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Patrick Somerville über "Station Eleven": "Eine postapokalyptische Show über Freude"

Am Sonntag werden bei Starzplay die ersten drei Folgen der zehnteiligen HBO-Serie "Station Eleven" gezeigt. In der Adaption des 2014 erschienenen Romans "Das Licht der letzten Tage" von Emily St. John Mandel wird von der Zeit nach einer verheerenden Grippepandemie erzählt, in der eine Theatergruppe Shakespeare zu den Überlebenden bringt. Wir sprachen mit Showrunner Patrick Somerville.

28.01.2022 13:38 • von Thomas Schultze
Alles geht in Schutt: "Station Eleven" erzählt von einer verheerenden Pandemie (Bild: HBO)

Am Sonntag werden bei Starzplay die ersten drei Folgen der zehnteiligen HBO-Serie "Station Eleven" gezeigt, danach geht es im Wochentakt weiter. In der Adaption des 2014 erschienenen Romans "Das Licht der letzten Tage" von Emily St. John Mandel wird von der Zeit nach einer verheerenden Grippepandemie erzählt, in der eine Theatergruppe Shakespeare zu den versprengten Überlebenden in der Gegend um die Great Lakes bringt. Die Hauptrollen spielen Mackenzie Davis, Himesh Patel, Lori Petty sowie die neunjährige Entdeckung Matilda Lawler. Wir sprachen mit Showrunner Patrick Somerville, bekannt für Titel wie Maniac" oder The Leftovers", über die Zeitlosigkeit von Shakespeare und das Realisieren einer Show über eine Pandemie während einer Pandemie.

"Station Eleven" erzählt von einer postapokalyptischen Zeit nach einer verheerenden Pandemie, in der eine Theatergruppe durch den Norden der USA zieht und in den verbliebenen Ansiedlungen Shakespeare aufführt. Haben Sie Shakespeare gelesen, bevor Sie sich an die Drehbücher der Serie setzten?

PATRICK SOMERVILLE: Ich habe "Hamlet" gelesen, bevor ich mit der Adaption des Romans von Emily St. John Mandel begann. Ich wollte weitergehen als der Roman bei seiner Repräsentation von Shakespeare, indem ich wirklich zeige, wie spektakulär es sein könnte für eine Gruppe ungemein fantasievoller Menschen, eine Vorstellung auf die Beine zu stellen, die pure Magie ist. Im Roman nimmt Shakespeare keinen großen Raum in der Erzählung ein. Es gibt ein paar Momente und Szenen, in denen er eine Rolle spielt, und die "Lear"-Aufführung zu Beginn der Geschichte, bei der Gael García Bernal auf der Bühne zusammenbricht und die Pandemie ihren Lauf nimmt, habe ich direkt von Emily übernommen. Aber in die Tiefe geht der Roman nicht, er beschäftigt sich auch nicht mit der Dichte der Sprache Shakespeares. Ich verstehe das. Das hätte der Erzählung Fahrt genommen und sich mit dem Rest der Geschichte nicht gut vertragen.

Ihr Ansatz war anders?

PATRICK SOMERVILLE: Als Englischstudent habe ich Shakespeares Brillanz immer schon bewundert, aber weil ich mich mehr für Literatur und nicht so sehr fürs Theater interessiert habe, habe ich ihn nicht besonders intensiv gelesen. Mittlerweile habe ich ein ganzes Leben hinter mir, bin erwachsen, verheiratet, habe Kinder. Da liest man "Hamlet" ganz anders - es hat mich richtig umgehauen. Es war, als hätte ich Willy Wonkas Schokoladenfabrik betreten, ein Schlaraffenland aus Sprache, als hätte Shakespeare mit Wörtern gemalt. "Hamlet" passte einfach perfekt für "Station Eleven". Aktuell leben wir in einer Welt, die so reich ist an Content und Inhalten, dass es kein Bedürfnis mehr für Metaphern und bildhafter Sprache gibt. Wie wäre es also, wenn man Shakespeare in einer Zeit aufführt, in der jede Form von Content verschwunden ist. Wäre das nicht eine echte Explosion? Das wollte ich rüberbringen, es ist ein wichtiges Leitmotiv für unsere Serie.

Wird es das Publikum der Show auch so empfinden?

PATRICK SOMERVILLE: Ich hoffe doch. Aber ich verstehe schon... Mir ging das ja zunächst nicht anders. Shakespeare? Klingt nach Hausaufgabe. Bitte, lasst mich nicht Hausaufgaben machen! Ich verstehe die Wörter nicht, es ist zu dicht, zu trocken, bitte nicht. Das ist schade, weil die Texte heute unverändert gut sind, wenn man erst einmal einen Zugang findet. Ich hoffe, wir haben einen Weg gefunden, das rüberzubringen. Wenn man von Dingen erzählt wie Trauer, Zorn, Macht, Erziehung, das Leben, dann ist Shakespeare ein guter Weggefährte. Wir wollten ein Defibrillator sein, der Shakespeare ein paar Sekunden zurück ins Leben schockt.

Vielleicht wendet man sich den Klassikern leichter zu in der Zeit, die wir seit zwei Jahren durchleben. Sie haben an einer Show gearbeitet über eine Pandemie, die fast alles Leben auf der Erde auslöscht, als eine echte Pandemie ausbrach. Was hat das mit Ihnen als Autor und Schöpfer gemacht?

PATRICK SOMERVILLE: Zunächst erschien es uns absurd. Albern regelrecht. Aber natürlich war die Geschichte, die sich Emily für ihren Roman ausgedacht hatte, nicht aus der Luft gegriffen. Es war nicht Fantasy, es war vielmehr ein konsequent fortgeführter Gedanke. Wir hatten die Schweinegrippe, die Vogelgrippe, SARS, fast einen Ebola-Ausbruch. In gewisse Weise haben wir Corona vorgegriffen. Wir haben Ende 2019, Anfang 2020 gedreht, kurz vor Ausbruch der Covid-Pandemie. Im November 2019 gab es die ersten Meldungen aus Wuhan, aber das war ganz weit weg. Anfang Februar 2020 hatte jemand aus der Requisite einen Stapel N95-Masken für Statisten mitgebracht. Als ich mich auf den Weg zum Flughafen nach Los Angeles machte, drückte er mir ein paar in die Hand, für Nummer sicher. Das wirkte ganz fremd. Braucht man doch nicht. Einen Monat später waren die Läden leergekauft. So schnell ging das. Es war so unmittelbar, man machte sich Sorgen um seine Familie, um die Welt. Erst als man sich schon fast an den Ausnahmezustand gewohnt hatte, ging mir durch den Kopf, wie eng unsere Serie mit der Realität verbandelt ist.

Was waren Ihre Gedanken?

PATRICK SOMERVILLE: Ein Jahr lang hatte sich unser Writers Room Gedanken darüber gemacht, wie sich eine Pandemie abspielen würde: Wie wäre es, wenn alles verloren wäre; was würde man als die guten Dinge betrachten; was wäre wichtig? Wir hatten uns lange darüber ausgetauscht, wie es wohl sein würde, wenn drei Menschen 80 Tage lang ununterbrochen in einer Wohnung feststeckten. Und jetzt wurden wir von der Realität überholt. Irgendwie war es aber auch tröstlich, ein solches Szenario schon einmal durchgespielt zu haben. Unser Ansatz war nie, eine Horrorgeschichte zu erzählen darüber, wie fürchterlich es wäre, wenn so etwas passierte. Wir wollten eine postapokalyptische Show machen, in der es um Freude geht. Lasst uns einen Haken hinter den Untergang machen und setzen da an, wo wir unser Leben nach dem Trauma wieder aufbauen. Aber wir wollten es intelligent erzählen, erwachsen, die Freude und Hoffnung sollten verdient sein. Wenn es einfach nur um die Postapokalypse gegangen wäre, wäre keiner von uns eingestiegen. Das hat uns nicht interessiert.

Es bestand nie die Gefahr, Sie müssten die Arbeit abbrechen, Sie müssten die ganze Geschichte noch einmal neu aufsetzen?

PATRICK SOMERVILLE: Es wäre linkisch gewesen, wenn wir "Station Eleven" gestartet hätten, nachdem Corona ausgebrochen war. Eine Pandemieserie, die man während einer Pandemie auf die Beine stellt. Nein! Aber wir waren mittendrin, als die Pandemie losging. Alle standen voll und ganz hinter dem Stoff, wie wir ihn konzipiert hatten. Das Team war super. Das Studio und der Sender hatten keine Manschetten, das bereits Begonnene durchzuziehen. Wir alle fanden, dass wir etwas Wichtiges machen und erzählen. Natürlich muss man auch sagen, dass zu diesem Zeitpunkt alle überzeugt waren, dass die Pandemie spätestens im Herbst vorbeisein würde.

Aus zwei Wochen wurden zwei Jahre... To be continued...

PATRICK SOMERVILLE: Mein Eindruck ist, dass wir das Schlimmste gemeistert haben. Aber wie heißt es so schön: Die meisten Unfälle beim Bergsteigen passieren beim Abstieg, wenn man das Schwierigste hinter sich hat. Klar, vor Corona hätte man genervt mit den Augen gerollt, wenn sich einer hingestellt und im Brustton der Überzeugung gesagt hätte, Kunst sei ein essenzieller Bestandteil für das Überleben der Menschheit. Aber jetzt ist unsere Show fertig und wird gesehen. Und wenn ich dann nachfrage und ich die Antwort erhalte, man habe sich gutgefühlt beim Ansehen, dann geht mir das Herz auf. Es ist nur eine Serie. Aber vielleicht kann sie, auf ihre bescheidene Weise, doch für etwas gut sein.

Das Gespräch führte Thomas Schultze.