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"Vigil"-Regisseurin Isabelle Sieb: "Ich würde gerne etwas in Berlin drehen"

Die deutsche Regisseurin Isabelle Sieb war einer der größten Shooting-Stars 2021 in Großbritannien, wo ihre U-Boot-Serie "Vigil" hohe Wellen schlug. Ab 13. Januar ist das Format auf Arte zu sehen. Sie spricht über ihre Wurzeln, den Aufstieg in UK und das Vorbild "Das Boot".

13.01.2022 09:40 • von Michael Müller
Die gebürtige Deutsche Isabelle Sieb gehört zu den großen internationalen Genrehoffnungen (Bild: itv)

Die deutsche Regisseurin Isabelle Sieb war einer der größten Shooting-Stars 2021 in Großbritannien, wo ihre U-Boot-Serie "Vigil" hohe Wellen schlug. Ab dem heutigen 13. Januar sind die ersten drei Episoden des Formats linear auf Arte zu sehen, in der Mediathek gibt es bereits alle Folgen. Sieb spricht über ihre Wurzeln, den Aufstieg in UK und das Vorbild "Das Boot".

Wie erklären Sie sich den riesigen Erfolg Ihrer U-Boot-Serie "Vigil" in Großbritannien? Auf BBC1 war sie mit durchschnittlich zehn Millionen Zuschauern linear auf Platz fünf des Jahres. Auf dem BBC iPlayer wurden die Episoden online mehr als 26 Millionen mal abgerufen.

ISABELLE SIEB: Das Casting war absolut genial, weil damit auch die verschiedensten Fangruppen angesprochen wurden. Hauptdarstellerin Suranne Jones hat ihre eigene große Fangruppe durch populäre Serien wie "Doctor Foster" und "Gentleman Jack". Es spielen mehrere Schauspieler aus "Game of Thrones" mit, inklusive Rose Leslie, die auch eine riesige Fanbase hat. Shaun Evans kennt man als "Der junge Inspektor Morse", wir haben Connor Swindells aus "Sex Education", Paterson Joseph kennt man aus "Peep Show". Es war ein absoluter Allstar-Cast, der viele verschiedene Fangruppen abdeckte. Außerdem hat die Produktionsfirma World Productions hier einen sehr guten Ruf, weil sie viele erfolgreiche Formate wie "Bodyguard" oder "Line of Duty" macht. Sie sind dafür bekannt, intelligente und spannende Serien zu produzieren. Und hoffentlich haben unsere Cliffhanger auch ein bisschen zum Erfolg von "Vigil" beigetragen.

Wie schafften Sie es aus dem südhessischen Dorf Hünstetten nach Großbritannien, um dort als aufstrebende Regisseurin die entscheidenden letzten drei Episoden dieser Serie zu drehen?

ISABELLE SIEB: Ich habe in Deutschland gelebt, bis ich im Jahr 2007 mein Abitur machte. Dann habe ich zwei Jahre in Südafrika für eine deutsche Produktionsfirma gejobbt und dort auch bei der Fußball-WM 2010 kleine Fernsehstücke für deutsche Sender gedreht. Das war mein erster Schritt in die Filmbranche. Dann bin ich nach London gezogen und habe bis 2013 Drehbuch und Produktion studiert. Anschließend drehte ich viele Kurzfilme, jobbte und arbeitete mich langsam hoch. 2015 machte ich den Kurzfilm "Three Women Wait for Death", der in Großbritannien das größte Kurzfilm-Festival als bester britischer Film gewann. So kam ich zu einer Agentur. Die U-Boot-Serie "Vigil" war jetzt meine dritte Serie als Regisseurin. Es is mit Abstand das bislang größte Projekt und mit Sicherheit für mich ein großer Sprung.

Sie sind in Wiesbaden geboren und in Hünstetten aufgewachsen. Wann wussten Sie, dass Sie einmal Filme und Serien drehen wollen?

ISABELLE SIEB: Ich hatte immer schon große Träume von der weiten Welt, aber wusste noch nicht genau, was das sein würde. Mein erster Versuch im Bereich Filmemachen war der 17. Geburtstag einer guten Freundin. Mit all unseren Freunden zusammen habe ich einen Film gemacht, in dem wir sie spielten. Es war alles sehr satirisch und lustig. Das machte mir so viel Spaß. Die Ideen für den Film sprudelten aus mir nur so wie ein Wasserfall. Das Werk kam beim Geburtstag so gut an, dass drei andere Freunde danach fragten, ob ich für sie auch so etwas drehen könnte.

Showrunner der von der BBC produzierten Serie "Vigil", an der auch Arte France beteiligt ist, ist Tom Edge. Ab welchem Zeitpunkt waren Sie in die Produktion involviert?

ISABELLE SIEB: Die Drehbucharbeit war schon abgeschlossen, bevor ich an Bord kam. Das ist auch völlig normal hier in Großbritannien, dass die Drehbücher von der Produktionsfirma entwickelt werden. Wenn das grüne Licht vom Sender kommt, schaut man nach Regisseuren. James Strong drehte als Regisseur die ersten drei Episoden, ich die letzten drei. Strong war auch schon vor mir an Bord. Ende 2019 stieß ich zur Produktion, der Dreh war im Februar 2020. Ich war gerade in der Drehvorbereitung, als der erste Lockdown anfing. Meine Episoden entstanden komplett im Lockdown, was natürlich auch herausfordernd war. Beim Casting standen die wichtigsten Hauptdarsteller schon, bei den kleineren Rollen war ich auch involviert. Beim Fernsehen ist es aber so, dass die Drehbücher noch bis zum allerletzten Moment entwickelt werden, bevor gedreht wird. Von daher war ich jetzt schon bei meinen Episoden auch sehr involviert.

Wie haben Sie es hinbekommen, dass Sie die deutlich besseren Episoden der Serie kriegten? In Ihrer Hälfte wird zum Beispiel die starke Liebesgeschichte der Ermittlerin erzählt und Sie haben ein ganz fantastisches, "Alien"-inspiriertes Action-Set-Piece.

ISABELLE SIEB: Gerade bei Thriller-Serien ist es meistens so, dass die großen Ereignisse zum Schluss passieren. Deswegen habe ich auch nicht lange darüber nachgedacht, ob ich gerne der erste Regisseur gewesen wäre, der noch mehr beim Casting involviert war. Ich wusste aus der Erfahrung meiner letzten Serie, die auch ein Krimi war, dass die spannendsten und gefühlvollsten Momente in der hinteren Staffelhälfte passieren. Genauso war es. Die Liebesgeschichte zwischen Suranne Jones' Figur und Rose Leslies Figur hat mich vielleicht noch etwas mehr gereizt als James Strong. Ich fand es ganz toll, dass wir solch eine gefühlvolle und komplizierte Beziehung zwischen zwei Frauen im Herzen einer großen kommerziellen Thriller-Serie erzählen. Das habe ich so auch noch nicht erlebt. Die große Action und Spannung funktioniert nur so gut, wenn es auch den emotionalen Teil gibt und den Zuschauern die Charaktere wichtig sind. Diese Balance zu halten, war für mich besonders wichtig. Da war ich auch mit dem Drehbuchautoren und Showrunner Tom Edge auf einer Wellenlänge.

Bei U-Booten und Regisseurinnen muss man natürlich sofort an Kathryn Bigelow denken, weil es heute leider immer noch eine Ausnahme ist, dass Frauen solche schönen spektakulären Action-Set-Pieces drehen dürfen. Haben Sie das auch als Besonderheit empfunden?

ISABELLE SIEB: Absolut. Ich muss auch sagen, dass ich sehr von der Time's-Up-Bewegung gegen die Diskriminierung von Frauen profitiere, weil ich gerade meine Anfänge als Fernsehregisseurin hatte, als das Ganze passierte. In diesem Moment sagten sich alle Produktionsfirmen: Oh nein, wir sollten auch mal Regisseurinnen eine Chance geben. In dem Moment war ich da. Vor fünf oder sechs Jahren hätte mir noch niemand diese Serie so früh in meiner Karriere gegeben. Deswegen ist es für mich auch etwas Besonderes, was ich sehr ernst nehme. Es ist mir wichtig, dass ich einen guten Job mache. Und die Action macht mir wirklich viel Spaß. Wir hatten mit Andreas Petrides einen fantastischen Stunt Coordinator, mit dem ich zusammen die ganzen Action-Szenen machte. Durch Corona hatten wir die zusätzlich Herausforderung, es sicher und trotzdem genauso atmosphärisch zu machen. Meine nächste Serie habe ich auch wieder mit dem selben Stunt Coordinator gemacht.

Wie groß war das Set? Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein riesiges Atom-U-Boot, auf dem ein Mord passiert. Es wirkt so, als ob dafür wirklich viele Räumlichkeiten gebaut wurden.

ISABELLE SIEB: Das eigentliche Studio war komplett von unseren Sets gefüllt. Es war nicht das allergrößte Studio. Wir drehten außerhalb von Glasgow. Aber man öffnete die Studio-Tür und nach zwei Metern fing das Set an. Es waren quasi zwei sehr lange Set-Stücke nebeneinander. Es waren zur Hälfte Korridore, Flure und das Missile-Deck, was zwei Ebenen besaß. Da konnte man die Treppe hoch- und runtergehen und vor allem von oben nach unten und andersherum filmen, was hilfreich war. Die andere Hälfte des Sets war der Kontrollraum und die Räume, in denen zum Beispiel die Besatzung schlief und der Kapitän sein Zimmer hatte. Das Tolle war, dass alles miteinander räumlich verbunden war, so dass wir die Kamera lange laufen lassen und mit unseren Protagonisten mitgehen konnten. Das war auch nützlich für die ersten Episoden, weil Tom Edge so die Räumlichkeiten durch die Augen der ermittelnden Protagonistin präsentieren konnte. So konnten die Zuschauer auch die Größe des U-Boots kennenlernen und die Eindrücke auf sich einwirken lassen. In meinen Episoden wiederum wird die Protagonistin auch gejagt und verfolgt. Wir haben die Szenen mit dem Nervengas, was spannend war, weil ich die selben Räumlichkeiten, aber mit einer ganz anderen Belichtung verwenden konnte, weil da dann im U-Boot auch die Lichter ausgehen. Da konnten wir Inspirationen von Filmen wie "Alien" oder "Arrival" nehmen und zum Beispiel mit Taschenlampen arbeiten.

Gerade diese späten Spannungsmomente erinnern mit der grünen oder roten Farbgebung stärker an den Stil der italienischen Gialli. Da wandelten Sie auf den Spuren von Mario Bava.

ISABELLE SIEB: Wir haben uns viele Dokumentarfilme über Atom-U-Boote angesehen. In der Realität haben die eigentlich ganz grelle weiße Lichter. Die sehen von innen ziemlich langweilig aus. Wir wollten das Ganze etwas cineastischer machen, Licht und Design verwenden, um das Ganze etwas spannender aussehen zu lassen. Wir hatten wirklich für jeden Raum eine andere Belichtung, dass die Zuschauer auch eine Orientierung haben, wo sie sich gerade auf dem Boot aufhalten. Jeder Raum oder Flur sollte seine eigene Identität haben.

Wurden Sie als jemand, der aus Deutschland kommt, in diesem Zusammenhang auch auf Wolfgang Petersens "Das Boot" angesprochen?

ISABELLE SIEB: Bei der Bewerbung habe ich es von mir aus erwähnt und zeigte auch ein paar Clips, weil ich denke, dass es bis heute das beste Beispiel ist. Es ist das Original. Ich finde das wahnsinnig beeindruckend, wie viel die mit relativ wenig Ressourcen machen konnten. Das war auf jeden Fall ein Pluspunkt für mich, sagen zu können, was die damals hinbekamen. Ich dachte mir da schon, dass bei "Vigil" in den letzen Episoden wahrscheinlich irgendetwas geflutet wird, weil das meistens in diesem Genre passiert. Auch dafür ist "Das Boot" ein unglaublich gutes Beispiel. Und in Episode sechs haben wir auch bei uns tatsächlich ein Set geflutet und auf eine ähnliche Art gefilmt.

Auf was darf man sich als Nächstes von Ihnen freuen?

ISABELLE SIEB: Das ist die Serie "The Devil's Hours" für Amazon. Die wird gut. Die ist noch düsterer, was interessant ist, weil meine ersten Projekte alle Komödien waren. Aber seit der Krimi-Serie "Shetland" bekomme ich nur noch düstere und spannende Stories angeboten. Das ist toll, aber manchmal muss ich auch darüber schmunzeln, weil ich keine düstere Person bin. Die Drehbücher zu "The Devil's Hour" sind unheimlich gut geschrieben. Es ist Steven Moffats und Sue Vertues Produktionsfirma, die auch "Sherlock" und "Dracula" produzierte. Ein festes Datum kann ich noch nicht nennen. Aber es ist schon abgedreht. Ich werde noch bis zum Frühjahr in der Postproduktion beschäftigt sein.

Können Sie sich auch vorstellen, einmal eine deutsche Produktion zu machen? Die Serie "Das Boot" wäre vielleicht etwas zu naheliegend, aber Sie haben auch schon mit Sky gearbeitet.

ISABELLE SIEB: Absolut. Das Interessante ist, dass ich nie in Deutschland gearbeitet habe, weil ich nach dem Abitur das Land verlassen habe. Aber ich besuche mehrfach im Jahr meine Familie. Ich sehe mich auch zu 100 Prozent als Deutsche. Ich würde total gerne mal etwas in Berlin drehen. Das ist eine wunderbare Stadt. Es kommt aber darauf an, was es für ein Projekt ist. Das deutsche Fernsehen verändert sich auch gerade sehr durch die Streamer. Es gibt sehr gute Serien wie "Babylon Berlin". Die "Ku'damm"-Serie liebe ich zum Beispiel auch. Es gibt hervorragende deutsche Produktionen. Und klar, wenn da etwas in meine Richtung käme, wäre ich absolut interessiert. Aber mein Lebensschwerpunkt ist in Großbritannien, meine Agenturen sind britisch und amerikanisch. Aber wenn "Vigil" auch in Deutschland gut ankommt, vielleicht tut sich da was.

Das Interview führte Michael Müller