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MOP-Gewinnerin Uli Decker zu "Anima": "Mit Humor erzählen"

Uli Decker ist beim Max Ophüls Preis gleich zweifach für ihr Langfilmdebüt "Anima - Die Kleider meines Vaters" ausgezeichnet worden. Wir sprachen mit der Regisseurin über ihren sehr persönlichen Film und seine Entwicklung.

02.02.2022 17:42 • von Heike Angermaier
Uli Decker (Bild: Florentin Skimbiski)

Uli Decker ist beim Max Ophüls Preis für ihr Langfilmdebüt Anima - Die Kleider meines Vaters" mit dem Jury- und dem Publikumspreis für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet worden. Wir sprachen mit der Regisseurin und Drehbuchautorin über ihren sehr persönlichen und originellen Film und seine Entwicklung.

Was bedeuten ihnen die Auszeichnung mit dem Max-Ophüls-Preis und dem Publikumspreis?

ULI DECKER: Ich bin sehr glücklich über diese beiden Preise, die dem Film Sichtbarkeit verleihen über das Festival hinaus. Zudem bedeutet für mich die Kombination beider Auszeichnungen - des Jurypreises und des Publikumspreises -, dass "Anima" sowohl das Publikum erreicht, als auch von Insidern aus der Filmbranche geschätzt wird. Das ist für mich die maximale Auszeichnung.

Was erhoffen Sie sich?

ULI DECKER: Ich hoffe, dass "Anima" die Gelegenheit bekommt, auf vielen Filmfestivals im In- und Ausland gezeigt und von den unterschiedlichsten Menschen gesehen zu werden. Mein Ziel war es, einen Film für ein möglichst breites Publikum zu machen und durch die Reaktionen, die ich bekomme, zeichnet sich ab, dass das in weiten Teilen gelungen ist. Besonders wünsche ich mir, dass der Film von Menschen gesehen wird, die sich bisher mit den Themen, die verhandelt werden, nicht wirklich beschäftigt haben, und so einen Anstoß bekommen, ihren Blick auf sich selbst und die Welt zu weiten.

Wie haben Sie das Festival, die Weltpremiere ihres Langfilmdebüt erlebt?

ULI DECKER: Zunächst einmal war es eine große Freude, dass der Film beim Max Ophüls Preis Premiere feiern durfte. Das Festival fand aufgrund der Corona-Auflagen leider in sehr reduzierter und Großteils digitaler Form statt, wodurch es nur bedingt möglich war, sich mit anderen Filmschaffenden zu treffen und zu vernetzen, was natürlich schade ist. Besonders freute mich, dass Familie, Freunde und ein großer Teil meiner Crew es sich nicht nehmen ließen, anzureisen, um die Filmpremiere gemeinsam zu erleben. "Anima" dann gemeinsam mit dem Publikum auf der großen Leinwand mit hervorragendem Sound System zu sehen, war ein Genuss, auf den wir lange gewartet haben.

Sie erzählen eine sehr persönliche Geschichte. Wie sind Sie an die Umsetzung herangegangen?

ULI DECKER: Ursprünglich wollte ich aus der Geschichte einen Spielfilm machen, um meine Familie und mich nicht bloßzustellen. Als ich dann vor ca. 17 Jahren versuchte, mich dem Thema dokumentarisch zu nähern, war mir alles schnell viel zu persönlich und ich legte das Vorhaben beiseite. Schließlich machten sich Rita Bakacs und ich dann vor sechs Jahren daran, gemeinsam ein Treatment zu verfassen. Zu diesem Zeitpunkt war der Plan, vor allem mit Animation zu arbeiten und einen Film im Stil von Persepolis" zu machen. Ein Budget für ein solches Projekt aufzutreiben stellte sich als schier unmöglich heraus und so wurde der Entwurf nach und nach immer dokumentarischer.

Für mich war allerdings immer klar, dass ich über dieses so persönliche Thema nur einen Film machen wollte, wenn es mir gelänge, diese teils tragische Geschichte mit Humor und Leichtigkeit zu erzählen und mich von der strikt dokumentarischen Form durch phantasievolle Elemente entfernen zu können. Und hier spielen nicht nur die Animation sondern auch die Musik (klassische Stücke, Lieder von Cora Frost und Filmmusik komponiert von Anna Kühlein) eine große Rolle.

Ich für mich sehe den Film nicht als Dokumentarfilm, sondern als Hybrid, der mit unterschiedlichsten Formen des Dokumentarischen und Fiktiven spielt - queer im besten Sinne.

Wie haben Sie die Animationen umgesetzt?

ULI DECKER: Die Animationen bebildern Ulis Innenleben - ihre Träume, verborgenen Wünsche, Ängste, Emotionen. Sie bilden wohltuende Inseln voller Fantasie und Humor, die den Film davor bewahren, in bleierne Schwere abzusinken. Unter den vielen möglichen Formen von Animation habe ich mich für eine Collagetechnik entschieden, die weitgehend auf Familienfotos basiert. Fotos, die vom sichtbaren Familienleben erzählen, werden so dazu verwendet, die verborgene Welt zu kreieren, die sich nur im Kopf abspielt.

Falk Schuster und sein Team haben diese Fantasien auf virtuose Weise in Animationen verwandelt. Einige Bilder waren für mich von Anfang an klar, andere haben sich erst aus dem Prozess und dem Rhythmus des Films ergeben.

Wie schwierig war es, das Projekt auf die Beine zu stellen?

ULI DECKER: Ein Film wie "Anima", der mit so vielen unterschiedlichen visuellen und inhaltlichen Elementen spielt, braucht Zeit, sowohl in der Entwicklung als auch im Schnitt. Ihn mit einem mittleren Dokumentarfilmbudget umzusetzen, sprengt eigentlich den Rahmen der Möglichkeiten. Vor allem die prekäre finanzielle Ausstattung des Projekts verlangte allen Beteiligten viele Opfer ab. Für mich persönlich hieß dies, für die Zeit der Produktion am Existenzminimum zu leben und eine Vielzahl von Aufgaben jenseits von Regie und Buch zu übernehmen.

Gleichzeitig war eine enge Zusammenarbeit mit dem Team extrem wichtig - vor allem bei Kameraarbeit (Siri Klug) und Schnitt (Frank Müller, Amparo Mejías), da ich in meiner Rolle als Protagonistin, Tochter, Autorin und Regisseurin auf Feedback von außen angewiesen war, um den richtigen Tonfall für den Film zu finden und mit der nötigen Distanz auf die Geschichte blicken zu können.

Was ist Ihr nächstes Projekt? Bleiben Sie bei der dokumentarischen Form?

ULI DECKER: Von der Einteilung in dokumentarische und fiktionale Form halte ich persönlich nicht viel. Ich interessierte mich vor allem für die Schnittstellen zwischen Fiktion und Realität, habe mehrere dokumentarische und fiktionale Ideen auf dem Schreibtisch, die ich im Moment weiterentwickle und bin offen für neue Kooperationen.

Die Fragen stellte Heike Angermaier