Produktion

"Der Markt wird nicht mehr sein wie zuvor"

Drei Themen standen bei einem virtuellen Jahresausblick mit prominenter Branchenbesetzung besonders im Fokus: Die Forderung nach der überfälligen Schaffung einer international wettbewerbsfähigen Infrastruktur, das auch damit verbundene Problem des Fachkräftemangels - und die Frage nach der Zukunft des Kinos. Die ausgerechnet der Vertreter von Amazon am optimistischsten beantwortete...

28.01.2022 14:44 • von Marc Mensch
Moderator Louis Klamroth, Lisa Blumenberg, Martina Zöllner, Gerhard Meixner, Randa Chahoud, Christoph Fisser und Philip Pratt warfen einen Blick auf das Branchenjahr 2022 (Bild: Screenshot)

Die Zeit war, auch angesichts der hochkarätig besetzten Runde, knapp bemessen, die Bandbreite der Themen groß - und die Unsicherheit ob der weiteren Pandemieentwicklung fast noch größer. Und doch konnte man dem von SKW Schwarz, der ILB und dem Medienboard organisierten virtuellen Jahresausblick unter dem Motto "Let's get started" ein paar ganz zentrale Aussagen entnehmen. Die in dieser Form teilweise beileibe nicht neu sein mochten, die bei einer neuen Regierung aber womöglich auf fruchtbareren Boden fallen als in der alten Konstellation, die bis zuletzt am Stückwerk aus DFFF und GMPF festhielt.

Hoffnung macht nicht zuletzt der Koalitionsvertrag, in dem man sich zumindest auf die "Prüfung" der Einführung eines steuerlichen Anreizmodells festgelegt hat. Wie überholt das Festhalten an gedeckelten Töpfen, regelmäßigen Regeländerungen und schwankenden Gesamtbudgets ist, hat sich über die vergangenen Jahre diverse Male bewiesen - nicht zuletzt 2021, als das GMPF-Budget trotz des begrenzt möglichen Rückgriffs auf ungenutzte DFFF-Mittel bereits im Juli komplett bewilligt war.

Was auf der positiven Seite Ausdruck eines vor allem durch "neue" Player getriebenen Produktionsbooms selbst in der Pandemie ist, andererseits aber auch die Frage aufwirft: Besitzt Deutschland genug Studiokapazitäten, um dem Produktionsboom gerecht zu werden? Studio-Babelsberg-Vorstand Christoph Fisser jedenfalls sieht das Wachstum durch das überholte Fördersystem begrenzt. Man würde gerne mehr investieren und expandieren - aber mehr als die momentane Infrastruktur lasse die Förderung "gar nicht zu".

Zudem sieht Fisser in der hiesigen Planungsunsicherheit einen der Hauptgründe für den seit Jahren zunehmend beklagten Fachkräftemangel in der deutschen Film- und TV-Branche. Man selbst habe viele Crewmitglieder an das Ausland verloren, weil dort, wo man auf langfristig verlässliche Instrumente setze (explizit nannte er das Beispiel Ungarn), auch entsprechende Planungen und kontinuierliche Auslastung ermöglicht würden.

Der aus Los Angeles zugeschaltete Leiter Deutsche Originals bei Amazon Studios, Philip Pratt, sprach gar von einer "Verantwortung", international wettbewerbsfähige Infrastrukturen über die Einführung der Tax Incentives zu schaffen, die sich nicht nur in den klassischen Produktionsländern, sondern gerade auch in den östlichen europäischen Staaten enorm bewährt hätten. Für ihn zählt der Umbau der Förderung zu den wesentlichen Aufgaben des noch jungen Jahres 2022. Als Vertreter einer der führenden Streamingplattformen zeigte Pratt naturgemäß wenig Verständnis für die Forderungen nach Investitionsverpflichtungen (deren Prüfung ebenfalls im Koalitionsvertrag angekündigt wird). Man fahre die Produktion ohnehin hoch und investiere massiv - er selbst sehe somit keinen Bedarf für eine entsprechende Verpflichtung, die nur zu "mehr Regulierung" führen würde. Obwohl man bei Amazon Studios gezielt auf ausgesuchte, aber dafür "herausstechende" Produktionen setze, sehe man den "wahnsinnigen Engpass" bei den Crews ebenso. Ihm liege das Thema sehr am Herzen - und man befinde sich unter anderem im engen Austausch mit der Produzentenallianz, um Lösungen zu finden.

Produzentin Lisa Blumenberg (Letterbox Filmproduktion) beleuchtete das Problem noch aus einem anderen Blickwinkel: Eine Tätigkeit beim Film sei gerade für die jüngere Generation auch deshalb nicht mehr so interessant, weil die Work-Life-Balance in anderen Bereichen schlicht besser sei. Zudem leide die Branche darunter, dass es sich bei den Gewerken, bei denen der Mangel tatsächlich auftritt, oft nicht um klassische Ausbildungsberufe handle, sondern der Einstieg in der Regel über ein "Learning by doing" erfolgt sei, eine sprichwörtliche Ochsentour, die so, auch wegen der Regeln zum Mindestlohn (die Blumenberg ausdrücklich nicht kritisieren wollte) nicht mehr möglich sei. Blumenberg jedenfalls konstatierte, dass die Branche aufgrund des Fachkräftemangels nicht im selben Maße wachsen konnte, wie der Bedarf an Programm zugenommen habe.

Den Punkt der Work-Life-Balance hob auch Produzent Gerhard Meixner (Razor Film) hervor: Insbesondere die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sei ein kritischer Faktor. Wobei Meixner auch eine wichtige Konkretisierung vornahm: Denn der Mangel erstreckt sich nicht auf den Bereich der Produzent:innen oder Regisseur:innen - händeringend gesucht werden vielmehr Beschäftigte unter anderem für die Bereiche Herstellungs-, Produktions- und Aufnahmeleitung, Kamera oder Accounting.

Was in dieser "Berliner Runde" nicht zur Sprache kam, sei an dieser Stelle aber doch ausdrücklich erwähnt: In Bayern adressiert eine gemeinsame Initiative der HFF München und der Hochschule Ansbach das Problem mit dem zum Sommersemester startenden und bundesweit bislang einzigartigen Studiengang "Produktionsmanagement Film und TV".

Wo aber bewegt sich die Branche grundsätzlich hin, welche Entwicklungen sind dauerhaft, welche primär durch die Pandemie forciert? Wirklich konkrete Aussagen wollte keine(r) der Anwesenden der sprichwörtlichen Glaskugel entnehmen, allerdings stellte Fisser klar fest: "Der Markt wird nicht mehr sein wie zuvor." Meixner sekundierte an dieser Stelle und verlieh insbesondere seiner Sorge über die Unklarheit darüber Ausdruck, ob das Kinopublikum auch für Independent-Filme zurückkehre - und nicht nur für die großen Tentpoles. Für sein eigenes Unternehmen konstatierte Meixner, dass man sich dem Serienbereich künftig stärker zuwenden müsse. Sich alleine auf Kino zu stützen, werde nicht mehr reichen, so die Prognose. Die Ende November verkündete Gründung der Produktionsallianz "The Creatives" sei auch eine Reaktion auf die neue Situation.

Während Regisseurin und Autorin Randa Chahoud vor allem auf eine "wahnsinnig spannende" Zeit verwies, in der man sich verstärkt damit auseinandersetzen müsse, was tatsächlich starke Inhalte seien und was man auch in Deutschland technisch verändern könne - nicht zuletzt weil es auch hierzulande plötzlich große Budgets gebe - kam der optimistischste Ausblick auf die Zukunft des Kinos ausgerechnet von Pratt. Seine Überzeugung, dass die Menschen wieder ins Kino wollen, dass das Kino spätestens mit dem Ende der Pandemie wieder lebe und dass sich die Nutzung von Streaming-Angeboten dann wieder auf ein "normaleres" Niveau einpendeln werde, stand geradezu im Kontrast zu der von Fisser geäußerten "großen Sorge um das Kino und die Verleiher" - die er im Verlauf des Gespräches dann aber selbst konterkarierte, als er dem festen Glauben Ausdruck verlieh, dass das Kino wieder durchstarten werde, weil es nicht zu ersetzen sei. Pratt jedenfalls zeigte sich auch ausdrücklich aufgeschlossen für weitere Kooperation mit Kinos, das Experiment der Leinwandpremiere für die zweite "LOL"-Staffel sei "phänomenal" verlaufen. Kooperationen mit Kinos halte er für "enorm spannend".

Dass Pratt die Diskussion um exklusive Streamingdebüts von ursprünglich für das Kino vorgesehenen Filmen nur kurz mit der Bemerkung streifte, dass es eine sinnvolle Lösung gewesen sei, brach liegende Filme in Zeiten von Kinoschließungen einer Verwertung zuzuführen, ist nachvollziehbar. Aufmerken ließ aber doch, dass Fisser ausgerechnet das Beispiel des in Babelsberg realisierten Films Tom Clancy's Gnadenlos" in einer Randbemerkung fallen ließ. Denn just dieser (auch vom Medienboard geförderte) Film wurde gemäß der DFFF-Mindestanforderung für exakt eine Woche in exakt einen Kinosaal gebracht, um danach das Kinofenster auszusitzen, bevor er auch in Deutschland auf Amazon Prime veröffentlicht wurde, Monate nach dem weltweiten Streaming-Debüt...

Grundsätzlich plädierte Medienboard-Geschäftsführerin Kirsten Niehuus in einer Wortmeldung dafür, Ausnahmen von der Kino-Herausbringungspflicht oder zumindest vom Fenster zu schaffen, um so einen Abbau des verschiebungsbedingten Filmstaus von mehreren hundert deutschen Produktionen zu ermöglichen. Zwar sehe das FFG im Prinzip solche Möglichkeiten vor, diese seien aber auch angesichts der bundesweit sehr unterschiedlichen Situation nur schwer zu nutzen. Sie trat dafür ein, "auf Null" zu gehen, andere Möglichkeiten zu finden, wonach Filme ins Kino könnten, aber nicht müssten - und wo man nicht unbedingt auf die "nicht immer ganz zeitgemäßen" Fenster setze. Aus ihrer Sicht sei es für das Kino besser, auf Freiwilligkeit anstatt auf Verpflichtungen zu setzen. Was angesichts anhaltender Bemühungen um eine Branchenvereinbarung eine Aussage ist, die in der Hauptstadt zumindest bei den Kinoverbänden aufhorchen lassen dürfte.

Aufhorchen ließ in der Hauptstadtregion unlängst auch der Erwerb einer Mehrheitsbeteiligung an Studio Babelsberg durch das Beteiligungsunternehmen TPG. Laut Fisser ein Schritt, der unumgänglich für weiteres Wachstum sei. Große Investments, wie etwa die wegweisende Installation der LED-Stage Dark Bay, die nur dank einer fünfjährigen Auslastungsgarantie durch Netflix realisierbar gewesen sei, erforderten starke Partner, die an das Filmgeschäft glaubten. Zudem hob Fisser hervor, dass zum TPG-Portfolio nicht etwa nur der Studiobetreiber Cinespace gehöre - sondern auch die Talentagentur CAA (deren Übernahme von Mitbewerber ICM im Herbst verkündet wurde). Zu deren Klient:innen zählen Kreative wie Steven Spielberg, Brad Pitt, Scarlett Johansson oder Will Smith. Auch über diese Verbindung hoffe man, Projekte nach Deutschland holen zu können, an die man in der Vergangenheit "nicht so leicht herangekommen" wäre. Für bestehende Partner und Kunden werde sich durch die Übernahme jedenfalls nichts ändern, er selbst (der wie Carl Woebcken weiter eine Minderheitsbeteiligung hält) wolle jedenfalls wenigstens noch zehn Jahre an Bord bleiben.

Und wie sieht es mit der Fortentwicklung der Mediatheken aus? Martina Zöllner, Fiction- und Kulturchefin des rbb, verwies zwar durchaus augenzwinkernd auf Herausforderungen einer föderalen Struktur, aber auch auf die kreative Kraft der einzelnen Häuser - und die zunehmenden Verbesserungen bei diesem "kuratierten Ausspielweg". Von den neuen Plattformen sehe man sich zwar herausgefordert, Kooperationen seien aber absolut möglich, wie es unter anderem Babylon Berlin" unter Beweis gestellt habe. Wobei Zöllner dann aber auch einschränkte, dass es die Stärkung der Mediatheken bedinge, dass auch entsprechende Rechte gehalten würden - womit "bestimmte Kooperationen vielleicht nicht zustande" kämen.