Kino

"Keine Wünsche offen lassen": Kim Ludolf Koch zu 25 Jahren Cineplex

Die Pandemie mag das Jubiläum verhagelt haben, dennoch präsentiert sich der Verbund geschlossen wie nie. Kim Ludolf Koch über das Erfolgsrezept hinter Cineplex Deutschland.

17.12.2021 08:02 • von Marc Mensch
Kim Ludolf Koch, Geschäftsführer von Cineplex Deutschland (Bild: Silke Kammann)

1996 wurde mit der Gründung des "Frankfurter Kreises" das Fundament für Cineplex Deutschland gelegt. Wir sprachen mit Geschäftsführer Kim Ludolf Koch über die Herausforderungen in einem von der Pandemie geprägten Jubiläumsjahr, über den Wert einer großen Gemeinschaft und über Zukunftsprojekte.

BLICKPUNKT: FILM: Dieses Jubiläum hatte man sich sicherlich anders vorgestellt - wie ist die Stimmung der Gesellschafter in diesen Tagen?

KIM LUDOLF KOCH: Leider relativ schlecht, wie Sie sich denken können. Denn wir haben erneut den Eindruck, mit Vorschriften konfrontiert zu werden, die - gerade wenn man sie in Relation zum Umgang mit anderen Bereichen setzt - schlicht nicht zu rechtfertigen sind. 2G Plus ist ein Tod auf Raten. Und auch wenn es in den letzten Tagen noch eine punktuelle Anpassung beim Sonderfonds Kulturveranstaltungen gab, besteht keineswegs Rechtssicherheit hinsichtlich staatlicher Unterstützung bei einer wirtschaftlich notwendigen, aber ansonsten "freiwilligen" Schließung. Verschärft wurde die Situation noch durch das Machtvakuum im Vorfeld des Regierungswechsels. Schon zuvor hatte es seitens der Ministerien teils falsche Auskünfte gegeben, zuletzt waren aber schlicht keine Ansprechpartner mehr zu erreichen, die sich zuständig fühlten. Manche Experten haben ja schon zynisch angemerkt, dass die Bundestagswahl und der Föderalismus veritable Treiber der Pandemie waren - das trifft wohl leider zu...

B:F: An sich war im November 2020 eine Passage ins Infektionsschutzgesetz aufgenommen worden, die die Position der Kultur bei Beschränkungen und Untersagungen stärken sollte...

KOCH: ...und teils ist das exakte Gegenteil geschehen. Dass beispielsweise in Baden-Württemberg 2G Plus nachträglich auf die Gastronomie ausgeweitet wurde, mag der Ungleichbehandlung ein wenig abhelfen, bringt uns aber nicht weiter. Gerade erst wurde wieder eine Studie des Fraunhofer-Instituts veröffentlicht, die dem Kino ein so niedriges Gefährdungspotenzial bescheinigt, wie schon alle vorangegangenen. Trotzdem agierte man mit der unverhältnismäßigen Keule von 2G Plus, während anderenorts noch 50.000 Menschen in ein Stadion gelassen wurden. Da fällt man doch vom Glauben ab...

B:F:  Wie wichtig war es für die Gesellschafter, sich gerade in den vergangenen zwei Jahren in einer Gemeinschaft zu wissen, in der man sich auch gegenseitig stützt?

KOCH: Der Austausch mit Gleichgesinnten ist immer extrem hilfreich - und je vertrauensvoller eine Gemeinschaft ist und je länger man sich kennt, desto größer ist der Nutzen. Das gilt umso mehr in Krisenzeiten. Ich habe tatsächlich von etlichen Betreiber*innen gehört, dass für sie die wöchentlich zwei Mal abgehaltenen Videokonferenzen, bei denen man sich auch über ganz niederschwellige Probleme austauschen konnte, eine sehr große Stütze waren. Eine ganz wichtige Rolle spielte aber auch der Austausch auf Ebene des HDF und nicht zuletzt innerhalb der Cinema Family Group. Auf dieser Ebene ging es zwar nicht um die Auflagen oder Verhandlungen mit der Politik, aber dafür um ein anderes ganz zentrales Thema: Die primär pandemiebedingten Veränderungen bei den Geschäftsmodellen. Zudem hatten wir innerhalb unserer Unternehmen auch regelmäßig die jeweiligen Steuerberater zusammengeschaltet, um die unzähligen Fragen zu den unterschiedlichen Hilfs- und Förderprogrammen bestmöglich beantworten zu lassen. Das war in der Tat extrem hilfreich.

B:F:  Apropos Hilfsprogramme - gerade beim Sonderfonds gab es zum Start einige Verunsicherung. Kann man mittlerweile sagen, für wen er sich wie sehr auszahlt?

KOCH: Die Verunsicherung währte tatsächlich nur kurz, die Verärgerung dafür aber umso länger. Denn das Programm hatte von Beginn an den immanenten Fehler, dass nur der Erfolg belohnt wird - und Misserfolg, wie er etwa mit 2G Plus unvermeidlich ist, in keiner Weise kompensiert. Der Fonds lohnt sich vor allem für Kinos, die extrem hohe Fixkosten haben, gleichzeitig aber auch hohe Besucherzuläufe verzeichnen, also Umsatzeinbußen von maximal 30 Prozent erzielen. Dass dieses Programm zumindest für die Kinos seinen Zweck weitgehend verfehlt, haben wir auch schon auf Ebene des FFA-Verwaltungsrates eingebracht - und wir überlegen, eine kleine Anfrage zu lancieren, sollte eine zeitnahe Evaluierung des Fonds nicht von selbst erfolgen. Es wäre zumindest interessant zu erfahren, ob das Programm Anderen geholfen hat.

B:F:  Just während unseres Gesprächs wurde mit Wunderschön" der nächste große Titel aus dem Dezember genommen, nachdem unmittelbar zuvor gleich drei große Filme der Constantin ihre Termine räumen mussten. Wäre der Fonds sinnvoller gewesen, wenn er per se das Herausbringungsrisiko der Verleiher abgefedert hätte?

KOCH: Dass die Verleiher massiv unter Kinoschließungen und Besuchshemmnissen leiden, steht völlig außer Frage. Nicht ganz im selben Ausmaß wie die Kinos selbst, da schließlich insbesondere die Majors auch noch andere Geschäftsmodelle und Wege, Filme ans Publikum zu bringen, haben - letzteres auch zu unseren Lasten. Dennoch ist der Wunsch der Verleiher, ihr Risiko über solch ein Programm adressieren zu lassen, absolut legitim. Wir haben stets gesagt, dass wir eine Beteiligung der Verleiher mittragen wollen, leider ließ sich die Art und Weise bislang nicht regeln. Ich würde mich auch jetzt noch für einen Fonds stark machen, der den unvermeidlichen Minderbesuch sowohl für die Kinos als auch für die Verleiher und Produzenten bis zu einem gewissen Grad kompensiert. Da können die tatsächlich verkauften Tickets natürlich ein Gradmesser sein, es bedürfte aber auch noch anderer Hebel. Für das Weihnachtsgeschäft käme das aber in jedem Fall zu spät. Auch hier war das Berliner Machtvakuum ein Hemmnis, den ja schon auf dem Tisch liegenden Vorschlag für die ebenfalls erkennbare Problematik in der vierten Welle in die Tat umzusetzen.

B:F:  Nun sind gerade im Zuge der Pandemie erneut höchst unterschiedliche Einstellungen zum Umgang mit Filmen zutage getreten, die ohne oder nur mit sehr kurzen Fenstern ins Kino kommen sollten. Wie kontrovers wurde und wird das Thema im Gesellschafterkreis von Cineplex diskutiert?

KOCH: Das wurde natürlich sehr intensiv diskutiert, zumal wir unsere Position auch mit Blick auf die Verhandlungen der Cinema Family Group sehr genau justieren mussten. Natürlich gibt es Filme, bei denen ein Verzicht nicht so schwer fällt - und solche, die die große Leinwand verdienen, die man seinem Publikum auch nicht vorenthalten will. Mit Blick auf ein nachhaltiges Geschäftsmodell herrscht aber Konsens darüber, dass die massive Verkürzung oder gar der völlige Wegfall von Fenstern zu einer extrem gefährlichen Erosion der Wertschöpfung führt. Insofern bestand Einigkeit darüber, dass wir rote Linien ziehen müssen. Man muss zwar sagen, dass das, wo wir jetzt gelandet sind, weit von dem entfernt ist, was wir einst als unverhandelbar betrachtet hatten. Aber wir haben nicht alles mitgemacht - und das halte ich nach wie vor für richtig. Ärgerlich ist, dass Planungssicherheit und Verbindlichkeit über die Exklusivität verloren gegangen ist, da fast für jede internationale Produktion neue Regeln gelten. Ich hoffe, dass die Börsenkurse der Majors künftig wieder stärker vom Boxoffice als durch Territorialgewinne beim Fenster beeinflusst werden. Für ein Fenster spricht im Übrigen weiterhin, dass sowohl die Gesamterlöse höher als auch die Piraterie-Effekte niedriger ausfallen.

B:F:  Wenn wir beispielsweise Dune" betrachten, zeigt sich, dass der Beginn der digitalen Verwertung keinen sichtbar negativen Einfluss auf die Besuchsentwicklung in Deutschland hatte. Könnte sich das Kino da nicht selbstbewusster zeigen?

KOCH: Bei großen Spektakeln wie Dune, Bond oder einem Marvel-Film überrascht mich das nicht. Denn dort spielen die große Leinwand und der einzigartige Sound noch einmal eine ganz besondere Rolle. Tatsächlich wissen wir von Besuchern, die schon mal 100 Kilometer weit fahren, um solche Titel in einem ganz besonderen Saal zu sehen. Aber von solchen Eventfilmen gibt es kaum ein Dutzend pro Jahr. Beim Gros der Produktionen sehe ich eine immense Kannibalisierungsgefahr, wenn man exklusive Verwertungszeiträume zu stark beschneidet. Aber wie schon gerade angedeutet: Ein großes Problem ist, dass man noch gar keine richtigen Erfahrungen sammeln konnte. Hierzulande hatten wir auch in diesem Jahr nur etwa vier Monate, in denen man von einem halbwegs normalen Betrieb sprechen konnte. Ich denke zudem, dass sich das Publikum noch gar nicht so sehr mit den Gegebenheiten auseinandergesetzt hat. Sobald gelernt ist, dass die klassische "Mittelware" nach wenigen Wochen auch online verfügbar ist, wird sich das massiv auswirken. Die enormen Drops, die in den USA heute schon gang und gäbe sind, deuten durchaus darauf hin...

B:F:  Kann man trotz der aktuell wieder sehr angespannten Situation Optimismus aus den Zahlen der Vormonate ziehen, insbesondere jenen aus dem Oktober?

KOCH: Der Oktober war ja von einem Film dominiert, dem unser Filmeinkäufer Andreas Fink schon vor dem Start sechs Mio. Besucher zutraute - und die hätte Keine Zeit zu sterben" unter normalen Bedingungen sogar spielend erreicht. Das war schon ein unglaublich starkes Signal und ist Balsam auf die geschundene Seele. Umso trauriger ist es aber zu sehen, was uns gerade verloren geht. Für den bereits erwähnten "Wunderschön" etwa konnten wir schon erfreuliche Nachfrage bei den Ladies-First-Vorstellungen vorweisen, bevor der Start dann doch noch abgesagt wurde. Auch bei anderen aktuellen Titeln wie House of Gucci" ließ sich klar erkennen, wie gut sie unter besseren Bedingungen angenommen worden wären - und auch die Cineplex-Häuser sind unter den gegebenen Umständen sehr gut in den Vorverkauf für Spider-Man: No Way Home" und Matrix Resurrections" gestartet. Wir haben gute Produkte und wir haben das Publikum. Daher hoffe ich, dass wir auch aus dieser jüngsten und ernsten Krisenphase wieder herauskommen. Ganz entscheidend ist, dass wir auch jetzt wieder ausreichend Schadensausgleich erhalten, um zumindest unsere Fixkosten bestreiten zu können. Denn die Reserven sind schlicht und ergreifend aufgebraucht - jetzt geht es wirklich ans Eingemachte...

B:F:  Dabei hatte man auch bei Cineplex während der Pandemie noch kräftig investiert.

KOCH: Das ist richtig - und an dieser Stelle gilt unser Dank auch der Politik, die es uns mit flankierenden Förderprogrammen ermöglicht hat, unsere Häuser für einen Restart noch attraktiver zu machen - und beispielsweise über neue Sitzkonzepte mit noch mehr Abstand sogar noch sicherer, als es unsere Säle bisher schon waren. Das alles nutzt aber natürlich nichts, wenn der Sicherheit von Kinos nicht mit entsprechend maßvollen Auflagen Rechnung getragen wird und wir schon vier Monate nach dem Neustart wieder abgewürgt werden.

B:F:  Wo lag der Schwerpunkt der Investitionen bei Cineplex?

KOCH: Bei neuen Bestuhlungskonzepten. Grob geschätzt würde ich sagen, dass mittlerweile in mehr als der Hälfte der Cineplex-Säle VIP-Seating etwa mit Reclinern oder Sofas angeboten wird, teilweise auf sämtlichen Plätzen. Hohen Sitzkomfort und mehr persönlichem Freiraum zu bieten, lag schon seit Jahren im Trend, gerade letzterer Aspekt bedient zudem ein im Zuge der Pandemie eher noch zunehmendes Bedürfnis der Besucher*innen. Stark investiert wurde zudem in Dolby Atmos, einen weiteren wichtigen Faktor, um das Angebot noch wertiger zu machen. Und beide Bereiche - Technik und Komfort - schaffen die Voraussetzung für eine neue Preisgestaltung. Denn wenn Produkt, Angebot und Service stimmen, ist das Publikum auch gerne bereit, einen angemessen Preis zu bezahlen. Achim Flebbe war da ein großer Vorreiter, davor ziehe ich meinen Hut.

B:F:  Gibt es ein während der Pandemie abgeschlossenes Projekt, das man besonders hervorheben kann?

KOCH: Ein herausstechendes Beispiel ist sicherlich das erst im August eröffnete "Franz & Gloria" im - oder besser auf dem - Cineplex Bayreuth. Michael Thomas hat auf die bestehenden acht Säle noch einmal fünf weitere gesetzt und damit einen eigenen Premium-Bereich mit separatem Zugang, wunderschönem Foyer und eigener Bar geschaffen. Alle Säle dort sind mit Dolby Atmos ausstaffiert, alle rund 190 Plätze mit VIP-Bestuhlung, teils mit Sofas, teils mit elektrisch verstellbaren Reclinern. Und das alles wurde in nachhaltiger Bauweise realisiert. Ein beeindruckendes Projekt.

B:F:  Gerade in Sachen Nachhaltigkeit setzen die Cineplex-Gesellschafter seit Jahren Akzente, das Cineplex Baunatal etwa wurde schon 2017 mit dem Nachhaltigkeitspreis des Landes Hessen ausgezeichnet. Wie stark können solche Anstrengungen auf Ebene der Gruppe koordiniert werden?

KOCH: Natürlich stehen wir stets mit Ideen und Informationen zur Seite - und selbstverständlich agieren wir dort gemeinschaftlich, wo das Sinn macht. Etwa beim Bezug von nachhaltigen Produkten, bei einem Pilotprojekt für Mehrwegbecher oder dem Entwurf einer Kampagne. Tatsächlich muss ein Großteil möglicher Nachhaltigkeitsmaßnahmen aber von jedem einzelnen Unternehmen koordiniert und umgesetzt werden, denn die praktische Realisierbarkeit vieler Ideen hängt von den individuellen Gegebenheiten vor Ort ab. Denken wir etwa nur an Solarenergie, die Bereitstellung von Ladesäulen für E-Mobilität oder regionale Kooperationen etwa mit dem ÖPNV. Man findet da wirklich überall ganz unterschiedliche Situationen vor, auf die dann auch ganz individuell reagiert wird.

B:F:  Enge Zusammenarbeit trotz weiter gelebter Individualität: Das prägt am Ende auch eine Gemeinschaft, die zumindest europaweit wohl einzigartig ist. Was ist das Geheimnis hinter diesem Verbund?

KOCH: Ehrlich gesagt würde mir auch kein vergleichbarer Zusammenschluss einfallen - und es ist tatsächlich interessant, wie Cineplex von internationalen Kolleg*innen wahrgenommen wird. Das ist ein wenig, als würden andere Kontinente auf Europa schauen und die EU sehen. Eine Gemeinschaft teils sehr unterschiedlicher Staaten, die sich aber doch zu einem einheitlichen Wertesystem, zu offenen Grenzen, zur engen Kooperation bekannt haben; ein Modell, dem großer Respekt zuteilwird. Aber wie ist es dazu gekommen? Im Grunde gab es zwei wichtige Faktoren. Der intrinsische war die langjährige persönliche Freundschaft der sechs Gründungsgesellschafter, die sich aus dem rapide an Bedeutung verlierenden Erstaufführerkreis vor 25 Jahren zum "Frankfurter Kreis" zusammenfanden. Der extrinsische Faktor war die Entwicklung der Wettbewerbssituation. Gut ein halbes Jahrzehnt nach Öffnung der ersten Multiplexe drängten die großen Ketten zunehmend auch in die Mittel- und Kleinstädte. Für die mittelständischen Familienunternehmen war es in dieser Zeit teilweise schwierig, sich bei der örtlichen Administration zu positionieren, da man großen Konzernen oft höhere Kompetenz zumaß. In dieser Situation den Schulterschluss zu üben, um Wettbewerbsnachteile auszugleichen, war naheliegend - und so trafen enge persönliche Beziehungen auf die Notwendigkeit, angesichts einer Bedrohung von außen zu handeln. Eine Kernüberlegung, die dann auch im Zuge der Bildung der Dachmarke entscheidend wurde und die das gemeinsame Leitbild bis heute prägt, lautete: Wie viel Autonomie muss man aufgeben, um eine starke Partnerschaft bilden zu können? Ich denke ein Zitat von John F. Kennedy bringt unsere Philosophie an dieser Stelle am besten auf den Punkt: "Wenn wir uns einig sind, gibt es wenig, was wir nicht können. Wenn wir uneins sind, gibt es wenig, was wir können."

B:F:  Gemeinsames Handeln hat in den vergangenen Jahren noch an Bedeutung gewonnen?

KOCH: Was wir gemeinsam umsetzen, hat in den letzten Jahren sehr stark zugenommen - dennoch herrscht in wesentlichen Bereichen noch starke Autonomie, insbesondere, was die Programmierung, die Preisgestaltung und die Ausstattung der Standorte anbelangt. Allerdings muss der Eine oder Andere womöglich auch einmal eine Entscheidung gutheißen, die er vielleicht etwas anders getroffen hätte. Denn auch das ist ein ganz entscheidender Faktor für die Stärke der Gemeinschaft: Dass wir zwar offene Diskussionen pflegen, am Ende aber auch klare Entscheidungen treffen, denen sich dann auch Alle anschließen. Partikularinteressen kleinster Minderheiten müssen da gegebenenfalls einmal zurückstehen. Dass das funktioniert und dass der Vorteil der Teilhabe an einer solchen Gemeinschaft den "Nachteil" des Kompromisses im Einzelfall klar überwiegt, wird vielleicht - um beim Bild der EU zu bleiben - auch dadurch unterstrichen, dass wir in 25 Jahren keinen "Brexit" beklagen mussten.

B:F:  Eines der jüngsten gemeinsamen Projekte ging passender Weise just zum Beginn des ersten Lockdowns an den Start: Das VoD-Angebot Cineplex Home.

KOCH: Ja, das hat unser Dienst tatsächlich mit Disney+ gemein - ansonsten trennen die Angebote natürlich Welten. Würde man Cineplex Home als eigenes Geschäftsmodell betrachten, müsste man feststellen, dass wir damit nicht erfolgreich sind. Wir haben dieses flankierende VoD-Portal aber schon bei der Konzeption ganz klar als Marketingtool betrachtet, mit dem wir unsere Filmkompetenz noch auf einer anderen Ebene vermitteln wollen. Wobei über die Dauer der Pandemie ein Kernproblem auftrat: Zu Beginn waren wir auch froh, über ein zusätzliches Produkt, das den Film in den Mittelpunkt stellt, mit dem Publikum Kontakt halten zu können. Allerdings versiegte mangels entsprechender Kinostarts der Nachschub an hochkarätigen Neuerscheinungen auch für TVoD-Angebote. Die Daten, die wir bis dahin gesammelt hatten, waren wiederum noch nicht aussagekräftig genug, um echte Tendenzen dahingehend zu erkennen, inwieweit das Angebot - entsprechendes Produkt vorausgesetzt - auf ein interessiertes Publikum stößt.

B:F:  Und jetzt, wo auch im Home Entertainment die Veröffentlichungswelle wieder rollt?

KOCH: Mit dem großen Neustart nach dem zweiten Lockdown ist tatsächlich ein gewisser Zielkonflikt entstanden. Will man in einer Situation, in der man endlich wieder Gäste vor Ort begrüßen kann, die Aufmerksamkeit voll auf das Erlebnis im Kino lenken? Oder wirbt man auch für eine Online-Präsenz? Am Ende entschied sich der Großteil der Gesellschafter für ersteren Kurs - und das wirkt sich natürlich auch auf die Akzeptanz von Cineplex Home aus. Sollte es jetzt doch noch einmal zu einem Lockdown kommen - was ich allerdings nicht glaube, zumindest nicht zu einem flächendeckenden - dann könnte man mit den Titeln der letzten Monate vielleicht wieder in ein stärkeres Marketing einsteigen, ohne Bedenken haben zu müssen, sich den Kinobesuch womöglich zu kannibalisieren. Dass Cineplex Home noch zu einem eigenen Profit-Center werden kann, glaube ich aber nicht.

B:F:  Lässt sich schon etwas über die Akzeptanz des jüngsten Großprojekts sagen, das Kundenbindungsprogramms Cineplex Plus?

KOCH: Damit sind wir bislang außerordentlich zufrieden. In dieses Projekt ist extrem viel Vorarbeit und Know-How geflossen, wir haben eine hohe sechsstellige Summe für Datenbanken und die Synchronisierung der App unter anderem mit der Software von Cinuru, Compeso und Krankikom sowie die Vorkehrungen zum Datenschutz investiert. Entscheidend war natürlich auch, dass die Nutzer der vereinzelt schon von unseren Gesellschaftern genutzten Loyalty-Programme nahtlos in Cineplex Plus migrieren konnten. Zum Launch ist es dann sehr flott gegangen. Binnen weniger Wochen hatten wir 100.000 Plus-Mitglieder, danach kamen wöchentlich um die 10.000 hinzu. Wenn dieses Interview veröffentlicht wird, stehen wir vermutlich bei etwa 170.000 Cineplex-Plus-Nutzern. Wir warten aber natürlich vor allem darauf, unsere Kinos endlich auch wieder unter normalen Bedingungen betreiben zu können, damit das Publikum auch jenseits der Heavy User, die für so ein Programm natürlich am leichtesten zu begeistern sind, in seiner ganzen Breite wieder zu uns findet. Dennoch sehen wir schon jetzt, dass Cineplex Plus richtig gut angenommen wird. Die Entscheidung für dieses Projekt, das wir - unter anderem mit dem Aufbau eines eigenen Helpdesks - kontinuierlich betreuen und weiterentwickeln, war absolut richtig. Parallel rollen wir gerade eine komplett neue Buchung aus, die im Hinblick auf Geschwindigkeit, Optik und Concessions-Kauf keine Wünsche offen lässt.

B:F:  Das Jubiläum feiert Cineplex nun mit einer aufwändigen Chronik, in der Sie vor allem die Familiengeschichten der Gesellschaftsunternehmen beleuchten. Wie kam es zu diesem Projekt?

KOCH: Tatsächlich hatte ich schon zum 20-Jährigen mit einem ähnlichen Gedanken gespielt, damals schwebte mir aber eher eine kleine Broschüre vor, in der jedes Unternehmen auf zwei Seiten porträtiert werden sollte. Hintergrund waren nicht zuletzt wiederkehrende Anfragen etwa von Dienstleistern, wem eigentlich welches Kino gehört. Leider war es damals am Ende vor allem aus Zeitgründen nicht machbar. Als ich zum 25-Jährigen auf die Idee zurückkam, wurde mir schnell klar, wie spannend diese Porträts im Grunde sind. Denn jeder der Gründer war ja Quereinsteiger. Es gab darunter Tierärzte, Architekten, Schreiner, Bürgermeister, Lehrer, Radiotechniker, Schwimmbadbetreiber oder auch einen Eigroßhändler. Es waren Menschen, die die Begeisterung für das Medium Film, für Entertainment einte, die Ideen für einen neuen beruflichen Weg hatten. Deren Entwicklung zu skizzieren, die fließenden Übergänge in neue Generationen - die auch der Titel "Überblendungen" ein wenig einfängt - war eine spannende Aufgabe. Zumal wir von einem enormen Erfahrungsschatz sprechen: Das Unternehmen der Familie Sawatzki etwa wurde nur ein gutes Jahrzehnt nach Erfindung des Films gegründet, wir haben mehr als ein halbes Dutzend Gesellschaften, die bereits ihr 100jähriges Jubiläum feiern konnten. Dem eine Bühne zu geben, hielt ich für interessanter, als nur die Geschichte des Verbunds zu rekapitulieren. Nach insgesamt neun Monaten Arbeit an diesem Werk, für das mir mit Silke Kammann auch eine großartige Fotografin zur Seite stand, bin ich stolz, etwas so Wertiges in Händen zu halten, mit dem wir auch Partnern und Geschäftsfreunden eine Freude machen wollen - verbunden mit der Hoffnung auf viele neue spannende Kinogeschichten.

B:F:  Ihr Wunsch für 2022?

KOCH: Der ist eigentlich einfach. Wir möchten mehr als nur überleben. Wir wollen zurück zu einer Normalität, in der wir die vielen tollen Filme, auf die man sich jetzt schon freuen kann, in Kinos zeigen können, die wir auch in harten Zeiten noch einmal deutlich aufgewertet haben, die als Orte der Zusammenkunft und Gemeinschaft so gut aufgestellt sind wie nie zuvor. Aktuell haben wir unser Schicksal leider nicht in der eigenen Hand - umso mehr ist die Politik, die meiner Ansicht nach die von sämtlichen Experten angemahnte Vorbereitung auf den Corona-Winter verschlafen hat, gefordert, uns auf dem Weg zurück zur Normalität auch mit weiteren Hilfen zu begleiten. Kino ist und bliebt die beste Art, Filme zu sehen, wir können es nicht erwarten, sämtliche unserer Säle wieder wirklich mit Leben füllen zu können.

Das Gespräch führte Marc Mensch

Zur Cineplex-Gruppe:

Ihren Ursprung hat die heutige Cineplex-Gruppe im sogenannten "Frankfurter Kreis", in dem sich 1996 Gerhard Closmann, Felix Esch, Marc Ewert, Horst Martin, Freymuth Schultz und Dieter Spickert zusammenfanden. Unter Ulrich Becker und Kim Ludolf Koch erhielt dieser Zusammenschluss 1997 zunächst mit der Gründung der Cineplex GbR eine Organisationsstruktur, den gemeinsamen Markennamen stellten quasi die Filmtheaterbetriebe Spickert, die ihn sich schon im Jahr zuvor für ihre Kinos in Mannheim und Bruchsal gesichert hatte. Mit dem zunehmenden Wachstum der Gruppe wurde die Rechtsform der GbR unpraktikabel, weswegen 2002 die heutige Cineplex Deutschland GmbH & Co. KG gegründet wurde. Diese erfuhr vor allem in den Jahren 2004 und 2005 einen neuerlichen Wachstumsschub, indem rund zwölf Unternehmen der Gruppe beitraten - die vorerst letzte Erweiterung erfuhr Cineplex 2019 mit der Familie Burmester und dem Cinespace Bremen. Insgesamt agieren unter dem Dach von Cineplex Deutschland nun 26 Familienunternehmen mit insgesamt 562 Leinwänden und 90.856 Sitzplätzen in 92 Kinos, die in 68 Städten stehen; Open-Air-Kinos nicht mitgezählt.

"Überblendungen":

"Der Film ist die größte und vielfältigste Kunstform, die es gibt. Er ist universell und abwechslungsreich, unterhaltend und lehrreich, traurig und lustig und entfaltet dann seine größte Wirkung, wenn man ihn im Kino sieht." So heißt es auszugsweise auf dem Klappentext von "Überblendungen", einer Jubiläumschronik, die auf gut 350 Seiten nicht nur die Geschichte von Cineplex Deutschland erzählt, sondern vor allem jene der 26 Unternehmen, die unter diesem Dach agieren - und damit im Grunde jene des Kinos selbst, gehen die Gesellschaftsgründungen doch teils bis in die Anfangsjahre des Films zurück. Verfasst von Geschäftsführer Kim Ludolf Koch und mit zahllosen Fotografien aus den Archiven der Betreiberfamilien sowie mit neuen Aufnahmen von Silke Kammann illustriert, ist das Werk in begrenzter Auflage auch für Interessierte bei Cineplex über www.shop.cineplex.de zu erwerben.