Kino

Fenstervereinbarung in Frankreich unter Dach und Fach

Mit der Unterzeichnung des Abkommens wurde die Neuordnung der französischen Medienchronologie über die Ziellinie gebracht. Die Mindestdauer des Kinofensters bleibt unangetastet, insbesondere die SVoD-Auswertung kann jedoch erheblich früher als bislang erfolgen. Während Kinos das Abkommen feiern und sich auch Netflix positiv äußert, kommt von anderer Seite deutliche Kritik.

25.01.2022 14:08 • von Marc Mensch
Frankreichs Kulturministerin Roselyne Bachelot (Bild: IMAGO/Zuma Wire)

Von "weißem Rauch", der über dem Kulturministerium aufstieg, schrieben französische Medien anlässlich der Unterzeichnung des neuen Abkommens zur Medienchronologie durch die Kulturministerin, Vertreter der französischen Kinos und anderer wichtiger Player des audiovisuellen Sektors. Tatsächlich hatten sich die Verhandlungen über eine Neufassung der am 10. Februar dieses Jahres auslaufenden Regelungen über etliche Monate hingezogen, begleitet von teils stürmischen Debatten - unter anderem hatte es in Branchenkreisen geheißen, Walt Disney würde ernsthaft erwägen, Kinostarts in Frankreich abzusagen, um so nicht den Fensterregelungen zu unterfallen. Dazu später mehr, zunächst einmal zu den grundsätzlichen Neuregelungen:

Die Mindestdauer des Kinofensters bleibt unangetastet: Wie schon nach der bislang geltenden Regelung kann eine Home-Entertainment-Auswertung über Verkauf oder Verleih (physische Medien und VoD) frühestens vier Monate nach Kinostart beginnen. Eine Ausnahme greift dann, wenn ein Film binnen vier Wochen weniger als 100.000 Besucher in den französischen Kinos findet, dann beträgt das Mindestfenster drei Monate. Die Vier-Monats-Frist mag im Vergleich zu den deutschen Fristen nach dem FFG auf den ersten Blick vergleichsweise kurz erscheinen. Zu bedenken gilt es aber nicht nur, dass die ordentliche Sperrfristenverkürzung in Deutschland eher Regel denn Ausnahme ist - und dass sich das französische Kinofenster explizit auf sämtliche Filme erstreckt, nicht nur auf die dort geförderten.

Zur kompletten Vereinbarung (in französischer Sprache)

Entsprechend erfreut zeigte sich der Präsident des französischen Kinoverbandes FNCF in einer ersten Reaktion: "Das Kino bleibt in Frankreich der Ort, an dem ein audiovisuelles Werk zum Film wird", so Richard Patry, der in der Aufrechterhaltung des viermonatigen Fensters eine Bekräftigung der sogenannten "Kulturellen Ausnahme" sieht. Patry begrüßte zudem, dass es nicht nur gelungen sei, die besondere Stellung des Kinos zu wahren, sondern auch neue Player mit ins Boot zu holen, die ihre Werke bislang "nur ungern in die Kinosäle schicken wollten".

Laut Kulturministerin Roselyne Bachelot sei die "Bewahrung des kulturellen und wirtschaftlichen Kapitals", welches das Kino in Frankreich darstelle, das Herzstück dieses Abkommens, mit dem gleichzeitig die Umsetzung der AVMS-Richtlinie vervollständigt wird.

Die französische Branchenvereinbarung gilt beileibe nicht nur für die Unterzeichnenden, allerdings hängt die konkrete Länge der weiteren Sperrfristen davon ab, ob sich die jeweiligen Unternehmen bzw. Plattformen entsprechenden Verpflichtungen unterwerfen.

Pay-TV-Kanäle wie Canal+ oder OCS können eine Verwertung künftig bereits sechs Monate nach Kinostart in Angriff nehmen - Voraussetzung dafür ist jedoch eine weitreichende Vereinbarung mit Vertretern des Kinosektors, die unter anderem konkrete Investitionsverpflichtungen umfasst. Canal+ war an dieser Stelle bereits Anfang Dezember vergangenen Jahres vorangegangen (wir berichteten).

Die mit Abstand größte Veränderung erfahren die Fristen im Bereich der SVoD-Plattformen: Konnten diese Filme mit französischer Kinoauswertung bislang erst ganze drei Jahre (36 Monate) nach Leinwandstart auswerten, schrumpft die Frist mit Unterzeichnung einer Vereinbarung auf weniger als die Hälfte, genauer gesagt 15 Monate. Auch ohne Vereinbarung beträgt die Frist im Zuge der Umsetzung der AVMS-Richtlinie (die in Frankreich bereits mit Investitionsverpflichtungen einher geht) nur noch 17 Monate. Tatsächlich sollen SVoD-Plattformen das Fenster mit entsprechend weitreichenden Verpflichtungen sogar auf die für PayTV möglichen sechs Monate drücken können - allerdings erwägt dies Brancheninformationen zufolge aktuell noch kein Streamer.

"Diese Vereinbarung ist ein bedeutender erster Schritt bei der Modernisierung der Medienchronologie. Sie spiegelt sowohl unseren konstruktiven Beitrag zum gesamten Verhandlungsprozess, wie auch unser Engagement wider, einen Beitrag zur französischen Kinowirtschaft zu leisten", ließ Netflix in einem Statement wissen. Der Streamer hatte sich in den Verhandlungen für eine Höchstdauer des Fensters von zwölf Monaten eingesetzt und hofft auf eine Anpassung im Rahmen der Evaluierung.

Im Rahmen der Vereinbarung wird das Unternehmen mit Hauptsitz in Redmond jährlich rund 40 Mio. Euro in etwa zehn unabhängige Produktionen investieren, deren Auswertungsrechte bei den Produzenten verbleiben. Eine Diversitätsklausel trägt dafür Sorge, dass die Investitionen auch kleinen Filmen mit Budgets unterhalb von vier Mio. Euro zugutekommen. Tatsächlich ist Netflix bislang die einzige Streaming-Plattform, die das Abkommen unterzeichnet hat - und man geht nicht davon aus, dass die Neuregelung dazu führt, dass Netflix außerhalb Frankreichs produzierte Filme dort ins Kino bringt.

Allumfassend ist die Begeisterung allerdings natürlich keineswegs - und dafür ist offenbar nicht zuletzt die Tatsache verantwortlich, dass das Free-TV Zugriff auf ein "Exklusivfenster" erhalten kann, während dessen Filme von den SVoD-Plattformen entfernt werden müssen.

Vor allem mit Blick auf diese Regelung hatte es während der Verhandlungen in Branchenkreisen geheißen, Walt Disney würde ernsthaft erwägen, Kinostarts in Frankreich abzusagen, um so nicht den Fensterregelungen zu unterfallen. Grundsätzlich passt schon das eigentliche Kinofenster nicht zur momentanen Auswertungsstrategie der großen Studios, die (mit Ausnahme von Sony) auf sehr viel kürzere Fristen vor einer Zweitverwertung auf hauseigenen Plattformen setzen. Gerade erst hatte Warner für den Start von HBO Max in den nächsten 15 europäischen Territorien bekräftigt, Filme 45 Tage nach Kinostart auf die Plattform zu holen. Bislang hatte der französische Sonderweg Studios nicht davon abgehalten, Filme zu starten, Disney etwa schickte 2021 ansonsten zeitgleich auf Disney+ gestartete Filme wie Cruella oder Black Widow mit einem Kinofenster auf französische Leinwände - und fuhr im Gegenzug starke Ergebnisse ein.

Die Neuregelung jedenfalls kommentierte Disney kritisch: "Wir sind überzeugt, dass die neue Medienchronologie keinen fairen und verhältnismäßigen Rahmen für die Beziehungen zwischen den Akteuren im audiovisuellen Sektor schafft." Dies sei umso frustrierender, als man die Investitionen in französische "Originals" zuletzt deutlich erhöht habe.

Auch die französische Verwertungsgesellschaft SACD äußerte sich überaus skeptisch. Zwar begrüßte sie die Vermittlungsbemühungen des CNC, zudem erkannte man an, dass das Abkommen "notwendige Fortschritte" enthalte - allerdings könne sich laut SACD "niemand vorstellen, dass die Bedingungen der Vereinbarung für einen Zeitraum von drei Jahren in Kraft bleiben" könnten. Die schnellen Veränderungen, denen die Branche unterworfen sei, machten einen Abschluss über einen so langen Zeitraum "unvernünftig", dementsprechend verweigerte man die Unterzeichnung. Anzumerken ist an dieser Stelle allerdings erneut, dass eine Evaluierung nach 12 Monaten Teil der Neuregelung ist.

Noch zu den frei empfangbaren Sendern: Hier verkürzt sich die Sperrfrist von 30 auf 22 Monate, wenn ein Sender gemäß der Vereinbarung mindestens 3,2 Prozent seines Umsatzes in die Kinoproduktion investiert (inklusive des Erwerbs von Ausstrahlungsrechten). Soweit ein Film nicht von einem Pay-TV-Sender oder einer der "Smad" getauften Investitionsverpflichtung unterworfenen Plattformen erworben wird, verkürzt sich das Fenster auf 19 Monate.

Ein kostenloser VoD-Dienst wiederum kann Kinofilme künftig 36 Monate nach deren Start verwerten - eine Ausnahme gilt für Dramen und Dokumentationen mit Budgets unterhalb von 1,5 Mio. Euro, soweit sie nicht von einem Sender oder SVoD-Dienst erworben wurden.