Produktion

Bettina Oberli & Cooky Ziesche über "Wanda, mein Wunder": "Eine Comédie très humaine"

Heute startet endlich die bissige Satire "Wanda, mein Wunder" in den deutschen Kinos. Regisseurin Bettina Oberli und Autorin Cooky Ziesche erzählen über ihre ganz besondere Zusammenarbeit.

06.01.2022 08:37 • von Barbara Schuster
Bettina Oberli & Cooky Ziesche (Bild: Maurice Haas, Gundula Krause)

Heute startet endlich die bissige Satire Wanda, mein Wunder" in den deutschen Kinos. Regisseurin Bettina Oberli und Autorin Cooky Ziesche erzählen über ihre ganz besondere Zusammenarbeit.

"Wanda, mein Wunder" wurde im Frühjahr 2019 gedreht und sollte 2020 beim Tribeca Film Festival Weltpremiere feiern. Mit großer Verspätung kommt er nun endlich in die Kinos in Deutschland. Was hat Covid mit Ihrem Film gemacht?

Bettina Oberli: Das ist schwierig zu sagen, weil ich nicht weiß, wie es ohne Corona gelaufen wäre. Natürlich wäre die Auswertung viel dichter verlaufen. Der Launch von "Wanda" zieht sich nun schon seit fast zwei Jahren hin. Es sind immer wieder Starts in verschiedenen Ländern erfolgt, aufgedröselt über diesen langen Zeitraum. In den USA lief er in den Kinos, bevor er überhaupt in der Schweiz starten konnte. Das ist schon sehr ungewöhnlich mitzuverfolgen. Besonders schade war für mich, dass ich den Film nicht begleiten konnte. Ich habe mich natürlich sehr über die Einladung nach Tribeca gefreut, wo er nur der Jury gezeigt wurde und wir sogar noch mit dem Nora Ephron Prize gewürdigt wurden. Die Reise nach New York im Zusammenhang mit dem sich anschließenden US-Kinostart wäre auf alle Fälle wichtig gewesen für mich, für meine nächsten Projekte. Festivals sind immer nützlich und wichtig, weil man neue Kontakte knüpft, seine nächsten Stoffe aufgleisen kann. Ich reise nicht nur um des Reisens willen, um schöne Orte zu besuchen. Sondern weil es ein wichtiger Teil meiner Arbeit ist. Das lief also sicher sehr anders. Andererseits ist es für alle eine Ausnahmesituation. Ich bin nicht allein, jeder hat versucht, sich durch diese Coronazeit durchzustrampeln. Retrospektiv ist es für uns gar nicht so schlecht gelaufen. Es gab so viele Leute, die sich bemüht haben, den Film am Leben zu erhalten, uns Chancen mit Festivaleinladungen gegeben haben...

Finden Sie, dass die Themen, die behandelt werden, die von vor Corona stammen, eventuell an Relevanz verloren haben? Man bewegt sich ja ein Stückweit auch von seinem Film weg in dieser langen Zeit...

Cooky Ziesche: Über diese Frage habe ich passenderweise vor unserem Interview nachgedacht, weil ich wissen wollte, wann ich damit angefangen habe, mich mit dem Stoff zu befassen. Das Ganze ging in der Tat bereits im Herbst 2015 los. Damals begannen Bettina und Produzent Reto Schaerli von Zodiac Pictures über diese Geschichte zu reden. Ich glaube, der Spirit der Geschichte ist ein Vor-Corona-Spirit. Ich kann aber nicht sagen, wo sich das Thema mit Corona hin entwickelt hat, weil der Prozess noch nicht abgeschlossen ist. Der Einschlag Corona macht mit uns eine Menge, mit einer Gesellschaft, mit Familien, mit unserer Branche. Zu sagen, was ganz genau, ist noch zu früh. Wenn wir in einem Jahr darüber reden, kann ich es klarer formulieren. Der Film ist nicht weniger aktuell geworden. Nur dass sich die Fragen jetzt anders stellen: Wie geht man miteinander um, was ist mir wichtig im Leben, worauf fokussiere ich mich, wie viel bin ich bereit für äußerliche Werte an Kraft zu investieren? Man ist wählerischer, man sieht die Endlichkeit, man versteht die Dinge für sich stärker zu fokussieren, kann klarer artikulieren, was einem wichtig, was einem nicht so wichtig ist. Wenn ich auf unsere Branche blicke, fällt auf, dass die Menschen nur noch die Blockbuster im Kino gucken. Dann kommt lange nichts. So wird es vermutlich bleiben. Das wird eine Revolution in unserer Branche auslösen. Wenn die vielen, vielen kleinen Filme, die entstehen, nicht explizit ein Thema oder eine Handschrift haben, werden sie kein Publikum mehr finden. Dieser Prozess wurde schon vor Corona in Gang gesetzt. Durch Corona hat er sich manifestiert und zugespitzt. So ist das thematisch auch mit unserem Film. Es ist alles noch da, nur einfach viel zugespitzter und deutlicher zu sehen.

Was hat Sie, Frau Oberli, dazu bewegt, Cooky Ziesche als Autorin für diesen Stoff anzufragen?

Bettina Oberli: Ich wollte schon lange mit Reto Schaerli von Zodiac Pictures zusammenarbeiten und stand mit ihm immer wieder mal im Austausch über verschiedene Projekte. Bis das Passende kam, hat es eine Weile gedauert. Irgendwann kamen wir auf das Thema Care-Migration in der Schweiz, das in der Luft lag und immer noch liegt und über das man einerseits etwas gesellschaftlich Relevantes erzählen kann, das sich andererseits aber auch gut dazu eignet, ein familiäres Konstrukt zu untersuchen. Familie ist ein Thema in meinen Arbeiten, das ich gerne in allen Arten und Weisen, unter verschiedenen Blickwinkeln untersuche und beleuchte. Reto und ich wussten von Anfang an, dass wir kein klares, lineares Gesellschaftsdrama erzählen wollen, sondern als Geschichte, die in eine Überspitzung gehen kann, eine komische Seite hat. In diesem Zusammenhang brachte Reto Cookys Namen ins Spiel. Durch ihre Arbeiten, durch Filme wie "Halbe Treppe", das experimentellere Erarbeiten von Stoffen, hatte ich ein gutes Gefühl, konnte ich mir gut vorstellen, dass es passt. Nachdem wir sie kontaktiert hatten, signalisierte sie glücklicherweise schnell ihr Interesse.

Wie genau sah die Zusammenarbeit beim Drehbuch aus? Wie sehr ist "Wanda" Cooky Ziesches Film, wie sehr ist er Bettina Oberlis Film?

Cooky Ziesche: Wir sind Ko-Autorinnen, die Zusammenarbeit war sehr eng. Wobei Bettina die Königin ist. Sie ist die Regisseurin. Eine Autorin ist immer eine Dienende. Letzten Endes steht die Regisseurin am Set, arbeitet in der Inszenierung mit den Schauspielern, mit der Kamera... Die Regisseurin ist tatsächlich diejenige, die entscheidet, welcher Stil, welche Handschrift, welchen Ton ein Film findet. In diesem Sinne haben wir am Anfang viel geredet, weil wir uns nicht kannten und herausfinden mussten, ob wir eine gemeinsame Vision für "Wanda" finden und wie der Ton sein kann. Da lagen wir zu Beginn durchaus nicht auf einer Linie. Ich wollte die Geschichte komödiantischer, grotesker, satirischer. Bettina war mehr einfühlsam, psychologischer. Im Grunde haben wir mit "Wanda" das Genre der "menschlichen Komödie" kreiert.

Bettina Oberli: Im Französischen gibt es den Ausdruck "Comédie humaine". Ich habe immer das Gefühl, eine "Comédie très humaine" erschaffen zu haben, eine sehr menschliche Komödie mit allen Konsequenzen. Wie Cooky sagte, haben wir am Anfang sehr viel geredet, viel entwickelt. Die größte Schreibarbeit und den ganzen dramaturgischen Prozess hat Cooky übernommen, da ich in jener Zeit auch noch zwei andere Projekte gedreht habe, die ich zum Teil auch noch mitgeschrieben habe.

Durch diverse Entwicklungen in den letzten Jahren oder auch durch die Streamer, die die Showrunner/Autoren offenbar als wichtigstes Glied in der Kette betrachten: Wie hat sich die Gemengelage verändert bei Autoren und Filmemachern?

Cooky Ziesche: Ich weiß, dass ich mit meiner Aussage, der Autor sei ein Dienender, von den Kolleginnen und Kollegen gelyncht werde. Aber ich kann aus meiner Sozialisierung als Autorin keinen Hehl machen. Ich bin keine klassische Autorin, ich bin von Haus aus Dramaturgin - und ich bilde mir ein, das auch gut zu können. In meiner Karriere habe ich viele, viele Stoffe begleitet, oft in der Funktion als Script Doctor. Irgendwann ist mein urheberrechtlicher Anteil am Drehbuch so hoch geworden, dass ich auch einen Credit wollte. Aber im Herzen bin ich immer eine Dramaturgin geblieben. Ich diene. Das ist einfach so. Gleichzeitig ist Film Teamarbeit. Jede Regisseurin, jeder Regisseur ist gut beraten, den Autoren auf Augenhöhe, mit Respekt zu begegnen und die Drehbucharbeit nicht einfach als Dienstleistung zu verstehen. Dienende ist nicht Dienstleistung. Eine Dienende ist wie unsere Heldin Wanda. Sie ist auch Dienende, aber sie ist auf Augenhöhe, sie erniedrigt sich nicht, fällt nicht auf die Knie. So fühle ich mich auch. Aber unterm Strich würde ich immer nachgeben, weil ich auch Pragmatikerin bin, ich stehe nicht am Set. Ich muss die Regisseurin ermächtigen, Material zu haben, mit dem sie mit den Schauspielern gut umgehen kann. Sonst wird es nichts. Das ist meine Lebenserfahrung, die vielleicht etwas aus der Zeit gefallen ist und von den Kolleginnen und Kollegen nicht gerade geliebt wird.

Frau Oberli, wie wichtig ist es für Sie, auch als Drehbuchautorin an Ihren Projekten beteiligt zu sein, was Sie in der Vergangenheit immer waren, was Sie bei Ihrer ersten Serienarbeit "Vaterland", die Sie unlängst abgeschlossen haben, zum ersten Mal nicht waren...

Bettina Oberli: Außer bei Tannöd" basieren meine Filme immer auch auf meinen Ideen und ich habe an allen Büchern mitgewirkt, das stimmt. Bei all meinen Filmen stand am Anfang die Frage: Auf was habe ich Lust, was interessiert mich und wie kann ich die besten Leute dafür finden? Dazu gehört immer auch eine Autorenschaft. Ich empfinde Film extrem als Teamarbeit, habe großen Respekt vor der Drehbucharbeit, weil sie auch ein Handwerk ist, das man sich aneignen muss. Als Regisseurin sage ich - und ich kokettiere natürlich auch -, dass ich eigentlich gar nichts kann. Mein Hauptjob ist, die besten Leute um mich zu scharen, sie mit meiner Lust, Vision und Kraft für das Projekt anzustecken und mit ihnen im Team das Ding zu rocken. Ich bin keine Technikerin, keine ausgebildete Drehbuchautorin, keine Schauspielerin, ich schneide nicht, obwohl ich natürlich bei all diesen Prozessen ganz großen Anteil habe. Deswegen ist es so essenziell, mit Menschen zusammenzuarbeiten und auch etwas anzunehmen. Ich muss nicht immer Recht haben. Das ist eine wichtige Eigenschaft! Es ist wichtig, offen zu sein für Vorschläge, dass man in der Lage ist, das bestmögliche aus meinen Partnern herauszuholen. Gleichzeitig habe ich es beim Dreh der Serie nun sehr genossen, die ganze Urheberschaftsverantwortung abgeben zu können, wenn es darum ging, etwas zu ändern, zu streichen, anzupassen, wenn die Schauspieler vielleicht Mühe hatten mit dieser oder jener Zeile.

Frau Ziesche, Sie sind in erster Linie Leiterin der Filmredaktion des rbb. Wie gut kann die Redakteurin Cooky Ziesche mit der Autorin Cooky Ziesche arbeiten? Und wie beeinflusst der Redakteursblick den Autorenblick?

Cooky Ziesche: Faktisch können die Beiden gar nicht zusammenarbeiten, das sollen und dürfen sie auch gar nicht. Aber natürlich ist die Beeinflussung gegeben - im Sinne von Demut und Selbstkritik. Ich durfte in meinem Leben sehr viele, sehr gute Filme sehen, in diesem Kontext sehe ich immer meine eigene kreative Arbeit. Durch die Arbeit als Redakteurin ist der analytische Blick nie ganz verschwunden. Ich kann mich als Mensch, ob als "Kreative" oder "Verwaltungsperson" gut einordnen. Die Zusammenarbeit mit Bettina war ein enormes Geschenk. Es kommt nicht so häufig vor, dass ich als Drehbuchautorin in Erscheinung trete. Die Geschichte muss mich thematisch berühren und ich muss eine menschliche Ebene mit den Beteiligten finden. Das war bei "Wanda" gegeben. Ich bin demütig meinem Schicksal gegenüber, freue mich jeden Tag, dass ich so ein wahnsinniges Glück habe, eine Wanderin zwischen den Seiten sein zu dürfen. Das ist ein Privileg.

Neben Drehbuch und Regie war auch die Schlüsselposition Kamera mit einer Frau besetzt. Wie kam Judith Kaufmann an Bord und wie haben Sie, Frau Oberli, diese erste Zusammenarbeit erlebt?

Bettina Oberli: Es war eine neue Erfahrung, ein sehr enger, intimer kreativer Prozess. Judith Kaufmann an meiner Seite betrachte ich vor allem im Hinblick auf Weiterentwicklung, aus dem Gefühl heraus, weitere Welten zu entdecken. Judith kannte ich schon lange und wir wollten schon lange zusammenarbeiten. Zum Glück hatte ich bei "Wanda" früh genug angefragt. Die Arbeit mit ihr war bereichernd, aber auch fordernd, weil ich ausgetretene Pfade verlassen habe, um mich in ihre strenge, aber liebevolle Hand zu begeben. Sie war die Richtige für dieses Projekt, weil sie eine tolle Schauspieler-Kamerafrau ist. Sie will in eine psychologische Tiefe durch die Schauspieler eintauchen. Dieser Blick interessiert sie viel mehr als knallige, spektakuläre, oberflächliche Bilder. Ob ich sie bewusst gewählt habe, weil sie eine Frau ist, kann ich nicht beantworten. Kamera ist eine sehr anstrengende Arbeit, verlangt alles von einem ab. Man muss sicher wie auch als Regisseurin gewisse Attribute mitbringen, die als nicht besonders weiblich gelten. Man muss sich durchsetzen und auch mal damit leben, wenn man in Widerstände gerät, dass einen nicht alle lieben. Frauen müssen sich damit mehr auseinandersetzen als Männer. Wenn man als Regisseurin mit einer Kamerafrau arbeitet, gibt es einfach gewisse Dinge, die man nicht diskutieren muss, weil eine gleiche Ausgangslage vorhanden ist. Das gilt auch in Bezug auf eine weibliche Ko-Autorenschaft. "Wanda" erzählt eine Familiengeschichte, und Cooky und ich führten viele Gespräche über unsere eigenen Familien. Wir wissen beide, wie es ist, als Frau mit Kindern zu arbeiten, und wie man sich in einem immer noch männerdominierten Business seinen Platz erarbeiten muss.

Cooky Ziesche: Als ich gehört habe, dass Judith Kaufmann die Bilder machen wird, habe ich mich sehr gefreut. Es gab ja heikle Szenen zu filmen wie den intimen Vorgang, einen Pflegebedürftigen sexuell zu versorgen. Wir hatten den Anspruch, das so lakonisch und unaufwändig wie möglich zu erzählen, ohne sich darüber hinwegzuschummeln. Wir wollten die Dinge zeigen, wie sie sind. Mein Gefühl sagte mir, dass eine Frau hinter der Kamera eher passen würde - auch wenn es viele gute Männer in diesem Bereich gibt.

Die Diskussion, dass immer noch zu wenig Frauen in den Heads of Arbeiten, dass Frauen es überhaupt schwerer haben in der Branche, Gender-Equality, gleiche Bezahlung...wird seit einigen Jahren verstärkt geführt. Haben Sie den Eindruck, dass sich da was bewegt? Oder werden da Feigenblattdiskussionen geführt?

Cooky Ziesche: Es tut sich enorm viel in diesem Bereich. Sicherlich ist die Parität noch nicht erreicht, wir befinden uns aber auf gutem Weg, ein anderes Bewusstsein zu bekommen. Das wird im Alltag gelebt, das spüre ich an allen Orten. Frauen werden mitgedacht. Sicherlich ist da noch Luft nach oben, aber der Prozess wurde angestoßen, und der kann auch nicht mehr rückgängig gemacht werden.

Bettina Oberli: Auch in der Schweiz ist vieles in Bewegung gekommen. Es gibt viele Bestrebungen, das Bundesamt für Kultur erfasst sehr genau, wie viel Fördergelder an Männer, wie viel an Frauen geht. Was die Bezahlung betrifft, glaube ich an Transparenz. Ich tausche mich mit Regiekolleginnen regelmäßig konkret darüber aus und finde, dass Frauen viel mehr über Geld reden sollten und sich nicht so verschämt geben sollten, als hätten sie eine Bezahlung nicht verdient. Hier wäre ein offensiveres Vorgehen wichtig. Wenn wir Frauen aufhören, uns ein bisschen so zu fühlen, als würden wir dies oder jenes nicht können, leben wir eigentlich in einer guten Zeit. Es geht schon so weit, dass ich von Männern höre: Ja ja, jetzt kriegt halt ihr alle Anfragen...

Das Gespräch führte Barbara Schuster