Festival

Alain Guiraudie eröffnet Berlinale-Panorama

Der eigentlich in Cannes beheimatete französische Filmemacher Alain Guiraudie eröffnet mit "Viens je t'emmène" das diesjährige Panorama der Berlinale. Aus Deutschland mit dabei sind bei den neuen Filmtiteln Werke von Cem Kaya, Lutz Pehnert und Isabelle Stever.

18.01.2022 15:43 • von Michael Müller
"Viens je t'emmene" von Alain Guiraudie (Bild: CG Cinema)

15 weitere Filme gehören zum diesjährigen Aufgebot der Berlinale-Sektion Panorama, nachem bereits im Dezember erste Kandidaten bekannt gegegeben wurden. Der französische Auteur Alain Guiraudie macht den Anfang mit dem Eröffnungsfilm "Viens je t'emmène" ("Nobody's Hero"), eine Politsatire auf die französische Mittelklasse, die nach einem Terroranschlag auf den Straßen von Clermont-Ferrand unterwegs ist.

Die deutsche Regisseurin Isabelle Stever filme mit ihrem neuen Werk "Grand Jeté" Blickachsen, die kompromisslos das herkömmliche Familiendrama und seine verkrusteten Konventionen in tausend Einzelteile zerschlugen. "Grand Jeté" lasse das Publikum Zeug*innen eines aufblühenden Begehrens zwischen einer Mutter und ihrem entfremdeten Sohn werden, heißt es in der Mitteilung des Festivals.

Die neuen Panorama-Filme im Überblick:

"Ask, Mark ve Ölüm" (Liebe, D-Mark und Tod)

Deutschland, von Cem Kaya, Weltpremiere / Panorama Dokumente

Cem Kayas dichter Dokumentarfilmessay feiert 60 Jahre türkische Musik in Deutschland. Eine alternative Nachkriegsgeschichte und zugleich ein musikalisches Who-Is-Who, von Yüksel Özkasap über Derdiyoklar bis Muhabbet.

"Baqyt" (Happiness)

Kasachstan, von Askar Uzabayev, mit Laura Myrzakhmetova, Yerbolat Alkozha, Weltpremiere

Für ihren Job als Influencerin trägt sie Orange und strahlt. Die Produktlinie "Happiness" ist ihr Programm. Doch zu Hause ist es finster. Dort herrscht seit Jahren rohe Gewalt. Was es kostet, der Falle Misogynie zu entkommen, zeigt dieser Film.

"Berdreymi" (Beautiful Beings)

Island / Dänemark / Schweden / Niederlande / Tschechische Republik, von Guomundur Arnar Guomundsson, mit Birgir Dagur Bjarkason, Áskell Einar Pálmason, Viktor Benóný Benediktsson, Snorri Rafn Frímannsson, Weltpremiere

Der 14-jährige Balli ist Außenseiter. Doch dann lernt er drei gleichaltrige Jungen kennen. Das Coming-of-Age-Drama findet poetische Bilder für eine vorsichtig beginnende Freundschaft, die an gendernormierten Verhaltensregeln und Gewalt zu scheitern droht.

"Bettina"

Deutschland, von Lutz Pehnert, Weltpremiere / Panorama Dokumente

Eine Berliner Biografie zwischen Ost und West. Liedermacherin Bettina Wegner, Jahrgang 1947, singt über das Leben in der DDR und die Entwurzelung in Westberlin und blickt in diesem Film humorvoll und aufrecht auf ein widerständiges Leben zurück.

"Cinco lobitos" (Lullaby)

Spanien, von Alauda Ruiz de Azúa, mit Laia Costa, Susi Sánchez, Ramón Barea, Mikel Bustamante, Weltpremiere / Debütfilm

Amaia und Javi sind frischgebackene Eltern. Als er wochenlang zum Arbeiten verschwindet, sucht sie Unterstützung bei ihren Eltern. Doch Amaias Mutter wird unerwartet krank. Sensibel erzählt der Film von der generationsübergreifenden Fürsorgerolle von Frauen.

"Concerned Citizen"

Israel, von Idan Haguel, mit Ariel Wolf, Shlomi Bertonov, Weltpremiere

Ben und Raz verfolgen akribisch ihren Kinderwunsch und der migrantisch geprägte Stadtteil, in dem das schwule Paar seine neue Wohnung eingerichtet hat, ist im Aufwind. Doch ein Konflikt um einen neu gepflanzten Stadtbaum fördert tiefliegende Vorurteile zutage.

"Una femmina" (Una Femmina - The Code of Silence)

Italien, von Francesco Costabile, mit Lina Siciliano, Fabrizio Ferracane, Anna Maria De Luca, Simona Malato, Luca Massaro, Weltpremiere

In Rosas Heimat, der widerspenstigen Landschaft Kalabriens, liegen Härte und Schönheit nah beieinander. Als sie die mafiöse Verstrickung ihrer Familie durchschaut, muss Rosa entscheiden, was sie riskieren will, um aus der 'Ndrangheta auszubrechen.

"Fogaréu"

Brasilien / Frankreich

von Flávia Neves, mit Bárbara Colen, Eucir de Souza, Nena Inoue, Fernanda Vianna, Vilminha Chaves, Timothy Wilson, Typyire Ãwa, Weltpremiere / Debütfilm

Nach Jahren kehrt Fernanda auf die Ranch ihres Onkels in Goiás, im mittleren Westen Brasiliens zurück. Ihr Erscheinen und ihre unbequemen Fragen legen ableistische und koloniale Strukturen offen und bringen die Fassade der bürgerlichen Familie ins Wanken.

"Grand Jeté"

Deutschland

von Isabelle Stever, mit Sarah Nevada Grether, Emil von Schönfels, Susanne Bredehöft, Weltpremiere

Nadja ist Tanzlehrerin und Mutter. Ihren Sohn Mario hat sie früh bei seiner Oma abgegeben. Jetzt steht sie wieder vor seiner Tür. Sie sucht eine Nähe zu ihm, die immer weniger Grenzen kennt. Ein kompromissloser Film über Familienbeziehungen.

"Heroji radnicke klase" (Working Class Heroes)

Serbien, von Milos Pusic, mit Jasna Djuricic, Boris Isakovic, Predrag Momcilovic, Stefan Beronja, Aleksandar Djurica, Bojana Milanovic, Weltpremiere

Lidija arbeitet für eine dubiose Immobilienfirma. Nach außen kontrolliert sie das Image der Baustelle und verwischt die dreckigen Spuren des serbischen Turbokapitalismus. Als die Arbeiter rebellieren, wird ihre Mittäterschaft auf die Probe gestellt.

"Kdyby radsi horelo" (Somewhere Over the Chemtrails)

Tschechische Republik, von Adam Koloman Rybansky, mit Miroslav Krobot, Michal Isteník, Anna Polivkova, Weltpremiere / Debütfilm

Als bei einer Feier ein Dorfbewohner verletzt wird, weiß Feuerwehrmann Brona sofort, dass es sich um ein Attentat handelt, verübt von einem "Araber". Doch Kollege Standa sieht das anders. Ein lakonisches Debüt über die Ursachen von Rassismus und Ausgrenzung.

"No Simple Way Home"

Kenia / Südsudan / Südafrika, von Akuol de Mabior, Weltpremiere / Debütfilm / Panorama Dokumente

Akuol de Mabior ist die Tochter eines Märtyrers der Revolution im Südsudan. Während ihre Mutter als Vizepräsidentin vereidigt wird, versucht die junge Frau herauszufinden, ob das bürgerkriegsgeschüttelte Land jemals ihr Zuhause werden kann.

"No U-Turn"

Nigeria / Südafrika / Frankreich / Deutschland, von Ike Nnaebue, Weltpremiere / Panorama Dokumente

Als junger Mann versuchte Ike Nnaebue nach Europa zu fliehen. 20 Jahre später besucht er die Stationen seiner damaligen Reise erneut, um zu erfahren, was junge Menschen heute bewegt, sich den Gefahren einer Reise in eine ungewisse Zukunft auszusetzen.

"El norte sobre el vacío" (Northern Skies Over Empty Space)

Mexiko, von Alejandra Márquez Abella, mit Gerardo Trejoluna, Paloma Petra, Dolores Heredia, Juan Daniel García Treviño, Mayra Hermosillo, Weltpremiere

Mit großartigem Gespür für den Einsatz von Vorzeichen, die Wandel ankündigen, zeigt Alejandra Márquez Abella einen Epochenwechsel im ländlichen Mexiko - aus der Perspektive derer, denen sonst die Rollen der passiven Nebendarsteller*innen vorbehalten sind.

"Produkty 24" (Convenience Store)

Russische Föderation / Slowenien / Türkei

von Michael Borodin, mit Zukhara Sanzysbay, Lyudmila Vasilyeva, Tolibzhon Suleimanov, Nargiz Abdullaeva, Weltpremiere / Debütfilm

Ein Supermarkt in einem Moskauer Vorort. Herz der Finsternis. Die usbekischen "Angestellten" arbeiten rund um die Uhr, werden bedroht, misshandelt, eingesperrt. Mukhabbat flieht und enthüllt den Teufelskreis moderner Sklaverei. Ein wahrer Fall als surrealer Trip.

"Viens je t'emmène" (Nobody's Hero)

Frankreich, von Alain Guiraudie, mit Jean-Charles Clichet, Noémie Lvovsky, Iliès Kadri, Renaud Rutten, Doria Tillier, Weltpremiere

Nach einem Terroranschlag im französischen Clermont-Ferrand treibt ein ungewöhnlicher Figurenreigen um einen sympathischen Mittdreißiger, eine ältere, verheiratete Sexarbeiterin und einen jungen, arabischstämmigen Obdachlosen die Ereignisse voran.