Kino

Gut 40 Mio. deutsche Kinobesucher: Die Comscore-Jahresbilanz 2021

Die deutschen Kinos blieben 2021 noch um über 60 Prozent gegenüber den Besucherzahlen vor der Pandemie zurück. Fast ein Drittel des Gesamtumsatzes entfiel auf Filme von Universal, "Keine Zeit zu sterben" dominierte mit fast 15 Prozent aller im vergangenen Jahr verkauften Tickets. Trotz dieses Hits - und diverser weiterer Erfolge - wurden laut der vorläufigen Comscore-Bilanz Prognosen aus dem Herbst verfehlt. Der Marktanteil des deutschen Films sank auf unter 20 Prozent.

07.01.2022 14:00 • von Marc Mensch
"Keine Zeit zu sterben" war 2021 der überragende Kinohit - mit Zahlen, die sich auch vor der Pandemie hätten sehen lassen können (Bild: Universal / 2021 DANJAQ, LLC AND MGM)

Comscore hat seine vorläufigen Zahlen für das Kinojahr 2021 vorgelegt (die endgültige Auswertung ist für Anfang kommender Woche zu erwarten) - und die Bilanz fällt zwar enttäuschend aus, ist aber nicht ohne den einen oder anderen Lichtblick.

Eines vorab: Tatsächlich schmeichelt der Bilanzzeitraum den Jahreszahlen sogar noch etwas, denn er erstreckt sich vom 7. Januar 2021 bis zum 5. Januar 2021, blendet also eine Woche des kompletten Kulturshutdowns im vorigen Jahr zugunsten einer (unter den gegebenen Umständen...) soliden Spielwoche aus. Aus diesem Grund ist auch davon auszugehen, dass die offiziellen FFA-Zahlen (die für Februar zu erwarten sind) nicht, wie in regulären Jahren, allzu deutlich über den Comscore-Zahlen liegen werden.

Kurz noch zur Einordnung: Auch wenn etliche Kinos frühere Öffnungsmöglichkeiten nutzten und punktuell sogar schon im April wieder Kinovorführungen stattfanden, erfolgte die konzertierte Öffnung des deutschen Kinomarktes in seiner Breite erst am 1. Juli, ganze zwei Quartale stellten in 2021 somit per se einen (Quasi-)Totalausfall dar. Und anders als 2020, als Kinos zumindest bis März normal operieren konnten, gab es 2021 keinen einzigen Tag, an dem der Kinobetrieb nicht unterschiedlichen Restriktionen unterworfen gewesen wäre - dies gilt insbesondere für das sonst so wichtige vierte Quartal, in dem zwar im Oktober Zahlen auf Vor-Pandemie-Niveau erzielt werden konnten, welches dann aber leider umgehend in extrem strengen Auflagen und der kompletten Schließung der Kinos in Sachsen (und zuletzt auch noch Mecklenburg-Vorpommern) mündete.

Diese dramatische Verschlechterung der Rahmenbedingungen gilt es natürlich an gleich mehreren Stellen im Kopf zu behalten. Zum einen natürlich beim Gesamtergebnis, zum anderen aber auch beim deutschen Marktanteil. Denn anders als 2020, als die globale Pandemiesituation dafür sorgte, dass internationale Starts ausblieben, während geöffnete Kinomärkte in besonderem Maße auf lokales Produkt bauten, blieben die Starttermine großer US-Produktionen im vierten Quartal weitgehend unangetastet (zu den großen Ausnahmen zählt etwa Sing - Die Show Deines Lebens"), während vor allem große deutsche Produktionen reihenweise kurzfristig verschoben wurden. Tatsächlich ist die Flut an Neustarts, die ab Juli mit wöchentlich teils mehr als zwei Dutzend Debütanten über die Kinos hereingebrochen war, zuletzt sehr deutlich abgeebbt. Was nicht nur ein Nachteil ist, denn zahlreiche Enttäuschungen zeigten in den vergangenen Monaten, dass der - auch durch Kapazitätsbeschränkungen beeinträchtigte - Markt nicht in der Lage war, die Fülle an Programm aufzunehmen. Zudem hat sich gerade in den vergangenen Wochen noch einmal glasklar gezeigt, was auch in anderen Ländern zu beobachten ist: Für die ganz großen Starts nimmt das deutsche Publikum auch diverse Widrigkeiten in Kauf, der Rest hat es mitunter umso schwerer.

Damit aber nun zu den (vorläufigen) Gesamtzahlen: Prognostiziert hatte Zahlenexperte Gower Street noch im September ein Gesamtergebnis von 47,1 Mio. Besuchern - eine Zielmarke, die damals (selbstverständlich ohne Ahnung von den gravierenden Auswirkungen der Omikron-Welle und der massiven Benachteiligung von Kinos bei mancher politischen Entscheidung) noch als konservativ gehandelt worden war. Am Ende aber blieb man aber sogar um 15 Prozent unter dieser Schätzung.

Insgesamt zählt Comscore für den Bilanzzeitraum 40.438.449 Besucher, eine Verbesserung von 18,3 Prozent gegenüber dem Katastrophenjahr 2020, aber natürlich gleichzeitig ein Wert, der um gut 63 Prozent unter den knapp 110 Mio. Besuchern lag, die Comscore für 2019 hatte zählen können. Deutlich stärker (um 25,8 Prozent) ging es beim Boxoffice nach oben, insgesamt wurden 361.869.732 Euro mit dem Verkauf von Tickets umgesetzt. Der überproportional hohe Anstieg ist natürlich auf gestiegene Eintrittspreise zurückzuführen, mit 8,95 Euro kostete ein Kinobesuch im Schnitt so viel wie nie zuvor. Besonders auffällig ist natürlich die Steigerung um ganze 53 Cent oder 6,3 Prozent gegenüber 2020 - allerdings kann dieses Jahr natürlich aufgrund der programmatischen Besonderheiten nicht als Messlatte dienen. Im Vergleich mit 2019 verteuerten sich Tickets im Schnitt um 17 Cent oder nur knapp zwei Prozent.

Ausschlaggebend für die Steigerung des Durchschnittspreises war dabei sicherlich auch, dass vier der fünf Topfilme des vergangenen Jahres 3D-Filme waren (Deutschland zählte bekanntermaßen zu den Märkten, in denen auch Keine Zeit zu sterben" in 3D angeboten wurde) und auf diese Filme ein überproportional hoher Anteil am Gesamtergebnis entfällt. Der Durchschnittspreis für den Besuch deutscher Filme sank gegenüber 2020 tatsächlich leicht, was sich vor allem über den hohen Anteil an Kinder- und Familienfilmen unter den Topfilmen erklärt.

Trotz der eingangs bereits erwähnten Schwemme an Neustarts vor allem im dritten Quartal kamen laut Comscore unter dem Strich gerade einmal 14 Filme mehr neu auf die Leinwände als 2020 (427 ggü. 413), insgesamt in Auswertung befanden sich in dem bestenfalls als "halbes Kinojahr" zu bezeichnenden Zeitraum sogar weniger Titel (582 ggü 608).

Dass deutsche (Ko-) Produktionen im vergangenen Jahr nicht an den Marktanteil aus 2020 würden anknüpfen können, war absolut zu erwarten gewesen, schließlich zeigte sich in zahlreichen Ländern der pandemiebedingte Sondereffekt durch die internationalen Startverschiebungen. Dass es am Ende nur 19,7 Prozent nach Besuchern (knapp acht Mio. verkaufte Tickets) und 17,1 Prozent nach Umsatz (knapp 62 Mio. Euro Boxoffice) wurden, liegt indes natürlich auch daran, dass diverse deutsche Titel entweder noch kurzfristig aus dem vierten Quartal abgezogen wurden - oder die volle Wucht der Coronarestriktionen zu spüren bekamen. Dennoch gibt es gerade aus dem lokalen Bereich für 2021 einige Highlights zu vermelden, dazu gleich mehr.

Klar überlegener deutscher Marktführer im zweiten Pandemiejahr war Universal, für dessen Filme 28,7 Prozent aller Tickets gelöst wurden. Der Marktanteil der Frankfurter nach Umsatz lag sogar bei 31,7 Prozent. Grundlage dieses Erfolgs ist natürlich primär "Keine Zeit zu sterben", der weltweit zwar bereits von Spider-Man: No Way Home" in den Schatten gestellt wurde, hierzulande aber ein absolut sensationelles Ergebnis (gerade konnte die sechste Besuchermillion und damit der Stern zur goldenen Leinwand verkündet werden) unter erschwerten Bedingungen einfuhr, das 2022 erst einmal wieder erreicht werden will. Der letzte Film, der über sechs Millionen Besucher in Deutschland schaffte, war Die Eiskönigin 2" aus dem Jahr 2019. Um die Dominanz von Bond mit einer Zahl zu illustrieren: Alleine auf diesen Film entfielen fast 15 Prozent der Kinobesuche im vergangenen Jahr... Auch der insgesamt Drittplatzierte kommt aus dem Haus Universal: Fast & Furious 9" schaffte als einer der ersten Hits nach dem zweiten Lockdown über zwei Mio. Besucher.

Insgesamt konnten 2021 acht Besuchermillionäre gefeiert werden, von denen "Spider-Man: No Way Home" in besonderer Weise heraussticht. Denn trotz desolater Rahmenbedingungen sollte die dritte Million - und damit der Bogey in Gold - schon an diesem Wochenende fällig werden. Global ist der Film mit rund 1,4 Mrd. Dollar Boxoffice ohnehin ein Megahit. Tatsächlich ist es vor allem diesem MCU-Highlight zu verdanken, dass Sony mit nur acht Neustarts (gegenüber 20 von Universal und ganzen 32 von Warner) auf Platz drei des Verleiherrankings mit Marktanteilen von 13,3 (Besucher) und 14,0 Prozent (Umsatz) landete. Silber ging an Warner (14,7 und 14,8 Prozent MA), bei deren Toptitel Dune" sich Experten einig sind, dass er mehr als seine (guten) 1,83 Mio. Besucher hätte erzielen können, wenn die attraktivsten Leinwände nicht nach zwei Wochen an "Keine Zeit zu sterben" gegangen wären.

Erfolgreichster Independent ist die Constantin auf Rang 5 (8,2 und 7,6 Prozent MA), die mit ihrem erfolgreichsten Film Kaiserschmarrndrama" einen der zwei deutschen Besuchermillionäre beisteuern konnten. Das Gesamtergebnis von gut 1,13 Mio. ist vor allem deshalb so bemerkenswert, weil man damit trotz Coronabedingungen in Schlagdistanz zum Ergebnis des bislang erfolgreichsten Teils der Reihe (Leberkäsjunkie" aus dem Jahr 2019 mit 1,26 Mio. Besuchern) kam. Generell stellte die Constantin drei der fünf besucher- und umsatzstäksten deutschen Filme 2021, neben der Rita-Falk-Adaption waren dies Contra" und Ostwind - Der große Orkan".

Der insgesamt erfolgreichste deutsche Film kam indes aus dem Hause Leonine: Die Schule der magischen Tiere" zählte über 1,5 Mio. Besucher, ein Sequel zur Bestselleradaption ist bereits auf dem Weg. Und erwähnt werden soll natürlich auch der letzte Titel im Bunde der deutschen Top 5: Catweazle" von Tobis schaffte Platz vier.

Für keinen Verleih war 2021 ein reguläres Jahr - insbesondere gilt das sicherlich für Walt Disney. Das vor der Pandemie absolut dominierende Studio konnte diesmal keinen Besuchermillionär hervorbringen und landete mit Eternals" und Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings" auf den Plätzen neun und zehn der 50 Topfilme des Jahres, der dritte große Marvel-Titel, Black Widow", folgt auf Rang zwölf, im Verleiherranking landete Disney auf Platz vier. Auffällig ist die Diskrepanz zum Abschneiden des Studios in anderen Märkten - denn sowohl in den USA wie auch weltweit dominierte Disney das Geschäft. Ein nicht ganz unwesentlicher Faktor war dabei natürlich der besonders breite Widerstand deutscher Kinobetreiber gegen die Verleihstrategie.

So stammten die erfolgreichsten Marvel-Titel diesmal aus dem Hause Sony - dem einzigen Studio, das nicht am Kinofenster rüttelte (wobei man auch dort allerdings durchaus Filme an Streamer verkaufte und sie damit einer Kinoauswertung völlig entzog). Denn Venom: Let there be Carnage" blieb mit rund 1,14 Mio. Besuchern nur knapp unter dem Ergebnis des 2018 überraschend starken Vorgängers und konnte nach Umsatz Platz 5 erobern.

Nach Besuchern schafft es unterdessen "Paw Patrol: Der Kinofilm" auf diesen Rang (nach Umsatz liegt er auf Platz sechs): Eine der vielleicht überraschendsten Hits des Jahres - und für Paramount in Deutschland tatsächlich der größte Hit seit Baywatch" aus dem Jahr 2017.

Unter dem Strich lässt sich festhalten, dass diverse Filme bewiesen haben, dass Ergebnisse auf Vor-Pandemie-Niveau sogar unter erschwerten Bedingungen möglich sind. Entscheidend wird die Frage sein, ob die extreme Fokussierung auf Toptitel bei Rückkehr (halbwegs) normaler Bedingungen Bestand hat oder nicht. Aktuell jedenfalls sind die externen Faktoren noch zu zahlreich und gravierend, um sich in dieser Frage festzulegen - die Hoffnung für 2022 ist natürlich, dass die Besucher auch wieder mehr in die Breite gehen. Aber zunächst einmal gilt es natürlich, überhaupt auf bessere Bedingungen zu hoffen...

Marc Mensch