Kino

KOMMENTAR: Zeit zum Widerspruch

Kulturschaffende und Kinobetreiber haben sich leidensfähig gezeigt und solidarisch in Zurückhaltung geübt, wenn während der vier Wellen der Coronapandemie Schließungen verlangt oder drastische Zugangsbeschränkungen auferlegt wurden. In der fünften Welle muss nun auch in diesem Bereich endlich die Wissenschaft Gehör finden.

13.01.2022 07:22 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Herausgeber und Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Kulturschaffende und Kinobetreiber haben sich leidensfähig gezeigt und solidarisch in Zurückhaltung geübt, wenn während der vier Wellen der Coronapandemie Schließungen verlangt oder drastische Zugangsbeschränkungen auferlegt wurden. In der fünften Welle muss nun auch in diesem Bereich endlich die Wissenschaft Gehör finden.

Wenn der bayerische Ministerpräsident von der Kultur spricht, dann meint er wohl die Wirthauskultur. Die weiteren kulturellen Ausprägungen scheinen ihm nicht so am Herzen zu liegen. So hat er schon im Vorfeld der Verbreitung der Omikron-Variante Kinos, Theatern und sonstigen Veranstaltungsräumen 2G plus als Auflage verordnet, was in vielen Bereichen eine Defacto-Schließung bedeutete, in jedem Fall aber für massive Umsatzeinbrüche sorgte. Denn mehr als den Impfempfehlungen zu folgen, geht nicht. Das finden auch die meisten Bürger. Trotz zweimaliger Impfung sich fürs Kino zusätzlich freitesten zu müssen, in langen Impfschlangen zu frieren etc., das ist dann auch den größten Filmfans zuviel. Zu allem Überfluss ist Söders harter Linie zuletzt auch noch die Ministerpräsidentenkonferenz gefolgt, allerdings unter Einbeziehung der Gastronomie, für die in Bayern 2G ausreichte.

Und siehe da, Herr Söder ist der Erste (naja, nach Herrn Haseloff in Sachsen-Anhalt vielleicht der Zweite), der seiner Wirtshauskultur das lieber nicht zumuten möchte und 2G in vollbesetzten Gasträumen ohne Maske und viel Abstand ausreichend findet. Mit den Chefs der großen Brauereien würden in der Staatskanzlei auch ganz andere Kaliber anrufen, als wenn sich dort nur ein paar Kleinkunstbühnen empören. Und um den Ganzen noch die Krone aufzusetzen, verlangt der Bayernprimus erst wissenschaftliche Erkenntnisse, bevor er die Gastronomie weiter einschränken will.

Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse liegen allerdings für die Kinos längst vor. Unter anderem das Fraunhofer Institut, außerhalb der Staatskanzlei weithin für seine präzise Forschungs- und Entwicklungsarbeit geschätzt, hat das geringe bis nicht vorhandene Ansteckungsrisiko in Kinos belegt. Und es gibt noch weitere Studien, auch aus dem Ausland.

Nun geht es mir nicht darum, auch die bayerische Gastronomie mit zusätzlichen Auflagen zu überziehen, auch dort wurde viel in Lüftungssysteme und Hygienemaßnahmen investiert, sondern darum, darauf zu pochen, dass die verantwortliche Politik vom Team Vorsicht ins Team Augenmaß zurückkehrt. In den Kinos kann sich nun wirklich kaum jemand anstecken, schon gar nicht bei Maskenpflicht, Abstandsgebot und obendrein nur 25-prozentiger Auslastung. Erleichterungen sind hier dringend geboten. Der HDF hat zu Recht harsch auf Söders 2G-Slalom reagiert, auch die Geduld der Kinobetreiber ist überstrapaziert. Zeit zum Widerspruch, Zeit der Wissenschaft zu ihrem Recht zu verhelfen.

Ulrich Höcherl, Herausgeber und Chefredakteur