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Oliver Berben: "Auf dem obersten Level"

Ein Highlight jagt das andere. Auf "Eldorado KaDeWe" und "Der Palast" folgt am heutigen 24. Januar "Die Wannseekonferenz" (ZDF, 20.15 Uhr). Oliver Berben sprach mit Blickpunkt:Film über die Motivation hinter der Neuverfilmung von Matti Geschonneck und Magnus Vattrodt, bewertet die starke Constantin-Präsenz und wirft dabei auch einen Blick auf das abgelaufene Jahr.

24.01.2022 09:57 • von Frank Heine
Oliver Berben, stellvertretender Vorstandsvorsitzender, Vorstand TV, Entertainment und digitale Medien bei Constantin Film (Bild: Mathias Bothor)

Ein Highlight jagt das andere. Auf "Eldorado KaDeWe" und "Der Palast" folgt am heutigen 24. Januar "Die Wannseekonferenz" (ZDF, 20.15 Uhr). Oliver Berben sprach mit Blickpunkt:Film über die Motivation hinter der Neuverfilmung von Matti Geschonneck und Magnus Vattrodt, bewertet die starke Constantin-Präsenz und wirft dabei auch einen Blick auf das abgelaufene Jahr.

War 2021 mit Produktionen wie "Feinde", Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", den Erfolgen für Jackpot", mit "Glauben" und "Eldorado KaDeWe" ein besonderes oder ein normales Jahr für den TV-Bereich der Constantin?

OLIVER BERBEN: Ein normales Jahr (lacht). 2021 hat in vollem Maße gezeigt, welche Bandbreite die Constantin-Gruppe mit all ihren Töchtern im Streaming- und TV-Bereich zeigen kann. Aber als Ausnahmejahr betrachte ich das auf keinen Fall. Das ist die Größenordnung, in der wir uns sehen, wenn wir über Serien- und Filmproduktionen für das Publikum im Streaming- und TV-Bereich sprechen. Wir haben TV, Streaming und digitale Medien als gemeinsamen Bereich innerhalb des Constantin-Vorstands 2017 ins Leben gerufen. In den zurückliegenden fünf Jahren haben wir eine kontinuierliche Steigerung erlebt, sowohl in der Produktion als auch der Auswertung. Insofern spiegelt 2021 den konsequenten Ausbau dieses Bereichs wider. Es geht uns aber nicht darum, um jeden Preis die Menge zu erhöhen, sondern darum, die Qualität des Portfolios zu stärken und zu festigen und in allen Genres tätig zu sein.

Was war besonders am 2021er-Jahrgang?

OLIVER BERBEN: Wir haben 2021, wie schon in der Vergangenheit, versucht, neue Wege zu gehen. Insbesondere mit "Ferdinand von Schirach: Feinde", für das wir, dank der wunderbaren Zusammenarbeit mit Christine Strobl und Christoph Pellander, die gesamte ARD ins Boot holen konnten. Es gab hierfür kein Vorbild, wir wussten alle nicht, wie die Leute das annehmen, doch es hat mit 15 Mio. Zuschauer*innen großartig funktioniert. Das spornt mich an, immer wieder neue Kombinationen zu finden, neue Konstellationen, wie man kreativ und produktionstechnisch mit unterschiedlichen Auswertungsformen zusammenarbeiten kann. Und natürlich haben wir mit "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" und "LOL: Last One Laughing" die bislang erfolgreichsten seriellen Formate von Amazon Prime Video gemacht. Auch das ist ein besonderes Kapitel in 2021. "Eldorado KaDeWe" war dann der große Abschluss eines sehr starken Jahres.

Dass 2021 kein Ausnahmejahr sein wird, deuten Sie im neuen Jahr auch schon mit "Der Palast" und "Die Wannseekonferenz" an. Ist solch eine starke TV- und Streaming-Performance in Zeiten, da sich das Kino nicht wie gewünscht entfalten kann, besonders wichtig?

OLIVER BERBEN: Wir bemühen uns immer, alle Konzernbereiche auf dem obersten Level zu fahren. Die Pandemie hat nicht zur Folge, dass wir unseren Fokus verändern. Allein schon durch die langen Vorlaufzeiten von Produktionen, wäre es Unsinn quasi als Ersatzgeschäft mehr Produktionen für TV und Streaming zu machen, weil die Auswertungsmöglichkeiten im Kino gerade limitiert sind. Das entspricht auch nicht unserem Geschäftsmodell mit mehreren tragenden Säulen. Wir schauen uns sehr genau an, in welchen Bereichen wir unser Wissen noch steigern können, in welchen es darum geht, unser Produktionsvolumen noch auszubauen und in welchen es darum geht, Dinge zu optimieren, letztlich auch lukrativer zu machen. Im TV- und Streaming-Bereich besteht nach wie vor die Möglichkeit stark zu wachsen, auch weil die Zahl der Auswerter, denen wir Programm anbieten können, ständig steigt. Da ist sehr viel in Bewegung, gerade auch mit unseren Partnern ARD und ZDF, durch deren zusätzlichen Fokus auf die Mediatheken. Genauso wichtig ist für uns das wirklich großartige Engagement der RTL-Gruppe um Stephan Schäfer, Matthias Dang und Henning Tewes, die als starke Player in Deutschland den lokalen Streaming-Markt aufwirbeln. Im Kino produzieren wir seit Jahrzehnten auf einem sehr hohen Level, in den letzten Jahren auf einem Level so hoch wie nie zuvor.

Die Frage zielte eher darauf, Präsenz zu zeigen. Das ist im Kino derzeit schwierig, im Fernsehen und im Streaming gelingt es dafür umso mehr.

OLIVER BERBEN: Da muss ich Sie korrigieren. Mit Kaiserschmarrndrama", Contra" und After Truth" haben wir inmitten der Pandemie und trotz stärkster Einschränkungen beachtliche Erfolge hinbekommen. Unsere Präsenz war stärker als die der meisten Mitbewerber. Aber es stimmt natürlich, dass wir nicht aus den Rohren schießen können, wie wir es sonst getan haben.

"Eldorado KaDeWe" haben wir schon angesprochen. Die Frage ist fast beschämend, aber warum hat die beste Serie des Jahres linear kein größeres Publikum erreicht? Oder ist das durch die große Resonanz in der Mediathek hinfällig?

OLIVER BERBEN: Auf diese wunderbare Produktion bin ich sehr stolz und außerdem sehr dankbar über die Möglichkeit seitens der Degeto mit Thomas Schreiber hier wieder neue Wege gehen zu können, bei denen das Grundsetup anders gewesen ist. Wenn wir schon die Verbindung von zwei Häusern wie UFA und Constantin eingehen, dann durfte das keine x-beliebige Produktion werden. Es ging darum, ein sehr besonderes Programm herzustellen und in eine Richtung zu gehen, wie sie bisher in diesem Land noch nicht eingeschlagen wurde. Die Serie erreicht ein Publikum, das die ARD unter normalen Umständen nicht anspricht. Und am besten funktioniert das über die Mediathek, auf der auch der Hauptfokus dieses Projekts liegt. Durch die gewählte Form der Auswertung, also die lineare Ausstrahlung der kompletten Serie an einem Abend, wollten wir den Zuschauer*innen vermitteln, dass es sich hier um ein etwas anderes Programm handelt und sie in einem zweiten Schritt bewusst in die Mediathek führen. Das ist phantastisch gelungen. Wir liegen in der Mediathek mittlerweile bei fast 5,5 Mio. Abrufen. Linear war es erstaunlich, wie viele Menschen bis ein Uhr nachts drangeblieben sind. Das war so nicht zu erwarten.

Eine Nachfrage zur Zusammenarbeit mit der UFA. Julia von Heinz sagte im Interview mit Blickpunkt:Film, für sie habe sich "KaDeWe" wie eine Constantin-Produktion angefühlt. Wie würden Sie das Miteinander beschreiben?

OLIVER BERBEN: Die Constantin Television hat die physische Produktion zusätzlich zur kreativen Entwicklung auch durchgeführt. Aber die Zusammenarbeit mit der UFA, speziell mit Benjamin Benedict und auch mit Nico Hofmann war absolut großartig. Beide Firmen hatten ja gewisse Erfahrungen mit Konkurrenzprojekten, und ich bin ein großer Freund davon, etwas Neues und Andersartiges zu versuchen. Für Nico und Benjamin war das keine Frage, sie haben nicht gezögert, dieses Programm gemeinsam mit uns einmal ganz anders anzugehen. Natürlich sind beide Unternehmen unterschiedlich, aber bei "Eldorado KaDeWe" hatten wir das gleiche Ziel: eine einzigartige Produktion auf die Beine zu stellen und unsere Kräfte zu bündeln - das hat funktioniert. Es ist übrigens nicht die erste Zusammenarbeit zwischen beiden Unternehmen.

Warum hat "Der Palast" linear wie non-linear so gut funktioniert?

OLIVER BERBEN: Das ZDF hat hier wirklich alles gegeben. "Der Palast" hat ein Momentum erwischt und einen Nerv getroffen. Ein "perfect storm" im positiven Sinne. Aus vielen verschiedenen Richtungen spielen Dinge zusammen, die dazu führen, dass etwas nicht nur ein großer, sondern ein übergeordneter Erfolg wird. Was Kathrin Bullemer, Rüdiger Böss und Uli Edel mit der Autorin Rodica Doehnert entwickelt haben, ist einfach ganz wunderbar geworden. Wir befinden uns in einer Zeit, in der wir erschöpft sind, auch ängstlich, in der die Sehnsucht aus den durch die Pandemie gegebenen Geißeln auszubrechen, groß ist. "Der Palast" hat da hervorragend gepasst, weil er die Menschen entführt hat, ihnen die Möglichkeit gegeben hat zu entfliehen und mal über andere Dinge nachzudenken, ohne dass sie 1:1 in ein historisches Korsett gesetzt werden. Wir wollten auf keinen Fall eine typische Ost-West-Geschichte machen - ich habe zu Beginn Uli Edel gesagt: lass uns einen Film übers Tanzen, über Varieté und Show machen und lass uns die beiden Teile Deutschlands im Positiven bedienen. Historische Genauigkeit war nicht unser Ziel, wir wollten eine Welt erschaffen, in der sich die Menschen im guten Sinne verlieren können. Ich glaube, dass außerdem dieses Kreieren einer eigenen Welt, wie wir es bereits bei "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" gemacht haben, auch zu dem großen Erfolg geführt hat. Und es hört ja gar nicht auf, die Leute gucken in der Mediathek immer weiter.

Wir wissen von Julia von Heinz wie auch von Uli Edel, dass sie große Lust hätten, ihre Geschichten weiter zu erzählen. Wie stehen die Zeichen für eine Fortsetzung?

OLIVER BERBEN: Darüber reden wir, wenn es soweit ist.

Blicken wir noch auf "Die Wannseekonferenz". Ein nicht minder faszinierendes Programm, aber auf ganz andere Weise. Filme gegen das Vergessen zu machen, ist das die große Motivation, die hinter dieser Produktion steckt?

OLIVER BERBEN: Als Friederich Oetker mit der Idee einer Neuverfilmung - es gibt ja den Film von Heinz Schirk aus dem Jahr 1984 und eine englische Verfilmung von Frank Pierson aus dem Jahr 2001 - auf mich zukam, hat mich folgende Frage am meisten interessiert: Wie kann man es schaffen, Historie so zu erzählen, dass es für die eigene und nächste Generation erlebbar wird und damit im Gedächtnis bleibt. Insofern haben Sie recht, es hat mit dem Nicht-Vergessen zu tun. Meine Triebfeder zu Beginn war, für neue Generationen etwas zu schaffen, das sie für sich entdecken können, mit ihrer Form der Erzählung und mit ihrer Generation von Schauspieler*innen. So sind wir mit dem Projekt auf Matti Geschonneck, Magnus Vattrodt und Reinhold Elschot zugegangen. In dieser Kombination hatte ich zuletzt bei Das Zeugenhaus" mit ihnen zusammengearbeitet. Das ZDF mit Frank Zervos und Stefanie von Heydwolff haben von Anfang an sehr an das Projekt geglaubt und unter der Führung von Norbert Himmler hat der Sender ein ganzes Paket um den Film zusammengestellt. Im Anschluss an den Film läuft eine Dokumentation, in der Mediathek zusätzliche Filme, Beiträge auf Youtube, eine eigene Online-Anwendung, mit der man die Ausstellung im Haus am Wannsee virtuell besuchen kann. Wir wollen, vor allem weil es immer weniger Zeitzeugen gibt, schaffen, Geschichte weiterzuerzählen und den Leuten die Gelegenheit geben, sich auch in Zukunft Gedanken darüber zu machen, wie schnell aus Worten Taten werden können. Das steht für mich in der Überschrift des Ganzen. Wenn wir mit historischem Blick auf die Shoa schauen und begreifen, was aus dieser Konferenz hervorgegangen ist, müssen wir unbedingt erkennen, wie gefährlich Worte werden können. Wir haben den Film vorab auch schon in den USA gezeigt, nachdem wir zuvor mehrere Screenings in Deutschland hatten. Die Reaktionen könnten unterschiedlicher nicht sein. In Deutschland schauen wir aus unserer Historie heraus auf diesen Film. In Amerika wurde die Diskussion über den Film vor allem auch mit Blick auf die momentane politische Situation geführt. Man sieht, wie aus Formulierungen eine Vergleichbarkeit zur Agitation der Leute entsteht. Wenn man sich anhört, mit welchem Duktus einzelne Personen der AFD heutzutage sprechen, erkennt man ähnliche didaktische Formulierungen. Ich hoffe und glaube, dass es etwas bewirkt, jüngeren Leuten diese Thematik nahezubringen. Es geht darum, sich mit der Materie auseinanderzusetzen und daraus zu lernen. Um nichts anderes. Das wäre das Beste, was diese Produktion erreichen kann.

Wie steht es um das internationale Interesse?

OLIVER BERBEN: Der Film ist bereits vor dem Start in Deutschland in zwölf Territorien verkauft, Territorien, nicht Länder. Das sind über 20 Länder. Und in einigen Ländern wird er im Kino gezeigt, darunter USA, Israel, auch Japan, Niederlande und Schweden. Dass ein Film, in dem quasi 105 Minuten nur an einem Tisch gesprochen wird, auf Deutsch, so eine Akzeptanz im Ausland findet, ist absolut bemerkenswert und Global Screen macht hier wirklich einen großartigen Job. In New York sind wir bereits eingeladen, den Film in der größten Synagoge der Stadt zu zeigen. In Deutschland steht der Film für Schulkino zur Verfügung.

Das Interview führte Frank Heine