Kino

KOMMENTAR: 150 ist das neue 90

Es gebe keinen Grund für eine Komödie, länger als 90 Minuten zu sein, hat Woody Allen einmal gesagt. Und hat sich im Lauf seiner Karriere verblüffend streng daran gehalten, sieht man einmal von einer Phase in den Neunziger- und Nullerjahren ab, in der er regelmäßig über die Stränge schlug.

06.01.2022 07:16 • von Jochen Müller
Thomas Schutze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Es gebe keinen Grund für eine Komödie, länger als 90 Minuten zu sein, hat Woody Allen einmal gesagt. Und hat sich im Lauf seiner Karriere verblüffend streng daran gehalten, sieht man einmal von einer Phase in den Neunziger- und Nullerjahren ab, in der er regelmäßig über die Stränge schlug. Und doch ist Match Point" von 2005 sein einziger Film, der länger als zwei Stunden läuft - und den kann man kaum als Komödie bezeichnen. An Allens launige Äußerung musste ich denken, weil es in den letzten Monaten immer weniger Filme zu geben schien, die ihre Geschichten in weniger als 150 Minuten erzählen konnten. Dabei gehöre ich nicht zu den Menschen, die nicht gerne lange im Kino sitzen - ich kann mich erinnern, eher irritiert gewesen zu sein, wenn ein geschätzter Kollege vor den Pressevorführungen immer nachfragen musste, wie lange der nun kommende Film sei, und tiefe Verzweiflung vorspielte, wenn er zu hören bekam, dass die Laufzeit 120 Minuten übertraf. Wie heißt es so schön: Ein gelungener 180-Minüter fühlt sich kürzer an als ein gescheiterter 90-Minüter.

Und doch fällt auf, wie viele Filmemacher sich aktuell berufen fühlen, Werke zu schaffen, die anhand ihrer Länge den Anschein erwecken, sie spielten in einer Liga mit Ben-Hur" (der von William Wyler natürlich, 212 Minuten). Es mag, wie in Zeiten der ursprünglichen Breitwand-Monumentalfilme, mit denen das Kino sich gegen den neuen Feind Fernsehen zur Wehr setzte, daran liegen, dass eine üppige Laufzeit Mehrwert verspricht: Man bekommt etwas für sein Geld. Wer verlässt in der Ära von Netflix noch das Haus, um sich gerade einmal 100 Minuten im Kino unterhalten zu lassen? Und doch: Irrwitz. Kein "Spider-Man" war jemals so lang wie No Way Home" - 148 Minuten. Kein Bond nahm sich je so viel Zeit wie Keine Zeit zu sterben" - 163 Minuten. Eternals" - 156 Minuten. "Matrix Ressurrections" - 148 Minuten. "West Side Story" - 156 Minuten. Dune" läuft 155 Minuten - und erzählt nur das halbe Buch. Ridley Scott packte binnen drei Monaten gleich zwei Film auf die Leinwände, die länger als zweieinhalb Stunden laufen: "The Last Duel" - 152 Minuten - und House of Gucci" - 158 Minuten. Selbst ein offenkundig inhaltloser Actionfilm wie Fast & Furious 9" schwang sich zu 143 Minuten Länge auf - der längste des Franchise, das 2001 mit knackigen 106 Minuten gestartet war.

Die Belastung des Sitzfleisches macht sich bezahlt: Die vier erfolgreichsten Kinofilme in Deutschland im Jahr 2021 waren 150-Minüter; der Toptitel 2020 war Tenet" - 150 Minuten. Nicht zuletzt besteht die Top fünf der weltweit erfolgreichsten Filme aller Zeiten ausschließlich aus Filmen, die 150 Minuten oder länger sind. Dass der Abräumer bei den Kritikerpreisen, Drive My Car", 179 Minuten dauert, sollte nicht verschwiegen werden. Kommerziell geholfen hat es dem japanischen Festivalhit bislang noch nicht.

Thomas Schultze, Chefredakteur