Produktion

Lars Montag zu "Träume sind wie wilde Tiger": "Die Produktion stand unter einem guten Stern"

Regisseur und Drehbuchautor Lars Montag inszenierte mit "Träume sind wie wilde Tiger" einen wirklich "besonderen Kinderfilm". Über die spannenden Dreharbeiten in Deutschland und Indien und die Glückssträhne beim Film sprach er mit uns. Die Komödie, die in Lünen ausgezeichnet wurde, startet am 3. Februar in den Kinos.

19.01.2022 07:13 • von Heike Angermaier
Lars Montag, Regisseur, Koautor und Koproduzent von "Träume sind wie wilde Tiger" (Bild: Wild Bunch)

Regisseur und Drehbuchautor Lars Montag inszenierte mit Träume sind wie wilde Tiger" einen wirklich "besonderen Kinderfilm". Über die spannenden Dreharbeiten in Deutschland und Indien und die Glückssträhne beim Film sprach er mit uns. Die Komödie im Bollywood-Stil, die in Lünen ausgezeichnet wurde, startet am 3. Februar in den Kinos.

Wie sind Sie zum Projekt gekommen?

LARS MONTAG: Während der Berlinale 2019 sprachen mich Autorin Ellen Schmidt und Produzent Clemens Schaeffer an. Ich beschäftigte mich ein Jahr lang intensiv mit der Entwicklung und bereits ein weiteres Jahr später drehten wir.

Was hat Sie am Stoff gereizt?

LARS MONTAG: Ich finde es wichtig, Genres zu wechseln und nach ein paar "Tatorten" zum Beispiel eine Komödie, dann einen Near-Future-Film zu drehen. Bei "Träume sind wie wilde Tiger" war die besondere Herausforderung, einen Film mit viel Gesang und Tanz zu realisieren. Darauf hatte ich sehr große Lust. Wir haben den Film minutiös vorbereitet. Die Songs von Peter Plate und Ulf Leo Sommer, die für Bibi & Tina" komponierten, sind mehr als sechs Monate vor dem Dreh entstanden, die Choreografien folgten und auch der Gesang unseres jungen Hauptdarstellers Shan Robitzky wurde vorab aufgenommen, als er noch nicht im Stimmbruch war. Parallel haben Kamerafrau Sonja Rom und ich uns die gesamte visuelle Umsetzung überlegt.

Wie war es, mit zwei Kindern in Hauptrollen zu drehen?

LARS MONTAG: Um mit den kurzen Drehzeiten für sie besser zurecht zu kommen, haben wir die Wohnungen der Familien ihrer Filmfiguren Ranji und Toni in einer alten Fabrikhalle nebeneinander aufgebaut. So konnten wir immer vormittags mit Ranji samt Filmfamilie in der einen Wohnung drehen und nachmittags mit Toni, gespielt von Annlis Krischke, und ihren Eltern in der anderen, die wir bereits vorbereitet und parallel eingeleuchtet hatten.

Was war die größte Herausforderung für Sie? Die Tanzszenen, mit Kindern oder in Indien zu drehen?

LARS MONTAG: Es war ein spannendes Bermudadreieck zwischen Kinderzeiten, Singen und Tanzen und dem großem Aufwand eines internationalen Drehs, in dem wir steckten. Aber, wo kann man besser Sing- und Tanzszenen drehen als in Indien? Dort gibt es eine unfassbar professionelle Infrastruktur. In Indien war außerdem der Kontrast zwischen den verschiedenen Dreharten sehr spannend. Wir waren zum einen guerilla-mäßig mit kleinsten Kamers, Drei-Personen-Team und den zwei Kinderdarstellern in belebten Straßen ohne Drehgenehmigung unterwegs, realisierten zum anderen aber dort auch riesige Szenen mit 400 Leuten Crew.

Meine Lieblingsszene im Film ist die, in der Ranji nachts in der Schul-Aula vor der Rückprojektion tanzt. Das war auch die aufwändigste Szene, für die wir erst die Tricks, die Ranji und Toni für sein Bewerbungsvideo herstellen, für die Rückprojektion wie in einem Ministudio realisiert haben, um dann Ranjis Live-Choreografie auf sie anzupassen.

Die Tricks, wie auch die bemalten Finger als Figuren für das Bewerbungsvideo sind toll.

LARS MONTAG: Ich fühlte mich in meine Kindheit zurückversetzt. Ich begann im Alter von acht Jahren mit einer Super-8-Kamera zu drehen und probierte diese handgemachten Tricks aus den B-Movies selbst im Hobbykeller aus. Zum Beispiel ließ ich in ein Glasgefäß, auf das ich ein ausgeschnittenes Foto meiner Schule geklebt hatte, Fabre tropfen. Im Film sah man dann die Schule mit einem Atompilz darüber.

Sie realisieren vor allem Fernsehprojekte. Wie sind Sie an diesen Kinofilm herangegangen?

Bei meinem ersten Kinofilm Einsamkeit und Sex und Mitleid" stand ich vor der Herausforderung, dass er ausschließlich in Innenräumen, in Wohnungen, spielt, ich aber Bilder zeigen wollte, die nicht nur einen Bildschirm sondern auch die Kinoleinwand ausfüllen können. Auch bei "Träume sind wie wilde Tiger" sind die Innenräume sehr speziell gestaltet, so dass man den Blick schweifen lassen kann. Ich hatte davon auch viel während des Drehs zu "How to Sell Drugs Online (Fast)" ausprobiert und gelernt. Die Serie spricht eine junge Zielgruppe an, die sich erstaunlich stark für Look und Style einer Serie begeistern kann.

Jetzt wollte ich einen cineastischen Film für Kinder machen. Beiden jungen Hauptdarsteller standen vorher noch nie vor einer Filmkamera und haben es toll gemeistert. Auch wenn sie oft die 18er Optik für das Closeup ganz nah vor ihrem Gesicht hatten, und ins Kompendium spielen mussten. Sonst nutzt man im Kinderfilm eher lange Brennweiten, damit die jungen Mitwirkenden weniger die Kamera spüren. Mit Shan und Annlis konnten wir auch technisch anspruchsvolle Sachen machen. So gibt es auch viele VFX-Shots und kniffelige Szenen-Übergänge.

Wie hat die Pandemie die Produktion beeinflusst?

LARS MONTAG: Wir hatten von Anfang an wahnsinnig Glück, wir kamen im März 2020 gerade rechtzeitig aus Indien zurück und den Deutschlanddreh konnten wir zwischen den beiden ersten Infektions-Wellen realisieren, wir mussten ihn lediglich etwas verschieben in den Juli 2020.

Wir haben ja viele ältere Menschen im Cast wie den Darsteller des Großvaters von Ranji, Irshad Panjatan, oder unsere Tänzerinnen vom "Club der Lebensfrohen", oder Roberto Blanco. Panjatan ist 90 Jahre alt und hat extra für unser Projekt seinen wohl verdienten Ruhestand unterbrochen. Ich arbeitete mit ihm bereits bei Tatort: Sterben für die Erben". Tatsächlich hat uns der Termin des indischen Holi Festivals dazu gezwungen zuerst in Indien zu drehen und dann in Deutschland, auch wenn es der Produktion andersherum lieber gewesen wäre.

Sie wirkten bei "Träume sind wie wilde Tiger" außer als Regisseur und Koautor auch als Koproduzent.

LARS MONTAG: Ja. Der Film ist verglichen mit anderen Filmen aus der Initiative "Der besondere Kinderfilm" viel aufwändiger. Die Finanzierung ist gedeckelt, wir mussten dafür mehr Leistung bringen. Ich trug meine als Regisseur und Koautor bei und holte unseren Serviceproduzenten in Indien, Michael Menke von Sparkling Eye, an Bord.

Was erhoffen Sie sich für den Kinostart?

LARS MONTAG: Mit der Pandemie ist es aktuell ein Wechselbad der Gefühle. Ranjis große Ballade im Film entspricht dermaßen dem Gefühl, welches Schüler zur Zeit haben haben. So hoffe ich, dass "Träume sind wie wilde Tiger", der ja nicht von einer riesigen Marketingkampagne begleitet wird, genau den richtigen Nerv trifft und sich herumspricht.

Diese Produktion stand von Anfang an unter einem guten Stern, was die Auswahl der Kinder betrifft und dass wir mit Terence Lewis einen Top-Bollywood-Choreografen gewinnen konnten. Außerdem haben indische Musiker aus ganz Europa mitgewirkt und das Filmorchester Babelsberg hat den Score am letzten Tag vor dem Lockdown eingespielt. Wegen all dem bin ich, wie Ranji, naiv optimistisch für den Kinostart. Warum sollte unsere Glückssträhne gerade jetzt abreißen?

Nach dem Kinofilm mit Bollywood-Sound geht es für Sie mit Disko Bochum" weiter und damit zur Serie zurück.

LARS MONTAG: Ja, das Erlernte bei "Träume" habe ich gleich anwenden und sogar Hauptdarsteller Shan Robitzky mitnehmen können. Er spielt und tanzt den jungen Michael Jackson anno 1975. Ich sitze gerade am Schnitt.

Sie inszenieren für Fernsehen, Kino und Streaming. Sehen Sie Unterschiede bei der Zusammenarbeit?

LARS MONTAG: Nein, nur zwischen den verschiedenen Produzentenpersönlichkeiten. Der Anspruch ist ja immer hoch, sei es beim Kinofilm oder bei der High-End-Serie, die ja als das neue Kino gilt. Bei beiden ist die Zeit knapp und es liegt an der Raffinesse der Vorbereitung, etwas hinzukriegen, das international mithalten kann.

Für mich hat alles schön aufeinander aufgebaut und ineinandergegriffen: "Einsamkeit, Sex und Mitleid" war wichtig, um einen visuellen Stil zu prägen, der geholfen hat, dass mir Netflix "How to Sell Drugs Online (Fast)" anvertraut hat. Die Arbeit daran ebnete mir den Weg zu "Träume sind wie wilde Tiger".

Haben Sie nach "Träume sind wie wilde Tiger" ein weiteres Kinoprojekt in Planung?

LARS MONTAG: Ja, wenn ich mit dem Schnitt von "Disko Bochum" fertig bin, wende ich mich meinem Herzensprojekt zu. Ein solches behält man ja am längsten in der Schublade, weil bei ihm die Angst vorm Scheitern am Größten ist. Ich habe es über die vergangenen sechs Jahre immer weiterentwickelt und muss es nun von 180 Seiten auf 100 herunter kürzen, um es möglichst dieses Jahr finanzieren zu können. Nachdem ich zwei sehr unterschiedliche Kinofilme vorgelegt habe, fühle ich mich gut gerüstet, endlich dieses Herzensprojekt zu realisieren. Es erzählt eine moderne Geschichte über einen Guru wider Willen, ist eine sinnstiftende Komödie und trägt den schönen Titel "Eat, Shit, Die".

Das Interview führte Heike Angermaier