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Felix Moeller zu "Jud Süß 2.0": "Die Perfidie ist schon atemberaubend"

Felix Moeller hat die Dokumentation "Jud Süß 2.0" über die antisemitischen Verbindungslinien zwischen Nazi-Propaganda und heutigen Verschwörungstheoretikern gemacht. Der sehenswerte Film ist noch bis Anfang 2023 in der Arte-Mediathek zu finden.

28.01.2022 12:58 • von Michael Müller
Felix Moeller ist promovierter Historiker, aber auch Regisseur diverser Dokumentarfilme (Bild: Gregor Baron)

Felix Moeller hat die Dokumentation "Jud Süß 2.0" über die antisemitischen Verbindungslinien zwischen Nazi-Propaganda und heutigen Verschwörungstheoretikern gemacht. Der sehenswerte Film ist noch bis Anfang 2023 in der Arte-Mediathek zu finden.

Wie kamen Sie auf die Idee zu "Jud Süß 2 0"?

FELIX MOELLER: Ich hatte mich schon in meinen früheren Dokumentarfilmen intensiv mit der NS-Filmpropaganda beschäftigt, zum Beispiel in "Verbotene Filme" oder in einem Film über den "Jud Süß"-Regisseur Veit Harlan. Als ich dann zum Online-Antisemitismus recherchiert habe, fiel mir sofort auf, wie sehr sich die alten judenfeindlichen Stereotypen, Verschwörungserzählungen, Dämonisierungen und Diffamierungen in den heutigen rechtsextremen und antisemitischen Bilderwelten wieder finden. Alle Filme, ob "Jud Süß", "Die Rothschilds" oder "Der ewige Jude", sind Filme über Verschwörungen gegen "Arier" und Christen, das ist das zentrale Narrativ der Antisemiten bis heute.

Hat Ihnen die Vorarbeit als Autor des Standardwerks "Der Filmminister" über Joseph Goebbels' Tagebücher bei diesem Projekt geholfen?

FELIX MOELLER: Ja, die Beschäftigung mit Goebbels und den Mechanismen der NS-Propaganda war sehr hilfreich. Viele Methoden und Motive der Diffamierung, die schon Goebbels benutzt hat und die natürlich viel älter sind als der Nationalsozialismus, finden sich heute in Webvideos und antisemitischen Bildmontagen wieder. Goebbels hat auch immer gefordert, dass man mit den perfiden Botschaften und dem Judenhass die breite Masse erreichen müsse. Das ist auch das Ziel der heutigen Antisemiten.

Was haben Sie bei Ihrer Recherche jetzt herausgefunden, das Ihnen völlig neu war?

FELIX MOELLER: Das Ausmaß der antisemitischen Bilderwelten im Internet, gerade auch im Zuge der Covid-Pandemie, war mir neu. Zwar haben die großen Plattformen jetzt einiges unternommen, um das einzudämmen und Inhalte zu sperren, aber mit wenigen Klicks ist man schon wieder bei den problematischen Inhalten, wie zum Beispiel, dass man Menschen, die man zu Feinden erklärt, mit einem David- oder Judenstern markiert, egal ob sie jüdisch sind oder nicht. Bill Gates und Angela Merkel tauchen da am häufigsten auf. Die Widerwärtigkeit und Perfidie und negative Kreativität, auch was den Einsatz von emotionalisierender Musikuntermalung angeht, ist schon atemberaubend. Manches kann man in einer Dokumentation im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gar nicht zeigen.

Wie groß ist heutzutage die Rolle der Bilder, wenn es um die Verbreitung von Antisemitismus im Internet geht?

FELIX MOELLER: Bilder sind natürlich am wirkmächtigsten, sie sind wirkungsvoller als verbaler Hass und Hetze. Das ist auch die Herausforderung, wenn man das einrahmen, kontextualisieren und erklären will. Manchmal kann selbst der stärkste Kommentar die Wirkung der Bilder nicht einfangen. Manche antisemitischen Influencer haben über 100.000 Follower, das sorgt für eine weite Verbreitung. Man weiß auch, dass einige der Attentäter der letzten Jahre sich in antisemitischen Communities im Internet radikalisiert haben.

Was erhoffen Sie sich von Ihrem Filmprojekt?

FELIX MOELLER: Ich hoffe, dass der Film, von dem es auch noch eine Langfassung geben wird, in Bildungszusammenhängen gezeigt wird, im educational-Bereich, und auch international auf Festivals. Es ist ganz dringend notwendig, die Medienkompetenz zu stärken. Mit solchen Bildern umzugehen, sie decodieren und dekonstruieren zu können und auch die unterschwelligen antisemitischen Codes, Memes oder Symbole kenntlich zu machen, die vielleicht ganz unbedarft geteilt werden, ist enorm wichtig. Aber auch eine generelle Sensibilisierung für antisemitische Codes und Botschaften, die sich im Mainstream tarnen, wäre mein Ziel.

Das Interview führte Michael Müller