Kino

Matthijs Wouter Knol: "Wir müssen breiter denken und agieren"

Morgen werden in einer digitalen Zeremonie die European Film Awards verliehen. Wir sprachen in diesem Rahmen mit Matthijs Wouter Knol. Er will als CEO der European Film Academy die Veränderungen in der Branche sinnvoll mittragen. Für ihn stehen neben den Mitgliedern das Publikum und die Frage, wie man den europäischen Film stärker bewerben kann, im Vordergrund.

10.12.2021 11:54 • von Barbara Schuster
Matthijs Wouter Knol leitet seit Anfang 2021 die European Film Academy (Bild: Gerhard Kassner)

Matthijs Wouter Knol will als CEO der European Film Academy die Veränderungen in der Branche sinnvoll mittragen. Für ihn stehen neben den Mitgliedern das Publikum und die Frage, wie man den europäischen Film stärker bewerben kann, im Vordergrund.

Sie haben am 1. Januar 2021 den Posten des CEO der European Film Academy angetreten. Wie würden Sie dieses erste doch recht turbulente Jahr in Ihrem neuen Job resümieren?

Matthijs Wouter Knol: Mein Resümee fällt recht positiv aus - auch wenn 2021 - wie für alle anderen in der Branche - nach 2020 ein weiteres anstrengendes Jahr war. 2020 wurden wir im Grunde dazu gezwungen umzudenken. Natürlich kann man unendlich viel Energie damit vergeuden, sich zu beschweren, was alles nicht funktioniert. Wir bei der European Film Academy haben uns darauf konzentriert zu überlegen, was wir anders machen könnten. Als ich meinen Posten als Geschäftsführer antrat, befanden sich Deutschland und große Teile Europas im Lockdown. Die ersten Wochen und Monate verbrachte ich damit, meine Kollegen online kennenzulernen. Wir nutzten die ruhige Phase der Lockdowns dafür, uns darauf zu besinnen, wofür die European Film Academy eigentlich steht, was wir uns in dieser zwar fordernden aber auch spannenden Zeit für Ziele setzen wollen und wie wir die stattfindenden und sich ankündigenden Veränderungen in der Branche sinnvoll unterstützen und mittragen können. Mit den Erfahrungen vom letzten Jahr konnten wir neue Ideen aufgreifen und neue Projekte anschieben.

Mit welchen Ideen beschäftigen Sie sich?

Matthijs Wouter Knol: Ohne Publikum leidet die Branche. Das haben nicht nur die Kinos zu spüren bekommen, das ging vielen Branchenmitgliedern so. Auch uns als European Film Academy hat es getroffen, weil wir natürlich viele Mitglieder haben, die unmittelbar betroffen waren. Uns ist klar geworden, dass wir das Publikum besser und breitflächiger verstehen müssen. Die Academy hat sich seit ihrer Gründung stark auf ihre Mitglieder fokussiert, deren Anzahl 2021 auf über 4000 gewachsen ist. Der neuerliche Zuwachs zeigt, dass es Bedarf gibt, Teil einer Community zu sein, einer Organisation, die sich für das Kino in Europa einsetzt. Doch Kino ist für uns inzwischen mehr als nur Kinosäle. Gerade in den letzten Jahren hat jeder gesehen, dass ein neues, auch jüngeres Publikum nicht mehr unbedingt ins Kino geht, um sich Filme anzusehen, sondern sie eben z.B. auf den bekannten digitalen Plattformen konsumiert. Deren Problem ist es wiederum, dass sie viel zu wenig europäisches Kino anbieten. Ich frage mich: Kann denn der europäische Film nur im Kino gefeiert werden? Um ein größeres Publikum für unsere Filme zu begeistern, müssen wir breiter denken und agieren. Außerhalb der Arthouse-Kinos ist der europäische Film viel zu wenig präsent. Gleichzeitig existiert ein großes Publikum, das wir mit dem europäischen Film vertraut machen wollen, bei dem wir Begeisterung wecken wollen. Unter diesem Aspekt ergibt sich eine neue Rolle für die European Film Academy. Abgesehen davon, dass wir uns für unsere Mitglieder stark machen, sollten wir künftig viel stärker für ein breites europäisches Publikum arbeiten und die Filme, die von unseren Mitgliedern kommen, effektiver bewerben und hervorheben. Das schaffen wir nicht alleine. Deswegen haben wir dieses Jahr auch dafür genutzt, um geeignete Partner dafür zu finden.

Gibt es konkrete Pläne?

Matthijs Wouter Knol: Wir wollen die European Film Awards in den kommenden Jahren viel breiter über eine längere Zeit feiern. Wie Sie wissen, finden die Awards bis dato an ein oder zwei Abenden pro Jahr statt, angereichert mit ein paar Aktivitäten drum herum, in der sogenannten Awards Week. Dieses Jahr haben wir in Berlin das Pilotprojekt "Monat des europäischen Films" lanciert. Die Idee ist, dass im Monat vor der Preisgala Schwerpunkte zum europäischen Film gesetzt werden, sowohl im Kino als auch andernorts. Für unser Pilotprojekt arbeiten wir mit den 14 Berliner Kinos der Yorck-Gruppe zusammen; darüber hinaus haben wir eine Kooperation mit Mubi angeschoben, die sich als gut kuratierte Plattform vor allem für den Arthousefilm einsetzt. Der "Monat des europäischen Films" soll ab 2022 nicht nur in Berlin stattfinden, sondern auch in andere europäische Städte wandern und in jeder Sprache gefeiert werden. Das Interesse ist auf alle Fälle vorhanden. Festivals, die im November stattfinden, wie das europäische Filmfestival in Sevilla, Black Nights in Tallinn oder IDFA in Amsterdam, wollen wir ebenfalls in diese Aktion einbinden. Erste kleine Versuche dieses Jahr stießen auf fruchtbaren Boden. Ich sehe großes Potenzial und hoffe, dass die European Film Awards künftig als Höhepunkt einer über viele Wochen dargebotenen Feier des europäischen Films wahrgenommen werden, bei der man europäischen Film entweder im Kino um die Ecke oder bei sich zuhause auf dem Sofa genießen kann.

Sind die "Academy Talks", die Mitte Oktober digital für die Mitglieder stattfanden, auch ein Tool, das Sie ausbauen möchten?

Matthijs Wouter Knol: Natürlich stehen unsere Mitglieder an erster Stelle und unsere Aufgabe als Academy ist, ihnen Vorteile zu verschaffen wie etwa frühen Zugang zu europäischen Filmen oder den Austausch über drängende Themen zu ermöglichen. Digital lässt sich vieles leichter umsetzen. Aber nach zwei Jahren mit Online-Panels sehnen wir uns alle nach Orten, an denen direkter Austausch möglich ist. Dennoch wollen wir an den Online-Talks festhalten. Weiterhin bieten wir unser Format "Sunday in the Country" an, wobei wir hier mehr mit Schwerpunkten arbeiten wollen, um bestimmte Teile Europas wie Ost- oder Südeuropa sichtbarer werden zu lassen. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass wir künftig im "Monat des europäischen Films" verschiedene Zusatz­angebote in den jeweiligen Städten mit den lokalen Kinos und anderen Partnern stricken. Konkret wollen wir ab 2022 die Verleihung unseres Young Audience Awards von und für die Zwölf- bis 14-Jährigen aus dem Frühjahr in den November ziehen, um ihm mehr Aufmerksamkeit zu schenken und mit der Begeisterung der hier aktiven Jugendlichen unseren Monat des europäischen Films einzuläuten. Wie gesagt: Uns ist es ein Anliegen, vor allem die nachkommenden Generationen, das junge Publikum in Europa, stärker abzuholen, zu bedienen, einzubinden und ihnen künftig viel mehr Angebote verstreut über das ganze Jahr anzubieten. Klar ist, dass nicht wir als Erwachsene die Marschrichtung vorgeben. Wir stehen mit den beim Young Audience Award aktiven Jugendlichen in engem Austausch und diskutieren gemeinsam Wünsche und neue Möglichkeiten. Das Engagement und die Begeisterung können nur erhalten bleiben, wenn Jugendliche die Chance haben, selbst mitentscheiden zu können, selbst über Film sprechen zu können.

Academy-Vorsitzender Mike Downey lobte Sie in der Meldung zur Personalie für Ihr "unvergleichbares Wissen und reichhaltigen Erfahrungsschatz um das europäische Kinogeschäft und den europäischen Kinofilm". Was bewegt die europäische Branche jenseits von Corona?

Matthijs Wouter Knol: Durch meine Erfahrungen als langjähriger Leiter des European Film Market habe ich eine fundierte Perspektive eingenommen, was die Filmbranche bewegt, was der Filmbranche fehlt. Gleichzeitig ist der Blick der European Film Academy groß, weil sie in allen geographisch zu Europa gehörenden Ländern, immerhin 52 an der Zahl, aktiv ist. Und Sie können sich vorstellen, dass in Aserbaidschan, Armenien oder Georgien andere Bedingungen für Filmschaffende herrschen als in Großbritannien, Schweden oder den Niederlanden. Dennoch gibt es Themen, die alle betreffen, die alle beschäftigen. Dazu zählt der zunehmende Einfluss der Streamer, die neue Parameter aufstellen, die Landschaft, in der wir arbeiten, aktiv verändern und die die letzten zwei Jahre dafür benutzt haben, ihre Strategien weiter voranzutreiben. Alle in der Filmindustrie Tätigen sind mit den Folgen konfrontiert, den Fragen nach dem Publikum, den Bedingungen, Maßstäben, dem Preis, wer welches Angebot macht, wer am Ende entscheidet, welche Rolle den Produzenten noch zufällt. In ganz Europa, egal, ob in den großen oder den kleineren Produktionsländern, müssen sich Produzenten wappnen und dafür sorgen, dass ihre Stimme, ihre Verhandlungsposition nicht wahnsinnig klein wird. In manchen Ländern ist dies schon der Fall.

Und darüber hinaus?

Matthijs Wouter Knol: Die beiden anderen großen Themen sind Nachhaltigkeit und Vielfalt. Erfreulicherweise hat es der Gedanke, wie die Filmindustrie nachhaltiger werden kann, auf viele Agenden geschafft, auch bei der Europäischen Kommission, die ihre Förderrichtlinien an Nachhaltigkeit gekoppelt hat, Gelder nur noch ausgibt, wenn die Pläne entsprechend nachhaltig sind. Überall findet ein Umdenken statt. Last but not least ist auch das Thema Vielfalt und Gender Equality in der Branche angekommen, das in meiner Zeit beim EFM bereits einen hohen Stellenwert genoss und das ich nun stärker in die European Film Academy tragen möchte. Was bedeutet Vielfalt, wie kann man in all den unterschiedlichen europäischen Ländern dazu beitragen, dass mehr Vielfalt gelebt wird? Die Academy selbst ist momentan leider noch kein gutes Beispiel dafür, wie man eine Organisation vielfältig gestalten kann. Da gibt es viel zu tun, und ich sehe es in meiner Verantwortung, in den nächsten Jahren Veränderungen einzuleiten.

Wie könnten diese aussehen?

Matthijs Wouter Knol: Ich habe zwar schon erwähnt, dass unsere Mitgliederzahl sogar 2021 gewachsen ist. Allerdings gibt es noch weitaus mehr Potenzial, sie zu erweitern. Viele hochkarätige und erfahrene Filmschaffende in Europa sind zum Beispiel nicht in der European Film Academy vertreten. Ich denke, es ist künftig wichtig, aktiver auf Menschen zuzugehen, verstärkt Einladungen auszusprechen, nicht nur, um die Mitgliederzahl zu erhöhen, sondern auch, um die Academy vielfältiger zu gestalten. In manchen Ländern wird die Academy-Mitgliedschaft sehr exklusiv gehalten, oft trauen sich die Branchenbeschäftigten gar nicht anzufragen. Das wollen wir mit besserer Kommunikation durchbrechen. Die European Film Academy ist für alle Gewerke offen, genügend Erfahrung vorausgesetzt, und lobt Preise in den unterschiedlichsten Sparten aus. Ich kann mir gut vorstellen, sich auch diesbezüglich noch breiter aufzustellen. Das europäische Kino hat mehr Sichtbarkeit innerhalb Europas verdient, und ich glaube fest daran, dass die Academy hier eine zentrale Rolle spielen sollte und deutlich an Strahlkraft und Einfluss gewinnen kann.

Wie schätzen Sie die Lage des Arthousefilms in Europa allgemein ein?

Matthijs Wouter Knol: Es ist schön, dass viele Filme gemacht werden können, dass interessante Werke sogar manchmal ohne große Mittel zustande kommen. Die Vielfalt an Filmen ist an sich eine großartige Sache. Gleichzeitig ist es ein Problem, dass viele dieser Filme nicht wahrgenommen oder schwer zu finden sind. Ich bin kein Verfechter der These, dass Filme von einem möglichst großen Publikum gesehen werden müssen, damit sie relevant sind. Es gibt auch kleine Filme, die nur wenige gesehen haben, die relevant sind. Wir müssen die Vielfalt, die Unterschiede beschützen. Nicht jeder macht große Mainstreamfilme. Das ist auch gut so. Auf der anderen Seite können wir als European Film Academy dazu beitragen, dass Filme aus den unterschiedlichsten Ländern nach ihren Premieren und Kinoauswertungen durch die Wahl unserer Mitglieder über Nominierungen und Preise zusätzliche Sichtbarkeit erhalten.

Die Corona-Pandemie brachte viele an ihre Grenzen. Was ist Ihnen aufgefallen?

Matthijs Wouter Knol: Blickt man auf die nackten Zahlen, auf die rein finanzielle Ebene, haben viele kein allzu gutes Jahr erlebt. Was sich in den vergangenen zwei Jahren gezeigt hat ist, was sich in den letzten zehn Jahren peu à peu angebahnt hat: Wer fähig war, sich zu verändern und umzudenken, wer bereit war, Risiken auf sich zu nehmen, gar risikofreudig zu arbeiten, dem erging es besser als den anderen, die keine neuen Ansätze, keine neuen Wege gefunden haben. 2020 kam als böse Überraschung, darauf konnte keiner sich vorbereiten. Trotzdem hat man wahrnehmen können: die Kreativität trat 2021 dort hervor, wo Menschen in der Lage waren, neue Ideen umzusetzen, Herausforderungen mutig anzupacken. Erfahrung hat dabei sicherlich geholfen.

Welche Filmmärkte in Europa sind derzeit besonders spannend?

Matthijs Wouter Knol: Der albanisch-sprachige Teil von Europa, also Albanien, ein Teil von Nord-Mazedonien und Kosovo, überraschen sehr. Vor allem die Republik Kosovo hat die heimische Filmindustrie mit dem Aufbau einer starken Förderung sehr unterstützt. Das Resultat ist ein wahnsinnig spannender Output an Filmwerken kosovarischer Filmemacher*innen. Auch in der jährlichen Auswahl für die European Film Awards wurde erstmalig ein Film aus dem Kosovo aufgenommen. Generell fällt mir auf, dass es trotz Pandemie und sonstiger Schwierigkeiten viele gute Filme gab in diesem Jahr. Man möchte fast sagen: erstaunlich viele gute Filme in Zeiten einer Krise.

Das Gespräch führte Barbara Schuster