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BERLINALE Review: "Axiom" von Jöns Jönsson

Das Charakterporträt "Axiom" über einen virtuosen Lügner im Encounters-Wettbewerb mit Moritz von Treuenfels in der Hauptrolle gehört zu den stärksten deutschen Beiträgen auf der Berlinale 2022. Lesen Sie hier unsere Besprechung.

16.02.2022 08:27 • von Michael Müller
V.l.: Marita Breuer, Ricarda Seifried, Moritz von Treuenfels, Rolf Kanies (Bild: Martin Valentin Menke / Bon Voyage Films)

Unter den Encounters-Wettbewerbsfilmen gehört der deutsche Kandidat "Axiom" sicherlich zu den mainstreamtauglichsten, auch wenn das der Titel nicht vermuten lässt. Denn in Jöns Jönssons Film geht es um Julius, einen jungen Mann, der krankhaft nicht er selbst sein kann. Der Museumswärter misstraut seiner eigenen Geschichte und fabuliert, klaut und erlügt sich lieber jeden Tag eine neue Biografie zusammen, um ein interessanterer Mensch zu sein. Für sein Umfeld ist das natürlich Gift.

Seine Familie hat ihn deswegen auch mehr oder weniger aufgegeben. Aber im Freundes- und Bekanntenkreis ist es natürlich sehr wichtig, nicht festzunageln zu sein - und wenn doch, so schnell wie möglich den Freundeskreis zu wechseln. Das endet dann schon mal mit einer Bootstour, bei der die Gruppe nie am Boot ankommen darf, weil es das eigene Schiff gar nicht gibt. Nicht eins zu eins sein zu können, immer nur das Beste von sich auszustellen und die Biografie aufzupimpen, ist heutzutage der Standard in den sozialen Medien. Aber das an einer Figur wie Julius immer wieder schmerzhaft vor Augen geführt zu bekommen, ist einerseits Fremdscham verursachend, andererseits auch unheimlich befreiend.

Moritz von Treuenfels, der Julius spielt und eine echte Berlinale-Entdeckung ist, reüssiert gerade auch im Münchner Residenztheater im Sechsstünder "Das Vermächtnis" von Philipp Stölzl über die Geschichte der Schwulenbewegung. Seine Münchhausen-Figur Julius in "Axiom" ist nicht ohne Charisma, sagt dann und wann auch kluge Sachen, die er sich für den passenden Moment zurecht gelegt hat. Aber natürlich ist das Verhalten völlig asozial, weil Vertrauen eine der Hauptwährungen in Beziehungen ist. Die Rolle des virtuosen Lügners hat auch etwas Bemitleidenswertes, weil er ein Getriebener des Systems ist. Denn die Figur ist auch eine indirekte Kritik an der Gesellschaft, die es sozial abstraft, wenn er eben keine tolle Karriere, Freundin oder Eiersalatgeschichten hat.

Es fasziniert an "Axiom" auch überhaupt die ganz praktische Frage, wie er mit so vielen Lügen im Alltag über die Runden kommen kann. Dabei lässt Jönsson oft die schnörkellos inszenierten Szenen länger als gewöhnlich stehen, arbeitet mit dem Wissen und Nicht-Wissen des Publikums und offenbart erst nach und nach den Kontext der Szenerie. Filmperlen bringt den starken "Axiom", in dem auch Ricarda Seifried, Thomas Schubert und Petra Welteroth mitspielen und der von Bon Voyage Films in Koproduktion mit WDR/Arte produziert wurde, am 30. Juni in die deutschen Kinos.

Michael Müller