Kino

FFA-Kinobilanz: "Ein Jahr wie eine Achterbahnfahrt"

Die FFA hat die offizielle Bilanz für das deutsche Kinojahr 2021 vorgelegt - und im Vergleich zu den Comscore-Zahlen gibt es teils ganz erhebliche Abweichungen, nicht nur im positiven Sinn. Dennoch hellt sich das Gesamtbild eher ein wenig auf, vor allem mit Blick auf den Kinobestand.

09.02.2022 09:30 • von Marc Mensch
14 Prozent aller 2021 in Deutschland verkauften Kinotickets wurden für "Keine Zeit zu sterben" gelöst (Bild: 2021 DANJAQ, LLC AND MGM. ALL RIGHTS RESERVED.)

Abweichungen zwischen den Bilanzen von Comscore und der FFA ist man aufgrund der unterschiedlichen Erfassungsmethodik durchaus gewohnt - selten aber gibt es derart frappierende Unterschiede wie bei der Analyse des vergangenen Jahres. Denn wo Comscore für 2021 noch ein Besucherplus von 18,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr und einen Umsatzanstieg um 25,8 Prozent sah, sind es laut der offiziellen FFA-Zählung nur noch 10,4 bzw. 17,4 Prozent. Was Deutschland im europäischen Vergleich nun doch erheblich schwächer dastehen lässt, als nach der jüngsten Analyse des Kino-Dachverbands UNIC, die sich wie üblich auf vorläufige Zahlen stützte.

Der Grund für die erhebliche Diskrepanz ist allerdings nicht bei niedrigeren Gesamtzahlen für 2021 zu suchen - ganz im Gegenteil. Mit insgesamt 42,1 Mio. Besuchern und 373,2 Mio. Euro Umsatz legen die FFA-Zahlen gegenüber der Comscore-Erfassung wie üblich noch eine Schippe drauf, wenngleich nicht annähernd im selben Umfang wie in einem regulären Jahr. Nein, der Anstieg fällt deshalb derart viel geringer aus, weil die Comscore-Zählung für 2020 ungewöhnlich stark nach unten von jener der FFA abwich, hier lautet das Verhältnis 34,2 zu 38,1 Mio. verkauften Tickets. Grund dafür dürfte sein, dass einzelne Verleiher (vor allem Sony) im ersten Pandemiejahr keine Zahlen mehr durch Comscore verbreiten ließen.

Wie enttäuschend aber ist ein Besucheranstieg, der sich gegenüber dem Katastrophenjahr 2020 nun gerade noch so in den zweistelligen Prozentbereich retten konnte? Gemessen an den Erwartungen, die man im späteren Jahresverlauf 2020 mit der Verfügbarkeit von Impfstoffen verband, kann man natürlich nur von einem niederschmetternden Ergebnis sprechen. Und doch ist die Entwicklung letztlich positiver, als es auf den ersten Blick erscheinen mag - und das ausgerechnet dann, wenn man 2019 zum Vergleich heranzieht, auf das nach FFA-Zählung eine Besucherlücke von 64,5 Prozent (oder fast zwei Drittel) klaffte.

Denn die Gegenüberstellung der Gesamtjahre besitzt insofern nur wenig Aussagekraft, als dank der flächendeckenden Kinoschließungen, die sich bis in den Sommer 2021 zogen, im vergangenen Jahr über 98 Prozent der Besucherzahlen und Ticketumsätze im dritten und vierten Quartal erzielt wurden. Tatsächlich errechnen sich die 10,4 Prozent Besucherplus gegenüber 2020 aus einem Minus von 96,9 Prozent zwischen Januar und Juni - und einem Plus von 245,2 Prozent ab Juli. Mit anderen Worten: 2021 war lediglich ein halbes Kinojahr - und ein Vergleich, der darauf Rücksicht nimmt, zeichnet ein deutlich positiveres Bild.

Denn gegenüber dem Vergleichszeitraum Juli bis Dezember 2019 fehlten im zweiten Halbjahr 2021 nur 36,5 Prozent an Besuchern und 34,9 Prozent an Umsatz. Und auch dieser Abstand relativiert sich deutlich, wenn man Faktoren wie die sehr strikten (und in Ländern wie Bayern sogar streckenweise komplett überzogenen) Auflagen und diverse Startverschiebungen im vierten Quartal in Betracht zieht.

FFA-Vorstand Peter Dinges formuliert es so: "Wir blicken auf ein Jahr zurück, das für die Kinos einer Achterbahnfahrt glich. Nach sechs Monaten ohne regulären Spielbetrieb kehrte das Kino am ersten Juli-Wochenende fulminant zurück. Die Besuchszahlen lagen trotz Corona-Beschränkungen deutlich über denen des entsprechenden Wochenendes 2019. Die Menschen haben die Wiedereröffnungen herbeigesehnt und wollten endlich wieder ins Kino. Dann kamen 'Fast & Furious 9', 'Kaiserschmarrndrama', 'Die Schule der magischen Tiere', 'Contra' und natürlich der neue 'Bond' - aber seit November eben auch steigende Infektionszahlen und neue Beschränkungen, in deren Folge der Kinobesuch im Vergleich zum Oktober deutlich gesunken ist. Trotzdem hatten wir im November und Dezember 2021 beinahe 11 Mio. Kinobesuche."

Dass sich das Gesamtbild mit Vorlage der FFA-Zahlen sogar eher ein wenig aufhellt, ist nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass es nach wie vor nicht zum befürchteten Kinosterben gekommen ist - tatsächlich blieb der Bestand gegenüber dem Vorjahr nahezu stabil. Die Zahl der Spielstätten nahm um fünf (oder 0,3 Prozent) von 1728 auf 1723 ab, in diesem Zuge verringerte sich jene der Standorte um vier (oder um 0,4 Prozent) von 943 auf 939, bei den Leinwänden konnte allerdings dank einiger Erweiterungen sogar ein leichter Zuwachs um fünf (oder 0,1 Prozent) auf 4931 verzeichnet werden - und die Reduzierung der Sitzplätze um 0,5 Prozent ist nicht zuletzt auch der Tatsache geschuldet, dass im Zuge von Modernisierungen Kapazitäten zugunsten von mehr Abstand und mehr Sitzkomfort verkleinert wurden. Selbstverständlich ist der aktuell noch stabile Bestand noch kein Ausdruck für eine gemeisterte Krise, er legt aber zumindest Zeugnis von der grundsätzlichen Effektivität mancher Hilfsmaßnahmen ab.

Ganz anders als 2020 konzentrierten sich die Schließungen im vergangenen Jahr übrigens nicht auf die Multiplexe (wo der Leinwandbestand letztlich stabil blieb), sondern auf Häuser mit ein oder zwei Sälen. Doch während bei Ein-Saal-Kinos 27 geschlossenen Leinwände sogar 29 neu oder wiedereröffnete gegenüberstanden, ist das Saldo bei den Zwei-Saal-Kinos (17 Schließungen, nur neun Neu- oder Wiedereröffnungen) klar negativ. Unter dem Strich nahm der Bestand von Zwei-Saal-Kinos um 2,2 Prozent ab, während jener von Häusern mit vier bis fünf Leinwänden sogar um 2,6 Prozent stieg.

Und noch eine Auffälligkeit: Der Löwenanteil der Saalschließungen (56 von 75) entfiel auf Orte über 50.000 Einwohner (alleine 29 Schließungen waren dabei in Orten zwischen 50.000 und 100.000 Einwohnern zu beklagen) - also auf Ortsgrößen, die das Zukunftsprogramm Kino nur bedingt adressiert. Tatsächlich gab es in Orten mit bis zu 50.000 Einwohnern insgesamt sogar einen minimalen Zuwachs bei den Spielstätten.

Während die FFA übrigens den deutschen Marktanteil mit 21,7 Prozent nach Besuchern etwas höher ansiedelt als Comscore (wofür wie üblich die Berücksichtigung minoritärer deutscher Koproduktionen wie etwa The French Dispatch" verantwortlich ist, die Comscore so nicht vornimmt), ist man sich beim 3D-Besucheranteil einig: nur rund 7,5 Prozent der Gesamtbesuche sieht auch die FFA für 3D-Vorstellungen.

"Highlights" in einem zweiten Krisenjahr waren natürlich auch nach FFA-Zählung die Monate Juli und Oktober, in denen das jeweilige Vergleichsniveau aus 2018 quasi erreicht bzw. sogar überschritten wurde, die größte Enttäuschung stellt trotz dem überragenden Spider-Man: No Way Home" natürlich der Dezember dar, in dem Kinos mit Maßnahmen von 2G Plus bis hin zum Lockdown das Leben schwerstmöglich gemacht wurde.

Tatsächlich gab es mit Sachsen, wo Kinos (anders als die Gastronomie) gegen Ende des Jahres wieder in den Lockdown geschickt wurden, sogar ein Bundesland, in dem 2021 noch schlechtere Besucherzahlen (um 11,5 Prozent) geschrieben wurden als 2020. Klar unterdurchschnittlich performten auch Baden-Württemberg (nur plus 2,6 Prozent im Jahresvergleich), Berlin (3,6 Prozent), Mecklenburg-Vorpommern (4,1 Prozent), Hamburg (6,5 Prozent) und Hessen (8,0 Prozent). Bayern, das mit seiner Coronapolitik in den vergangenen Monaten eigentlich nur zum Kopfschütteln einlud, steht mit plus 15,7 Prozent sogar sehr gut da, Spitzenreiter sind aber Schleswig-Holstein (19,3 Prozent), Bremen (21,8 Prozent) und das Saarland (23,2 Prozent). Wobei man allerdings im Hinterkopf behalten sollte, dass Bayern schon 2020 mit besonders strengen Auflagen (u.a. auch für Autokinos) aus dem Rahmen fiel, die Basis auf der der Zuwachs erzielt wurde, also durchaus höher hätte sein können.

Welche Flut an Filmen mit Beginn des dritten Quartals auf die Leinwände drängte, macht die FFA-Statistik unterdessen überdeutlich: Insgesamt 78 Neustarts, davon 35 deutsche Produktionen, werden alleine für den Juli gezählt - und das, obwohl es schon der Juni, in dem größtenteils nur "Vorstarts" erfolgten, auf solide 32 brachte. Dass Masse nicht Klasse bedeutet, illustriert mustergültig der vergleichsweise schwache September, der 76 Neustarts, aber nur knapp 5,4 Mio. Besucher sah. Im Oktober, der natürlich klar von September-Start Keine Zeit zu sterben" dominiert wurde, waren es nur 58 - und im Dezember fiel die Zahl der Neustarts aufgrund kurzfristiger Verschiebungen gerade auch deutscher Titel auf 37. Fast die Hälfte aller Besuche im letzten Monat des Jahres entfiel auf "Spider-Man: No Way Home".

Das Resümee von Peter Dinges: "Die deutschen Kinos haben auch das zweite Coronajahr relativ unbeschadet überstanden. Ob das so bleibt und wie sich die Pandemie auf die anderen Film-Branchen - die Verleihe, die Produktion, die filmtechnischen Betriebe - auswirkt, werden die nächsten Monate zeigen. Das Publikum jedenfalls ist da und freut sich auf großartige Filme und eine neue Kinonormalität - auch das haben uns die Zahlen nach der Wiedereröffnung im Juli 2021 gezeigt."