Kino

Kino-Neustart: Noch nicht der letzte Schrei

Hochkarätige Neustarts wurden mittlerweile in erklecklicher Anzahl aus dem ersten Quartal abgezogen - und das macht sich natürlich auch an dem ohnehin von den Pandemieauflagen schwer in Mitleidenschaft gezogenen deutschen Boxoffice bemerkbar. Gegenüber der Vorwoche gingen die Zahlen sehr deutlich nach unten.

17.01.2022 14:21 • von Marc Mensch
"Scream" war der mit Abstand stärkste Neustart - konnte aber nicht ähnlich einschlagen, wie in den USA (Bild: Paramount)

Nachvollziehbare Ausführungen zur Abstrafung der Kultur gab es von Bayerns stellvertretendem Ministerpräsidenten bislang nicht, zumindest Ausflugstipps für Skifahrer konnte Hubert Aiwanger in der Pressekonferenz nach der letzten Kabinettssitzung aber geben... Und tatsächlich dürfte das oftmals herrliche Wetter am vergangenen Wochenende eine Rolle dabei gespielt haben, dass Kinder- und Familienfilme durch die Bank überdurchschnittlich hohe Rückgänge verzeichneten. Dies an einem Wochenende, an dem es mit rund 737.000 Besuchern und knapp sieben Mio. Euro Umsatz gegenüber dem - unter den gegebenen Umständen - eher erfreulichen Vorwochenende wieder um über 23 Prozent nach unten ging.

Auf das Niveau des schlechtesten Wochenendes der fünf Jahre vor der Pandemie rutschte der Markt zwar beileibe nicht ab - der Abstand nach Besuchern betrug noch 73, der nach Umsatz sogar 92 Prozent, obwohl Comscore in der dieswöchigen Filmsource-Auswertung nur 79 Prozent der regulären Kinos als geöffnet bilanziert. Ein echter Trost ist das aber natürlich nicht, denn wo Kinos in einem regulären Jahr Ausreißer wie jenen des Wochenendes vom 19. April 2018 wegstecken können, lässt sich natürlich nicht dauerhaft auf dem aktuellen Niveau arbeiten.

Dass große US-Neustarts im ersten Quartal ohnehin rar gesät waren und seit geraumer Zeit wieder zahlreiche (vor allem deutsche) Starts verschoben wurden, machte sich natürlich deutlich bemerkbar: Nur drei (bei insgesamt lediglich neun von Comscore erfassten Titeln; alternativer Content inklusive) Neustarts sorgten für frisches Blut in den Top 20, nur zwei davon in den Top Ten - aber immerhin einer davon für jede Menge Blut auf Platz zwei der Charts. Wie soll man den Start von "Scream" bewerten? Gut 85.000 Besucher ohne Previews für den fünften Teil einer Slasher-Reihe, die ihren Anfang vor knapp einem Vierteljahrhundert nahm und deren letzter Teil nun auch schon wieder zehn Jahre zurückliegt, sind eigentlich nicht schlecht. Allerdings zeigt das hervorragende US-Ergebnis (fast 31 Mio. Dollar an drei Tagen), was unter anderen Bedingungen für den auch hierzulande von Kritikern überraschend gut angenommenen Titel möglich gewesen wäre.

Keinen Weg vorbei gab es hierzulande am Platzhirschen Spider-Man: No Way Home", der sich mit weiteren fast 250.000 Zuschauern klar in Richtung der vierten Besuchermillion begibt (knapp 3,52 Mio. sind geschafft), der an diesem Wochenende aber auch recht deutlich (um rund 34 Prozent) abbaute. Generell gab es nur wenige Besucherentwicklungen, die diesmal positiv herausstechen, dazu gehören am ehesten noch jene von House of Gucci" (minus 24,9 Prozent, der Kurs bleibt auf die Million gerichtet) und Contra" (minus 19,9 Prozent). Ansonsten waren die Drops eher im oberen (wenngleich nicht übermäßig hohen) Bereich angesiedelt, insbesondere gilt dies für Matrix Resurrections", der um 47,1 Prozent abbaute, der aber im Lauf des nächsten Wochenendes zumindest die Marke von 500.000 Besuchern knacken sollte. Ein Achtungserfolg im Arthouse-Bereich gelang zudem Neustart Spencer" mit gut 26.000 Besuchern auf Rang sieben, gerade noch in die Top 20 rutschte The World Champion", dafür reichten aber schon knapp 2400 Besucher. Für Pleasure" wurden zwar deutlich mehr Tickets (rund 3300) verkauft, nach Umsatz fehlten allerdings weniger als 100 Euro für die Topliste. Der Blick auf den Rest der neun Neustarts fällt eher zum Gruseln aus, zwei hatten dreistellige, zwei weitere zweistellige Ergebnisse.

Nachdem Bayern in der Rangliste der Länder am vergangenen Woche massiv vom Feiertag (Heilige Drei Könige) hatte profitieren können, rutsche man mit einem Ergebnis (der tatsächlichen 82 Prozent an geöffneten Kinos, nicht etwa das gesamten Marktes) von gerade einmal 76 Prozent über deren schlechtestem Ergebnis wieder so weit unter den Durchschnitt, wie es die unsäglich hohen Auflagen nun einmal bedingen. Man darf gespannt sein, ob es nach dem ausführlichen runden Tisch von vergangener Woche nach der heutigen Kabinettssitzung ein wenig Gerechtigkeit gibt - oder nur wieder Tipps für Skipisten im niederbayerischen Hinterland.

Während bayerische Kinos durch irrwitzige Kapazitätsbeschränkungen behindert werden (deren Korrektur man wohl erwarten darf...), zeigt sich in anderen Bundesländern aber überdeutlich, wie sehr schon 2G Plus das Geschäft (zer)stört: Die geöffneten Kinos in Hamburg, Berlin und Schleswig-Holstein schafften gerade einmal noch Ergebnisse, die um 70, 75 und 81 Prozent über der untersten Benchmark lagen.

Klarer Spitzenreiter ist - nein, nicht Nordrhein-Westfalen, obwohl die plus 125 Prozent für Silber reichten - Sachsen, wo das Publikum nach langer Kinoabstinenz sichtlich Nachholbedarf hatte. Nicht dass die Wiedereröffnung flächendeckend erfolgt wäre: Nur 56 Prozent der Kinos öffneten schon am vergangenen Freitag wieder ihre Türen (und erzielten im Schnitt Ergebnisse um 156 Prozent über der unteren Benchmark); während die HDF-Mitglieder unter den sächsischen Häusern dem Vernehmen nach offenbar samt uns sonders sofort wieder für ihr Publikum da sein wollten, warteten vor allem Arthouse-Kinos ab. Die miserabelsten Ergebnisse lieferte unterdessen Mecklenburg-Vorpommern, wo die Ampel munter zwischen rot, orange und dunkelrot zu springen scheint: Nur 13 Prozent der Kinos im Land spielten überhaupt...

In der neuen Woche ist zumindest mit einem Führungswechsel zu rechnen: Denn auch wenn Universal noch keine Preview-Zahlen zu Sing - Die Show Deines Lebens" kommuniziert hat (und die Zahlen weder in der Filmsource- noch der regulären Comscore-Auswertung für das Wochenende auftauchen), gab es doch schon viel Positives aus den Kinos zu hören, kurzfristig anberaumte Zusatzvorstellungen sind jedenfalls nicht das schlechteste Zeichen...

UPDATE: Das bayerische Kabinett hat entschieden - die Kultur mindestens eine weitere Woche zu trösten. Ein Skandal, nicht weniger.