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Florian Baxmeyer: "Trauma in irgendetwas Positives wenden"

Am Sonntag laufen die letzten beiden Episoden der Thriller-Serie "Schneller als die Angst" in der ARD. Regisseur Florian Baxmeyer spricht über die komplexe Ermittlerin-Figur, die einen Serienmörder jagt und gleichzeitig gegen Widerstände in der Polizei kämpfen muss.

05.01.2022 07:29 • von Michael Müller
Regisseur Florian Baxmeyer (l.) hat mit Friederike Becht in der Hauptrolle die Serie "Schneller als die Angst" gedreht (Bild: Thomas Schloemann, ARD Degeto/MDR/Stephan Rabold)

Am Sonntag laufen die letzten beiden Episoden der sechsteiligen Thriller-Serie "Schneller als die Angst" in der ARD um 21.45 Uhr. Die gesamte Staffel, die von der Rowboat Film- und Fernsehproduktion im Auftrag der Degeto in Zusammenarbeit mit dem MDR produziert wurde, gibt es schon in der Mediathek. Regisseur Florian Baxmeyer spricht über die komplexe Ermittlerin-Figur, die einen Serienmörder jagt und gleichzeitig gegen Widerstände in der Polizei kämpfen muss.

Was hat sie an dem Serien-Projekt "Schneller als die Angst" gereizt?

FLORIAN BAXMEYER: Mich hat gereizt, einen hochspannenden und sehr temporeichen Thriller über sechs Folgen zu erzählen, der neben aller Spannung auch ein großes Drama ist. Dabei hat mich vor allem der Familiengedanke interessiert. Bei Missbrauchstaten innerhalb von Familien gibt es manchmal dieses furchtbare Phänomen, dass im Sinne der Familie vom Opfer eingefordert wird, besser zu schweigen, damit die Familie intakt bleiben kann. Das fand ich bei "Schneller als die Angst" eine eindrucksvolle Übersetzung in die Polizeiwelt. Diesen Chorgeist der Polizei kannte ich schon aus früheren Recherchen. Ich fand wahnsinnig spannend, unsere ermittelnde Protagonistin zu erzählen, die nichts anderes als diese Polizeifamilie hat. Auf widerliche Art wird versucht, ihr genau diese Familie zu nehmen. Die starke Ambivalenz der Figur liegt darin, das hinzunehmen, sich zu zwingen, sich nur noch dem Fall zu widmen, um zu vergessen, aber letztlich immer wieder von ihrem Trauma eingeholt zu werden.

Die von Friederike Becht gespielte Zielfahnderin Sunny gibt nach außen die taffe Polizistin, ist aber durch ein in Rückblenden geschildertes, immer wieder aufflammendes Trauma innerlich total zerrissen.

FLORIAN BAXMEYER: Genau das meine ich und das kennt wahrscheinlich jede und jeder, die oder der mit großer Hingabe einen Beruf ausübt, der einen komplett ausfüllt. Wenn man ihr das wegnimmt, bleibt nicht viel. In diesem Trümmerhaufen aber zu erkennen, dass es da auch noch andere Dinge geben kann und zu versuchen, dieses Trauma in irgendetwas Positives zu wenden oder zumindest dagegen anzukämpfen - das fand ich an dieser Figur interessant.

Hatten Sie Hauptdarstellerin Friederike Becht schon im Kopf, als Sie das Drehbuch lasen?

FLORIAN BAXMEYER: Wir haben Castings für die Rolle der Sunny Becker gemacht. Allerdings hatte ich schon relativ früh Friederike im Kopf, weil ich mit ihr auch schon gearbeitet hatte. Das war natürlich nicht der ausschlaggebende Punkt, aber man ist sich schon einen Schritt näher. Dadurch, dass die Polizisten in "Schneller als die Angst" LKA-Zielfahnder sind, war es mir auch wichtig, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler das auch körperlich darstellen können. Das sind sehr sportliche Beamte, die als Häscher weltweit unterwegs sind. Das ist nicht die Mordermittler-Kommissarin, der am Schreibtisch sitzt. Neben dem Fakt, dass ich Friederike für eine wahnsinnig tolle Schauspielerin halte, die eine große Hauptrolle über eine komplette Serie tragen kann, hat sie auch die nötige Physis für die Rolle mitgebracht. Aber für die Polizeifamilie war natürlich die Zusammensetzung des gesamten Polizeiensembles von großer Bedeutung. Mit Christoph Letkowski, Andreas Döhler, Thomas Loibl, Oleg Tikhomirov, Lisa Hrdina, Golo Euler, Carina Wiese und Stephanie Japp ist es aus meiner Sicht gelungen, eine LKA-Truppe zu erzählen, die tatsächlich zu einer Ersatzfamilie geworden ist - mit allen Abgründen.

Wie war das mit dem Gegenpart, dem entlaufenden Serienmörder André Haffner, den Felix Klare spielt?

FLORIAN BAXMEYER: Felix kannte ich auch schon aus der Arbeit und schätze ihn sehr. Ich hatte die große Hoffnung mit ihm dem nicht ganz neuen Sujet des Serienkillers etwas Eigenes, Neues, Besonderes abgewinnen zu können.

Was haben Sie da gefunden, was man noch nicht so häufig im Genre gesehen hat?

FLORIAN BAXMEYER: Wenn man sich mit Narzissten beschäftigt, weiß man, dass sich hinter ihrem völlig übersteigerten Ego und ihrer Grandiosität eine unglaubliche Leere versteckt, die mit nichts gefüllt werden kann. Mit ihrem extremen Ego versuchen Narzissten, sich selbst zu schützen. Was mich sehr beeindruckt hat, ist, wie Felix von Folge zu Folge diesen scheinbar schillernden Mörder weiter entblättert und sich zu seinem Kern vorarbeitet. Gegen Ende der Serie gibt es dann ein Gespräch zwischen Haffner und seiner Mutter Marianne, gespielt von der wunderbaren Hildegard Schroedter. Felix Klare ist es gelungen, die unglaubliche Einsamkeit und Leere, welche die Figur hinter diesem Panzer versteckt, so schmerzhaft in dieser einen Szene herauszuarbeiten, dass man fast schon Mitleid mit dem Monster Haffner bekommt.

Hatten Sie konkrete Thriller-Vorbilder im Kopf? Der Anfang erinnert Hollywood-Verseuchte wie mich stärker an "Das Schweigen der Lämmer".

FLORIAN BAXMEYER: Klar, bei der Grundprämisse des Stellvertreterkrieges kann man nicht leugnen, dass es das in einer anderen Form auch schon mal gab. Umso wichtiger war es für die Serie neben einem herausragendem Ensemble eine sehr eigene visuelle Handschrift zu entwickeln und ganz bewusst nicht einem Vorbild zu folgen. Was mir und meinem Kameramann Marcus Kanter wichtig war, war die Dynamik und das Tempo der Geschichte. Die Drehbücher hatten ein tolles Tempo und dafür wollten wir eine Kamera, die das maximal überträgt und die der Editorin Friederike Weymar auch im Schnitt die Möglichkeit gab, den Druck und das Tempo über die gesamten sechs Folgen nicht nur zu halten, sondern zu steigern. In der Buchentwicklungsphase kam uns Corona dazwischen und wir mussten den Dreh verschieben. Das war auf der einen Seite schmerzhaft, auf der anderen Seite gab uns die Zwangspause nochmal die Möglichkeit, mit den Drehbuchautoren Klaus Arriens und Thomas Wilke sowie der Produzentin Kim Fatheuer und dem Produzenten Sam Davis von der Rowboat Film den bis dahin schon so sehr fruchtbaren Austausch weiter zu intensivieren. Dieses mehr an Zeit hat der Serie am Ende gutgetan.

Wie lief die Zusammenarbeit mit der Rowboat Film- und Fernsehproduktion generell?

FLORIAN BAXMEYER: Die lief ganz wunderbar. Im sehr engen Austausch war ich mit Kim Fatheuer, die ich als unheimlich fähige Produzentin und Dramaturgin kennenlernen durfte. Aber auch Sam Davis war nah dran und hat das Projekt mit seinem know how und seiner großen Erfahrung vorangetrieben. Auch wenn es kein einfacher Dreh war, hat sich die Produktion mit allem was sie hatte hinter dieses Projekt gestellt.

Sie hatten eine Phase, wo Sie viele "Tatorte" drehten. Jetzt waren Ihre letzten Regie-Credits die Netflix-Serie "Tribes of Europa", diese Thriller-Serie und demnächst das Projekt "Lost in Fuseta". Hat sich da etwas bei Ihnen geändert oder liegt das auch an der Branche?

FLORIAN BAXMEYER: Das stimmt bestimmt beides. Das mit den "Tatorten" war eine Zeit, die sich vor allem so ergab, weil es eine gute Verbindung zum Bremer Team gab. Allerdings habe ich immer schon viele andere Projekte außer "Tatorten" gemacht. Aber klar, die Branche verändert sich natürlich sehr stark - für die Kreativen zum Positiven, weil sich mehr Möglichkeiten ergeben. Ich hoffe aber, dass es nicht nur eine Blase ist, die irgendwann platzt. Manchmal fragt man sich schon, wer all die tollen Serien schauen soll, die im Moment produziert werden. Ganz sicher ist es nicht einfach, mit seinem Film in dieser Masse herauszustechen. Aber es ist meine Hoffnung, dass die Antwort darauf noch ausgefallenere, mutige Stoffe sein werden.

Das Interview führte Michael Müller