerbsfilm "Rimini" ist Teil eines Doppelprojekts (Bild: Ulrich Seidl Filmproduktion / Peter Rigaud)

Der österreichische Regisseur Ulrich Seidl spricht im Interview über seinen Berlinale-Wettbewerbsfilm "Rimini", der einen Bruderfilm mit Georg Friedrich in der Hauptrolle bekommt. Seidl erklärt auch, warum es jetzt gerade diverse verheißungsvolle Projekte bei seiner Filmproduktionsfirma gibt.

Ihr von Michael Thomas gespielter Protagonist Richie Bravo in "Rimini" hat mich optisch und in seinem Werdegang an Mickey Rourkes Figur in "The Wrestler" erinnert. Die hatten Sie aber wohl gar nicht im Hinterkopf, oder?

ULRICH SEIDL: Nein, gar nicht. Die fiktionale Figur des Richie Bravo ist für Michael Thomas erfunden worden - und das schon vor nahezu 15 Jahre. Es geht zurück auf meine Arbeit mit ihm bei den Film "Import/Export". Da habe ich ihn eines Tages als nicht-professionellen Sänger kennengelernt, der aber eine wahnsinnige Bühnenpräsenz hat. Michael Thomas ist als Mensch auch ein bisschen aus der Zeit gefallen, wie er zum Beispiel als Charmeur der alten Schule mit Frauen umgeht. Nahe an ihn ist die Figur geschrieben worden. Lange Zeit ist es dann liegen geblieben. Eigentlich war es schon abgehakt, dass ich den Film noch machen werde. Erst vor ein paar Jahren wurde das wieder aktuell, als ich mich mit dem größeren Projekt "Böse Spiele" über zwei Brüder beschäftigte. Der eine Bruder ist in Rumänien, der andere Bruder in Rimini, das Elternhaus in Österreich. Am Ende des Tages ist "Rimini" über den älteren Bruder Richie Bravo herausgekommen. Und jetzt kommt auch ein anderer Film über den Bruder Ewald heraus, der in Rumänien spielt.

Erscheint dieser zweite Film, in dem Georg Friedrich den auch in "Rimini" kurz am Anfang vorkommenden Bruder Ewald spielt, noch in diesem Jahr?

ULRICH SEIDL: Ja. Aber ich weiß noch nicht, wann er herauskommt, weil das auch immer davon abhängt, auf welchen Festivals er starten kann.

Sie haben schon eine Paradies-Trilogie gemacht, jetzt also dieser Doppelfilm, der die Familie aus zwei verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Was reizt sie an dieser Struktur?

ULRICH SEIDL: Na ja, das sind schon ganz andere Geschichten, wobei man viele Dinge auch in dieser Parallelität finden kann. Jetzt sind es zwei Filme über zwei Männer, das unterscheidet sich schon mal von der Trilogie, die Filme über Frauen waren. Aber die Sehnsucht nach Liebe oder auch das Scheitern daran spielt in der Trilogie wie auch in diesen beiden Filmen eine Rolle. Die Gebrochenheit von Menschen interessiert mich natürlich. Die finde ich auch viel spannender und interessanter, weil für uns alle gilt, dass man eben im Leben scheitert. Mich interessiert wenig bis gar nicht, über erfolgreiche Menschen zu erzählen - höchstens man erzählt auch den Hintergrund, dass es eigentlich auch da anders ausschaut als die behauptete Oberfläche.

Und dass die Figur Richie Bravo in "Rimini" ein ehemaliger großer Schlagerstar war, hat auch mit Michael Thomas' Biografie zu tun oder interessierte Sie da der Berufstypus?

ULRICH SEIDL: Nein, das ist erfunden worden. Michael Thomas war nie Sänger. Aber wenn man diesen Film macht, kann nur er diese Rolle spielen. Manchmal passiert das, dass man einen Schauspieler hat und eine Idee bekommt, was der verkörpern könnte. Das war so bei ihm.

Wie entstand die Auswahl der Schlagersongs? Es fällt auf, dass zum Beispiel drei Udo-Jürgens-Songs an jeweils wichtigen Stellen vorkommen.

ULRICH SEIDL: Alle Songs, die Richie Bravo abgesehen von den drei Udo-Jürgens-Songs singt, sind für den Film komponiert und geschrieben. Diese Schlager hat es nie gegeben.

Auch nicht der Winnetou-Song, der mit seinem Pathos so klingt, als hätte er in den 1970er-Jahren durchaus ein Hit sein können?

ULRICH SEIDL: Vielleicht haben Sie den schon mal gehört. Michael Thomas war als Schauspieler auf Karl-May-Festspielen unterwegs. Aber ob die Melodie noch aus dieser Zeit stammt, kann ich Ihnen auch nicht sagen.

Sexualität und Vergänglichkeit spielen in Ihrem Werk immer schon eine Rolle. So stark wie in "Rimini" haben Sie die beiden Themen aber noch nie zusammen geführt. Würden Sie dieser Aussage zustimmen?

ULRICH SEIDL: Ich stimme gar nicht zu. Ich kann aber auch nicht widersprechen. Sie können das so sehen, und es mag auch eine Wahrheit sein. Aber es ist viel facettenreicher. Man kann das natürlich so sehen, aber es geht auch um mehr. Ja, es geht um Vergänglichkeit und Sexualität und um vieles andere auch. Je nachdem, was einen als Zuschauer interessiert und was mehr mit einem selbst zu tun hat, wird einen beschäftigen. Und das ist auch gut so. Aber ich habe nicht die Absicht, das eine zu sagen.

Wieso wollten Sie den Film in Rimini an der Adria drehen?

ULRICH SEIDL: Zwei Aspekte, warum ich mich entschied, dort zu drehen: Ich war mit meinen Eltern in den Sechzigerjahren dort auf Badeurlaub und konnte mich daran erinnern. Das andere war, dass ich in eine Atmosphäre des Nebels an der Adria treten wollte. Diese Bilder hatte ich im Kopf. Da gibt es in Italien natürlich viele Orte. Es wurde Rimini, weil es dort für mich viele Schauplätze waren, die mich inspirierten. Vor allem die ganze schachtelartige Hotelarchitektur ist großartig, auch zum Beispiel diese Discos.

Waren die Dreharbeiten wegen des Winters schwierig, den man sich in Italien gar nicht so kalt vorstellt?

ULRICH SEIDL: Die größte Schwierigkeit war diese, dass der Nebel nicht gekommen ist, wann er hätte kommen sollen. Wir standen drehbereit im November dort in Erwartung des Nebels. Ich hatte im Jahr davor recherchiert, wann dafür die Wahrscheinlichkeit am höchsten ist. In dem Jahr war aber jeden Tag strahlender Sonnenschein. Es vergingen viele Wochen. Ich musste den Dreh wieder unterbrechen und konnte es erst im darauffolgenden Jahr mit dem in diesem Sinne wirklich guten Wetter umsetzen, bei dem auch plötzlich Schnee daherkam, mit dem ganz Rimini nicht rechnete. Das hat es dort noch nie gegeben.

Auf der Berlinale feierte neben "Rimini" auch der sehr schöne Film "Sonne" von der Ulrich Seidl Filmproduktion seine Weltpremiere und eröffnet demnächst die Diagonale. Man hat das Gefühl, dass da aktuell mit Werken wie "Luzifer" oder "Vikinger" mehr bei Ihnen entsteht. Legen Sie da einen größeren Fokus drauf?

ULRICH SEIDL: Das hat auch damit zu tun, dass die Dinge besser funktionieren, als sie mal funktioniert haben. Dass wir nun Drehbücher, die von jungen Regisseuren in die Firma kamen, finanzieren können, ist davor lange Zeit nicht geglückt. Plötzlich macht man drei Filme, die glücken.

Woran liegt das?

ULRICH SEIDL: An den Projekten zum Beispiel. Die meisten Projekte werden generell, wie Sie wissen, nicht finanziert. Wenn ich vor mir 30 Drehbücher liegen habe, wird daraus letztlich ein Film gemacht. Da braucht es auch das Glück, dass man dieses Drehbuch in die Firma bekommt und auch mit dieser Regisseurin arbeiten will und es ein gegenseitiges Vertrauen gibt. Leute, die zu mir in die Firma kommen, müssen auch eine Vorstellung haben, warum sie gerade damit zu mir kommen. Bei mir haben sie künstlerische Freiheit, was sie bei anderen Produzenten nicht in dem Maße haben. Vielleicht hat sich das inzwischen auch besser herumgesprochen.

Gab es bei der "Sonne"-Regisseurin Kurdwin Ayub vor dem Projekt schon eine Verbindung, dass der Kontakt dort eventuell über eine Dozententätigkeit entstand?

ULRICH SEIDL: Nein, wir kennen uns erst, seit sie das Projekt vor zwei Jahren in die Firma gebracht hat. Und wir machen natürlich den nächsten Film wieder zusammen. Sie war auch auf keiner Filmschule und kommt eher aus der Kunstszene und von Performance-Sachen her. Sie hat Filme vorher gemacht, auch den Dokumentarfilm "Paradies, Paradies". Aber "Sonne" ist ihr erster richtiger Kinofilm.

Wie haben Sie bisher die Berlinale als Festival in diesem Jahr wahrgenommen?

ULRICH SEIDL: Wie soll ich etwas über eine Wahrnehmung sagen, wenn ich gestern den ersten Tag auf der Berlinale mit einer eigenen Premiere war? Da kann man noch nicht so viel sagen. Außer: Der Saal war halbbesetzt, das wussten wir aber schon vorher. Und dass alle diese Sicherheitsmaßnahmen natürlich nicht angenehm sind. Trotzdem bin ich froh, dass ich da bin und wir mit den beiden Filmen die Weltpremieren feiern können, weil es auch ein Zeichen ist, dass das Kino leben muss. Die Kunst und die Kultur mussten so lange zurückstecken. Die Theater sind halbleer. Diese Entwicklung ist nicht so lustig. Man muss schauen, dass man wieder aufsteht.

Sehen Sie das Festival auch als Aufbruchssignal für die Branche?

ULRICH SEIDL: Sehen kann ich es nicht, ich kann es nur hoffen. Es ist ein Präsenzfestival, das physisch stattfindet. Denn Online-Festivals, wo alle Zuhause sitzen, machen für mich keinen Sinn. Kino bedeutet, dass Menschen in einem Saal zusammenkommen und gemeinsam sinnlich auf eine Leinwand schauen. Das muss gerettet werden.

Das Interview führte Michael Müller