Produktion

Trauer um Kameramann Roland Dressel

Am 5. Dezember ist Kameramann Roland Dressel im Alter von 89 Jahren verstorben. Ein Nachruf des Berufsverbands Kinematografie (BVK), dessen Ehrenmitglied Dressel war.

08.12.2021 14:51 • von Jochen Müller
Im Alter von 89 Jahren verstorben: Kameramann Roland Dressel (Bild: Berufsverband Kinematografie (BVK))

Am 5. Dezember 2021 ist Roland Dressel, vielfach ausgezeichneter und bekannter Kameramann der DEFA und später Ehrenmitglied des Berufsverbands Kinematografie, in seinem 90sten Lebensjahr verstorben, wie wir zu unserem großen Bedauern von seiner Familie erfahren mussten.?

Roland Dressel war einer der bedeutendsten Filmkameramänner der DEFA und hat zahlreiche außergewöhnliche Filmwerke visualisiert. Er hat die deutsche Filmgeschichte in Ost und West mit kraftvoller und differenzierter Filmfotografie bereichert und mit seinen Regisseuren kongenial werkschaffend zusammengearbeitet. In seiner persönlichen Bescheidenheit und mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn und unbestechlicher Persönlichkeit war Roland Dressel ein Vorbild an Integrität. Als Bildgestalter und Chefkameramann schuf er nicht nur eindrucksvolle visuelle Lösungen und bleibende Bilder, sondern verstand es, seine Mitarbeiter zu motivieren und künstlerische Freiräume zu weiten und zu nutzen. Professionalität und große menschliche Solidarität prägten den beruflichen Lebensweg von Roland Dressel. Dabei war er politisch hellwach und konnte mit Klugheit und manchmal auch einem "heiligen Zorn" systemische Schikanen mit Größe ertragen - und letztlich überwinden. Roland Dressel war geduldig, engagiert und leise: Ein hellwacher Beobachter seiner Umgebung und ein künstlerisch Wagemutiger, der nach der "Wende" - wie so viele Filmschaffende aus der DEFA - im westdeutsch geprägten Medienbetrieb des neu-vereinten Landes völlig zu Unrecht keine angemessene öffentliche Wahrnehmung mehr erfuhr. Wir alle müssen uns zurechnen lassen, daß ein bedeutender Teil des deutschen Filmschaffens weitgehend vergessen ist.

Roland Dressel wurde im sächsischen Meerane als Sohn des im Zweiten Weltkrieg gefallenen Bäckers Paul Dressel und seiner Frau Liesbet geboren. Nach der Fotografenausbildung in Glauchau 1953/54 arbeitete Roland Dressel als Standfotograf und Kameraassistent im DEFA-Studio für Spielfilme. Hier traf er auf wichtige Lehrer wie Günter Haubold, Werner Bergmann, Erich Gusto u.a. und etablierte sich im Nachkriegs-Filmschaffen der jungen DDR. Es folgte ein Fernstudium an der Deutschen Hochschule für Filmkunst, der Betriebsakademie der DEFA, und von 1965 bis 1990 die Tätigkeit als Kameramann im DEFA-Studio für Spielfilme in Potsdam-Babelsberg.

Eine kurze Unterbrechung der Tätigkeit von Dressel für die DEFA resultierte aus - später zurückgenommenen - Vorwürfen, seine Bildexperimente im Film Das zweite Leben des Friedrich Wilhelm Georg Platow" seien "Kamerafehler". Hier entlud sich politische Kontrolle, der eigentlich Anderen galt. Roland Dressel nutzte die Jahre seiner Tätigkeit für das DDR-Fernsehen, um sich bildgestalterisch weiterzuentwickeln und knüpfte wertvolle Kontakte zu neuen kreativen Partnern.

Viele namhafte Regisseure haben mit Roland Dressel zusammengearbeitet, darunter Rainer Simon, Roland Gräf, Manfred Wekwerth, Klaus Gendries, Helma Sanders-Brahms und Michael Gwisdek. Es entstanden Filme, die im kollektiven Bildgedächtnis der Bevölkerung der DDR fest verankert waren, wie Das Fahrrad", Olle Henry", Das Luftschiff" oder Die Frau und der Fremde", für den die DEFA bei der Berlinale 1985 ihren einzigen Goldenen Bären erhielt.

Aber auch in der Zeit des vereinten Deutschland schuf Roland Dressel beeindruckende Filme, so etwa "Das Land hinterm Regenbogen" (Regie: Herwig Kipping, 1991), Die Spur des Bernsteinzimmers" (Regie: Roland Gräf, 1992), Abschied von Agnes" (Regie: Michael Gwisdek, 1993) oder Mein Herz - niemandem!" (Regie: Helma Sanders-Brahms, 1996).

Mit der Jahrtausendwende beendete Roland Dressel seine Berufstätigkeit und wandte sich seiner geliebten Fotografie zu. Seine wachsende Familie war ihm Freude und Kraftzentrum - und er pflegte behutsam den Kontakt zu alten Weggefährten, denen er mit seiner Humanität und Aufrichtigkeit ein Vorbild war.

Der Berufsverband verdankt es Roland Dressel in besonderem Maße, daß es gelang, einige wenige Kollegen aus der DEFA nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten für eine Mitgliedschaft im seinerzeit leider noch sehr "westlich orientierten" BVK zu gewinnen. Roland und einige Andere, die sich zum Beitritt in den BVK entschlossen, brachten gute Sensibilität auch für Themen ein, die den BVK bis dahin weniger bewegt hatten. Die Aspekte des sozialen Zusammenlebens, die berufliche Solidarität und die ökonomischen Probleme wurden im Berufsverband erster genommen und sind seither in den Kern unserer verbandlichen Arbeit gerückt. Die Begriffe Kollegialität, Solidarität und Offenheit charakterisieren unsere heutige Verbandsarbeit. Das ist auch dem Wirken von Roland Dressel zu danken, den die BVK-Mitgliederversammlung 2003 mit der Ehrenmitgliedschaft würdigte.

Der BVK - Berufsverband Kinematografie e.V. gedenkt Roland Dressel in Dankbarkeit. Unser Mitgefühl gilt seiner Frau Hannelore, seinen beiden Kindern, den Enkeln und Allen, die ihm nahestanden und ihn verehrt haben. Im seinem Leben und Wirken war Roland Dressel ein leuchtendes Vorbild für alle, die ihn kannten, von ihm lernen durften und mit ihm gearbeitet haben. Wir werden ihn vermissen und sein Andenken in hohen Ehren halten. Als künstlerisch und menschlich integerer und unbestechlicher Zeitzeuge vieler Wendungen der deutschen Geschichte hat Roland Dressel Kurs gehalten, und mit Engagement und Aufrichtigkeit nach vorn geblickt. Er war nicht nur ein Meister der Bildgestaltung für Kino und Fernsehen, sondern ein engagierter und seinen Mitmenschen zugewandter Künstler. Jede Banalität einer billigen Wirkung war ihm zuwider. Er wollte die Doppelbödigkeit und Zwischentöne des Lebens zeigen. Seine kritischen Fragen zur Zeit und zu den gesellschaftlichen Entwicklungen werden uns, die wir ihn erleben durften, bleiben. Und die dankbare Erinnerung an einen warmherzigen und der Humanität verpflichteten Großen unserer Zunft, dem die DEFA, das Land, und wir alle viel zu verdanken haben.