Produktion

Panah Panahi über "Hit the Road": "Von Niemandem abhängig"

Panah Panahi spricht über sein Debüt "Hit the Road", das zu den Entdeckungen des vergangenen Jahres zählt und seit seiner Premiere in Cannes auf Festivals weltweit gefeiert wird. Jetzt ist er auch im Programm des International Film Festival Rotterdam.

14.01.2022 07:24 • von Barbara Schuster
Panah Panahi war Gast der Viennale 2021 (Bild: Viennale)

Panah Panahi spricht über sein Debüt "Hit the Road", das zu den Entdeckungen des vergangenen Jahres zählt und seit seiner Premiere in Cannes auf Festivals weltweit gefeiert wird. Nach der Viennale, wo dieses Interview geführt wurde, ist er auch im Programm des International Film Festival Rotterdam.

Ist "Hit the Road" ein politischer Film und glauben Sie, dass er in Iran als politischer Film angesehen wird?

PANAH PANAHI: Das iranische Publikum wird den politischen Aspekt von "Hit the Road" definitiv wahrnehmen und herauslesen: Für Iraner wird es überhaupt keine Frage sein bzw. Iraner werden nicht überrascht sein über die in der Geschichte dargestellte Tatsache, dass der ältere Sohn der Familie das Land verlassen will oder muss. Sie können das nachvollziehen. Im Westen werde ich hingegen sehr oft gefragt, warum er ausreisen muss. Ich selbst mag eher Filme, die universal sind, allgemeingültig, international verständlich. Deshalb wollte ich die politische Ebene in "Hit the Road" bewusst nicht zu stark hervorheben. Vielmehr war für mich wichtig, die Geschichte dieser Familie zu erzählen, die auch eine Geschichte einer Abnabelung ist, davon erzählt, wie sich ein Sohn, der nun alt genug ist, von seiner Familie trennt, in eine ungewisse Zukunft aufbricht - egal, wo diese sein wird - und wie er und bzw. seine Familie mit dieser Situation umgeht. Das stand für mich im Vordergrund.

Der Zuschauer bewegt sich mit der Familie aus Teheran auf die Landesgrenze zu, die der Sohn illegal überschreitet. Wie viel Realität steckt in der gezeigten Route?

PANAH PANAHI: Die Idee für diesen Film war nicht schwierig zu finden. Vor allem Menschen meiner Generation haben sich mit dem Thema auseinandergesetzt, wurden damit konfrontiert. In fast jeder Familie gibt es jemanden, der auf diesem Weg das Land verlassen hat. Auch zwei meiner engsten Freunde sind so illegal aus ihrer Heimat geflohen. Das heißt, "Hit the Road" greift jetzt kein sehr spezielles Thema auf, das weit entfernt wäre. Es liegt einfach in der Luft, weil es für viele keine Perspektive, keine Hoffnung mehr gibt. Es ist ein sehr allgemeingültiges Thema. Und man muss sich nichts vormachen: Sogar die Machthaber in Iran, die Politikerschicht, schicken ihre Kinder ins Ausland. Selbst sie wissen also, dass es für die junge Generation keine Perspektiven gibt.

Filmproduktionen müssen genehmigt werden in Iran. Sie sagten, dass Sie Ihren Stoff als Kinofilm niemals hätten drehen dürfen, weshalb Sie ihn vorab lediglich als Videofilm eingereicht haben... Hat man als Autor von vornherein eine Schere im Kopf, greift man automatisch zur Selbstzensur?

PANAH PANAHI: Eine gewisse Selbstzensur ist auf alle Fälle da, aber sie passiert unterschwellig. Unser Mindset, unsere Gedanken sind schon so indoktriniert, dass wir unbewusst von gewissen Themen von Haus aus die Finger lassen. Wenn ich an einem Drehbuch sitze, ist es nicht so, dass ich gewisse Dinge wieder streichen müsste, weil sie zu explizit wären. Das passiert nie. Wie gesagt kommen die Inhalte bereits gefiltert zu Papier. Dieser Prozess hat allgemein dazu geführt, dass das iranische Kino eine gewisse Kreativität, eine eigene Sprache entwickelt hat, um Themen anzugehen. Das ist vielleicht sogar ein positiver Aspekt dieses Filterungsvorgangs: Man ist gezwungen, gewisse Dinge anders darzustellen. Die Gedanken kreisen so lange, bis man auf einem anderen Weg zum Ziel kommt

Die Bildsprache in "Hit the Road" ist beeindruckend. Die meiste Zeit sieht man die Familie als Einheit auf kleinstem Raum in einem Auto. Dann wiederum blickt man in Totalen in tolle Landschaften, in denen die Familie wie verloren wirkt...

PANAH PANAHI: An Filmen mag ich zwei Dinge: Kontraste und Paradoxe. Damit arbeite ich sehr gerne, weil ich Geschichten mehrere Ebenen geben, vielschichtiger erzählen kann. Um an Paradoxe heranzukommen, muss ich nur die Menschen in Iran betrachten. Die Iraner sind irgendwo zwischen Tradition und Modernität stecken geblieben. Einerseits sind sie einer sehr traditionellen Kultur verbunden, die zum Teil auch stark religiös geprägt ist. Andererseits behaupten und möchten alle modern sein und sind der Meinung, dass sie durchaus mit der Welt mithalten können - schaffen es aber gleichzeitig nicht, aus ihrem traditionellen Korsett auszubrechen. Mit diesem Paradox spiele ich gerne in meinen Geschichten...

Was auch die Bildsprache zeigt...

PANAH PANAHI: Mich interessieren Gegensätze. Die Familie, die versucht, ihre Gefühle, alles, was in ihr innen vorgeht, nicht zu zeigen. Oder besser: zunächst nicht zeigt und später bricht es aus ihnen heraus... Den Gegensatz von geschlossenen und offenen Gefühlen habe ich ins Visuelle übertragen. In der ersten Hälfte des Films spielt sich alles bewusst in kleinen, engen Räumen ab, wobei das Auto, in dem die Familie fährt, gar nicht so ein klein ist. Durch die Linse, die ich verwendet habe, wirkt es jedoch sehr eng. Somit konnte ich die Anspannung der gesamten Familie noch spürbarer machen. Je näher die Familie sich der Trennung, der Grenze, der Abnabelung nähert, desto weiter werden die Räume. Die Kamera hat mehr Platz, kann mehr einfangen.

Der Junge, der den kleinen Sohn der Familie spielt, ist ein echtes Energiebündel. Wie haben Sie mit ihm gearbeitet?

PANAH PANAHI: Die Besetzung der Rolle war für mich extrem wichtig, weil ich eine genaue Vorstellung davon hatte, wie dieser kleine Junge sein sollte. Als ich Rayan das erste Mal gesehen habe, spürte ich sofort die Energie, eine Verbindung. Ich wusste: Er ist der Richtige. Er brachte alle Eigenschaften mit, die auch der kleine Junge im Film haben sollte. Das war wichtig, sonst hätte das Ganze nicht so gut funktioniert.

Aber es bedurfte sicherlich auch einer gewissen Führung bei dem Temperament...

PANAH PANAHI: Die Zusammenarbeit mit Rayan war jeden Tag aufs Neue faszinierend. Er hörte mir aufmerksam zu, wusste, dass er mir folgen, mir vertrauen, meine Anweisungen genau beachten musste. Ich wusste, in welcher Szene er mit welcher Energie und Intensität spielen sollte. Ich habe mich einfach auf seine Ebene begeben, habe mich mit ihm auf Augenhöhe angefreundet und ihn spielerisch so weit gebracht, bis ich ihn in der Stimmung hatte, die ich gerne wollte. Dann musste er seinen Text sagen... Nach Drehabschluss war ich erschöpft und ausgelaugt. Es war einfach sehr anstrengend. Meine ganze Kraft, meine ganze Konzentration fokussierte sich auf diesen Jungen, so dass ich oft für die anderen Darsteller gar nicht richtig da sein konnte. Mein nächster Film wird auf alle Fälle ohne kleine Kinder sein. Wenn ich daran denke, bekomme ich schon Angst...

Sie sind auch Produzent des Films. Wie schwierig ist es, in Iran einen Film zu produzieren? Was war die Herausforderung?

PANAH PANAHI: Ich habe "Hit the Road" komplett aus Eigenmitteln produziert, wir waren also von niemandem abhängig. Ich weiß auch nicht, was ein Produzent zu tun hat oder was die Aufgaben genau sind. Aber weil ich den Film mit eigenem Geld finanziert habe, habe ich meinen Namen auch als Produzent hinzugefügt. Die Produktion entstand entfernt aller Strukturen. Wir holten uns ein paar Kameras von einer Leihfirma und waren als Truppe von Freunden unterwegs, die gemeinsam an einem Film herumexperimentiert haben, nicht als professionelles Filmteam. Alle, die mitgearbeitet haben, vom Kameramann über den Tontechniker hin zu den Darstellern, sind enge Freunde von mir.

Der Film feierte eine unglaubliche Festivalkarriere, räumte zahlreiche Preise ab. Haben Sie mit dem Erfolg gerechnet?

PANAH PANAHI: Ich hätte nie gedacht, dass er auf diesen Zuspruch stößt. Meine Idealvorstellung war, dass ich einen Film mache und der von ein paar Leuten, die einen ähnlichen Geschmack, eine ähnliche Liebe zum Kino haben, angeschaut und gemocht wird - oder eben nicht. Aber dass er so einen Erfolg hat, hätte ich mir nie erträumt. Ich dachte, dass ich mindestens vier, fünf Langfilme machen muss, bevor ich nach Cannes eingeladen werde oder zu anderen Festivals. Es ist für mich nach wie vor wie in einem Traum. Ich betrachte mich als Glückspilz.

Mit Ihrem Debüt wollen Sie auch aus dem Schatten Ihres Vaters Jafar Panahi treten. Was haben Sie von ihm gelernt?

PANAH PANAHI: Ich war mein ganzes Leben mit dem Kino in Berührung. Die meisten Freunde meines Vaters sind Filmleute. Meine Kindheit war von Kino geprägt, und meine Liebe zum Film ist sicherlich dadurch entstanden und gewachsen. Doch erst als ich 17 oder 18 Jahre alt war und meine Persönlichkeit sich langsam entwickelt hatte, wurde mir bewusst, dass das nicht nur der Einfluss der Familie, der familiären Umgebung ist, sondern dass es wirklich ein tiefer Wunsch von mir ist, in diese Richtung selbst auch beruflich zu gehen. Deswegen habe ich angefangen, Film zu studieren. Es ist vollkommen in Ordnung, Techniken von jemandem zu lernen. Die sind überall gleich. Ich habe viele Techniken von meinem Vater gelernt, damit habe ich kein Problem. Wichtig ist aber, dass ich meine eigene Sprache, meine eigene Identität besitze. Wenn man einen Text von jemandem einfach nachspricht, ist es nichts Besonderes, egal, wie schön man das macht. Es ist wichtig, seine eigene Stimme zu finden, seine eigene Geschichte zu erzählen. Das wollte ich erreichen. Erst, als ich mir sicher war, dass ich das schaffe, habe ich mich getraut, meinen eigenen Film zu machen.

Das Gespräch führte Barbara Schuster