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Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian zur 72. Berlinale: "Die bekannte Struktur"

Am 10. Februar beginnt die 72. Berlinale - zeitlich etwas verkürzt, aber als Präsenzveranstaltung. Wir sprachen mit den Festivalchefs Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian über die besonderen Herausforderungen und die Feinheiten des Programms.

28.01.2022 08:15 • von Thomas Schultze
Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian: "Die großen Autorenfilmer sind zurück" (Bild: IMAGO / Future Image)

Am 10. Februar beginnt die 72. Berlinale - zeitlich etwas verkürzt, aber als Präsenzveranstaltung. Wir sprachen mit den Festivalchefs Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian über die besonderen Herausforderungen und die Feinheiten des Programms.

Die Berlinale findet als Präsenzveranstaltung statt. Warum haben Sie diese Entscheidung getroffen? Welche Optionen hätte es gegeben?

MARIETTE RISSENBEEK: Im letzten Jahr hatten wir die Sondersituation mit dem Sommer-Special, dass die Kinos aufgrund des zweiten Lockdowns neun Monate langgeschlossen hatten und erst danach wieder öffnen konnten. In diesem Jahr sieht es anders aus. Die Berlinale mit ihrem angestammten Termin im Februar ist auch dazu da, Filmen eine Startplattform zu bieten, um deren Marketingkampagnen für unmittelbar folgende Kinostarts anzustoßen. Weil die Kinos in diesem Jahr durchgehend geöffnet sind, können sie nicht bis zum Sommer warten.

CARLO CHATRIAN: Die Auswahl in diesem Jahr war schon viel weiter fortgeschritten. Ende Dezember stand fast das komplette Programm bereits fest. Natürlich hätten wir die Berlinale auch absagen können. Mariette und ich haben das intern ganz offen besprochen. Nach Austausch mit den zuständigen Behörden haben wir die Entscheidung getroffen, dass wir es versuchen wollen. Es ist unsere Verantwortung, die Filmemacher und die Filmindustrie zu unterstützen, wenn wir die Möglichkeit dazu haben. Wir haben in enger Abstimmung mit der Stadt und den Behörden ein neues Konzept erarbeitet, um zum angestammten Termin eine Berlinale veranstalten zu können, die den Filmemacher:innen die gewünschte Plattform in größtmöglicher Sicherheit bietet. Aber natürlich: Es ist ein fließender Prozess. Seit eineinhalb Jahren werden unsere Entscheidungen von der jeweiligen Pandemiesituation bestimmt. Das ist auch jetzt nicht anders.

Wie genau sieht das neue Konzept aus? Welche Idee steckt dahinter?

CARLO CHATRIAN: Die Veränderungen sind nicht so drastisch wie im Vorjahr. Wir finden als Präsenzveranstaltung statt, mit den bekannten Sektionen. Das Programm ist insgesamt vielleicht etwas weniger umfangreich als in einem normalen Berlinale-Jahr, aber man erkennt mühelos die bekannte Struktur. Die auffälligste Veränderung ist die Verkürzung des offiziellen Programmteils um vier Tage. Unsere Gäste werden sich so nicht so lange in der Stadt befinden und so Kontakte minimieren.

MARIETTE RISSENBEEK: Entscheidend war der ständige Austausch mit der Gesundheitsverwaltung in Berlin, dem Land Berlin und der BKM. Wir wollen etwas anbieten, das auch die Unterstützung der für die Berlinale relevanten Partner hat. Natürlich genießt für uns oberste Priorität, wie eine Veranstaltung unter den geltenden Regelungen in Berlin mit größtmöglicher Vorsicht gestaltet werden kann. Also werden wir uns reduzieren auf das Wichtige, das die Berlinale ausmacht: die Publikumsvorführungen und die begleitenden Presseaktivitäten für die Filme, damit sie im Anschluss in den Kinos weiterverbreitet werden können. Um dem Publikum die nötige Sicherheit zu signalisieren, wird es eine nur 50-prozentige Auslastung der Vorführungen geben, gleichzeitig mit Maske und mit Test. Bei anderen Veranstaltungen hat man in Berlin mit diesem Regelwerk gute Erfahrungen gemacht. Zusätzlich gibt es die von Carlo angesprochene Verkürzung der Phase des Festivals, in der die Filmteampräsentationen und Premieren stattfinden. Die letzten vier Tage wird es ganz schlichte Wiederholungen geben, ohne Q&As oder Vorstellung der Filmteams. Klar war auch, dass ein Messebetrieb wie beim European Film Market unter den gegebenen Umständen einfach nicht möglich sein würde. Wir haben stets abgewägt, was ein Festival unbedingt braucht und was davon unter verschärften Corona-Bedingungen realistisch umsetzbar sein würde.

Werden Sie auf alle bekannten Berlinale-Spielstätten zugreifen können? Werden Sie angesichts der Platzbeschränkungen die Vorführungsfrequenz erhöhen?

MARIETTE RISSENBEEK: In den ersten sechs Tagen wird es grundsätzlich nicht mehr Vorführungen geben als sonst auch. Weil die Marktvorführungen aber definitiv wegfallen, werden wir für die offiziellen Vorführungen auf mehr Spielstätten zugreifen können. Mit Ausnahme des Haus der Berliner Festspiele, das renoviert wird, und des mittlerweile geschlossenen Colosseum wird es Vorführungen in allen bekannten Berlinale-Kinos in der ganzen Stadt geben, neu dazugekommen ist der Titania Palast in Steglitz, womit auch der Süden der Stadt endlich abgedeckt ist. Am Ende werden weniger Karten als üblich zur Verfügung stehen, aber nur so können wir die Sicherheit der Berlinale-Besucher garantieren.

Wie ist die Reaktion von Seiten der Filmindustrie?

MARIETTE RISSENBEEK: Natürlich hat man uns Bedauern signalisiert, dass der EFM nur online stattfinden wird und der Präsenzmarkt in Gropius-Bau nicht umgesetzt werden kann. Sehr positiv war dagegen das Feedback, dass das Festival als Präsenzveranstaltung stattfinden soll und wir auch einen roten Teppich anbieten werden.

CARLO CHATRIAN: Der Wettbewerb in diesem Jahr, aber auch die Nebenreihen, wurden unter der klaren Maßgabe zusammengestellt, dass die Filme vor Ort dem Publikum gezeigt werden würden. Das waren bei unseren Gesprächen die Voraussetzungen der Sales-Companies, der Rechtehändler und der Produzenten, unsere Einladung zur Berlinale anzunehmen. Die meisten dieser Gespräche wurden bereits im Herbst geführt, ein paar wenige erst vor ein paar Tagen. Das ist ein Anliegen der Filmemacher:innen, gehört aber auch zu den Veröffentlichungsstrategien der Firmen. Wenn wir nicht als Präsenzveranstaltung stattfänden, müsste die Auswahl ganz anders aussehen. Deshalb war die Reaktion auf unsere Ankündigung zu Beginn des Jahres, dass wir ein Festival vor Ort ohne Online-Komponente veranstalten würden, natürlich auch entsprechend positiv. Es ist das, was sich die Filmcommunity gewünscht und erhofft hat. Aber man hatte es auch von uns erwartet.

Trotz der Omikronwelle?

CARLO CHATRIAN: Man muss verstehen, dass die Wahrnehmung der Berlinale in Deutschland und im Ausland sehr verschieden ist. In Deutschland und natürlich in Berlin ist man sehr besorgt und stellt sich die Frage, wie man ein Festival angesichts der Infektionszahlen durchführen kann. Im Ausland nimmt man das anders wahr, da sieht man unsere Entscheidung als positives Zeichen. Man ist hoffnungsvoll und freut sich darüber, dass die Berlinale sich nicht unterkriegen lässt und darum kämpft, stattfinden zu können. Ich verstehe beide Positionen, ich halte beide für unbedingt zulässig.

Wie haben Sie die diesjährige Auswahl zusammengestellt? Wie war Ihr Prozess in einem Jahr, das abermals nicht einfach gewesen sein kann?

CARLO CHATRIAN: Es war ehrlich gesagt nicht erschütternd anders als für meine erste Berlinale im Jahr 2020. Wir konnten andere Festivals besuchen, all die wichtigen Kontakte pflegen und uns austauschen über neue Filme, aber auch allgemein über Entwicklungen in der Filmindustrie. Ein bisschen ungewohnt war, dass der gesamte Festivalzirkus mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung stattfand, beginnend mit Cannes, das nicht am angestammten Termin im Mai, sondern im Juli stattfand. Wir haben diesmal schon sehr früh im Mai mit der Sichtung und Auswahl von Filmen begonnen, im Sommer folgte ein ganzer Schwung, ruhiger als sonst war die Periode im September und Oktober, dann waren November und Dezember noch einmal sehr intensiv. Vermutlich auch aufgrund der Pandemie - und weil die Pandemie in verschiedenen Ländern zu verschiedenen Phasen besonders ausgeprägt auftrat - wurden viele Filme erst sehr spät fertig. Für mein Team bedeutete das zusätzlichen Stress, weil wir unsere Entscheidungen insgesamt später trafen als üblich, dafür dann aber geballt.

Sind Sie zufrieden?

CARLO CHATRIAN: Natürlich bin ich glücklich mit der getroffenen Auswahl, die Filme sind sehr stark. Aber das muss ich doch auch sein als Programmdirektor eines großen Festivals. Alles andere wäre schrecklich. Aber ich weiß auch, dass die Zusammenstellung eines Programms nicht bedeutet, einfach nur die besten Filme auszuwählen. Es ist eine Komposition. Es gibt verschiedene Interessen, verschiedene Bedürfnisse des Publikums. Dem muss man Rechnung tragen. Und dann eine Auswahl treffen, die den verschiedenen Parametern gerecht wird.

Was erzählen die Filme über den Zustand des Weltkinos?

CARLO CHATRIAN: Der Wettbewerb sagt uns, dass die großen Autorenfilmer zurück sind in Berlin. Das macht uns stolz. Das Line-up im letzten Jahr war sehr positiv aufgenommen worden, aber es zeichnete sich stärker durch Neulinge und neue Stimmen aus. Dieses Jahr liegt die Sache anders. Wir haben die Zusagen wichtiger bekannter Filmemacher:innen und entsprechen damit der Geschichte der Berlinale. Die Auswahl sagt uns auch, dass das Kino lebt: Überall auf der Welt wurde die Produktion wieder aufgenommen. Das Programm ist deutlich internationaler als 2021. Wir begrüßen Filmemacher aus Ländern, die auf Festivals dieser Größe üblicherweise weniger stark repräsentiert sind. Ich erkenne eine große Freiheit des Ausdrucks. Gerade im Wettbewerb liegt ein besonderer Fokus auf Liebe, oftmals auf sehr ungewöhnliche und eindringliche Weise. Claire Denis erzählt auf sehr originelle Weise von einem Liebesdreieck, die Spanierin Carla Simón betrachtet in ihrem Film die Liebe in einer Familie und wie es sich verändert, wie die Generationen miteinander umgehen. Der eine Film wird von bekannten Filmstars getragen, der andere Film zeichnet sich durch die Leistung eines Kollektivs von Darstellern aus. Wir freuen uns sehr darüber, dass uns viele Filme überrascht haben. Encounters ist der Ort, an dem man die größten dieser Überraschungen entdecken kann.

Welche Rolle spielt die Pandemie in den Filmen im Wettbewerb? Wenn schon nicht alle während der Pandemie gedreht wurden, so wurden doch alle während der Pandemie geformt, nehme ich an.

CARLO CHATRIAN: Grundsätzlich muss man festhalten, dass die Pandemie und der Lockdown einen starken Eindruck auf Filmemacher:innen hinterlassen haben. Viele der eingereichten Filme wurden während des Lockdowns gedreht. Das bedeutet: ein Handlungsort, wenige Figuren. Von ihnen haben wir aber nur wenige ausgewählt. Wir hatten den Eindruck, dass sie sich doch zu sehr ähneln und vor allem zu sehr ähnliche Themen behandeln. Pandemie-Filme, wenn man sie denn so nennen will, haben wir nur dann ausgewählt, wenn sie mehr zu bieten haben, als eine Gruppe von Menschen zu zeigen, die sich gemeinsam an einem Ort aufhalten müssen. François Ozons Eröffnungsfilm ist ein gutes Beispiel dafür. Der Film von Ulrich Seidl wurde übrigens tatsächlich schon vor Covid-19 gedreht. Aber seither hat er sich massiv verändert, und natürlich nahm er erst während der Pandemie die Form an, in der wir ihn zeigen werden.

Im vergangenen Jahr hatten Sie fünf deutsche Filme für den Wettbewerb ausgewählt. Dieses Jahr sind es nur zwei, die neuen Arbeiten von Nicolette Krebitz und Andreas Dresen. War es ein schwächerer Jahrgang für das deutsche Kino?

CARLO CHATRIAN: Ich schaue bei der Auswahl nicht auf Zahlen oder Quoten. Mir geht es darum, die bestmögliche Auswahl zu treffen. Stimmt, letztes Jahr war ein gutes Jahr für das deutsche Kino, die Filme waren genau zur richtigen Zeit fertiggeworden. Jetzt sind es nur zwei - wie auch 2020 zwei deutsche Filme im Wettbewerb gewesen waren. Ob das zu wenige sind oder zu viele, müssen andere entscheiden. Ich kann nur sagen, dass beide Filme goldrichtig sind. Darauf kommt es an. Im kommenden Jahr sieht es vielleicht wieder anders aus.

Wieder finden sich keine Produktionen der Streamer im Wettbewerb, auch wenn deren Bedeutung als Produzenten anspruchsvoller Filme zugenommen hat.

CARLO CHATRIAN: Jede Entscheidung ist eine Einzelentscheidung. Bei jedem Film sehen wir uns an, welche Bedeutung eine Einladung in den Wettbewerb der Berlinale für ihn haben könnte. Meine Frage ist immer: Was können wir für diesen Film machen? Ich will nicht, dass das Festival einfach nur ein Fenster oder eine Reklametafel für einen Film ist. Es muss ein Bedürfnis da sein, im Wettbewerb gezeigt zu werden. Wir sind immer im Austausch mit Apple, Amazon und Netflix, wir haben ein gutes Verhältnis. Von Netflix gibt es einen Titel, der außer Konkurrenz läuft. Amazon hatte keinen Film im Angebot. Mal sehen, wie es im nächsten Jahr aussieht. Entscheidend ist, dass es keine Einbahnstraße ist.

Immer öfter kommt es vor, dass eigentlich für die große Leinwand vorgesehen Filme nach ihrer Festivalteilnahme von Streamern gekauft werden, also doch nicht im Kino ausgewertet werden. Besorgt Sie das?

CARLO CHATRIAN: Da kann ich keine generelle Aussage treffen. Hier müsste man sich die einzelnen Fälle genauer ansehen. Meine Hoffnung ist es aber, dass sich die Lage wieder verändern wird, wenn wir die Pandemie hoffentlich bald hinter uns gelassen haben. Ich habe Verständnis für die Rechteinhaber, die Zeit und Geld in einen Film investiert haben und aktuell immer häufiger feststellen müssen, dass die Angebote der Kinoverleiher ausbleiben. Aber man muss doch auch festhalten: Ein Auftritt auf einer Streamingplattform lässt sich nicht vergleichen mit dem kommunalen Erlebnis, das man im Kino erlebt. Das weiß auch Netflix. Wir sind keine Snobs: Filme kann man in jeder erdenklichen Form ansehen. Aber die große Leinwand bietet ein anderes Erlebnis als der Bildschirm eines iPhones.

Mit der Verpflichtung von M Night Shyamalan als Jurypräsident haben Sie einen Coup gelandet, ein Weltklassefilmemacher mit unverkennbarer Handschrift, der bislang im Zusammenhang mit Festivals eher noch nicht in Erscheinung getreten ist. Wie sind Sie auf ihn gekommen?

CARLO CHATRIAN: Er ist ein Hollywood-Filmemacher, der sich wie selbstverständlich im Studiosystem bewegt, aber was seine Vision anbetrifft, agiert er absolut unabhängig. Er ist ein Solitär, mit niemand sonst zu vergleichen. Ich dachte, es wäre interessant, ihm unsere Auswahl vorzuführen, die, wie ich vermute, doch ganz anders ist als die Filme, mit denen er sich sonst beschäftigt. Als er unsere Anfrage erhielt, war er überrascht. Aber er war auch glücklich. Und er freut sich auf die Aufgabe, die er auch als ganz besondere Herausforderung begreift. Können Sie sich vorstellen, wie er auf einen Film von Ulrich Seidl oder Rithy Panh reagiert - die ersten beiden Namen, die mir gerade einfallen? Ich denke, das wird spannend!

In den vergangenen Jahren war Monika Grütters als BKM eine wichtige Fürsprecherin und Unterstützerin der Berlinale. Wie sieht der Dialog mit der neuen BKM Claudia Roth aus?

MARIETTE RISSENBEEK: Claudia Roth hat die Berlinale schon in der Vergangenheit regelmäßig und häufig besucht; im vergangenen Jahr war sie bei der Eröffnung des Sommer Specials mit dabei. Sie ist eine ausgewiesene Cineastin, die Filmen mit großer Achtung begegnet und viel Lust auf Kino mitbringt. Wir hatten ein erstes Gespräch mit ihr, und es war sofort klar, welch große Bedeutung Filmkultur auch stellvertretend für die gesamte Kulturlandschaft für sie genießt. Die Berlinale liegt ihr sehr am Herzen, und es ist ihr wichtig, dass eine Veranstaltung wie die Berlinale mit ihrer sehr internationalen Ausrichtung und Strahlkraft in Berlin stattfindet. Bei unserem Gespräch ließ sie uns ganz klar wissen, dass wir mit ihrer Unterstützung rechnen können.

CARLO CHATRIAN: Es war ein sehr langes und sehr herzliches Gespräch, das wir kurz vor Weihnachten mit ihr geführt haben. Ich denke, Mariette wird mir zustimmen, wenn ich sage, dass ich keinen Unterschied zwischen ihr und ihrer Vorgängerin festgestellt habe, was ihre Wärme und Energie und Unterstützung hinsichtlich der Berlinale anbetrifft.

Das Gespräch führte Thomas Schultze.