Festival

KOMMENTAR: Die richtige Entscheidung

Vor zwei Jahren hatte die Berlinale noch Glück,als letzte Filmgroßveranstaltung abgehalten werden zu können, bevor Corona seine grausame Weltherrschaft begann und den Kulturbetrieb in Deutschland lahmlegte. Vor einem Jahr konnte das deutsche A-Filmfestival ein trauriges Lied davon singen.

20.01.2022 07:23 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Vor zwei Jahren hatte die Berlinale noch Glück,als letzte Filmgroßveranstaltung abgehalten werden zu können, bevor Corona seine grausame Weltherrschaft begann und den Kulturbetrieb in Deutschland lahmlegte. Vor einem Jahr konnte das deutsche A-Filmfestival ein trauriges Lied davon singen:

Während die beiden größten Festivals in Europa die Pandemie haarscharf umschiffen konnten, Venedig unmittelbar vor dem zweiten Lockdown, Cannes als erster großer Kulturevent danach (und auch nur, weil man vom angestammten Temin im Mai auf Juli ausgewichen war), wurde die Berlinale mittendrin mit voller Wucht getroffen. Die originelle Entscheidung, das Festival zweizuteilen, eine digitale Ausgabe inklusive Bärenvergabe flankierend zum European Film Market im März, eine Sommeredition für das Publikum, war der extremen Ausnahmesituation geschuldet, aber auch der damals noch festen Überzeugung, bis zur 72. Edition im Jahr 2022 sei die Welt wieder weitestgehend zur Normalität zurückgekehrt. Bis November stand einem Festival unter grundsätzlich gewohnten Umständen (aber natürlich mit Sicherheits- und Hygienekonzept) auch nichts im Wege. Wer hätte bis dahin ahnen können, dass eine Omikron-Variante die Lage blitzartig noch einmal dramatisch verschärfen würde können.

Umso mehr ist der Hut zu ziehen vor der Festivalleitung aber auch den zuständigen Behörden vor Ort, die kommende Berlinale weder abzusagen, noch zu verschieben - und sich schon gar nicht noch einmal auf das kuriose Experiment der Zweiteilung einzulassen. Nachdem 2020 noch viel davon geredet wurde, die Zukunft der Filmfestivals könne vielleicht tatsächlich digital sein, tut es gut, dass Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian klipp und klar sagen, dass ein Filmfestival ohne Zeit und Raum, ohne gemeinsames Erleben im Kinosaal, ohne die Möglichkeit von Austausch, kein Filmfestival ist. Und die Berlinale deshalb unausweichlich, wenngleich verkürzt und mit völlig neuem, sehr strengem Konzept als Präsenzveranstaltung stattfinden muss.

Die Aussicht darauf, in die Omikronwand in die Hauptstadt zu reisen, um das auf den ersten Blick doch nach sehr strengem, nicht unbedingt publikumsträchtigen Arthouse klingenden Programm vor Ort zu erleben, lässt mich zwar keine Purzelbäume vor Begeisterung schlagen, aber ich begrüße die Entscheidung der Berlinale. Sie ist vorwärtsgewandt und richtig, ein wichtiges Zeichen, dass zurückkehren wollen ins Leben, im Zweifelsfall auch mit Corona als ständigem Begleiter. Welch wichtige Impulse für die Branche von Festivals ausgehen, zeigt nicht zuletzt, dass Highlights aus Cannes und Venedig die zu schlagenden Oscarfavoriten sind. Vielleicht kann die Berlinale auch schon bald den Abstand zu den übermächtigen Monolithen aus Frankreich und Italien verringern.

Thomas Schultze, Chefredakteur