Kino

Constantin-Chef Martin Moszkowicz: "Nach vorne schauen und neue Wege gehen"

Die Constantin Film AG ist "einigermaßen gut" durch die Krise gekommen und hat eines der produktivsten Jahre hinter sich. Ihr Vorstandsvorsitzender Martin Moszkowicz zieht im Interview mit Blickpunkt:Film exklusiv Bilanz und spricht über große Pläne, die großen Herausforderungen und seine Erwartungen an den Markt.

07.01.2022 07:12 • von Jochen Müller
Martin Moszkowicz, Vorstandsvorsitzender Constantin Fiilm AG (Bild: Mathias Bothor)

Die Constantin Film AG ist "einigermaßen gut" durch die Krise gekommen und hat eines der produktivsten Jahre hinter sich. Ihr Vorstandsvorsitzender Martin Moszkowicz zieht im Interview mit Blickpunkt:Film exklusiv Bilanz und spricht über große Pläne, die großen Herausforderungen und seine Erwartungen an den Markt.

Blickpunkt:Film: Wie steht die Constantin Film am Ende des zweiten und zu Beginn des dritten Pandemiejahres da?

Martin Moszkowicz: Die Constantin Film steht zum Glück stabil da, weil wir sicher auf drei Säulen ruhen. Die erste bilden unsere Mitarbeiter. Wir haben eines der besten Mitarbeiterteams mit weit über 50 Produzentinnen und Produzenten. Das ist für eine Intellectual-Property-Firma das Fundament. Die zweite Säule besteht aus den Kreativen, mit denen wir zusammen arbeiten. Wir haben wirklich die Crème de la Crème der deutschen Kreativen unter unserem Dach versammelt. Das ist für eine Intellectual-Property-Firma am wichtigsten. Und die dritte Säule sind die Rechte, die wir an Produktionen und Stoffen besitzen. Vor allem mit ihnen sind wir einigermaßen gut durch diese Krise gekommen. Seien wir ehrlich: Was im Kino passiert, ist sehr enttäuschend. Die Kinoeinnahmen liegen weltweit weit unter den Vorjahren, aber neben dem Nachholgeschäft durch Verschiebung der Filmstarts auf später gelingt uns Ersatzgeschäft bei den nachgelagerten Auswertungen und durch Verwertungen aus diesem Rechtestock. Nur leben wir damit von der Substanz, und das lässt sich auf Dauer nicht durchhalten. Im Kinomarkt funktionieren derzeit nur ganz wenige Filme und das sind vor allem erfolgreiche Franchises und die vor allem beim jüngeren Publikum. Dagegen ist der Aufbau neuer Franchises fast nicht möglich. Praktisch alle Erfolge, die es gegeben hat, waren Stoffe, die einen hohen Wiedererkennungswert hatten. Was komplett neu und unbekannt ist, tut sich viel schwerer. Obwohl die Zahlen ganz okay sind, sind wir natürlich enttäuscht vom Ergebnis eines Films wie Contra", der ein viel größeres Potenzial in normalen Zeiten gehabt hätte.

Zehn Filme konnte die Constantin 2021 ins Kino bringen, sehr erfolgreich Kaiserschmarrndrama" und relativ erfolgreich "Contra", Ostwind" und After Love". Macht Ihnen die Auswertung im Kino generell Sorgen?

Martin Moszkowicz: Die Krise wird vorübergehen, aber die Pandemie und ihre Auswirkungen werden länger anhalten, als wir uns das alle vorstellen, und es wird noch lange dauern, bis wir uns wieder auf Vorkrisenniveau bewegen. Weltweit sind die Zahlen im Kino um ca. 50 Prozent gegenüber 2019 zurückgegangen, das betrifft jeden Titel, mit ganz wenigen Ausnahmen wie aktuell Spider-Man: No Way Home". Ich freue mich für die Kollegen von Sony. Aber auch hier ist es ein perfekter Sturm: ein sehr gelungener und außergewöhnlich kommerzieller Film, eine gute Release-Strategie und ein weltbekanntes Franchise, das Teil des MCU ist, das erfolgreichste Franchise aller Zeiten im Kino. Unsere letzte Eberhofer-Komödie ist ein gutes Beispiel dafür, dass auch ein Franchise in Deutschland erfolgreich sein kann. Wir liegen jetzt bei insgesamt über sechs Mio. Zuschauern für alle sechs Filme, und "Kaiserschmarrndrama" war nach Umsatz sogar der erfolgreichste Teil der Reihe. Ohne die vielen Einschränkungen beim Kinobesuch wäre er allerdings noch erfolgreicher gewesen. Eine perfekt auf das Kinoerlebnis zugeschnittene Marketingstrategie hat dafür gesorgt, dass jeder neue Film der Reihe in vielen Gegenden Bayerns ein soziales Ereignis ist. Das zeigt die Kraft des Kinos. "Theatricality" ist das neue Schlagwort für die Zukunft des Kinofilms.

Mit Caveman", "Der Nachname" und Liebesdings" mussten Sie drei vielversprechende Titel unbestimmt verschieben. Sorgt nicht jetzt Omikron dafür, dass das neue Kinojahr so wird wie das alte?

Martin Moszkowicz: Es sind vor allem die Filme für ein erwachseneres Publikum, die es in der Krise schwer haben. Obwohl gerade die älteren Zuschauer geimpft sind, machen sie sich doch die größten Sorgen und zögern, das Haus zu verlassen. Insofern ist Omikron wieder eine Bremse. Die Zahlen werden im Januar und im Februar hochgehen, und ich hoffe sehr, dass wir nicht mehr zu kompletten Lockdowns kommen. Dass aber Kinos nur unter so hohen Auflagen geöffnet sein dürfen, die einen Besuch nur unter größten Hindernissen ermöglichen, kommt einer Defacto-Schließung gleich. Wir haben ein hochattraktives Programm für dieses Jahr, und müssen gerade bei den Ergebnisträgern warten, bis sich die Situation wieder bessert.

Wird den Kinos mit diesen Auflagen nicht wieder ein Sonderopfer abverlangt?

Martin Moszkowicz: Ich bin überhaupt nicht einverstanden damit, wie der gesamte Kunst-, Kultur- und Unterhaltungssektor in der Krise behandelt worden ist. Es gibt gravierende Unterschiede, wie etwa mit Sportveranstaltungen oder der Gastronomie in der Krise umgegangen wurde. Dabei sollte der Grundsatz der Gleichbehandlung gelten. Bei Kunst, Kultur und Unterhaltung verhält sich ein großer Teil von Politik und Verwaltung so, als würde man sie nicht so richtig brauchen. Das ist falsch. Für viele Menschen gehört dieser Bereich zum täglichen Leben - und als Gesellschaft definieren wir uns darüber. Natürlich gab es für die Branche Hilfen, und in einigen Bereichen haben sie auch geholfen. Aber wir wollen nicht von Almosen leben, sondern mit der Situation konstruktiv umgehen, und das ist durchaus möglich. Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen über das sehr geringe Infektionsrisiko im Kino, weitaus geringer als in fast allen anderen Bereichen des täglichen Lebens. So wie man sich sonst mit dem Virus arrangieren muss, hätte man das auch hier besser tun können und den Kunst-, Kultur- und Unterhaltungssektor nicht so massiv beschädigen müssen.

Welche Unterstützung hatten Sie von der Politik erhofft, und welche Hilfsmaßnahmen haben gegriffen?

Martin Moszkowicz: Ich glaube, dass die Hilfsmaßnahmen bei den Kinos während der ersten drei Lockdowns gut geholfen haben. Dass die Theater jetzt im größten Teil Deutschlands offen sein können, aber es zu wenig Produkt gibt, um sie kostendeckend zu betreiben, macht die Situation eher dramatischer. Für den Kinoverleihsektor gab es praktisch keinerlei Hilfen, die wirklich gegriffen hätten. Wir haben Millionenbeträge ausgegeben, um Filme vorzubereiten, Werbung gebucht und bezahlt, und mussten dann die Filme kurzfristig aus dem Kino nehmen oder die Starts verschieben - und das mehrfach. Filme herauszubringen ist ein langwieriger und komplexer Prozess und nicht so planbar, wie einen Gastronomiebetrieb auf- oder zuzusperren. Das geht nicht von heute auf morgen.

Wäre nicht auch ein Ausfallfonds für Verleiher erforderlich gewesen?

Martin Moszkowicz: Es gab einen kleinen Topf, den das BKM zur Verfügung gestellt hat, für die Herausbringungskosten von Filmen, die in der Pandemie gestartet sind. Das war aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Ich hätte mir sehr einen Ausfallfonds analog zu dem bei den Produktionen gewünscht, der dort hervorragend funktioniert hat. Wir haben ihn gefordert, vor allem für deutsche Produktionen, bei denen man aufgrund der Fenstervorgaben weniger flexibel auf Veränderungen in der Auswertungskette reagieren kann, aber er war leider nicht durchsetzbar.

Gibt es jetzt besondere Erwartungen an die neue Regierung und Claudia Roth als neue BKM?

Martin Moszkowicz: Claudia Roth kennt und versteht unsere Branche. Das ist natürlich sehr hilfreich. Wir glauben, dass wir gut zusammen arbeiten werden. Ich bin zuversichtlich, dass sie hinhört, wenn wir sagen, was die Probleme sind. Es ist wichtig, dass unser Bereich in seiner Bedeutung gesehen wird. Glücklicherweise sind in dieser Hinsicht auch einige Punkte in den Koalitionsvertrag aufgenommen worden, darunter die Kultur als Staatsziel. Es ist von großer Bedeutung, wie mit dem Thema umgegangen wird, weil wir sonst immer wieder hinten runterfallen, mal ganz abgesehen davon, dass wir zu Beginn der Pandemie mit Bordellen und anderen Dienstleistungen zusammengeworfen wurden. Dass zeigte, wie das Denken in der Verwaltung ist. Es ist dringend notwendig, dass hier umgedacht wird.

Gleichzeitig hat die Constantin 2021 Benchmarks gesetzt mit Programmen wie Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", LOL" oder jetzt Eldorado KaDeWe" und Der Palast". Verschieben sich die Gewichte bei einer dem Kino traditionell so verbundenen Firma wie der Constantin stärker in Richtung Fernsehen und Streaming?

Martin Moszkowicz: Kino ist und bleibt Teil unserer DNA, und die Constantin Film eine Company, die sich maßgeblich darüber definiert, was wir im Kino machen. Gleichzeitig stimmt es, dass der gesamte digitale und TV-Bereich, der bei uns von Oliver Berben im Vorstand verantwortet wird, ein massiver Wachstumsbereich ist und in den nächsten Jahren bleiben wird. Die Aufbauarbeit, die Oliver und sein Team in diesem Bereich in den letzten Jahren hier geleistet haben, ist einzigartig in der deutschen Medienlandschaft. Im Kino haben wir ein Plateau erreicht, das sich in Deutschland für eine Firma wie die Constantin Film nicht viel weiter verbessern lässt. Jedes Jahr ranken wir in der Top 5 der Auswerter und an erster Stelle der Independents und erreichen bei deutschen Produktionen den überwiegenden Marktanteil von allen deutschen Produktions- und Auswertungsfirmen. Der Branchentiger der FFA, der den Erfolg bei deutschen Produktionen misst, geht mit ganz wenigen Ausnahmen regelmässig jedes Jahr an die Constantin Film. Hier großes Wachstum zu erwarten, wäre vermessen. Im Fernseh- und Digitalbereich allerdings wird sich der Bedarf an Programm in den nächsten Jahren noch erheblich erhöhen. Tatsächlich hat unsere Produktion in der Krise mit Ausnahme weniger Wochen zu Beginn des ersten Lockdowns durchgearbeitet. 2021 war eines der produktivsten Jahre der Constantin. Teilweise waren dreizehn, vierzehn Serien parallel in Produktion, die jetzt nach und nach auf die Plattformen und in die Sender kommen. Allerdings müssen wir darauf achten, dass auch die Margenstärke dieser Produktionen angemessen bleibt. Wir arbeiten mit großem Aufwand und großem Overhead und versuchen so, die Qualität herzustellen, die Auftraggeber und Zuschauer von uns erwarten. Wir müssen deswegen entsprechend verdienen und gleichzeitig Rechte an den Produktionen generieren, die bei uns bleiben. Ohne unseren Rechtekatalog wären wir durch diese Krise nicht so gut durchgekommen. Wir müssen zu fairen Bedingungen kommen, wenn es um die Auftragsvergabe der neuen Marktteilnehmer geht. Im Fernsehbereich haben wir die Auseinandersetzung um die Terms of Trade über 20 Jahre geführt.

Mir scheint, dieser Kampf geht immer noch weiter?

Martin Moszkowicz: Der Kampf geht weiter, aber es ist heute möglich, gerade mit den klassischen Fernsehsendern Bedingungen auszuhandeln, die uns als Firma, die das Produkt entwickelt und herstellt, auch Rechte daran sichert. Das ist mit den neuen Marktteilnehmern weniger und weniger möglich, auch wenn jetzt mehr Konkurrenz in dem Bereich stattfindet. Faire Terms of Trade und ein Rechtebehalt müssen zum Teil durch regulatorische Eingriffe gewährleistet werden, zum Teil dadurch, dass wir uns entscheiden, die eine oder andere Produktion nicht zu machen, wenn die Konditionen nicht stimmen.

Neben einem Rechtebehalt bzw. -rückfall, geht es um die im Koalitionsvertrag festgeschriebene Investitionsverpflichtung, die Streamer dazu bringen soll, einen Teil ihrer Umsätze in Deutschland in lokale Produktionen zu investieren. Wie ist hier Ihre Position?

Martin Moszkowicz: Die Investitionsverpflichtung und faire Marktbedingungen für Auftragsproduktionen im Bereich der Streamer gehören zusammen. Das lässt sich nicht trennen. Ich finde es richtig, dass Streamer einen Teil ihrer Erlöse, die sie in den jeweiligen Ländern generieren, reinvestieren, aber nicht als Selbstzweck, sondern auch in einer Form, die es Produktionsfirmen gestattet, Rechte zu behalten und Rechtebibliotheken aufzubauen. Der Produktionsmarkt ist per se gut ausgelastet. Das liegt an der Krise, in der Produktionszeiträume länger geworden sind, und es aufwändiger ist, unter Einhaltung aller Bedingungen zu produzieren. Auf der anderen Seite ist der Bedarf viel größer geworden. Insofern ist es wichtig, dass sich alle großen Firmen daran beteiligen, die Nachwuchssituation zu verbessern. Das haben wir uns bei der Constantin Film auf die Fahnen geschrieben. Wir haben ein duales Studium zusammen mit der Hochschule in Ansbach und der Hochschule für Film und Fernsehen in München eingerichtet und zusätzlich ein internes Trainee-Programm aufgebaut Mit Alpenrot haben wir ein eigenes Programm für den Nachwuchs aufgelegt, bei dem es im neuen Jahr wieder Produktionen geben wird. Nachdem uns die demographische Entwicklung nicht in die Hände spielt, müssen wir hier besondere Anstrengungen unternehmen, um auch im internationalen Vergleich wettbewerbsfähig zu bleiben. Und natürlich müssen auch die Konditionen stimmen, zu denen wir junge Menschen in die Branche holen.

Wie wichtig ist die Verlängerung der Ausfallfonds im Produktionsbereich? Ohne geht es mit Blick auf Omikron wohl auch in Zukunft nicht?

Martin Moszkowicz: Es ist unmöglich, vernünftig zu produzieren, wenn man nicht in der Lage ist, sich gegen derartige Risiken zu versichern, gerade wenn Lockdowns nicht ausgeschlossen werden können. Dass dieses Risiko allein der Produzent schultert, ist nicht möglich. Die Ausfallfonds haben sehr gut funktioniert und sind im Übrigen gar nicht so stark in Anspruch genommen worden, abgesehen von wenigen Härtefällen, in denen Produktionen für zwei oder mehr Wochen zum Stillstand gekommen sind. Man wird sie auch in Zukunft brauchen. Solange das Virus uns begleitet, müssen wir in der Lage sein, mit kalkulierbarem Risiko zu arbeiten. Ganz abnehmen kann uns das Risiko sowieso keiner.

Haben sich denn für die Produktions-Mehrkosten durch Corona Wege finden lassen, um sie auf mehr Schultern zu verteilen - die der Förderer, der Sender oder der Streamer?

Martin Moszkowicz: Mal so, mal so, das ist eine "mixed bag". Glücklicherweise können wir in einer Reihe von Bereichen die Mehrkosten kalkulieren. Allein die Tatsache, dass jeden Morgen oft 60 bis 70 Leute getestet werden müssen, sorgt für längere Drehzeiten. Das ersetzt einem natürlich niemand, weil insbesondere die klassischen TV-Sender immer noch erwarten, dass Produktionen in einem vorgegebenen Budgetrahmen realisiert werden. Aber es gibt durchaus Auftraggeber, bei denen Mehrkosten, die durch ein vernünftiges Covid-Regime anfallen, in den Budgets angesetzt werden können. Gerade die Streamer geben da eine bessere Unterstützung. Darüber hinaus variieren Produktionsbedingungen auch sehr stark. Wir bewegen uns in einem komplizierten Umfeld mit lokalen Vorgaben, Vorgaben der jeweiligen Auftraggeber und Covid-Regularien, die wir uns als Firma selbst gesetzt haben. Das ist sehr komplex, und ich finde es grandios, wie die Produktionsabteilungen, die Herstellungs- und Produktionsleiter diese Herausforderung gemeistert haben.

Gibt es bald nur noch Geimpfte und Genesene am Set?

Martin Moszkowicz: Wir ermuntern alle unsere Mitarbeiter, auch in der Verwaltung der Constantin Film, sich impfen zu lassen. Wir haben auch schon früh allen unseren Mitarbeitern Impfungen über unseren Betriebsarzt angeboten, und ein sehr großer Teil hat das wahrgenommen. Wir liegen weit über dem Bundesdurchschnitt. Ich hoffe sehr, dass das bald auch für die Crews und den Produktionsbereich so sein wird. Sicherlich ab dem Moment, ab dem es eine allgemeine Impfpflicht gibt. Im Übrigen arbeiten wir auch international, und wenn an einer Produktion zum Beispiel Schauspieler der Screen Actors Guild beteiligt sind, muss jeder geimpft sein. Kein amerikanischer Schauspieler geht an ein Set, an dem nicht alle geimpft sind.

Neben den Mehrkosten durch Corona wird auch die erklärte Absicht, grün und nachhaltig zu drehen, Mehrkosten verursachen. Wer wird die übernehmen?

Martin Moszkowicz: Die Produktionskosten werden über die nächsten Jahre erheblich ansteigen. Das liegt schon daran, dass der Arbeitsmarkt in dem Bereich so angespannt ist. Die Gagen werden nach oben gehen bzw. sind bereits höher als in den Vorjahren, das ist eine Frage von Angebot und Nachfrage. Aber es gibt viele weitere Bereiche, das Thema Nachwuchs, Green Shooting oder das Covid-Regime, die Mehrkosten verursachen. Natürlich kann es nicht sein, dass diese Kosten alle von den Produzenten getragen werden oder den Ertrag bei den einzelnen Produktionen so massiv reduzieren, dass nicht mehr wirtschaftlich gearbeitet werden kann. Insofern hoffe ich sehr, dass alle an der Finanzierung von Filmen, Fernsehsendungen oder Streamingproduktionen Beteiligten auch ihren Teil davon übernehmen, dass wir sie kalkulieren bzw. gegenüber den Auftraggebern ansetzen können. Gerade im Bereich Green Shooting hat die Constantin Film Maßstäbe gesetzt. Wir waren die ersten, die große Produktionen komplett grün gedreht haben, und wir setzen inzwischen bei allen größeren Produktionen Green Consultants ein, die uns beraten, was man noch besser machen könnte.

Den Produktionsoutput zu steigern, helfen neue Partner wie Herbert G. Kloiber und mit Til Schweiger ein früherer Star der Constantin. Wie ist es dazu gekommen?

Martin Moszkowicz: Wir haben uns an zwei neuen Firmen beteiligt und eine interne Umstrukturierung vorgenommen. Da ist einmal die High End Productions, die wir mit Herrn Dr Kloiber partnerschaftlich gegründet haben, und die sich um hochklassige Eventproduktionen im Fernsehbereich kümmern wird, und zwar vor allem für die klassischen Fernsehsender in Europa, die im Moment vielleicht ein wenig gegenüber den Streamern ins Hintertreffen geraten sind, die ihre Filme auf weltweiter Basis kaufen. Um für diesen Markt Produktionen herzustellen, sind das Know-how, die Erfahrung, die Kontakte und der unternehmerische Überblick von Herrn Kloiber ein unerlässlicher Faktor. Jonas Bauer wird die Firma von Wien aus führen. Bei der Constantin Film ist diese Kooperation im Bereich von Oliver Berben angesiedelt.

Ist da aus alter Konkurrenz eine wunderbare neue Freundschaft entstanden?

Martin Moszkowicz: Wir kennen und schätzen uns schon viele Jahre, und diese Möglichkeit hat sich jetzt ergeben. Es gab allerdings auch schon früher Gespräche, als die TeleMünchen noch im Besitz von Herrn Kloiber war. Die Idee zu kooperieren ist also nichts Neues. Die zweite Firma, an der wir uns in Los Angeles beteiligt haben, betrifft schwerpunktmässig "Local Language" Produktionen, also Produktionen, die nicht auf englisch, aber für den Weltmarkt produziert werden. Die Company heißt Upgrade Productions und verfügt mit Jonathan Kier und Matt Brodlie über zwei sehr erfahrene Executives, die mit ihren Vorhaben vor allen Dingen Streamer ins Visier nehmen, wenn auch nicht ausschließlich. Und schließlich haben wir noch eine interne Umstrukturierung vorgenommen, mit der wir unsere Vertriebsaktivitäten, die bisher in verschiedenen Firmen in der Constantin Filmgruppe angedockt waren, in der neuen Constantin Vertriebs GmbH bündeln.Torsten Koch und Oliver Koppert verantworten nach wie vor die Vermarktung unserer Filme im Kino in der Constantin Verleih GmbH. Die neue Vertriebs GmbH hat eine Vierer-Geschäftsführung bestehend aus Karola Bayr, Katja Kessler, Oliver Koppert und Wolfgang Preckl und hat am 1. Januar ihren Betrieb aufgenommen. Der Gesamtbereich Vertrieb wird wie auch bisher im Vorstand der Constantin Film von Franz Woodtli verantwortet.

Und wie ist es zur Rückkehr von Til Schweiger gekommen?

Martin Moszkowicz: Es ist doch wunderbar, wenn jemand dahin zurückkommt, wo er seine Karriere begonnen hat. Wir haben uns darüber sehr gefreut. Angefangen hat es damit, dass wir für das Remake eines französischen Films, "Das Beste kommt noch", nach einem Regisseur und einer Besetzung gesucht haben. Das hat für Til perfekt gepasst. Es gibt keinen Rahmenvertrag, aber wir planen das eine oder andere Projekt, zuallererst eine Folgeproduktion zu "Manta, Manta", der längst ein Kultfilm ist, und dessen Sequel wir dieses Jahr drehen wollen.

In der Kinoauswertung scheint sich nach Versuchen mit Day-&-Date-Starts bei den Majors ein Fenster von 45 Tagen zu etablieren. Was heißt das für deutsche Filme?

Martin Moszkowicz: Ich glaube nach wie vor daran, dass eine Auswertungskaskade notwendig ist, und Filme in zeitlicher Abfolge in verschiedenen Auswertungen angeboten werden sollten. Natürlich müssen wir die Kinos in einem gewissen Umfang schützen. Es sind die Zeiträume, über die wir uns streiten, und wie flexibel die Regelungen gestaltet werden können. Diese Entwicklung hat sich schon lange angedeutet, unabhängig von der Pandemie, die sie jetzt beschleunigt hat. Dass ein Film mit viel Geld für den Kinostart beworben wird und danach vier oder gar sechs Monate herumliegt und vergessen wird, bevor er dann im Home Entertainment erscheinen darf, ist einfach völliger Unsinn. Ich hoffe sehr, dass wir den Wettbewerbsnachteil, der deutschen Produktionen entsteht, weil amerikanische Filme schon nach 45 Tagen verfügbar sind, reduzieren können und zu einer vernünftigen Regelung kommen. Was ich aus Gesprächen mit vernünftigen Theaterbesitzern und -betreibern höre, wird das auch verstanden - überzeugen müssen wir jetzt Verbände und Politik.

Welcher Zeitraum für das Kinofenster schwebt Ihnen vor?

Martin Moszkowicz: Es muss uns gelingen, diese Zeiträume zu komprimieren. Ich will jetzt nicht eine Anzahl von Tagen nennen, die von uns angestrebt wird, aber wir möchten nicht ins Hintertreffen gegenüber US-Produktionen geraten. Gerade unsere deutschen Produktionen sind für die deutsche Filmwirtschaft mindestens so wichtig, wie das, was von den amerikanischen Studios kommt. Das liefert sozusagen das große Grundrauschen. Die Spitzen kommen immer dann, wenn es eine Firma wie die Constantin schafft, mit Filmen fünf, sechs oder sieben Mio. Zuschauer zu machen, hin und wieder auch mehr. Das gelingt uns seit über 30 Jahren mit schöner Regelmäßigkeit immer wieder. Das ist eine einzigartige Position der Constantin Film im Markt, und das wissen auch die Theater. Wir können diese Filme nur vernünftig produzieren, wenn wir hier zu neuen und anderen Formen kommen.

Inwieweit hängen Ihre großen Produktionen davon ab?

Martin Moszkowicz: Eine der wichtigsten Produktionen, die wir in diesem Jahr angehen werden, ist die Verfilmung von "Hagen", an der wir seit 20 Jahren arbeiten. Das wird die größte Produktion, die die Constantin seit Jahrzehnten aus Deutschland heraus gestemmt hat, ein großes Abenteuer-Fantasy-Epos auf der Basis der größten Sage im deutschen Sprachraum und eines Buches von Wolfgang Hohlbein, der einen Character Switch vorgenommen und Hagen als positive Figur in das Zentrum der Nibelungensage gestellt hat. Siegfried ist hier der Antagonist, der versucht, in die perfekte aber traditionelle Welt der Burgunder einzudringen. Das bringen wir mit einem neuen Konzept auf den Markt und brauchen dafür die Unterstützung aller Beteiligten, auch der Förderungen und Sender. Wir wollen auf der Basis eines der bekanntesten Stoffe, die es in unseren Breitengraden und in der Welt gibt, einen großen Event-Kinofilm herstellen, ein wuchtiges Kinoereignis wie "Das Parfum" oder "Der Name der Rose", das wir mit Millionenaufwand ins Kino bringen werden. Parallel stellen wir eine sechsteilige Serie her, die zeitversetzt ausgewertet und ein eigenes Leben und einen eigenen Markt haben wird. Sie folgt einem anderen dramaturgischen Aufbau, umfasst aber einen Teil des Kinofilms. Produktionscrew, Schauspieler und die Regisseure Cyrill Boss und Philipp Stennert sind identisch, aber es sind zwei gleichwertige Produkte, die auf verschiedenen Plattformen ausgewertet werden. Wir wollen damit zeigen, dass es möglich ist, mit einem Kinofilm ein Millionenpublikum zu erreichen und gleichzeitig mit einer Serie über Streamer, Fernsehen und Home Entertainment noch einmal Millionen Zuschauer zu generieren. Diese Form, hybrid zu denken, gab es das letzte Mal bei "Das Boot". Das ist unser Versuch, daran mit den heutigen Möglichkeiten anzuknüpfen. Als deutscher Marktführer sind wir gefordert, mit neuen Konzepten auf den Markt zu gehen. Wir haben ein grandioses kreatives Team und fangen im September zu drehen an.

Was sehen Sie als die großen Herausforderungen für die Constantin in den nächsten zwölf Monaten?

Martin Moszkowicz: Die wichtigste Herausforderung ist, dass es uns gelingt, unsere kreative Flexibilität zu erhalten und gleichzeitig qualitative und kommerzielle Marken zu setzen. Wir dürfen nicht anfangen zu resignieren, sondern müssen nach vorne schauen und neue Wege gehen. In jeder Krise liegt auch eine Chance. In dieser Krise liegt die Chance, an Dinge neu heranzugehen, die sich über die Jahre eingeschliffen haben. Wir müssen Gräben überwinden, statt sie zu vertiefen. Unsere Branche ist eine ultramoderne und nachhaltige Zukunftsbranche in allen Bereichen und es gilt, gemeinsam etwas Neues hinzubekommen. Nicht alles wird funktionieren, aber wir müssen flexibel genug bleiben, um neue Ansätze zu prüfen. Dafür muss man sich eine geistige, aber auch eine unternehmerische Flexibilität erarbeiten, statt in eine Routine der Krise zu verfallen.

Was sind die Filme auf die Sie sich am meisten freuen?

Martin Moszkowicz: Da müsste ich jetzt alle unsere Titel nennen, weil wir eine wirklich starke Staffel haben. Ich freue ich mich sehr auf "Hagen". Das ist eine so monolithische Produktion, bei der wir über Produktionskosten von zig Millionen reden, weit über dem, was für einen deutschen Film jemals zur Verfügung gestanden hat. Ich freue mich auf den neuen Film von Anika Decker mit Elyas M'Barek, "Liebesdings", der in diesem Jahr in die Kinos kommen wird. Oder den neuen Film von Doris Dörrie, Freibad". Und natürlich freue ich mich auf den neuen Film von Bora Dagtekin, der mit Hochdruck an seinem nächsten Projekt arbeitet. Es gibt keinen deutschen Filmemacher, der ein so ausgeprägtes kommerzielles Gespür hat wie er und der gleichzeitig seine Filme mit einer Perfektion dreht, die einzigartig ist. Ich habe nicht einen Tag bereut, dass Bora und ich vor ca. 10 Jahren bei einem Abendessen eine mehrjährige Kooperation verabredet haben. Wir als Firma müssen einem Künstler den Freiraum schaffen, in Ruhe seine Ideen zu entwickeln. Seit über einem Jahr wird intensiv daran gearbeitet, das nächste Projekt von ihm auf die Beine zu stellen. Noch kann ich kein genaues Datum nennen, aber eines kann ich sicher sagen, dass der nächste Film, der von Bora ins Kino kommt, eine Sensation wird.

Das Gespräch führte Ulrich Höcherl